1
Was, beim Anubis! konnte das
2
Für eine Stellung sein, in welcher Phanias
3
Die beiden Weisen angetroffen?
4
»sie lagen doch – wir wollen bessers hoffen! –
5
Nicht süßen Weines voll im Gras?«
6
Dies nicht. – »So ritten sie vielleicht auf Steckenpferden?«
7
Das könnte noch entschuldigt werden;
8
Plutarchus rühmt sogar es an Agesilas.
9
Doch von so feirlichen Gesichtern, als sie waren,
10
Vermutet sich nichts weniger als das,
11
Ihr Zeitvertreib war in der Tat kein Spaß;
12
Denn, kurz, sie hatten sich einander bei den Haaren.
13
Der nervige Kleanth war im Begriff, ein Knie
14
Dem Gegner auf die Brust zu setzen,
15
Der, unter ihn gekrümmt, für die Philosophie,
17
In ihrem Skythischen Ergetzen
18
Des Hausherrn Ankunft stört. Beschämt, als hätte ihn
19
Sein Feind bei einer Tat, die keine fremde Leute
20
Zu Zeugen nimmt, ertappt, zum Stehn wie zum Entfliehn
21
Unschlüssig, wünscht er nur dem Gast an seiner Seite
22
Ein Schauspiel zu entziehn, das Sie weit mehr erfreute
23
Als von Menandern selbst (dem Attischen Goldon)
24
Das beste Stück. Allein sie waren schon
25
Zu nah, sie sah zu gut, der Schauplatz war zu offen,
26
Er konnte nicht sie zu bereden hoffen
27
Sie habe nichts gesehn. Die Kämpfer raffen sich
28
Indessen auf; sie ziehen sittsamlich
29
Die Mäntel um sich her, und stehen da und sinnen
30
(weil Phanias, damit sie Zeit gewinnen,
31
Die Nymph am Arm, nur schleichend näher kam)
32
Der Schmach sich selbst bewußter Scham
33
Durch dialektische Mäander zu entrinnen.
34
Vergebens, wenn Musarion
35
Großmütig ihnen nicht zuvor gekommen wäre.
36
»die Herren üben sich«, spricht mit gelaßnem Ton
37
Die Spötterin, »vermutlich nach der Lehre,
38
Daß Leibesübung auch des Geistes Stärke nähre.
39
Ein männlich Spiel fürwahr! wovon
40
Mit bestem Recht zu wünschen wäre,
41
Daß unsrer Sitten Weichlichkeit
42
Nicht allgemach es aus der Mode brächte.«
43
Man sieht, sie gab dem wilden Stiergefechte
44
Ein Kolorit von Wohlanständigkeit
45
(nicht ohne Absicht zwar). – Wer war dabei so freudig
46
Als Phanias! – Allein der stoische Kleanth
47
(zu hitzig oder ungeschmeidig
48
Zu fühlen, daß es bloß in seiner Willkür stand
49
Das Kompliment in vollem Ernst zu nehmen)
50
Zwang seinen Schüler sich noch mehr für ihn zu schämen.
51
Der Augenblick, worin Musarion
52
Ihn überfiel, ihr Blick, der schalkhaft sanfte Ton
53
Der Ironie, und (was noch zehnmal schlimmer
54
Als alles andre war) ihr ungewohnter Schimmer,
55
Die Majestät der Liebeskönigin,
56
Das Wollustatmende, das eine Atmosphäre
57
Von Reiz und Lust um sie zu machen schien,
58
Bestürmt auf einmal, für die Ehre
60
Er stottert ihr Entschuldigungen,
61
Zupft sich am Bart, zieht stets den Mantel enger an,
62
Und unterdes entwischt dem weisen Mann
63
Was niemand wissen will, – er hab im
64
Der Streit, versichert er, ging eine Wahrheit an,
65
Die er so sonnenklar, so scharf beweisen kann,
66
Nur ein Arkadisch Tier, ein Strauß, ein Auerhahn –
67
Hier rötet sich sein Kamm, es schwellen Brust und Lungen,
68
Er schreit – Mich jammert nur der arme Phanias!
69
Bald lauter Glut, bald leichenmäßig blaß,
70
Steht er beiseits und wünscht vom Boden sich verschlungen
71
Worauf er steht. – Die Schöne sieht's, und eilt
72
Ihn von der Marter zu erretten.
