12
Der Wunsch ist gut und fromm; allein,
13
Glaubt man der alten Dichter Sage,
14
(und Leuten die bei hellem Tage
15
Gespenster sehn, wird allerdings geglaubt)
16
So war selbst Zeus, der Götter Haupt,
17
Nicht immer frei von dieser Ehstands-Plage.
18
Homer sagt's ungescheut: Frau Juno war
19
Ein schönes Weib, das mußte man ihr lassen;
20
Hoch, wohlgewachsen, schwarz von Aug und Haar,
21
Im Gang und Anstand, ja sogar
22
In ihren sprödesten Grimassen,
23
Viel Majestät; im langen Rocke war
24
Der schönste Fuß und manches unsichtbar
25
Was sie den Paris einst auf Ida sehen lassen;
26
Allein um alles das ließ ihr Gemahl und Herr
27
Die schöne Nacht, in welcher er
28
Vom Jungfern-Gurt sie zu befreien,
29
So hastig war, nicht seltner sich gereuen.
44
Ein Scherz beim Nektar, den er liebt,
45
Ein Seitenblick, den er der Ceres gibt,
46
Wenn sich ihr Palatin verschoben;
47
Ein Knieband, das er jüngst der Venus aufgehoben,
48
Ja wenn er nur Dianens rundes Knie
49
Von ungefähr (mit Fleiß geschah es nie)
50
Beim Spiel mit seinen Knien drückt,
51
Und, kommt die Reih an ihn zu passen,
52
Der Iris, die indes im Vorsaal sitzt und stickt,
53
Die Backen im Vorbeigehn zwickt;
54
So darf er sich darauf verlassen,
55
Daß ihn Madam, wie sich's gebührt,
56
Die nächste Nacht hindurch moralisieren wird;
57
In diesem Stück war nicht mit ihr zu spaßen.
67
Nach Junons weisen Ehgesetzen
68
Soll sich ein Mann für allzuglücklich schätzen,
69
Wenn seine Frau aus eigner freier Wahl
70
Dem Recht entsagt, ihn in die edle Zahl
71
Der Brüder des Vulcans zu setzen.
72
Sie tut durch dies allein der Tugend schon genug,
73
Und fodert zum Ersatz mit Fug,
74
(denn gratis wird sie nicht wie eine Nonne leben)
75
Daß ihr Gemahl so dankbar sei
76
Ihr alle Grillen zu vergeben;
77
Und sie der ganzen Litanei
78
Der andern Pflichten zu entheben.
79
Dafür erhält sie auch die Macht
80
Ihn als leibeigen zu behandeln,
81
Und richterlich in jeder Nacht
82
Die Fehler, die er Tags gemacht und nicht gemacht,
83
Durch strenge Bußen abzuwandeln.
121
Ein Sanct Hilarion, für den das schönste Weib
122
Memento mori war, wär euch vorbeigegangen,
123
Und hätte nichts gefühlt; selbst vom Xenokrates
124
Hätt eine Jo sich keinen Blick erworben;
125
Die lange Nacht bezeuget es,
126
Die Phryne neben ihm verdorben;
127
Doch solche Weisheit schenkt die sparsame Natur
128
Gemeiniglich dem grauen Alter nur.
129
Ein Ajax sucht den Feind, vor dem ein Nestor zittert,
130
Und, mit Ambrosia und Nektar satt gefüttert,
131
Wird Jupiter sobald er Nymphen wittert
132
Vom Wirbel bis zum Zehn erschüttert;
133
Die Hunger-Kur, die einen Ephraim
134
Zum Engel macht, macht Joven zum Satyren.
135
Die Nymphe sehn, begehren und entführen,
136
War, wie beim Cäsar, eins bei ihm.
137
Die Eifersucht der Juno zu betrügen
138
Verbirgt ein Schirm von siebenfacher Nacht
139
Dem schärfsten Blick sein sträfliches Vergnügen.
140
Von diesem Anfang kühn gemacht,
141
Läßt Vater Zeus es nicht dabei verbleiben;
142
Das Mittel scheint ihm gut und leicht,
143
Die Milzbeschwerung zu vertreiben,
144
Die oft die Götter von ihm scheucht.
145
Das Übel könnte um sich greifen
146
Und böse Folgen nach sich ziehn;
147
In solchen Fällen rät selbst Scheik Al-Hosain,
148
Des Sina Sohn, zuweilen auszuschweifen;
149
Doch stets mit Maß. Zeus folget gutem Rat.
150
Sobald der Schlaf sein Weib besänftigt hat,
151
(denn immer kann sie doch nicht keifen)
152
So schleicht er sich, begleitet vom Mercur,
153
Zur Unterwelt, durch Hain und Flur
154
Den schönsten Nymphen nachzustreifen.
