Aurora und Cephalus

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Christoph Martin Wieland: Aurora und Cephalus (1773)

1
Noch lag, umhüllt vom braunen Schleier
2
Der Mitternacht, die halbe Welt;
3
Es ruht' in ungestörter Feier
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Das stille Tal, das öde Feld,
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Der Nymphen-Chor an ihren Krügen,
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Der trunkne Faun auf seinem Schlauch,
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Vielleicht fügt's Nacht und Zufall auch,
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Das manche noch bequemer liegen;
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Der Elfen schöne Königin
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Hatt' ihren Ringel-Tanz beschlossen,
11
Und sanft auf Blumen hingegossen
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Schlief jede kleine Tänzerin;
13
Und kurz, es war zur Zeit der Mette,
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Als sich Auror zum erstenmal
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Aus ihrem Rosen-Bette
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Von Tithons Seite stahl.

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Die Schlafsucht, die sie ihrem Gatten
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Sonst öfters vorzurücken pflag,
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Kam diesesmal ihr wohl zu statten.
20
Sie zieht die Brust, an der er schnarchend lag,
21
Sanft unter ihm hinweg, verschiebt mit Zephyr-Händen
22
Die Decke, glitscht heraus, deckt leis ihn wieder zu,
23
Wirft einen Schlafrock um die Lenden
24
Und wünscht ihm eine sanfte Ruh.

25
Sie fand im Vorgemach die Stunden,
26
Die ihre Zofen sind, vom Schlummer noch gebunden;
27
Nur eine ward, indem die Göttin sich
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Mit leisem Fuß bei ihr vorüber schlich,
29
Aus einem Traum, den Mädchen gerne träumen,
30
Halb aufgeschreckt; sie schrie, wie Nymphen schrein
31
Um feuriger geküßt, nicht um gehört zu sein;
32
Auror erschrickt und flieht; allein,
33
Das Mädchen legt sich, ruhig auszuträumen,
34
Aufs andre Ohr, und schlummert wieder ein.
35
Die Göttin eilt, spannt (was sie nie getan)
36
Mit eigner schöner Hand vor ihren Silber-Wagen
37
Drei rosenfarbne Stuten an,
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Und läßt sich nach Hymettus tragen.
39
Dort steigt sie ab, läßt Pferd und Wagen
40
In einer Grotte stehn, und sucht mit zartem Fuß,
41
Aus dessen Tritten Rosen sprossen,
42
Den schönen Cephalus.

43
Aurora? Wie? – das Muster weiser Frauen,
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Auf deren Treu, die schon Homer uns pries,
45
Ein jeder alte Mann sein junges Weibchen schauen
46
Und sie zum Vorbild nehmen hieß'?
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Sie, die nur ihrem Tithon lachte,
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Und, ob er gleich bei silbergrauem Haar
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Und taubem Ohr kaum noch ergötzbar war,
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Doch Tag und Nacht auf sein Ergötzen dachte;
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Die ihre schöne Brust zu seinem Pfülben machte,
52
Und wenn, nach alter Männer Art,
53
Die schöne Brust von ihm begeifert ward,
54
Sich's doch nicht ekeln ließ, ihm ganze Nächte wachte,
55
Ihm oft die Füße rieb, ihm oft den Puls befühlt',
56
Erwärmend ihn in ihren Armen hielt,
57
Ihn immer fragt', ob ihm was fehlte,
58
Und bis er schlief ihm Märchen vorerzählte –
59
Aurora, die so viele Proben gab
60
Wie zärtlich sie den alten Tithon liebe;
61
Sie fiele nun auf einmal ab
62
Und hegte fremde Triebe?

63
Mir ist es leid, daß ich's gestehen muß,
64
Ihr mögt nun was ihr wollt von ihrer Tugend halten,
65
Allein, so war's! Sie schlich von ihrem Alten
66
Sich heimlich weg, und sucht den jüngern Kuß
67
Des schönen Cephalus.

68
Helvetius und Büffon werden sagen,
69
Daß dieses nicht so unnatürlich sei;
70
Allein, wie fromme Leute klagen,
71
So denken beide ziemlich frei.
72
Doch selbst Sanct Thomas will vorlängst gesehen haben,
73
Daß junger Mädchen Aug auf schönen jungen Knaben
74
Sich gern verweilt; und an Gestalt,
75
An Neigungen und Reizbarkeit der Sinnen,
76
Sind, wie man weiß, die ältesten Göttinnen
77
Stets sechszehn Jahre alt.

78
Dies war Aurorens Fall, als auf Hymettus Höhen,
79
Zur Jagd geschürzt, mit Bogen, Pfeil und Spieß,
80
Der schöne Jäger ihr zum erstenmal sich wies.
81
Verbeut die strengste Pflicht, was sichtbar ist, zu sehen?
82
Sie sah in Unschuld hin, und blieb, ihm nachzusehen,
83
Uneingedenk der laurenden Gefahr,
84
Auf einer Silber-Wolke stehen.
85
War's ihre Schuld, daß er so reizend war?

86
Es bleibt hiebei. Doch, da sie, wider Hoffen,
87
Zum zweitenmal ihn schlafend angetroffen,
88
Wie sollte sie dem Einfall widerstehn
89
Von ihrem Wagen abzusteigen
90
Um ihn genauer anzusehn?
91
Die Dämmrung macht oft manche schön
92
Die sich im Sonnen-Schein mit schlechtem Vorteil zeigen,
93
Sie muß doch sehn, ob's hier nicht auch so sei.
94
Er flog letzthin zu schnell vorbei;
95
Was schadet's näher hinzugehen?
96
Sie tut's. Allein, wie angenehm erblaßt,
97
Da sie ihn recht ins Auge faßt,
98
Ihr Rosen-Mund – den Tithon selbst zu sehen!

99
Den Tithon? – Ja, doch wie er damals war
100
Als er, in auserlesner Schar
101
Der schönsten Phrygier, vor allen
102
Der Schönste war, vor allen ihr gefallen,
103
Mit langem dunkelbraunem Haar,
104
Mit blühendem Gesicht und Lippen von Korallen.

105
Je mehr sie ihn beschaut, je stärkre Farben leiht
106
Ihr gern betrognes Herz der seltnen Ähnlichkeit.
107
Sie überläßt sich nun mit Ruh den neuen Trieben,
108
Und findt ich weiß nicht was für eine Süßigkeit,
109
Den werten Greis im Cephalus zu lieben.
110
Mit welcher Lust, mit welcher Zärtlichkeit
111
Sie auf das Ebenbild von Tithons schöner Zeit
112
Die liebes-trunkne Blicke heftet!
113
So war er einst mit jedem Reiz geschmückt,
114
So ward er oft, von seinem Glück entzückt,
115
Eh ihn der Jahre Last entkräftet,
116
Im Taumel süßer Lust an ihre Brust gedrückt!
117
So sieht und liebt, nach Platons Lehren,
118
Der junge Kallias in seiner Tänzerin
119
Das höchste Gut, womit sich unsre Geister nähren,
120
Eh sie, Gott weiß warum, in diese Leiber ziehn.
121
Singt ihm, den Grazien zu Ehren,
122
Ihr süßer Mund ein tejisch Liedchen vor
123
So glaubt euch der entzückte Tor,
124
Er höre den Gesang der Sphären:
125
Ein Druck von ihrer weichen Hand,
126
Ein Schmatz der buhlerischen Zungen,
127
Erweckt von seinem Götter-Stand
128
Die schlummernden Erinnerungen;
129
Auf einmal ist's, ob um ihn her
130
Der blaue Himmel offen wär,
131
Er sieht die Sterne doppelt blinken;
132
Er steigt, verliert sich in den Schwarm
133
Der Geister welche Nektar trinken,
134
Glaubt in den Quell des Lichts zu sinken,
135
Und sinkt in – Phrynens Arm.

