An den West

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Johann Martin Miller: An den West (1772)

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Bald wirst du junger West nicht mehr,
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Die Wangen mir zu kühlen,
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Am stillen Abend um mich her
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Mit leisem Fittich spielen.
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Ich liebte Daphnen; mein Geschick
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War, einsam mich zu quälen,
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Und, was ich fühlte, vor dem Blick
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Des Mädchens zu verhehlen.

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Nicht Gold und Silber schmückten mich,
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Doch Redlichkeit im Busen,
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Ein Herz, das keinem Laster wich,
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Und eure Gunst, ihr Musen!
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Zu wenig nur für diese Welt,
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Sich Liebe zu erlangen!
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Ach, euren Blick, ihr Mädchen, hält
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Nur Außenglanz gefangen!

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Zwar dich, o Daphne, nicht! Doch giebt
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Ein Vater dir Gesetze,
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Der deine Ruhe minder liebt,
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Als Unverdienst und Schätze.
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Oft sah mein Auge seitwärts hin
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Nach dem geliebten deinen,
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Da sah ich Zärtlichkeit darin,
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Und dich verstohlen weinen.

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O Daphne, laß nur einmal noch
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Mich den Gedanken denken:
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Du würdest, frei vom harten Joch,
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Mir deine Seele schenken!
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Bald wird mir der Gedank' allein
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Den Todestrank versüßen,
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Und einen Tropfen Trost darein,
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Wann ich ihn trinke, gießen.

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Dann soll mich hier, wo schon, der Wut
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Des Mißgeschicks entrissen,
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Ein Liebling meiner Seele ruht,
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Laß deinen leisen Fittich dann,
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O Zephyr, sanfter wehen,
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Und Tausendschön und Thymian
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Auf meinem Grab entstehen!

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Ich sang, ihr Blümchen, eure Zier
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Hienieden mit Entzücken,
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Und willig also werdet ihr
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Des Dichters Hügel schmücken!
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Oft wird mein Damon stumm und bleich
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Sich auf den Hügel setzen,
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Und mit der Liebe Thränen euch
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Im Mondenschein benetzen.

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Vielleicht kömmt dann auch Daphne her,
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Die mich im stillen liebte,
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Und klagt im öden Feld umher,
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Wie sie mein Tod betrübte.
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Sie drückt vielleicht, mit bangem Schmerz
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Und wehmutsvollen Tönen,
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Euch an ihr unbescholtnes Herz,
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Und netzet euch mit Thränen.

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Gelinde flattre dann, o West,
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Das Mädchen zu erfrischen,
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Und Thränen, die der Gram erpreßt,
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Ihr vom Gesicht zu wischen!
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Ich aber singe dann aus dir,
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Geliebte Philomele,
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Und gieße milde Tröstung ihr
63
In die betrübte Seele.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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