155
Er schämt sich nicht, zu bessrer Sicherheit
156
Der Götterschaft sich zu entladen.
157
Man hat in einen Schwan verkleidt,
158
Bei jungen Mädchen, die sich baden,
159
Sehr viel voraus; man gaffet ungescheut;
160
Welch ein Triumph für ihre Eitelkeit
161
In Tieren selbst verliebte Lüsternheit
162
Und kühne Sehnsucht zu erwecken?
163
Man darf sich nahn, sie mit dem Schnabel necken,
164
Man darf noch mehr, sie werden nicht erschrecken;
165
Es heißt ein Spiel – das arme, kleine Tier!
166
Wie zahm es tut! Gewiß, man dächte schier
167
Daß es den Wert von seinem Glücke fühlte.
168
Wie oft Herr Zeus als Adler oder Stier
169
Sein Lieblings-Spiel mit Menschen-Kindern spielte,
170
Erzählt Ovid, und ihm Sedletzky nach.
171
Allein der Krug ging, wie man pflegt zu sagen,
172
So lang zum Wasser bis er brach.
173
Ein oftgelungnes Glück reizt oft zuviel zu wagen;
174
Und kurz, als ihm in einer Sommer-Nacht
175
Latona einst die Zeit zu kurz gemacht,
176
Ließ er, für einen Freund vom Naschen
177
Sich, wie die Chronik sagt, recht schülerhaft erhaschen.
178
Wir geben zu, den Stand der wohl behagt
179
Pflegt niemand gerne zu verlassen;
180
Allein nicht merken wenn es tagt
181
Heißt vom Affekt sich übernehmen lassen.
182
Ein Weiser soll, wie Flaccus weislich sagt,
183
Die Abzugs-Stunde nie verpassen.
184
Was Juno ihm für ein Gesicht verlieh,
185
Begreift durch die Analogie,
186
Die Zimmermann uns preist, ein jeder ohne Müh
187
Der einst sich langsam finden lassen.
188
Kein Drohn, kein Flehn erweichet sie,
189
Umsonst umfaßt er ihre Knie,
190
Sie schwört, die Tat der Strenge nach zu rächen;
191
Und daß sie ja den Schluß nicht ändern kann,
192
Schwört sie den Schwur, den Götter niemals brechen.
193
Sein Leben hebt mit jedem Sonnenlicht
194
Sich richtig an, und endet Abends nicht
195
Ihm gellen Tag und Nacht die Ohren;
196
Sie nimmt ihn selbst bei Tisch, wo er
197
Sein Ansehn spielen muß, oft unbarmherzig her;
198
Je mehr sie Zeugen hat, je mehr wird Zeus geschoren.
199
Mich wundert es wahrhaftig nicht,
200
Daß er die Essenslust verloren.
201
Der Gram vergällt das niedlichste Gericht,
202
Und zum Verdruß sind Götter nicht geboren.
203
Auch ist er klug, und bleibt vom Nektarschmaus
204
Von Zeit zu Zeit oft ganze Wochen aus,
205
Schwärmt mit dem Gott, der Flügel an den Ohren
206
Und an den Fersen trägt, von Hütte zu Palast,
207
Und bittet bald bei Baucis sich zu Gast,
208
Bald bei den tadellosen Mohren.
209
Einst da er wohlbezecht (der Mohren Wein war's wert)
210
Von einem solchen Schmause kehrt,
211
Sieht er bei Schwanen-weißen Schafen
212
Den jungen Ganymed an einer Quelle schlafen.
213
Er bleibt auf einer Wolke stehn,
214
Und denkt, vom ersten Blick verwirrt:
215
Hat Amor sich auf Idas Höhn
216
Von seinen Grazien verirrt?
217
Er winkt Mercuren her, der schon vorausgeflogen,
218
Und zeigt ihm den entdeckten Fund.
219
»wenn sieht die Liebe doch gesund?
220
(ruft sein Gespan) wo sind denn Pfeil und Bogen
221
Wenn's Amor ist, und wo sein Flügel-Paar?«
222
»gesteh«, spricht Zeus, »sein lockicht gelbes Haar,
223
Sein rund Gesicht und Stirn und Mund, fürwahr!
224
Hätt Erycinen selbst betrogen;
225
Sie hätt ihn wenigstens dem Jäger vorgezogen,
226
Von dem sie einst so stark bezaubert war.«
227
»das eben nicht«, versetzt, der Maja Sohn,
228
»ein kluges Weib weiß besser Haus zu halten;
229
Wir kennen ja die Frau Vulcanin schon;
230
Sie hätte den gewählt und jenen beibehalten.«
231
Indem er's sagt, hält Zeus noch unverwandt,
232
Auf Ganymed den scharfen Blick gespannt.