73
Mit einem Blick voll junger Amoretten
74
Und Grazien, der stracks an unsichtbare Ketten
75
Kleanthens Tollheit legt, Theophrons Rippen heilt,
76
Spricht sie: »Wenn's euch beliebt, so machen wir die Fragen,
77
Wovon die Rede war, zu unserm Tischkonfekt;
78
Ich zög ein solch Gespräch, sogar bei leerem Magen,
79
Der Tafel vor, die Ganymedes deckt.
80
Wie freu ich mich, daß ich den Weg verloren,
81
Da mir das Glück so viel Vergnügen zugedacht!
82
Glückselger Phanias, der Freunde sich erkoren,
83
Von denen schon der Anblick weiser macht!
84
Jetzt wundert mich nicht mehr, wenn er zum Spott der Toren
85
Mitleidig lächeln kann, und, glücklich, wie er ist,
86
Athen und uns und alle Welt vergißt! «
87
So sprach sie; und mit Ohren und mit Augen
88
Verschlingt das weise Paar was diese Muse spricht:
89
Begierger kann die welke Rose nicht
90
Den Abendtau aus Zephyrs Lippen saugen.
91
Zusehends schwellen sie von selbst-bewußtem Wert:
92
Nicht, daß ein fremdes Lob sie dessen erst belehrt;
93
Nur hört man stets mit Wohlgefallen
94
Aus andrer Mund das Urteil widerhallen,
95
Womit uns innerlich die Eitelkeit beehrt.
96
Ein Philosoph bleibt doch uns andern allen
97
Im Grunde gleich; wär er so stoisch als ein Stein,
98
Und hätte nichts die Ehr ihm zu gefallen,
99
Er selbst gefällt sich doch! Schmaucht ihn mit Weihrauch ein,
100
Und seid gewiß, er wird erkenntlich sein.
101
Es stieg demnach von Grad zu Grade
102
Der Schönen Gunst bei unserm Weisenpaar;
103
Ihr lachend Auge fand selbst vor der Stoa Gnade,
104
Und man vergab es ihr, daß sie so reizend war.
105
Ein kleiner Saal, der von des Hauswirts Schätzen
106
Kein allzu günstig Zeugnis gab,
107
Nahm die Gesellschaft auf Ein ungekämmter Knab
108
Erschien, die Tafel aufzusetzen,
109
Lief keuchend hin und her, und hatte viel zu tun
110
Bis er ein Mahl zu Stande brachte,
111
Wovon ein wohlbetagtes Huhn
112
(doch nicht, der Regel nach, die Catius erdachte,
113
In Cypernwein erstickt) die beste Schüssel machte.
114
Ob die Philosophie des guten Phanias
115
Der schönen Nymphe gegen über
116
Bei einem solchen Schmaus so gar gemächlich saß,
117
Läßt man dem Leser selbst zu untersuchen über.
118
Ein wenig falsche Scham, von der er noch nicht ganz
119
Sich los gemacht, schien ihn vor einem Zeugen
120
Von seines vorgen Wohlstands Glanz
121
Ein wenig mehr als nötig war zu beugen.
122
Allein der Dame Witz, die freie Munterkeit,
123
Die was sie spricht und tut mit Grazie bestreut,
124
Und dann und wann ein Blick voll Zärtlichkeit,
125
Den sie, als ob sie sich vergäß, erst auf ihn heftet,
126
Dann seitwärts glitschen läßt, entkräftet
127
Den Unmut bald, der seine Stirne kräust;
128
Stets schwächer widersteht sein Herz dem süßen Triebe,
129
Und, eh er sich's versieht, beweist
130
Sein ganzes Wesen schon den stillen Sieg der Liebe.
131
Indessen wird, so sichtbar als es war,
132
Den beiden Weisen doch davon nichts offenbar,
133
Ob sie die Schöne gleich mit großen Augen messen.
134
Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht;
135
Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.
136
Doch sind die unsrigen entschuldigt; denn indessen
137
Daß Phanias ein liebliches Vergessen
138
Von allem, was sein steifer Pädagog
139
Ihm jemals vorgeprahlt, aus schönen Augen sog,
140
War auf Musarions Verlangen
141
Das akademische Gefecht schon angegangen,
142
Womit sie etwas sich zu gut zu tun beschloß.