136
Daß oft dergleichen Ähnlichkeiten
137
Zu süßen Irrungen verleiten,
138
Ist ein Erfahrungs-Satz den niemand leugnen wird.
139
Aurora sah durch sie verführt
140
Im schönen Cephalus den Tithon sich verjüngen,
141
Und sah es kaum, so faßt sie schon den Schluß,
142
Die Stunden, welche sie nicht ohne Überdruß,
143
Bei diesem nur verträumen muß,
144
Mit jenem muntrer zuzubringen.
145
Wir könnten (dachte sie) zum Scherz, wenn's ihm gefiel,
146
In Tithons Jugend uns versetzen;
147
Ich wußte damals manches Spiel
148
Das besser war als Hasen hetzen,
149
Doch in so langer Zeit vergißt man freilich viel.

150
Dies alles war vorhergegangen,
151
Als (wie gesagt) die Göttin sich
152
So früh aus Tithons Bette schlich
153
Um ihren Jäger aufzufangen.
154
Mit welcher Lust verschlingt ihr lauschend Ohr
155
Der raschen Stöber Laut, die ins Gehölze dringen
156
Sonst hörte sie der Lerchen frühes Chor
157
Gern neben ihrem Wagen singen:
158
Allein ihr deucht in diesem Augenblick
159
Hylactors Jagd-Geheul die lieblichste Musik.
160
Sie sieht die muntern Jäger ziehen,
161
Das Hift-Horn tönt, der Wald erwacht,
162
Die Hunde schlagen an, die scheuen Rehe fliehen;
163
Doch plötzlich fühlt von einer fremden Macht
164
Der Jüngling sich ergriffen, fortgezogen,
165
Und schneller als ein Pfeil vom Bogen
166
Durch Luft und Wolken weg, wer weiß wohin gebracht.

167
Betäubt von seinem Abenteuer
168
Begriff er nicht wie ihm geschah.
169
Er sieht aus Furcht, die stets Gespenster sah,
170
Bei zugeschloßnem Aug, ein gräßlich Ungeheuer
171
Mit offnem Schlund ihm dräun und glaubt sein Letztes nah.
172
Doch Düfte von Ambrosia
173
Die ihm, mit süßerm Schwall als von den Zimmet-Hügeln
174
An Ceylons Strand entgegenwehn,
175
Ermuntern ihn zuletzt die Augen aufzuriegeln;
176
Und o! wer wünschte nicht, was er itzt sah zu sehn!
177
Stellt, wenn ihr könnt, auf Säulen von Rubinen
178
Euch einen Saal von Perlen-Mutter vor;
179
In diesem Saal ein Bette mit Gardinen,
180
En pavillon, von rosenfarbem Flor,
181
Und reich gestickt; auf diesem Ruhebette
182
Was Jupiter sich selbst gewünschet hätte,
183
Die schönste Fee, so schön und jung als man
184
An einem Sommer-Tag sie immer sehen kann;
185
Und diese Fee in, einer Lage
186
Wie Tizian der Liebes-Göttin gibt,
187
Und in dem halbgebrochnen Tage
188
Worin die blöde Scham sich williger ergibt;
189
Verhüllt, doch so, daß jede kleine Regung
190
Das neidische Gewand verschiebt,
191
Und unter seidnem Flor die steigende Bewegung
192
Des schönsten Busens sichtbar wird –
193
Den Anblick stellt euch vor, und werdet nicht gerührt!

194
Der Jüngling ward's, der in dem Augenblicke,
195
Worin der schöne Gegenstand
196
Ihn überrascht, zu gutem Glücke
197
Sich selbst zu ihren Füßen fand.

198
Die Göttin wundert, wie natürlich,
199
Sich ungemein, ihn hier zu sehn;
200
Und er gibt ihr, doch nur figürlich,
201
Den ganzen Eindruck zu verstehn,
202
Den soviel reizungs-volle Sachen
203
Auf sein geblendtes Auge machen.
204
Die Freiheit, die er nimmt, fällt billig
205
Dem Schicksal, nach Gebrauch, zur Last;
206
Und wenn Auror ihn nur nicht haßt,
207
Ist er zu jeder Strafe willig.

208
Aurora will ihm gern gestehn,
209
Daß Leute, die ihm ähnlich sehn,
210
Nicht sehr gehaßt zu werden pflegen:
211
Es sei ihr auch nicht sehr entgegen,
212
(sie hält, indem sie dieses spricht,
213
Die Rosen-Finger vors Gesicht)
214
Von einem hübschen Mann sich hochgeschätzt zu wissen –
215
Wie weit ihr eignes Herz hiebei
216
Vielleicht zu gehen fällig sei,
217
Das werde mit der Zeit sich erst entwickeln müssen –
218
Man komme mit Beständigkeit
219
Und vielem Mut im Lieben weit;
220
Doch, was sie seiner Zärtlichkeit
221
Für diesesmal gestatten wollte –
222
(und dieses selbst vielleicht noch nicht gestatten sollte)
223
Sei, nebst dem Recht, sie ungescheut
224
Auf seinen Knien anzuschauen,
225
Ein ungezweifeltes Vertrauen
226
In seine Ehrerbietigkeit.

227
Mein Mann verspricht mit vielen Schwüren,
228
Indem er ihre Knie aus Dankbarkeit umfaßt,
229
Sich sehr bescheiden aufzuführen;
230
Doch Dankbarkeit ist eine schwere Last!
231
Aus Dankbarkeit, von der er glühet,
232
Wird ihre schöne Hand wer weiß wie oft geküßt,
233
Und da man sie zerstreut zurücke ziehet,
234
Indem er noch im Küssen ist,
235
Verirrt sein Mund – da seht mir doch die Musen!
236
Die kleinen Spröden schämen sich
237
Und halten plötzlich ein – doch ich bekenn es, ich,
238
(und Cicero an Pätum spricht für mich:)
239
Verirrt – wie leicht verirrt man sich!
240
Verirrt sein Mund auf ihren Busen.