233
Allein ein Pfau an Junons Muschel-Wagen,
234
Die eben itzt spazieren fuhr,
235
Entdeckt dem lauschenden Mercur
236
Durch sein' Gesang, zu großem Mißbehagen
237
Des Donnerers, daß hier das beste sei
238
Sich sachte linker Hand zu schlagen.
239
Sie schleichen unerkannt vorbei
240
Und steigen zum Olymp; man läßt die Ankunft wissen;
241
Die Schar der Götter eilt herbei,
242
Dem Prinzipal die Hand zu küssen.
243
Man schwatzt, er fragt nach vielerlei,
244
Und hört mit andern neuen Sachen
245
Was Heben erst begegnet sei.
246
Silen, der Wanst, erzählt's, mit vielem Lachen,
247
Nach seiner Art nicht allzufein,
248
Und streut, den Spaß kurzweiliger zu machen,
249
Viel Doppelsinn und kühlen Witz hinein.
250
»ja, (fangt er an, und alle Götter lachen,
251
Er selbst zuerst) beim Styx! es war ein Spaß!
252
Ein Haupt-Spaß war's; ihr hättet's sehen sollen –
253
Wie Hebe fiel – ha, ha! mein bestes Faß,
254
Bei meinem Horn! hätt ich drum geben wollen.
255
So saßen wir, hier Juno, hier Dian,
256
Hier Bacchus, hier – was weiß ich's, doch daran,
257
Liegt itzo nichts – wir trinken wie die Scythen
258
Und jauchzen laut – Nun hört einmal den Spaß!
259
Indem wir schon von altem Nektar glühten,
260
Ruft Bromius, ›das große Deckel-Glas;
261
He! Mädchen, flink! mit diesen Fingerhüten
262
Macht man ja kaum die Lippen naß;
263
Der Tag ist schön, wir wollen heut eins wüten.‹
264
›top!‹ rufen wir, es kommt, man füllt es oben an,
265
Apollo singt, der ganze Chor der Musen
266
Sperrt auch die Mäuler auf, wie gähnende Medusen,
267
Wir fallen ein, und wer nicht singen kann
268
Der leirt: Das Glas kommt nun von Mann zu Mann
269
(die Weiber mitgezählt) zu mir herum – wohlan!
270
Sie reicht mir's hin, ich tu als nehm ich's an,
271
Und lang indes nach ihrem Strauß am Busen.
272
Sie schreit, als hätt ich ihr wer weiß was angetan,
273
Dreht sich zurück, und schlüpft (das Estrich schwamm in Weine
274
War glatt wie Eis) kurz, eure arme Kleine
275
Entschlüpft im drehn, glitscht rückwärts aus und stürzt
276
So lang sie war, und leicht genug geschürzt,
277
Und streckt euch wie ein Frosch die Beine.«
278
Was sie die Götter sehen ließ
279
Läßt ohne Dreifuß sich erraten;
280
»wir lachten überlaut, doch unsre Damen taten
281
Als sähn sie nicht was Hebe schönes wies,
282
(vielleicht aus Neid, wie oft genug geschiehet)
283
Denn kurz, sie wurden rot und hielten euch geschwind
284
Die Hände vor; was half's? Wer durch ein Sieb nicht siehet,
285
Ist, wie man sagt unfehlbar blind.
286
Indem wir nun uns außer Atem lachen,
287
Lauft Bacchus zu und will den Stutzer machen;
288
Er liest sie auf; doch, wie man denken kann,
289
Greift er's so plump und Faunen-mäßig an –
290
Daß wir nur mehr zu lachen kriegen;
291
Bei meinem Esel!« – »Still!« fiel Vater Zeus ihm ein,
292
Und schüttelt seinen Kopf, daß ihm die Haare fliegen;
293
»ich weiß genug! Ihr Herren insgemein,
294
Sagt mir einmal, sind dieses auch Vergnügen
295
Für Götter, wie ihr seid, Beim Styx! es tönte fein,
296
Wenn Menschen solche Dinge wißten!
297
Die Schwalben würden bald in unsern Bildern nisten,
298
Und unsre Tempel Bäder sein,
299
Vielleicht was ärgers noch. Allein
300
Wir wollen uns nicht ohne Not entrüsten.
301
Wißt, wir entlassen hier Miß Hebe ihrer Pflicht,
302
Das Schenken-Amt schickt sich für Mädchen nicht,
303
Man wird es zu bestellen wissen. «
304
Herr Zeus beschließt mit einem Amts-Gesicht;
305
Die Götter lassen sich's gefallen, weil sie müssen,
306
Und schleichen ab. Wie sehr ist Zeus erfreut!