143
Kleanth bewies bereits: »Der Weise nur sei groß
144
Und frei, geringer kaum ein wenig
145
Als Jupiter, ein Krösus, ein Adon,
146
Ein Herkules, und zehnmal mehr ein König
147
Auf mürbem Stroh als Xerxes auf dem Thron,
148
Des Weisen Eigentum, die Tugend, ganz alleine
149
Sei wahres Gut, und nichts von allem dem
150
Was unsern Sinnen reizend scheine
151
Sei wünschenswürdig« – Kurz, die Wut für sein System
152
Ging weit genug, ganz trotzig, ohne Röte,
153
Zu prahlen: »Wenn in Cypriens Figur
154
Die Wollust selbst leibhaftig vor ihn träte,
155
Schön, wie die Göttin sich dem Sohn der Myrrha
156
Bei Mondschein sehen ließ, – und diese Venus böte
157
Auf seinem Stroh ihm ihre schöne Brust
158
Zum Polster an – ein Mann wie Er verschmähte
160
Hier war es, wo die Lust
161
Des Widerspruchs Theophron sich nicht länger
162
Versagen kann – ein Mann von krausem schwarzem Bart
163
Und Augen voller Glut, kein übler Sänger
164
Und Citharist, dabei ein Grillenfänger
165
So gut als jener, nur von einer andern Art.
166
»das geht zu weit, (fiel er Kleanthen in die Rede)
167
Zum mindsten führet es gar leicht zu Mißverstand.
168
Nicht daß ich hier das Wort der Wollust rede
169
Im gröbern Sinn! Die ist unleugbar eitel Tand
170
Und Schaum und Dunst, ein Kinderspiel für blöde
171
Unreife Seelen, die mit ihren Flügeln noch
172
Im Schlamm des trüben Stoffes stecken.
173
Doch sollt uns nicht die Nektartraube schmecken,
174
Weil ein Insekt auf ihrem Purpur kroch?
175
Der Mißbrauch darf nicht unser Urteil leiten:
176
Alt ist der Spruch, zu selten sein Gebrauch!
177
Saugt nicht auf gleichem Rosenstrauch
178
Die Raupe Gift, die Biene Süßigkeiten?«
179
Begeistert wie ein Korybant,
180
Und von Musarion die Augen unverwandt,
181
Fing jetzt Theophron an, in dichterischen Tönen,
182
Vom Ersten Wesentlichen Schönen
183
Zu schwärmen: »Wie das alles, was wir sehn
184
Und durch der Sinne Dienst mit unsrer Seele gatten,
185
Von dem, was übersinnlich schön
186
Und göttlich ist, nur wesenlose Schatten,
187
Nur Bilder sind, wie wenn in stiller Flut,
188
Von Büschen eingefaßt, sich Sommerwolken malen.«
189
Von da erhob er sich, bei immer wärmerm Blut,
190
Zu den geheimnisvollen Zahlen,
191
Zur sphärischen Musik, zum unsichtbaren Licht,
192
Zuletzt zum Quell des Lichts. – Ekstatischer hat nicht,
193
Wie aus der alten Nacht die schöne Welt entsprungen,
194
Und von Deukalion, und von der goldnen Zeit,
195
Virgils Silen den Knaben vorgesungen
196
Die ihn im Schlaf erhascht und zum Gesang gezwungen.
197
Dann fuhr er fort, und sprach vom Tod der Sinnlichkeit,
198
Und wie durch magische geheime Reinigungen
199
Die See und nach und nach vom Stoffe sich befreit,
200
Und wie sie, durch Enthaltsamkeit
201
Von Erdetöchtern und – von Bohnen,
202
Zum Umgang tüchtig wird mit Göttern und Dämonen.
203
Bis sie (dem Wurme gleich, der in die Sommerluft
204
Auf neuen Flügeln sich erhebet)
205
Dem Stoff sich ganz entreißt und ihres Körpers Gruft,
206
Zur Göttin wird und unter Göttern lebet.
207
Belustigt an dem hohen Schwung,
208
Den unser Doktor nahm, stellt sich die schlaue Schöne,
209
Als ob vor Hörenslust und vor Bewunderung
210
Ihr Busen sich in seinen Fesseln dehne.
211
Zum Unglück für den Mann, der lauter Wunder spricht,
212
Entsteht dadurch (und sie bemerkt es nicht)
213
Ich weiß nicht welche kleine Lücke,
214
Die seinen Flug auf einmal unterbricht;
215
Und wie zuletzt die Richtung seiner Blicke
216
Ihr sichtbar macht was ihn zerstreut,
217
Und sie beschäftigt scheint den Zufall zu verbessern,
218
Hat sie die Ungeschicklichkeit,
219
(wofern's nicht Bosheit war) das Übel zu vergrößern.