241
»wer einmal« (spricht ein Weiser aus der Zeit
242
Da Rom, die Königin der Erden,
243
Sich noch nicht träumen ließ, von Seiner Heiligkeit
244
Ab intestat ein Erbgut einst zu werden:)
245
»wer einmal«, spricht Marc Tullius,
246
(doch nicht im Buche von den Sitten)
247
»und wär's nur mit dem linken Fuß
248
Des Wohlstands Grenzen überschritten,
249
Dem rat ich, statt aus Blödigkeit
250
Auf halbem Wege stehn zu bleiben,
251
Vielmehr die Unbescheidenheit,
252
So weit sie gehen kann, zu treiben.«

253
Dies Axioma mag sehr oft nach Ort und Zeit
254
Ein Körnchen Salz in praxi nötig haben;
255
Vermeßne, unbescheidne Knaben,
256
Mit Bart und ohne Bart, gehn leicht hierin zu weit.
257
Doch Cephalus (man muß eins wie das andre sagen)
258
Befand sich wohl bei dem was Marcus schrieb:
259
Er wagt's von Grad zu Grad, bis ihm vor lauter wagen
260
Nichts mehr zu wagen übrig blieb.
261
Wenn seinem Ungestüm die Göttin endlich wich,
262
So tat sie freilich nichts als was sie längst beschlossen.
263
Mit Cephalus verhielt es sich
264
Nicht so. Ihm war ein Glück, das ihn den Göttern glich,
265
Durch bloßen Zufall aufgestoßen,
266
Und diese Zauberei, die süße Trunkenheit,
267
Die sein Gehirn auf ziemlich lange Zeit
268
Der Stimme seiner Pflicht verschlossen,
269
Ward gradweis aufgelöst, und endlich ganz zerstreut.

270
Ihm hatte, da sein Mund (wie schon gesagt) verirrte,
271
Die Phantasie den gleichen Streich gespielt,
272
Wodurch die Göttin ihn für ihren Tithon hielt.
273
Es stellt' im Feuer der Begierde
274
Ihm in Auror sich seine Procris dar:
275
Wie ähnlich, Götter! Ja, fürwahr!
276
Sie ist's, sie ist's! An Stirn und Brust und Haar
277
Kann in der Welt sich nichts vollkommner gleichen!
278
Wen muß dies Lächeln nicht erweichen?
279
So lächelt Procris nur! So schön
280
Sah er in ihren blauen Augen,
281
Vor Übermaß der Wonne, Tränen stehn,
282
Und war entzückt sie aufzusaugen!

283
So dacht er und Auror, in diesem Stück mehr klug
284
Als zärtlich, sieht und nährt den nützlichen Betrug.
285
Nehmt noch dazu die zärtlichste der Farben
286
Die dieser Göttin eigen ist,
287
Das süße Rosen-rot das ihren Leib umfließt,
288
Und einen Mund der Griechisch küßt,
289
Und Augen die vor Wollust starben:
290
So wird bei Leuten die verzeihn,
291
Sein Selbstbetrug vielleicht verzeihlich sein.

292
Doch, wie die stärksten Zauberein,
293
Der Wahrheit endlich weichen müssen,
294
So deucht auch ihn, nach wiederholten Küssen,
295
Die Ähnlichkeit nicht mehr so groß zu sein.
296
Der Dunst zerfließt der sein Gesicht geblendet,
297
Er staunt, er fühlt sich träg und lau,
298
Und zürnt schon auf sich selbst, daß er an Tithons Frau
299
So viel Entzückungen verschwendet.
300
Vergebens sucht ihr feuervoller Blick
301
Die Flamme wieder anzufachen,
302
Ihm winkt umsonst ein neues Glück
303
In ihrem offnen Arm; die Scherze fliehn zurück,
304
Und Reu und Überdruß erwachen.

305
Bald kommt es, wie man denken kann
306
Zu Fragen und Erläuterungen,
307
Und Cephalus, von Scham und Schmerz bezwungen,
308
Fängt stotternd diese Beichte an:

309
»zu wahr ist's nur, o Göttin, mein Betragen
310
Beleidigt deinen Reiz, und läßt mir weiter nichts
311
Als tiefbeschämt mich selber anzuklagen.
312
Nicht halb so sehr verwirrt von deinen Klagen
313
Als meiner eignen Schuld, weiß ich, beim Gott des Lichts!
314
Nicht was ich sagen soll« – »Mein Herr, das tut hier nichts«,
315
Fällt ihm Aurora ein, »ihr braucht euch nicht zu plagen;
316
Der Eingang will, so viel ich merke, sagen,
317
Ihr liebt mich nicht, und habt mich nie geliebt?«

318
»ach, allzuwahr! (ruft Cephalus betrübt,
319
Indem Auror, doch nur mit halbem Munde,
320
Bei seinem Ach ihm an die Nase lacht)
321
Ja, ich gesteh's, daß diese Morgen-Stunde
322
Mich doppelt ungetreu, mich doppelt strafbar macht.
323
Unwürdig so beglückt zu werden.
324
Liebt ich, o Göttin, dich – die, ohne Schmeichelei
325
So sehr verdient, daß ihr ein Herz sich weih
326
Dich liebt ich nie; und ihr – der einzigen auf Erden,
327
Für die ich zärtlich bin – ihr ward ich ungetreu!«

328
»das Compliment«, versetzt die Dame,
329
»ist minder schmeichelhaft als frei;
330
Doch, wenn man bitten darf, der Name
331
Der Schönen, die das hohe Glück genießt,
332
Daß solch ein Herz für sie nur zärtlich ist?«

333
»der Schein, ich fühl's und sag's mit Schmerzen,
334
Ist wider mich«, spricht Cephalus;
335
»und doch – vergib, daß ich so deutlich reden muß!
336
Du hattest nichts als meinen Kuß,
337
Und Procris war in meinem Herzen.
338
Wir waren schon vom Führ-Band an
339
Die unzertrennlichsten Gespielen,
340
Und lieben uns, seitdem wir fühlen,
341
So zärtlich als man lieben kann.
342
Als Kind schon kannt ich keine Lust
343
Als meiner Procris liebzukosen,
344
Lag gerne mit ihr unter Rosen,
345
Und spielte mit der jungen Brust.
346
Wie ward sie oft in Sommer-Schatten
347
Am kühlen Bach von mir belauscht!
348
Wir wußten nicht warum, und hatten
349
Schon unsre Herzen ausgetauscht.
350
So wurden wir bei Scherz und Küssen
351
Eins in des andern Armen groß,
352
Und unwillkommne Pflichten rissen
353
Mich weinend itzt aus ihrer Schoß.
354
Nun folgten kriegerische Spiele
355
Dem Gänse-Spiel, der blinden Kuh;
356
Es floh vorm lärmenden Gewühle
357
Der Kindheit sorgen-lose Ruh.
358
Allein das Bild der holden Schönen
359
Schwebt mir, wohin ich gehe, nach;
360
Ein banges wehmutsvolles Sehnen
361
Ertränkt mein Aug in stillen Tränen,
362
Und hält in öder Nacht mich wach.
363
Itzt deucht der Tag mich nicht mehr helle,
364
Die Luft nicht blau, der Frühling tot;
365
Nichts reizt mich mehr, kein Abendrot,
366
Kein Hain, kein Schlummer an der Quelle.
367
Allein sobald ein Götter-Fest
368
Die Mädchen sichtbar werden läßt,
369
Und Procris, weiß und frisch-umkränzet,
370
Mit offner Brust und freiem Haar,
371
Die schönste in der bunten Schar,
372
Wie Hebe mir entgegenglänzet;
373
Dann ist mir – Nein! Der Götter Glück
374
Kann keinen höhern Grad erschwingen!
375
Mein offnes Aug, mein starrer Blick
376
Scheint ihre Reize zu verschlingen;
377
Sie sieht im gleichen Augenblick
378
Nach mir sich um und unsre Blicke
379
Begegnen sich; sie seufzt, und zieht,
380
Da sie mein Auge schmachten sieht,
381
Verschämt die ihrigen zurücke;
382
Doch bald von Amorn übermocht,
383
Der ihr im jungen Busen pocht,
384
Kann sie sich länger nicht erwehren
385
Sie zärtlich nach mir hin zu kehren;
386
Sie fühlt« – »Sehr wohl, mein Herr! Sie fühlt,
387
Was alle junge Mädchen fühlen.
388
Sagt mir, ihr, der so vieles fühlt,
389
Was soll die Elegie erzielen
390
Womit ihr mich hier abgekühlt?
391
Ihr liebtet euch, das ist das Ganze,
392
Wozu so vielen Wörter-Pracht?
393
Nehmt lieber den Roman beim Schwanze;
394
Ich wette gleich, er schließt mit einer Hochzeit-Nacht.«