307
Wie wohl kommt ihm der Hebe Fall zu statten!
308
Was Witz und Macht zu schwer gefunden hatten,
309
Das hebt oft eine Kleinigkeit.
310
Auch Juno kann itzt nichts dagegen haben;
311
Das Ärgernis muß ja gehoben sein.
312
Gedacht, getan! er raubt den Hirten-Knaben,
313
Und setzt ihn ungehindert ein.
314
Zween Tage ging's nicht schlimm; die Götter alle schienen
315
Mit ihm vergnügt, die Damen noch weit mehr;
316
Man lobte seine Art zu dienen,
317
Und sein bescheidnes Wesen sehr.
318
Selbst Amor liebt den anmutsvollen Knaben,
319
(ob Venus gleich ihm fast den Vorzug gibt)
320
Und will ihn stets zum Spielgesellen haben.
321
Kurz, Ganymed wird wegen seiner Gaben
322
Im ganzen Himmel bald beliebt.
323
Nur Juno murrt. Doch Zeus läßt, ohne Schrecken,
324
Den Nektar sich nur desto besser schmecken,
325
Den ihm sein Liebling lächelnd reicht.
326
Die Göttin staunt, bemerkt, vergleicht,
327
Macht manchen Schluß und glaubt zuletzt zu sehen,
328
Daß Ganymed und ihr geliebter Mann
329
Einander mehr als nötig ist verstehen.
330
Daß eine Frau so was nicht leiden kann,
331
Ist ausgemacht; es muß in kurzem brechen.
332
Sie harrt nur auf Gelegenheit,
333
Denn Zeus ist schlau, und weicht, wer weiß wie weit
334
Den Anlaß aus; doch da er einst sich beut
335
Fängt sie im Ton der strengsten Sittlichkeit
336
Sehr matronalisch an mit ihm, wie folgt, zu sprechen:
337
»zu lange schon hab ich mit kaltem Blut,
338
Mein Herr, von euch Beschimpfungen ertragen,
339
Wobei ein Weib nicht leicht gelassen tut.
340
Doch durch Geduld wird euer Übermut
341
Nur kühner, immer mehr zu wagen.
342
Ihr sündigt, wie es scheint, auf meine Tugend hin
343
Und trotzt, weil ich zu groß zu jener Rache bin,
344
Die sich die Wenigsten in meinem Fall versagen.
345
Ich weiß es, bloß mein keuscher Sinn
346
Hat diesen Überdruß geboren,
347
Durch den ich zwar, das glaubt mir, nichts verloren,
348
Als dessen ich sehr gern entübrigt bin.
349
Ihr suchtet eine Buhlerin
350
In meinem Bett und ausgelaßne Freuden;
351
Ich geb es zu, ihr irrtet euch darin:
352
Die Pflicht allein zwang mich, nicht ohne Scham zu leiden,
353
Was mir mein Stand verbot zu meiden.
354
Gesteh es, Üppiger, der Frauen schönste Zier,
355
Die Sittsamkeit, entwöhnte dich von mir.
356
Dir schmecken nur verstohlne Wasser süße,
357
Und deiner Dirnen geile Bisse
358
Und Zungen-Spiel vergällte dir
359
Der kalten Tugend ernste Küsse.
360
Dies zog dich deinen Nymphen nach
361
Die sich gelehriger und reger finden ließen;
362
Dies schmiegte dich zu deiner Lede Füßen
363
Und hinterließ an jedem Bach
364
In jedem Hain, an allen Flüssen,
365
Die Spuren deiner Üppigkeit.
366
Doch dieses konnte dir von meiner Gütigkeit
367
Vielleicht noch übersehen werden.
368
Du stahlest Ort, Gestalt und Zeit,
369
Ließ'st deine Dirnen auf der Erden
370
Und den Olymp noch unentweiht.
371
Dies zeigte doch noch einen Rest von Scham.
372
Allein seit dem auch Nymphen nichts mehr haben
373
Das dich versucht, und dir der Einfall kam
374
Mit diesem blöden Hirten-Knaben
375
Aus Phrygien den Himmel zu begaben,
376
Scheint deine Ausgelassenheit
377
Den höchsten Grad erreicht zu haben.
378
Um einer armen Kleinigkeit
379
Wird Hebe ungehört von ihrem Amt verdrungen,
380
Damit dein lüstern Aug an einem nackten Jungen
381
Sich täglich weiden kann.
382
Wie weit treibt ihr das Spiel so gar am Götter-Tische?
