Klagelied eines Bauren

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Johann Martin Miller: Klagelied eines Bauren (1772)

1
Das ganze Dorf versammlet sich,
2
Zum Kirmestanz, im Reihen;
3
Es freut sich alles, aber mich
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Kann fürder nichts erfreuen;

5
Für mich ist Spiel und Tanz vorbei,
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Das lachen ist vorüber;
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Ich hasse Lieder und Schalmei,
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Und Klagen sind mir lieber.

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Denn ach! mein Hannchen fehlet mir;
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Nie kann ich sie vergessen:
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Ich weiß zu gut, was ich in ihr
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Für einen Schatz besessen.

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Unschuldig war sie, wie ein Lamm,
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That niemand was zuleide,
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Und lebte fromm und tugendsam,
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Zu aller Menschen Freude.

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Sie hatte Wangen, voll und rund,
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Und sanfter noch als Pfirschen,
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Ein blaues Aug', und einen Mund,
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Der röter war als Kirschen.

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Man konnte, sah sie einen an,
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Die Blicke nicht ertragen,
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Und, wenn sie lachte, mußte man
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Die Augen niederschlagen.

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Wie bin ich neulich noch mit ihr
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Am Maientag gesprungen!
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Bis an den Abend tanzten wir,
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Und schäkerten und sungen;

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Da nahm sie meinen Hut, und wand,
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Geschwinder, als ich's dachte,
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Um ihn ein pappelgrünes Band,
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Und sah sich um, und lachte.

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O Gott! wer hätte da gedacht,
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Als ich sie dankbar küßte,
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Daß sich so bald die grüne Tracht
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In schwarze wandeln müßte?

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Nun darfst du, liebes Band, um mich
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Nicht mehr im Winde rauschen;
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Herunternehmen muß ich dich,
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Und gegen Flor vertauschen!

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Den Gottesacker will ich mir
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Zum liebsten Ort erwählen,
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Und manchen Abend mich von hier
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Zu Hannchens Grabe stehlen;

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Da will ich es mit Majoran
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Und Maßlieb übersäen,
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Ein schwarzes Kreuz, mit Versen dran,
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Soll in der Mitte stehen.

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Ein Myrtenkranz soll an der Wand
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In unsrer Kirche prangen,
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Und neben ihm das grüne Band
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Zum Angedenken hangen;

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In jeder Predigt sitz' ich dann
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Dem Kranze gegenüber,
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Seh' ihn mit nassen Augen an,
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Und härme mich darüber:

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Bis endlich, wenn es Gott gefällt,
58
Es meinem Wunsch gelinget,
59
Und er mich auch aus dieser Welt
60
Zu meinem Hannchen bringet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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