220
Der Umstand ist an sich nur eine Kleinigkeit;
221
Doch wird vielleicht die Folge zeigen
222
Daß er entscheidend war. Es folgt ein tiefes Schweigen,
223
Wobei Kleanth sogar das volle Glas,
224
Und, was kaum glaublich ist, die Lust zum Zank vergaß;
226
Der Jünger des Pythagoras
228
Woran die Lambert selbst sich übermessen könnten;
229
Vor Amorn unbesorgt, der hier zu lauern pflegt,
230
Und schon den schärfsten Pfeil aus seinen Bogen legt.
231
Mit lächelnder Verachtung sieht die Dame
232
Das weise Paar, mit seinem Flitterkrame
233
Von falschen Tugenden und großen Wörtern, an;
234
Und eh die Herren sich's versahn,
235
Weiß sie mit guter Art den unbescheidnen Blicken,
236
Was ihres gleichen zu entzücken
237
Die Chartinnen nicht mit eigner Hand
238
So schön gedreht, auf einmal zu entrücken;
239
Und alles sinkt sogleich in seinen alten Stand.
240
Drauf sprach sie: »In der Tat, man kann nichts schöners hören,
241
Als was Theophron uns von unsichtbarem Licht,
242
Von Eins und Zwei, von musikalschen Sphären,
243
Vom Tod der Sinnlichkeit und von Vergöttrung spricht.
244
Wie schade, wär es nur ein schönes Luftgesicht
245
Wornach er uns die Lippen wässern machte!
246
Und doch, der Weg zu diesem stolzen Glück
247
Ist, deucht mir, das, woran er nicht gedachte?«
248
Theophron, noch ganz warm von dem was seinem Blick
249
Entzogen war, und voll von wollustreichen Bildern,
250
Beginnt den Weg, den Prodikus so schmal
251
Und rauh und dornig malt,
252
So lachend wie ein Rosental
253
Zu Amathunt, dem Aufenthalt der Freuden.
254
Ein Sybarit, der einen Weg aus beiden
255
Zu wählen hätt, erwählte sonder Müh
256
Den blumigen, den die Philosophie
257
Theophrons ging, – durch zauberische Schatten,
258
Wo Geist und Körper sich, bei ungewissem Licht,
259
In schöne Ungeheuer gatten,
260
Und Amor, nicht der kleine Bösewicht
261
Den Coypel malt, ein andrer von Ideen,
262
Wie der zu Gnid von Grazien, umschwebt,
263
Ein Amor, der vom Haupt bis zu den Zehen
264
Voll Augen ist und nur vom Anschaun lebt,
265
Der Seele Führer wird, sie in die Wolken hebt,
266
Und, wenn er sie zuvor – in einem kleinen Bade
267
Von Flammen – wohl gereinigt und gefegt,
268
Sie stufenweis durch die gestirnten Pfade
269
Bis in den Schoß des höchsten Schönen trägt.
270
Doch eh zu so erhabner Liebe
271
Die Seele leicht genug sich fühlt,
272
Befreit Theophron sie vorher von jedem Triebe,
273
Der tierisch im Morast des groben Stoffes wühlt.
274
»und hier ist's,« fährt er fort, »wo unsre Afterweisen
275
Ein falsches Licht verführt. Die guten Leute preisen
277
Das uns zu mehr als Göttern machen kann.
278
Nach ihnen soll der Weise alles meiden
279
Was Aug und Ohr ergetzt; so kleine Kinderfreuden
280
Sind ihm zu tändelhaft; stets in sich selbst gekehrt
282
Die Größe seines Glücks, fühlt nichts, um nichts zu leiden,
284
Der Gegenstand von unsrer Liebe sein;
285
Die große Kunst ist nur, vom
287
Mit allen andern Erdensöhnen:
288
Doch diese stürzen sich, vom körperlichen Schönen
289
Geblendet, in den Schlamm der Sinnlichkeit hinein,
293
Was in der Sonn ihm strahlt und in der Rose blüht.
294
Der Sinnensklave klebt, wie Vögel an der Stange,
295
An einem Lilienhals, an einer Rosenwange;
296
Der Weise sieht und liebt im Schönen der Natur
297
Vom Unvergänglichen die abgedrückte Spur.