383
Wir essen nie vor euch in Ruh,
384
Stets währt das Tändeln und Gezische,
385
Man lacht, man winkt, man wirft sich Küsse zu;
386
Und soll dein Nektar-Punsch dir schmecken,
387
So muß dir Ganymed den Becher erst belecken.
388
Kaum setzt er an, so reißest du
389
Den Kelch ihm aus der Hand, die Spur hinwegzusaugen,
390
Wo er den Mund im Trinken hingedrückt,
391
Und siehst ihn schmatzend an, und rollst entzückt,
392
Wie ein Bacchant, die liebestrunknen Augen.
393
Ja heute scheutest du dich nicht,
394
Vor unser aller Angesicht
395
Ihn gar zu küssen und zu herzen.
396
Ihr nennt es ohne Zweifel scherzen;
397
Doch glaubet mir, daß eurer Majestät
398
Dies Kindisch-Tun nicht gar zu artig steht.
399
Wiewohl, was mag ich davon Sagen?
400
Wie lang ist's wohl, (du kannst Silenen fragen)
401
Daß man mit Ganymed und Amor dich
402
(den Donnerer!) beim Gänsespiel erschlich?
403
Fi! Herr Gemahl, es ist nicht zum ertragen!
404
Ist das auch eine Lebensart
405
Für jenen Gott, durch den die Riesen fielen?
406
So alt, so einen großen Bart,
407
Und noch mit kleinen Buben spielen!«
408
Hier schwieg Madam, und tat sehr wohl daran.
409
Es floß ihr, wie man sieht, vortrefflich von der Zunge;
410
Unstreitig hatte sie die beste Lunge
411
Im ganzen Götter-Volk, und diese Probe kann
412
Die obbesagten Ehbett-Wachen
413
Des guten Zeus uns sehr begreiflich machen.
414
Doch diesmal hört' er sie mit großem Kaltsinn an,
415
Streicht lächelnd seinen Bart, betrachtet seine Waden,
416
Und fangt drauf an sein Herz, wie folget, zu entladen:
417
»ob Eure strenge Sittsamkeit,
418
Zucht, Kaltsinn, Unbeweglichkeit,
419
Und großer Abscheu vor den Freuden
420
Womit sich, wie ihr sagt, nur kleine Geister weiden,
421
Uns, liebes Weib, bisher entzweit,
422
Das will ich itzo nicht entscheiden.
423
Genug, daß sich mein alter Sinn
424
Geändert hat, und über diese Freuden
425
Ich selbst nunmehr ganz deiner Meinung bin.
426
Vordem, mein Schatz, ich will dir's frei gestehen,
427
War ich, (der Ruhm klingt freilich nicht gar fein:)
428
In diesem Stück ein epikurisch Schwein.
429
Ich küßte, was ich sah, Prinzessinnen und Feen,
430
Sylphiden, Nixen, Galatheen,
431
Gras-Nymphen, alles insgemein,
432
Sie mochten schmächtig, dick, hochstämmicht oder klein,
433
Blond, nußbraun oder beides sein;
434
Ich wußte mich mit allen zu begehen.
435
Da sah ich ohne Regung nie
436
Ein schönes Kind aus einem Brunnen steigen;
437
Man konnte mir ein rundes Knie
438
So unnachteilig nicht als einem Tithon zeigen.
439
Ob ihre Seele reizend sei,
440
Das ließ mich damals unbekümmert,
441
Verständig oder nicht, mir galt es einerlei;
442
Von diesem höhern Reiz der aus dem Innern schimmert
443
Empfand ich nichts; mit einem Wort, ich sah
444
An Pallas selbst, und allen Musen,
445
Was an der blödsten Sylvia,
446
Ein lockend Aug voll jugendlicher Glut,
447
Ein weißes Fell und einen vollen Busen.
448
Allein von diesem rohen Mut,
449
Bin ich, versichre dich's, vollkommen,
450
Und nicht erst heut, zurückgekommen.
451
Erfahrung kühlt ein allzufeurig Blut.
452
Mich läßt, zur Zeit, die loseste Najade,
453
Die jüngste Grazie, und Venus selbst im Bade
454
So ruhig als ein Marmorstein.
455
Das schönste Weib von Fleisch und Bein
456
Ist wie das Sonnenbild, das sich in Wolken malet,
457
Für mich ein bloßer Widerschein
458
Der Schönheit, die, dem reinen Geist allein
459
Beschaulich, aus dem Innern strahlet.