395
»um kurz zu sein, so sind es nun drei Jahre«,
396
Fuhr Cephal fort, »daß Hymen uns beglückt,
397
Und ich in Procris Arm erfahre,
398
Daß After-Liebe nur von Sättigung erstickt.
399
Mir ist's ob jede Nacht
400
Die allererste wäre,
401
Und jedes mal, wenn sie mich glücklich macht,
402
Frag ich mich selbst, ob mich kein Traum betöre?
403
Man sagt sonst, der Genuß verzehre
404
Der stärksten Liebe Glut; bei uns ist's umgekehrt,
405
Die unsre wird dadurch genährt,
406
Und wächst, dem Phönix gleich, aus ihrer eignen Asche. «
407
»der Herr (fällt hier die Göttin ein)
408
Hat, wahrlich! aus der Purpur-Flasche
409
Bescheid getan, er liebt ja ungemein!
410
Wer hätte sich bei so gestalten Sachen
411
Des Glücks versehn, ihn ungetreu zu machen?«
412
»so widersinnisch als es klingt«,
413
Versetzt er mit gesenkten Blicken,
414
»so wahr ist's doch: Was mir ihr Bild vor Augen bringt,
415
Ein Zug von ihr, ein Blick, ein Augen-Nicken
416
Wie Procris nickt, das setzt mich in Entzücken;
417
Und reizend, Göttin, wie du bist,
418
Konnt Amorn diese Hinterlist
419
Nur gar zu leicht, zumal im Dunkeln glücken.
420
Allein bei kälterm Blut und hellerm Sonnen-Schein
421
Soll Venus selbst nicht fähig sein,
422
Noch einmal mich so zu berücken.«

423
Die Göttin wendet lächelnd ein:
424
Was einst geschehen sei, das könne mehr geschehen.
425
Sie hofft umsonst! Er schwört ihr Stein und Bein,
426
Sie niemals mehr für Procris anzusehen.

427
»und meinst du«, fragt Auror, »daß ihre Gegentreu
428
Der seltnen Großmut würdig sei,
429
Ihr einer Göttin Gunst zum Opfer darzubringen?
430
Die Herzen, glaube mir, sind rar,
431
Die man versuchen darf; du kennest Amors Schlingen!
432
Ein zärtlich Weib ist immer in Gefahr.
433
Und wäre sie in Danaes Verwahr,
434
Wohin kann nicht ein goldner Regen dringen?«

435
»seid unbesorgt«, erwidert unser Held,
436
»ihr würde selbst vom Zeus vergebens nachgestellt.
437
Ich kenne sie; sie würd in ihrem Leben
438
Auf einen andern Mann, und wär es ein Adon,
439
Sich keinen Seiten-Blick vergeben.
440
Der Götter Fürst regiert auf seinem Thron
441
Nicht ruhiger, als ich in ihrem Herzen.«

442
»du bist beglückt«, versetzt Tithonia,
443
»und ferne sei's von mir, sie bei dir anzuschwärzen.
444
Allein, erinnre dich, was kaum dir selbst geschah.
445
Gelegenheit, mein guter Freund, und Jugend
446
Sind immer ihrem Falle nah.
447
Wie oft, daß sich die strengste Tugend,
448
Zu schwach zum Widerstande sah?
449
Zu allem Glück war kein Versucher da;
450
Allein man spielt nicht allezeit im Glücke,
451
Und Unschuld, die nichts böses denkt noch scheut,
452
Fällt manchmal bloß aus Sicherheit
453
In Amors unsichtbare Stricke.«

454
Aurora, die mit Kenntnis sprechen kann,
455
Spricht so beredt vom süßen Gift der Sünde,
456
Und unsrer Fehlbarkeit, gibt ihm so viele Gründe,
457
Und führt so manches Beispiel an,
458
Daß ihr die List gelingt. Der Mann fällt in Gedanken,
459
Und staunt mit unterstütztem Haupt,
460
Und staunt so lang, bis er Frau Procris fähig glaubt,
461
Wo nicht zu fallen, doch zu wanken.
462
Die Eifersucht, ein Übel, das er nie
463
Bisher gekannt, verwirrt schon sein Gehirne,
464
Es schwindelt ihm, es schwanken ihm die Knie,
465
Er reibt sich die gerümpfte Stirne,
466
Und seine kranke Phantasie
467
Zeigt ihm zuletzt in einer dunkeln Grotte,
468
Bei Lunens ungewissem Licht,
469
Was jeder kluge Mann dem Gotte
470
Von Delphi selbst nicht glaubt', ein schreckliches Gesicht!
471
Dies schwindet zwar, doch seine Unruh nicht;
472
Es bleibt doch möglich, daß sie fehle.
473
Wie manche fiel! Wird Procris wohl allein
474
Vom Reiz verbotner Frucht nicht zu versuchen sein?
475
Sie wird's vielleicht – vielleicht auch Nein,
476
Und dies vielleicht, dies foltert seine Seele.
477
Es koste was es will, er muß beruhigt sein!

478
Die Göttin spricht: »In solchen Fällen
479
Pflegt man zu beßrer Sicherheit
480
Oft gute Freunde anzustellen;
481
Doch mancher hat es schon bereut.
482
Nimm, (fährt sie fort, und zieht vom kleinen Finger
483
Ein Reifchen ab) nimm diesen Talisman,
484
Er macht dich fremd, unkenntlich, älter, jünger,
485
Zum reichsten oder schönsten Mann,
486
Zu was du willst; ein Wunsch, so ist's getan.
487
Du kannst hiedurch die Probe selber machen:
488
Hält sie sich gut, so opfre ja dem Glück;
489
Wo nicht, so bleibt doch nichts an deiner Stirn zurück,
490
Und wenn du weinst, so wird doch niemand lachen.«

491
Mein Cephalus geht alles willig ein,
492
Bedankt sich, küßt die Hand, doch macht er wenig Worte,
493
Und wünscht aus diesem Zauber-Orte
494
Nur schon daheim zu sein.
495
Er eilt hinweg, sieht vor der goldnen Pforte
496
Ein rosenfarbes Pferd gesattelt und gezäumt,
497
Steigt auf, und trabt davon, als hätt er viel versäumt.