298
Der Seele Fittich wächst in diesen geistgen Strahlen,
299
Die, aus dem Ursprungsquell des Lichts
300
Ergossen, die Natur bis an den Rand des Nichts
301
Mit fern nachahmenden nicht eignen Farben malen.
302
Sie wächst, entfaltet sich, wagt immer höhern Flug,
303
Und trinkt aus reinern Wollustbächen;
304
Ihr tut nichts Sterbliches genug,
305
Ja, Götterlust kann einen Durst nicht schwächen
306
Den nur die Quelle stillt. So, meine Freunde, wird,
307
Was andre Sterbliche, aus Mangel
309
Zu süßem Untergange kirrt,
310
So wird es für den echten Weisen
311
Ein Flügelpferd zu überirdschen Reisen.
312
Auch die Musik, so roh und mangelhaft
313
Sie unterm Monde bleibt – denn, ihrer Zauberkraft
314
Sich recht vollkommen zu belehren,
315
Muß man, wie Scipio, die Sphären
316
(zum wenigsten im Traume) singen hören
317
Auch die Musik bezähmt die wilde Leidenschaft,
318
Verfeinert das Gefühl, und schwellt die Seelenflügel;
319
Sie stillt den Kummer, heilt die Milzsucht aus dem Grund,
320
Und wirkt (zumal aus einem schönen Mund)
321
Mehr Wunderding als Salomonis Siegel.«
322
Hier kann Kleanth nicht länger ruhn,
323
Er muß, vom Wahrheitsdrang gezwungen,
324
Der Schwärmerei des Mannes Einhalt tun;
325
Denn alles was Theophron uns gesungen,
326
War, seinem Urteil nach, vollkommner Aberwitz.
327
Schon richtet er auf seinem Polstersitz,
328
Den rechten Arm entblößt, die Stirn in stolzen Falten,
329
Sich drohend auf, und hat, noch eh er spricht,
330
Den leichten Sieg bereits erhalten;
331
Als ihn ein Auftritt unterbricht,
332
Auf den das weise Paar sich nicht gefaßt gehalten.
333
Der Saal eröffnet sich, und eine Nymphe tritt
334
Herein, das Haupt mit einem Korb beladen,
335
Den Busen leicht verhüllt, und gleich den Oreaden
336
So hoch geschürzt, daß jeder schnelle Schritt
337
Den schlanken Fuß bis an die feinsten Waden,
338
Und oft sogar ein Knie von Wachs entdeckt,
339
Das eilend wieder sich im dünnen Flor versteckt.
340
Nicht schöner malt die Heben und Auroren
341
Alban, der wie ihr wißt, so gerne Nymphen malt.
342
Mit Einem Wort, sie war so auserkoren,
343
Daß unser Theosoph (beim ersten Blick verloren
345
Die Düfte nicht empfindt, die aus dem Korbe steigen,
346
Und die Kleanth mit Mund und Nase in sich schlürft.
347
Musarion, die sich den Ausgang schon entwirft,
348
Winkt ihrem Freund ein Pythagorsches Schweigen,
349
Indes den Korb die schöne Sklavin leert,
350
Und mit sechs großen Nektarkrügen,
351
(genug von einem Faun den Weindurst zu besiegen)
352
Mit Früchten und Konfekt den runden Tisch beschwert.
353
»die Herren (spricht hierauf die Schöne) haben beide
354
Mich wechselsweise, so wie jeder sprach, bekehrt:
355
Wie sehr ich auch das Glück der
356
So deucht mich doch die geistge Augenweide,
357
Die uns Theophron zeigt, nicht minder wünschenswert.
358
Erlaubet, daß ich mich ein andermal entscheide.
359
Es sei der Rest der Nacht, die mich so viel gelehrt,
360
Den Musen heilig und der Freude!
361
Nimm, Phanias, die Schal, und gieß sie aus
362
Der himmlisch lächelnden Cytheren;
363
Und du, Theophron, gib uns einen Ohrenschmaus,
364
Und laß zum Saitenspiel uns deine Stimme hören.«
365
Das leichte philosophsche Mahl
366
Verwandelt nun (Dank sei der Oreade,
367
Die Hebens Dienste tut) durch unbemerkte Grade
368
Sich in ein kleines Bacchanal.