460
Ein weiser Mann, ein Grieche lehrte mich
461
Das wesentliche Schöne kennen;
462
Selbst unser Nektar wird mir schon zu körperlich;
463
Und lern ich erst den Plato recht verstehen,
464
So nährt sich einst mein abgezogner Geist,
465
Der Grille gleich, die drum den Göttern ähnlich heißt,
466
Allein von Luft und von Ideen.
467
In diesem Licht müßt ihr die Liebe sehen
468
Die mich zu Ganymeden zieht.
469
Sein schöner Geist, sein tugendlich Gemüt,
470
Die Grazien, die seine Sitten schmücken,
471
Die Unschuld, die ihm aus den Augen sieht;
472
Dies, nicht sein blondes Haar nicht seine Rosenwangen,
473
Ist, glaube mir, der Reiz wodurch er mich gefangen.
474
Du siehst, daß hier der Leib gar keine Rolle spielt.
475
Zum mindsten wird bei dieser Art von Liebe
476
Nichts körperliches abgezielt.
477
Das wahre Schöne wird nur vom Verstand gefühlt,
478
Und zeuget nie gemeine Triebe.
479
Kurz, Ganymed, so sehr er Amorn gleicht,
480
So ungern ihm Dian ihr keusches Aug entzeucht,
481
So oft ich, wenn er ihr den vollen Becher reicht
482
Die alte Vesta selbst beim Augenspiel ertappe,
483
So ist er doch mit alle dem,
484
Nach meinem itzigen System
485
Ein bloßer Geist in einer Nebel-Kappe.«
486
»ein bloßer Geist?« fällt Juno höhnisch ein,
487
»und pflegen Geister auch zu küssen?«
488
»warum«, spricht Zeus, »soll das nicht möglich sein?
489
Man muß hier nur zu unterscheiden wissen.
490
Gemeine Buhler schnäbeln sich,
491
Nach Spatzen-Art, bloß ihre Lust zu büßen;
492
Allein wie Ganymed und ich
493
Abstract und metaphysisch küssen,
494
Ist eine Lust, die uns, versichre dich,
495
Gemeine Buhler lassen müssen,
496
Die Seelen, Frau, die Seelen sind's, die sich
497
In einem solchen Kuß ergießen;
498
Und ganz dabei vom Leib entblößt,
499
Ganz in Entzückung aufgelöst,
500
Sich mischen und zusammenfließen.
501
Doch ich besinne mich, daß dies ins Tiefe geht.
502
Dein Mißverstand ist sehr verzeihlich;
503
Das sind Geheimnisse, die freilich
504
Ein Ungeweihtes nicht versteht.
505
Wenn übrigens mein Spiel mit jungen Knaben
506
Dein ekles Herz geärgert sollte haben,
507
So wißt, daß mir hierin kein schlechtrer Mann
508
Als Sokrates zum Vorstand dienen kann.
509
Ein Weiser ist, wie Seneca beteuret,
510
Ein Gott, ja noch ein wenig mehr;
511
Wenn Sokrates mit kleinen Knaben leiret,
512
So darf ich wenigstens was er.«
529
Sie klingelt; Iris kommt und hört
530
Was zwischen ihnen vorgegangen,
531
Doch neues wird sie nichts belehrt,
532
Sie hatte vor der Tür schon alles aufgefangen.
533
Miß Iris spricht, nach Zofen-Art, sehr scharf
534
Von Jupitern und seinen Buhlereien:
535
»mein Treu! Madam (wenn man es sagen darf)
536
Ist gar zu gut, ihm immer zu verzeihen;
537
Er wird dadurch verbuhlter als ein Spatz,
538
Und häuft Verbrechen auf Verbrechen;
539
Beim Styx, wär ich an euer Gnaden Platz,
540
Eh sollte mich der nächste Satyr rächen!
541
Doch bei Madam hat's wahrlich keine Not,
542
Ihr kann es nie an Rächern fehlen,
543
Es kostet nichts als nach Geschmack zu wählen,
544
Ihr stehn auf jeden Wink die Schönsten zu Gebot.«
545
Die Göttin wird bei diesen freien Reden
546
Bis an die Ohren-Läppchen rot,
547
Und Iris wird sehr hart bedroht
548
Nichts solches mehr sich zu entblöden.
549
Die Zofe merkt es sich, und fällt,
550
Sobald sie es für schicklich hält,
551
Mit guter Art auf Ganymeden.
552
Der Einfall glückt; man scheint zerstreut,
553
Man gibt nicht acht, von wem sie schwatze,
554
Und tändelt alle diese Zeit
555
Sehr ernsthaft mit der kleinen Katze.
556
Doch daß kein Wort von dem was Iris spricht
557
Vor ihrem Ohr vorbeigegangen,
558
Verrät der Augen funkelnd Licht,
559
Des Halstuchs Schwulst und brennendrote Wangen.