498
Frau Procris saß indes nach ihres Landes Sitten,
499
Wie beim Homer Calypso, in der Mitten
500
Vor einer hübschen Mädchen-Schar,
501
Worin sie, nach Gebühr, als Frau die Schönste war.
502
Die spinnt, die andre zwirnt, die würkt, und jene flicken,
503
Die Dame selbst ist emsig dran,
504
So künstlich als man sticken kann,
505
Minerven zum Geschenk ein Schleier-Tuch zu sticken.
506
Homer erzählte gleich mit großem Wörter-Pracht
507
Was sie darauf gestickt – als, Sonne, Mond und Sterne,
508
Den Pol, der Götter Sitz, und in der Ferne
509
Den Erebus, ja gar die alte Nacht;
510
Das feste Land, ringsum verschlossen
511
Vom grauen Ozean, und Luft und Berg und Tal,
512
Und eine schöne Flur, von Sonnen-Schein umflossen,
513
Und einen Hain, wo Vögel ohne Zahl
514
Die liederreichen Kehlen stimmen,
515
Und Nymphen, die mit halb entblößtem Leib
516
In scherzendem Gewühl auf blauen Wellen schwimmen,
517
Und einen Hirten-Tanz, und wenn die Sterne glimmen,
518
Im tiefen Hain der Faunen Zeit-Vertreib;
519
Dann wie im Herbst durch falbe Trauben-Gärten
520
Der Wein-Gott zieht, und mit zerstreutem Haar
521
Die Mänas, und mit taumelnden Gebärden
522
Der Satyrn ungezähmte Schar,
523
Die tanzend um den Wagen schweben,
524
Und wie sie den Silen, der fiel,
525
Lautlachend auf den Esel heben,
526
Und halbversteckt im Laub der Reben
527
Der Liebes-Götter loses Spiel:
528
Dies und wohl zwanzig mal so viel,
529
Was in der Stadt, im Tempel, auf den Gassen,
530
Und auf dem Feld begegnen kann,
531
Das würde sie der gute alte Mann,
532
Der gar zu gerne malt, recht zierlich sticken lassen:
533
Doch was man ihm verzeiht, steht andern selten an.
534
Genug! Frau Procris saß und stickte,
535
Als sich ein Herr Amphibolis,
536
Dem gleich die Gunst der Kammer-Nymphe glückte,
537
Bei ihro Gnaden melden ließ.

538
Ihr erster Einfall war, den Fremden abzuweisen,
539
Allein das Mädchen überzieht:
540
»er ist ein feiner Mann, Madam, er kommt von Reisen,
541
Und bringt vom Herrn uns Nachricht mit.«

542
Man läßt ihn vor, hört seinen Auftrag an,
543
Dankt ihm, entschuldigt sich, und läßt ihn wieder gehen.
544
Das Schlimmste war dabei, daß man
545
Ihn kaum ein einzigs mal nur flüchtig angesehen.
546
So sehr er sich beim ersten Blick
547
Des Mädchens Gunst erwarb, so muß man doch gestehen,
548
Daß seine Min ihm dieses schnelle Glück
549
Vermutlich nicht verschafft. Der Herr Amphibolis
550
War, in der Tat, bei weitem kein Narziß,
551
Und auch der jüngste nicht – ein See-Mann, stark von Knochen,
552
Rasch wie sein Element, in Reden kurz und rund,
553
Plump von Manier, und gar nicht ausgestochen,
554
Großnasicht überdies, und größer noch von Mund.
555
Die Damen schütteln ihre Köpfe? –
556
Geduld! ich sag es selbst, schön war er eben nicht;
557
Allein, er hatte was, das in die Augen sticht,
558
Er hatte was, womit ein Carnevals-Gesicht
559
Die Schönsten – schüttelt nur die Köpfe! –
560
Die Schönsten unter euch dem Amor selbst entführt,
561
Das manchen Höcker deckt, und ekelhafte Kröpfe
562
Mit Grazien und Liebes-Göttern ziert;
563
Kurz, das, wodurch ein Gnom oft zum Adonis wird,
564
Er hatte – Geld, und was dazu gehöret,
565
Juwelen, Perlen, Diamant,
566
Smaragd, Rubin, als hätt in seiner Hand
567
Sich, was er nur berührt, in Edelstein verkehret.

568
Mit solchen Waffen hielt der Herr Amphibolis
569
Sich eines schnellen Siegs gewiß.
570
Er überströmt mit einem Perlen-Regen
571
Das ganze Haus, und kauft sich jedes Herz,
572
Sie wallen ihm und seinem Gold entgegen:
573
Nur Procris kann er nicht bewegen;
574
Nur Procris bleibt, zu ihres Mädchens Schmerz,
575
Beim Glanze Persischer Guineen
576
So kalt, als wie bei seinem plumpen Flehen.
577
Hans La Fontain! Nun sagt mir noch einmal,
578
Der Kassen-Schlüssel sei der Schlüssel zu den Herzen!
579
Meint ihr, es gelte nur, ohn Ausnahm, ohne Wahl,
580
Das schöne Volk so häßlich anzuschwärzen?
581
Von Wäscher-Nymphen, gut! da geb ich alles zu,
582
Die sind in Rom, und selbst in Cambalu,
583
So feil als in Paris; auch geb ich endlich zu,
584
Daß Damen selbst, zumal die Spielerinnen,
585
Ihr Herz an Zahlungs Statt sich lassen abgewinnen;
586
Daß manche, die von Berg und Tal sich schreibt,
587
Wenn alte Richards ihre Bitten
588
In barem Geld ihr vor die Füße schütten,
589
Aus Ekel zwar sich eine Weile sträubt,
590
Doch selten unerbittlich bleibt;
591
Auch das gesteh ich ein -Allein so dreiste singen,
592
Die Beste sei mit Gold zur Übergab zu zwingen,
593
Das nenn ich Felonie, das schmäht
594
Zugleich der Schönen Ruhm und Amors Majestät.

595
Die Probe kann für tausend andre dienen,
596
Die hier die Dame Procris gab.
597
Der Meer-Mann liest in ihren stolzen Mienen,
598
Daß einem Mann, wie er, hier keine Myrten grünen,
599
Und alles Gold im Lande der Braminen
600
Kein zärtlich Herz erkauft; auch sucht er seinen Stab,
601
Packt seinen Kram von Perlen und Rubinen
602
Hübsch wieder ein, und führt sich ab.

603
Auch war sonst nichts zu tun. Er ging, in seinem Herzen
604
Vergnügter als im trüben Blick;
605
Allein, von Freuden und von Scherzen
606
Umflattert, kam er bald als Seladon zurück.

