An die Liebe

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Johann Martin Miller: An die Liebe (1771)

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Holde Liebe, welchen Jüngling du
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Dir zum Freund erkoren,
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Dem wird jeder Augenblick zur Ruh
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Und zum Glück geboren!
5
Fröhlich sieht sein blühendes Gesicht
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Jeden Tag entstehen;
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Fröhlich sieht er ihn im Purpurlicht
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Wieder untergehen.

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Alle Vögel singen ihm im Hain
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Süße Melodieen;
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Jedes Blümchen wünscht ihm schön zu sein,
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Und für ihn zu blühen.
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Jede Rose fühlet süße Lust,
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Die sein Finger pflücket;
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Weil er sie an die geliebte Brust
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Seines Mädchens drücket.

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Süße Freude trinkt er mit dem Blut
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Von des Weingotts Reben;
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Von beglückten Träumen, wenn er ruht,
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Ist sein Haupt umgeben.
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Sein Erwachen ist ein Übergang
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Zu beglücktern Scenen;
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Heiter eilt er, unter Lustgesang,
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In den Kreis der Schönen –

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Aber, welche Stunden voller Schmerz
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Drohn des Jünglings Leben,
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Der umsonst sein jugendliches Herz,
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Göttin, dir ergeben!
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Ihm verlängert jeder Augenblick
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Sich zu bangen Stunden!
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Mit den Kinderjahren ist das Glück
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Ewig ihm verschwunden.

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Thränen fließen ihm im bangen Traum
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Von den blassen Wangen,
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Und er sieht die Morgensonne kaum
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Am Olympus prangen.
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Hoffnungslos sieht er den Winter fliehn
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Und den Schnee verschwinden;
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Traurig schleicht er durch den Frühling hin,
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Kann ihn nicht empfinden.

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Sieht mit kaltem Blick die junge Flur
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Sich allmählich färben;
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Halberstorbne Blümchen pflückt er nur,
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Wünscht, wie sie, zu sterben.
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Jedes Mädchen lockt ihm Thränen ab,
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Das dem seinen gleichet;
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Jeden Hügel wünscht er sich zum Grab,
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Wo er einsam schleichet.

49
Die geliebte kleine Nachtigall
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Singt ihm Grabelieder;
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Endlich sinkt er, wie im Sonnenstrahl
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Welke Blumen, nieder.
53
Seine Seele, die der Liebe Joch
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Jahrelang getragen,
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Irrt um das geliebte Mädchen noch,
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Und zerfleußt in Klagen.

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Göttin Liebe! Will es mein Geschick,
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Daß auch ich dir diene;
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O so lächle mir mit holdem Blick,
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Geuß in Daphnens Miene
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Deine milde Flamme, daß sie mir
62
Sanft entgegen strahle,
63
Und ich dankbarliche Lieder dir
64
Jeden Tag bezahle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Martin Miller
(17501814)

* 03.12.1750 in Ulm, † 21.06.1814 in Ulm

männlich, geb. Miller

deutscher Theologe und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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