560
Die Göttin war vom ersten Anblick an
561
Von Ganymed nicht ungerührt geblieben;
562
Sie haßt' ihn anfangs nur, aus Furcht sie möcht ihn lieben;
563
Allein der Sprung vom Haß zu sanftern Trieben
564
Wird leichter als man glaubt getan.
565
Wir sagten's schon, der Junge war zum Malen,
566
Schön wie ein Wachs-Bild, weiß und rot;
567
Ihm fehlten zum Apoll nur Strahlen,
568
Und Flügel nur zum Liebes-Gott.
569
Nehmt noch dazu, was aus bekannten Gründen
570
Die Spröden nicht am mindsten rührt,
571
Das Alter, wo wir uns wie neuerschaffen finden,
572
Wo alles reizt, und lächelt und verführt;
573
Das Alter, wo der Knab im Jüngling sich verliert,
574
Und hier und da, was ehmals glatt gewesen,
575
Mit weichem Pflaum sich schmückt und sanft beschattet wird.
576
Für junge schüchterne Agnesen
577
Ist dieses Alter nicht gemacht,
578
Schon in der Schäferwelt, wie wir beim Longus lesen,
579
War eines Daphnis erste Nacht
580
Ein Jäger-Recht, das Chloen, die nichts wußten,
581
Erfahrnern Schönen lassen mußten.
582
»bei Ganymed ist's würklich hohe Zeit,«
583
Fuhr Iris fort, »Gelegenheit macht Diebe;
584
Ein Knabe findt, trotz seiner Blödigkeit,
585
Nichts leichter als den Weg der Liebe.
586
Jüngst hat Idalia ihm einen Blick verliehn,
587
Der feurig war, und fast ein Antrag schien;
588
Die dicke Ceres selbst liebäugelt scharf auf ihn,
589
Was ihren Augen fehlt, ersetzen andre Waffen;
590
Sie hat, so oft er bei ihr steht
591
An ihrem Halstuch was zu schaffen,
592
Und neu, Madam, wie Ganymed,
593
Kann man sich gar zu leicht vergaffen.
594
Ihr breiter Busen könnte bald
595
Den größten Reizungen den Vorsprung abgewinnen;
596
Bei solchem Kram bleibt zwar das Herze kalt,
597
Doch reizt er destomehr die Sinnen:
598
Und das ist alles doch zuletzt
599
Was eine Ceres sucht, und alles was sie schätzt.
600
Kurz, dürft ich meine Meinung sagen,
601
So ist Gefahr im kürzesten Verzug;
602
Mich deucht in diesem Fall die alte Regel klug:
603
Um Alles muß man alles wagen.«
604
Der Rat war gut; allein, so schnell als Iris rät
605
Vom Zeremoniell der Tugend nachzulassen,
606
Schon der Gedank empört der Göttin Majestät.
607
»und doch, Madam, ist's leicht zu fassen,
608
Daß Ganymede sich nicht anders fangen lassen.
609
Was eines Tithons lahmen Arm
610
Mit Jugend-Kraft begeistern würde;
611
Was einen Hippolyt verführte,
612
Macht zwar dem blöden Neuling warm,
613
Doch keinen Mut; er seufzt und darf nichts wagen,
614
Er wird durch keinen Wink belehrt,
615
Kein Lächeln macht ihn kühn, er hört
616
Die Schäferstunde niemals schlagen;
617
Ihm mag ein schmelzend Aug es noch so deutlich sagen,
618
Man mag ihn noch so sanft, warum er zittre, fragen,
619
Er zittert fort, und wo er danken soll
620
Da wirft er sich verzweiflungsvoll
621
Zu euern Füßen hin, und stottert bittre Klagen.
622
Er sieht den Vorteil nicht, den eine Stellung gibt,
623
Die, wie mich deucht, die Ehrfurcht nicht erfunden;
624
So sehr ihr Halstuch sich verschiebt,
625
So bleibt ihm doch die Hand gebunden:
626
Ihn reizt zu seiner Qual ein halbentdeckter Fuß;
627
Er sieht's und lechzt, wie Tantalus,
628
Am Quell der Lust vor durstigem Verlangen;
629
Ihm pocht sein Herz, und große Tropfen hangen
630
In seinem Aug, und auf den heißen Wangen;
631
Vielleicht entschließt sich allgemach
632
Sein matter Arm, sie sterbend zu umfangen;
633
Die Schöne sträubt sich, zwar nur schwach,
634
Ihr Auge lockt, ein wollustatmend Ach
635
Bekennt ihm seinen Sieg, und heißt ihn kühner werden;
636
Doch er – Madam, bei meiner Treu!