607
Herr Heger, malen Sie zu dieser Phyllis Füßen
608
Uns einen hübschen Knaben hin;
609
Ein rund Gesicht, wie einer Schäferin,
610
Hellbraunes Haar, ein glattes Kinn,
611
Ein schwarzes Aug, und einen Mund zum Küssen;
612
Schlank von Gestalt, geschmeidig, zierlich,
613
In allen Wendungen so reizend als natürlich,
614
Wie Zephir leicht, und schmeichelhaft und dreist,
615
Wie ein Abbé – kurz, schön als wie gegossen,
616
Und um und um von diesem Reiz umflossen
617
Von diesem Glanz, von diesem Jugend-Geist,
618
Den Winckelmann uns am Apollo preist –
619
Wie schön er ist! Man muß ihn gerne sehen!
620
Die Augen zu, ihr Mädchen lauft davon!
621
Hier ist Gefahr – Doch bleibt nur, bleibt nur stehen,
622
Es ist mein Seladon.

623
Der Weise nur, wenn wir der Stoa glauben,
624
Ist schön und voller Reiz, nur er ist groß und frei,
625
Hochedel, Hochgelehrt, ein Crösus noch dabei,
626
Und ein Monarch, so gut als Uzim-Oschantey:
627
Doch bei den Stoikern in Hauben
628
Ist dieser Lehr-Satz Ketzerei.
629
Was Crantor und Chrysipp von ihrem Weisen prahlen,
630
Das legen sie dem Schönen bei.
631
Sei schön, ich meine schön zum malen,
632
Ein Seladon, und, auf mein Ehren-Wort,
633
Sie schicken dir zu lieb den Zoroaster fort;
634
Du machst beim ersten Blick die Herzen untertänig,
635
Bist weise, tapfer, edel, ja, wie dort
636
Astolfens Zwerg beim Ariost, ein König
637
Wo nicht der Könige, doch oft der Königinnen –
638
Sie leugnen's zwar; allein das irrt mich wenig,
639
Was Herz und Mund verschließt, läßt oft ihr Aug entrinnen.

640
Mein Seladon gefällt aufs erste mal;
641
Beim zweiten pocht schon was im reizenden Oval,
642
Das sittsam, um und um verdecket,
643
Sich in gewebte Luft vor unserm Blick verstecket;
644
Beim dritten wird sie oft zerstreut,
645
Und Seufzerchen, wie Liebes-Götter,
646
Entschlüpfen ihr, vielleicht aus Bangigkeit,
647
Denn, (wie die Chronik sagt) war's um die Rosen-Zeit,
648
Und selben Tag sehr schwüles Wetter;
649
Am vierten wundert Procris sich,
650
Daß sie nicht anfangs gleich bemerket,
651
Wie sehr er ihrem Manne glich;
652
Am fünften wird ihr Ohr noch mehr hierin bestärket,
653
Indem er seine Liebes-Pein
654
Zu ihren Füßen klagt; nichts kann so rührend tönen,
655
Und nichts dem Ton so ähnlich sein,
656
Worin einst Cephalus sein Sehnen
657
Ihr vorgegirrt – Am sechsten – »Wie?
658
(ruft hier ein Geck, der kommen, sehn und siegen
659
Vom Angola gelernt:) Am sechsten? Welche Lügen!
660
Ein Masulhim braucht nicht so viele Müh!
661
Parbleu! Mein Herr, noch nie hat eine Schöne,
662
Die ich mit meiner Gunst beehrt,
663
So viele Stunden sich gewehrt,
664
Als Procris Tage! – Selbst Climene,
665
Die so mit ihrer Tugend rauscht,
666
Ward jüngst im Schlaf von mir belauscht,
667
Und hat vielleicht, bei dämmernden Gardinen,
668
Mit ihrem Sylphen mich vertauscht:
669
Mit Araminten, mit Nerinen,
670
Ward der Roman in einer Sommer-Nacht
671
Sehr feirlich angestimmt, und bis zum Schluß gebracht;
672
Die stolze Celia, die kleine Rosemunde –«
673
Gut, gut, Herr Geck! Wir kennen eure Macht;
674
So gar die weise Kunigunde
675
Ergäbe sich euch in der ersten Stunde;
676
Doch eine Procris wird so schnell nicht zahm gemacht;
677
Und kurz, es brach nach sieben vollen Tagen
678
Die Nacht herein, und diese Nacht verging
679
Schon halb, als Seladon sich bebend unterfing,
680
Den ersten Kuß auf ihren Mund zu wagen.

681
Und, welch ein Kuß, indem sie sich bemüht,
682
Ihm zu entfliehn; und doch ihm nicht entflieht!
683
Wie blinkt ihr Aug! Wie süße Seufzer regen,
684
Indem zugleich vor holder Scham und Lust
685
Dies Aug sich schließt, die halbenthüllte Brust,
686
Und hauchen ihm den Geist der Lieb entgegen! –
687
Ihr Götter! – Seladon? – Was kann
688
Solch eine Wollust – Wie? Du fährst ergrimmt zurücke? –
689
»wie glücklich«, ruft er, »wär in diesem Augenblicke
690
Ein jeder andrer – als dein Mann!«
691
Kein Donner-Keil, der an der Gattin Seiten
692
Den besten Jüngling rührt und schnell zu Asche macht,
693
Sie, leben läßt – sie, die nun jede Nacht,
694
Sonst nur gestört von seinen Zärtlichkeiten,
695
Mit seinem Schatten-Bild und ihrem Schmerz durchwacht;
696
Kein Wolken-Bruch, der wild und ungehemmt
697
Ein sichres Tal schnellrauschend überschwemmt;
698
Kein Stoß, der Rheas Riesen-Glieder schüttelt,
699
Kein Sturm, der Meer und Luft, Olymp und Acheron
700
Im Wirbel faßt und durch einander rüttelt,
701
Ist schrecklicher als unser Seladon,
702
Im Augenblick, da Seladon verschwindet,
703
Und Procris ihren Mann in ihrem Buhler findet.

704
Was, meint ihr, kann ein Weib von zärtlichem Gemüt,
705
Die unverhofft sich so gefangen sieht,
706
Was kann sie tun, Was kann sie sagen? –
707
Nichts sagte sie, schwoll gleich von Grimm
708
Und stolzer Scham ihr Herz, indem sein Ungestüm
709
Mit einer Flut von ungerechten Klagen
710
Sie übergießt. Was helfen Gegen-Klagen?
711
So sehr sie auch durch eine Hinterlist,
712
Die Zärtlichkeit und Treu beleidigt,
713
Dazu berechtigt ist.
714
Ihr Frauen, die ihr euch ein wenig schuldig wißt,
715
Glaubt mir, daß Schweigen oft weit sicherer verteidigt,
716
Als alles, was Fleury zu sagen fähig ist.
717
Die schöne Lob-Red anzuhören,
718
Die er ihr hält, das würde, wie ihr deucht,
719
Ihm wenig Trost, ihr wenig Lust gewähren;
720
Sie nimmt daher den kürzern Weg – sie weicht,
721
Schießt einen Blick, der alle Liebes-Götter
722
Aus ihren schönen Augen scheucht,
723
So einen Blick, als ob ein Donner-Wetter
724
Ihm in die Seele schlüg, auf Cephaln, und entfleucht.