369
Zwar läßt zum Lob des unsichtbaren Schönen
370
Der bärtige Apoll das ganze Haus ertönen;
371
Allein sein Blick, der nie von Chloens Busen weicht,
372
Beweist, wie wenig was er
374
Die auch der künstlichste Komödiant so leicht
375
Und ungezwungen nie, wie seine eigne, spielet.
376
Die lose Sklavin hilft des Weisen Lüsternheit
377
Durch listige Geschäftigkeit
378
Mit jedem Augenblick lebhafter anzufachen;
379
Stets ist sie um ihn her, und macht sich tausend Sachen
380
Mit ihm zu tun, in immer hellerm Glanz
381
Die Reizungen ihm vorzuspiegeln,
382
Die nur zu sehr die Seel in ihm beflügeln
383
Die unterm Zwerchfell thront.
384
Womit sie seine Stirne schmücket,
385
Vollendet was ihm fehlt, damit wer ihn erblicket,
386
Wie er den Zärtlichen und Angenehmen macht,
387
Fast überlaut ihm an die Nase lacht.
388
Wie traurig, Phanias, siehst du die schönste Nacht,
389
Dir ungenützt, bei diesem Spiel verstreichen!
390
Er gähnt die Freundin kläglich an,
391
Er winkt, er seufzt: umsonst, sie folget ihrem Plan,
392
Und denkt vielleicht nicht weniger daran
393
Ihn mit dem seinen zu vergleichen.
394
Zu ihrer Freude bringt der schlauen Chloe Kunst
395
Den schlüpfrigen Pythagoräer
396
Dem abgeredten Ziel zusehends immer näher.
397
Er buhlt durch Blicke schon um ihre Gegengunst
398
So feierlich, antwortet ihren Blicken
399
Mit so fanatischem, so komischem Entzücken,
400
Daß Hogarths Laune selbst kaum weiter gehen kann.
401
Wozu, Verführerin, bietst du den Nektarbecher
402
Dem Lechzenden so zaubrisch lächelnd an?
403
Sein Brand bedarf kein Öl! Nimm lieber einen Fächer,
404
Und kühle seinen Mund und seiner Wangen Glut!
405
Wohnt so viel Grausamkeit in sanften Mädchenseelen?
406
Glaubt ihr, ein weiser Mann sei nicht von Fleisch und Blut?
407
Doch Chloe weiß vermutlich was sie tut;
408
Sie hat die Miene nicht, ihn unbelohnt zu quälen.
409
Nicht wenig stolz auf sein gefrornes Blut,
410
Beweist indes mit hoch empor geworfner Nase
411
Kleanth, der Stoiker, bei oft gefülltem Glase,
412
Daß Schmerz kein Übel sei, und Sinnenlust kein Gut.
413
Ihm hängt, wie dort Horaz, dem trägen
414
Lastbaren Tiere gleich, sein Lehrling, weil er muß
415
Verzweiflungsvoll ein schläfrig Ohr entgegen,
416
Und widerspricht zuletzt aus Langweil und Verdruß.
417
Natürlich reizet dies noch mehr des Weisen Galle;
418
Im Eifer schenkt er sich nur desto öfter ein,
419
Glaubt, daß er Wasser trinkt, nicht Wein,
420
Und demonstriert den Aristipp, und alle
421
Die seiner Gattung sind, in
422
Sein Eifer für den Lieblingssatz der
423
Durch jeden Widerspruch und jedes Glas vermehrt,
424
Hat von sechs Flaschen schon die dritte ausgeleert;
426
Die Damen zum Beschluß ergetzt,
427
Ihn vollends ganz in Flammen setzt.
428
Nun wird nichts mehr verschont: Ägypter und Chaldäer
429
Erfahren seine Wut, wie Er des Weingotts Macht;
430
Und eh der Tänzer noch uns von den Antipoden
431
Den Gott des Lichts zurück gebracht,
432
Fällt taumelnd sein Rival und liegt besiegt zu Boden.
433
Der dritte Akt des Lustspiels schließt sich nun,
434
Und alles sehnet sich, den Rest der Nacht zu ruhn.
435
Kleanth, der, wie er lag, Virgils Silenen
436
Nicht übel glich, (nur daß er nicht erwacht,
437
So sehr ihn Chloe zwickt, so laut man um ihn lacht)
438
Wird standsgemäß, umtanzt von beiden Schönen,
439
Mit Bacchischem Triumph in – einen Stall gebracht,
440
Und lachend wünschet man einander gute Nacht.