725
Kaum ist sie fort, und nirgends zu erfragen,
726
So wechselt Cephalus die Ton-Art seiner Klagen,
727
Und alles wird nunmehr in anderm Licht gesehn.
728
Er sieht sein Weibchen nun nicht ungetreu, nur schön,
729
Nur liebenswert, und unter jenen Bildern,
730
Die sein verlornes Glück ihm schildern,
731
Den Schatten mancher süßen Nacht
732
Worin sie ihn den Göttern gleich gemacht,
733
Vergäß er bald, daß diese holden Augen
734
Dem schönen Seladon gelacht,
735
Und einen fremden Mund verwegen gnug gemacht,
736
Aus ihrem Mund Ambrosia zu saugen.
737
Doch wie? Zu rascher Cephalus!
738
Worin bestund dann ihr Verbrechen?
739
Zürnst du auf deinen eignen Kuß,
740
Und willst an ihr und an dir selber rächen,
741
Was du als Seladon getan?
742
Du sprichst, sie sah mich doch für einen andern an –
743
Wie? Ist dir denn die Macht der Sympathie verborgen?
744
Grausamer, frage jenen Morgen,
745
Da dir, samt ihrem Rosen-Haar,
746
Das den Betrug verriet, Aurora Procris war!
747
Dort war's die Phantasie, vielleicht auch die Begierde,
748
Die sie in deinem Wahn mit Procris Reizen zierte:
749
Hier war es mehr als Wahn und Ähnlichkeit,
750
Du selbst warst Seladon. Du suchtest sie zu trügen,
751
Nicht Procris sich; ein großer Unterscheid!
752
Und doch gelang dir's nur, ihr Auge zu belügen,
753
Nicht ihre Zärtlichkeit;
754
Selbst unter den geborgten Zügen
755
Entdeckte dich ihr Herz; ihr Auge wandte sich
756
Von Seladon, ihr Arm umfaßte dich.
757
Betrogner Cephalus! Was hat sie dann verbrochen,
758
Die Allgewalt der Sympathie
759
Zog sie in deinen Arm, und du bestraftest sie?
760
Doch, du entbehrst sie nun; und Procris ist gerochen!

761
So denkt er itzt, wenn Einsamkeit und Nacht
762
Der Schönen Flucht ihm unerträglich macht.
763
Er zehrt sich ab mit Sehnsucht und Verlangen,
764
Sucht sie des Tags, wohin sein Fuß ihn trägt,
765
Und wenn er Nachts an einen Baum sich legt,
766
Glaubt er im Traume sie zu finden, zu umfangen,
767
Und rast wie Roland schier, wenn er erwacht,
768
Und ihm der Tag den Irrtum sichtbar macht.

769
Man sagt, wer immer sucht, findt allezeit am Ende
770
Dies oder das, und oft noch mehr,
771
Als er gesucht. Indem er weit umher
772
Das Land durchstreicht, läuft ihm von ungefähr
773
Die schönste Dryas in die Hände.

774
Es wallt ihr langes Haar, so schwarz wie Vogel-Beer,
775
Um Schultern, die den Schnee beschämen,
776
Und was ihr Kleid, gebläht vom losen West
777
Und bis ans Knie geschürzt, dem Jüngling sehen läßt,
778
Ist mehr, als nötig ist, um Herzen von Asbest
779
Die Unverbrennlichkeit zu nehmen.
780
Selbst Cephalus, den seit der Procris Flucht
781
Nichts mehr gerührt, fühlt diesmal sich versucht;
782
Die Sympathie spielt ihre Spiele wieder:
783
Doch wehrt er sich, glitscht so geschwind er kann
784
Vom Hals zum Knie, vom Knie zum Fersen nieder,
785
Schnappt erst nach Luft, und redt sodann
786
Mit halbgeschloßnem Aug die Schöne stotternd an:

787
»o, du, wie nenn ich dich, wo nicht Dian,
788
Doch wahrlich ihrer Schwestern eine,
789
Denn so verkündigt dich die göttliche Gestalt;
790
Entdecke mir den Aufenthalt
791
Des besten Weibs, um deren Flucht ich weine.
792
Vielleicht daß sie in irgend einem Haine
793
Zu deinen Schwestern sich gesellt?
794
O nenne mir, bei dem was in der Welt
795
Dein liebstes ist, (denn dir ist nichts verborgen)
796
Den Ort, der sie mir vorenthält;
797
So soll von Marmor aufgestellt
798
Dein schönes Bild an jedem neuen Morgen
799
Mit frisch-betauten Blumen-Kränzen
800
Ringsum bekränzt in meinem Garten glänzen! «

801
So sagt er, wirft sich vor ihr hin,
802
Und will ihr weißes Knie umfassen;
803
Allein die schöne Jägerin
804
Will aus Bescheidenheit es nicht geschehen lassen,
805
Sie schlüpft ihm lächelnd aus der Hand,
806
Winkt ihn zurück, und spricht: »Mein jungferlicher Stand
807
Erlaubt mir nicht, die Ehre anzunehmen,
808
Die deine Gunst mir zugedacht:
809
Doch höre auf, um Procris dich zu grämen!
810
Ich bin erfreut, daß mich der Zufall fähig macht,
811
Dir einen Dienst zu tun. Zwar sollt ich Anstand nehmen;
812
Sie steht in unserm Schutz; sie hat auf Lebens-Zeit
813
Der keuschen Göttin sich geweiht,
814
Und schwur, auf ewig dich zu meiden.
815
Das mag sie auch! Genug, mich rührt dein Leiden;
816
Ihr andern habt, ich weiß nicht was, das euch
817
Gefährlich macht, ich will es nur gestehen;
818
Mir schmilzt das Herz von euern Tränen gleich;
819
Kurz, folge mir, du sollst sie sehen.«

820
Mein Cephalus fällt ganz entzückt
821
Zum andern mal zu ihren Füßen,
822
Vergißt aus Dankbarkeit schon wieder, was sich schickt,
823
Und drückt ihr Knie mit feuervollen Küssen.
824
Doch schnell besinnt er sich's – der Tor! –
825
Indem die reizende Rosette
826
(so hieß man sie im Nymphen-Chor)
827
Es selbst beinah vergessen hätte.
828
Er bebt, zieht Mund und Arm zurück,
829
Und sucht beschämt in ihrem Blick
830
Den Zorn, den er so sehr verdienet,
831
Weil er zu viel und doch zu wenig sich erkühnet.
832
Ja wohl, der Tor! der schülerhaft vergißt,
833
Daß, alles oder nichts, der Feen Wahlspruch ist.
834
»du zauderst?« ruft ihm, da er zittert,
835
Und unentschlossen scheint, halblächelnd, halberbittert,
836
Rosette zu: »steh auf und folge mir;
837
Die Schöne, die du suchst, ist nicht sehr weit von hier.«

838
Er dankt, und folgt durch tausend krumme Pfade
839
Der schalkhaft-lächelnden Dryade.
840
Ihm klopft sein Herz zugleich vor Angst und Lust.
841
Wie freut er sich, an seine treue Brust
842
Das lang entbehrte Weib zu drücken!
843
Wie schmiegt er sich vor ihren strengen Blicken
844
Im Geiste schon! Mit welcher Zärtlichkeit
845
Will er auf seinen Knien sie um Vergebung flehen!
846
Er schwört ihr zu, nicht eher aufzustehen,
847
Bis der Begnadigung, womit sie ihn beglückt,
848
Ihr süßer Mund das Siegel aufgedrückt.

849
Mit diesen zärtlichen Gedanken
850
Langt Cephalus und seine Führerin
851
An einer Grotte an, um die des Weinstocks Ranken,
852
Wald-Lilien, und düftender Schasmin
853
Ein leichtgewebtes Gitter ziehn.
854
»hier schleiche (lispelt ihm Rosette)
855
Dich still hinein; du findest sie, ich wette,
856
Vom Bad erfrischt, auf ihrem Ruhe-Bette,
857
In einem Augenblick vielleicht
858
Worin sie selbst dich hergewünschet hätte,
859
Und wo man insgemein uns mit Erfolg beschleicht.«

860
Mein Held gehorcht, und findet, wie Rosette
861
Ihm vorgesagt, Frau Procris, auf dem Bette,
862
In süßem Schlaf – Doch, Götter! welch Gesicht!
863
Hat ihn das Aug der gräßlichen Medusen
864
Versteinernd angeblitzt? Wie? Er bewegt sich nicht,
865
Er steht erstarrt? Was zeigt ihm denn das Licht,
866
Das hier die Nacht zu holder Dämmrung bricht,
867
Was siehst du, Cephalus? – O! Schreckliches Gesicht!
868
Ein Jüngling ruht an ihrem Busen.
869
Wie wohl ein solcher Anblick tut
870
Will ich die Männer raten lassen.
871
Nicht jeder weiß, wie Dandin sich zu fassen.
872
Der arme Mann! Ihm stockt sein Blut,
873
Ihm starrt das Haar; er will die Arme regen,
874
Will schrein, und kann vor Schrecken und vor Wut,
875
Die Arme nicht, die Zunge nicht bewegen.
876
In dieser Not tut ihm sein Aug allein,
877
Nur noch sein Aug, wiewohl zu größrer Pein,
878
Den letzten Dienst: Er starrt mit Schrecken
879
Den Jüngling an, und glaubt – o Zufall! o Natur!
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Ein andres Selbst, doch ein geborgtes nur,
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In diesem Jüngling zu entdecken.

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Er irrte nicht; es war der Seladon,
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Von dem er jüngst Gestalt und Reize borgte;
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Der schönste Hirt, schön wie Endymion,
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Der, da mein Cephalus nichts weniger besorgte,
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Frau Procris, (die er sich seit ihrem Nymphen-Stand
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Zur Herzens-Königin erkoren)
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Zu seinem Sieg schon vorbereitet fand.
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Betrogner! Durch dich selbst, durch dich gehst du verloren!
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Verfluchte Eifersucht! Verfluchter Talisman!
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Was für ein Dämon treibt dich an,
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In Seladons Gestalt durch tausend Zärtlichkeiten
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Dein ehrlich Weib zur Untreu zu verleiten?
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Wer zweifelt wohl, du albernes Gesicht,
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Daß Glas und Unschuld leicht zerbricht,
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Bei beiden braucht es keine Proben;
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Sie werden nur, weil sie zerbrechlich sind,
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Mit größter Sorgfalt aufgehoben.
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Frau Procris war ein gutes Kind,
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Die Unschuld selbst; und wär es auch geblieben;
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Du selbst verrietest sie dem wahren Seladon;
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Du lehrtest sie in andern dich zu lieben;
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Sie lernte gut, du siehst die Frucht davon!
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So lispelt itzt das strafende Gewissen
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Dem Selbstbetrognen zu; doch (wie es immer geht)
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Kömmt nach der Tat die Reu auch hier zu spät.
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Was soll er tun? Sie ruhn von ihren Küssen
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So reizend aus! Es wäre Grausamkeit,
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Den süßen Schlaf der Glücklichen zu stören.
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Soll er die Billigkeit, soll er die Rache hören?
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Es kostet Müh und innerlichen Streit;
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Doch siegt zuletzt die Zärtlichkeit,
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Und schmelzt den Grimm in wehmutsvolle Zähren.
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Fast atemlos wirft er den letzten Blick
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Auf das geliebte Weib und sein verlornes Glück,
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Sieht sie – ihr Götter! welch ein Blick!
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In fremdem Arm so sanft, so lieblich schlafen,
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Sieht's, ächzet laut, und flieht zurück,
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Sein Unglück an sich selbst zu strafen.

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Nicht ferne von dem Ort, aus dem er wütend lief,
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Verbreitet sich, umkränzt mit Myrten-Hecken,
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Ein kleiner See, hell wie Kristall, nicht tief,
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Doch tief genug, die Nymphen zu verstecken,
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Die oft, bei lauer Abend-Luft,
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Die Dämmerung zu jüngferlichen Scherzen,
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Und, wenn sie sicher sind, zum frischen Bade ruft.
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Hier sucht mein Cephalus das Ende seiner Schmerzen
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In einem feuchten Tod. Verzweifelnd, ohne Sinn,
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Sieht er zum letzten mal noch auf die Grotte hin,
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Drückt dann die Augen zu, und stürzt sich in die Wellen.

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Wie wunderbar in seinen Fällen
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Das Schicksal ist! Der Kampf des Tages und der Nacht
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War noch nicht lang, als dies geschah, geendet;
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Aurora, die bereits den frühen Lauf vollbracht,
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Erblickt, da sie den Wagen wendet,
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Den kleinen See, und findet ihn bequem;
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Sie denkt, ein kleines Bad wär hier ganz angenehm,
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Steigt ab, entladet sich von Schleier, Rock und Mieder,
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Und überläßt die rosenfarben Glieder
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Der buhlerischen Flut – Das dachtest du wohl nicht,
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Du guter Cephalus, daß deiner irdschen Bürde
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Aurora selbst die letzte Liebes-Pflicht
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In ihrem Arm erstatten würde?
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Sein Fall erschreckt ihr lauschend Ohr,
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Sie schwingt sich aus der Flut empor,
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Sieht, und erkennt, indem sie siehet,
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Den alten Freund, der schon den letzten Atem ziehet.
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Die dringende Gefahr macht, daß sie itzt vergißt,
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Wie wenig er verdient, daß sie so gütig ist.
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Sie schwimmt hinzu, trägt ihn mit eignen Armen
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In eine Grotte hin, wo ihm das weiche Moos
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Zum Bette wird, setzt ihn auf ihre Schoß,
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Und läßt sein kaltes Herz an ihrer Brust erwarmen.
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Das Mittel hilft! Sie fühlet bald,
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Daß etwas noch in seinen Adern wallt,
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Sieht seine Wangen sich mit neuen Rosen färben,
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Und küßt ihn bald ins Leben ganz zurück.
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Zum Malen wäre das ein hübscher Augenblick,
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Hier könnt ein Vanloo Ruhm erwerben.
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Er öffnet halb den neu-belebten Blick,
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Erkennt Auror, und sinkt an ihre Brust zurück,
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Nicht vor Verzweiflung mehr, vor Dankbarkeit zu sterben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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