637
Ich glaubt es andern nicht, allein ich war dabei
638
Er denkt, sie zürnt, macht klägliche Gebärden,
639
Und weint, daß sie so grausam sei.«
644
»aus allem«, fuhr sie fort, »Madam,
645
Ist, deucht mich, klar, daß diese falsche Scham,
646
Die Blödigkeit, und wenn man will die Tugend
647
Der ersten unversuchten Jugend
648
Den stärksten Reizungen schon oft die Macht benahm;
649
Sie wird nur durch Ermunterungen
650
Nur durch Gefälligkeit und schlaue List bezwungen.
651
Man muß, so schwer's dem Stolze fällt,
652
Die ersten Schritte tun« – »Ich, sollte mich entschließen
653
Den ersten Schritt zu tun? Da wird er warten müssen!
654
Das tät ich nicht um alles in der Welt.«
655
»madam, Madam, was für Bedenklichkeiten!
656
Sie bleiben also, scheint's, bei ihrem Vorsatz fest,
657
Und nehmen demutsvoll was Ceres übrig läßt?«
663
Die Zofe, wie man denken kann,
664
Nimmt diesen Auftrag willig an;
665
Und daß sie keine Zeit verliert
666
Wird er noch diese Nacht sehr klüglich ausgeführt.
667
Ein kleiner Hain von Myrten und Schasminen
668
Erbietet sich, nicht weit vom Götter-Sitz,
669
Zum Vorbereitungs-Ort zu dienen.
670
Ob auch der Mond fein hübsch dazu geschienen,
671
Das gilt uns gleich; genug des Mädchens Witz
672
Fand diesesmal, zu jeden Teils Vergnügen,
673
Den Weg, die Blödigkeit des Knaben zu besiegen.
674
Kaum war die erste Schwierigkeit
675
Durch ihren Beistand überwunden,
676
So war auch seine Schüchternheit
677
Bis auf die kleinste Spur verschwunden.
678
Miß Iris selbst, die ziemlich kritisch war,
679
Fand seine Gaben wunderbar;
680
Auch tat sie was man kann, sie völlig zu entfalten.
681
Sie wußt ihn unverrückt im Atem zu erhalten;
682
Und niemals ward vielleicht in einer Sommer-Nacht
683
Ein Schüler halb so weit gebracht.
684
Indes verkündt dem Götter-Hofe
685
Der Glocke Klang des neuen Tages Licht.
686
Sie schleichen aus dem Hain, und die getreue Zofe
687
Erstattet bald, nach ihrer Pflicht,
688
An Junons Bett umständlichen Bericht –
689
Von allem? – Nun! das eben nicht!
690
Hingegen wird mit großem Wort-Gepränge
691
Das stumme Feuer abgemalt,
692
Das in Geheim sein zärtlich Herz versenge,
693
Seitdem zum erstenmal die unbegrenzte Menge
694
Von Junons Reizungen ihm ins Gesicht gestrahlt.
695
»es brauchte viele Müh, Madam,
696
Ihm sein Geheimnis abzuzwingen,
697
Er wand, er krümmte sich, doch mußt er endlich singen.
698
Das arme Kind! es glühte ganz vor Scham;
699
Ich denk ich bracht ihn gar zu Tränen.
700
Ich nannt ihm alle unsre Schönen,
701
›ist's Pallas, Cypria, Pomona Ceres?‹ – ›Nein!‹
702
›diana, Flora, Hebe,‹ – ›Nein!‹
703
›bei Amors Pfeil! So muß es Juno sein!‹
704
Hier wurd er blässer als Narzissen,
705
Und plötzlich wieder Feuer-rot.
706
Doch ich verschwatze mich, Madam soll das nicht wissen
707
Sie glauben nicht, wie scharf er mich bedroht.
708
Er rührte mich, ich will es frei gestehn,
709
Auch ließ ich ihn nicht trostlos von mir gehn,
710
Er seufzte gar zu schön! und kurz, das heiß ich lieben!
711
So liebt man nur das erstemal!
712
Ich bitte sehr die Lindrung seiner Qual
713
Aus Eigensinn nicht länger aufzuschieben.
714
Was zaudern sie, Hält sich der Herr Gemahl
715
An sein gegebnes Wort gebunden?
716
Sie irren sehr, er ist aufs neu verschwunden.
717
Ich hört es kaum von einer unsrer Stunden,
718
Im Vorgemach, die just durchs Fenster sah;
719
Er schlich sich mit Mercur ganz leise
720
Durchs Hinter-Türchen auf die Reise;
721
Wohin? das weiß man nicht, genug, er ist nicht da.
722
Vermutlich wird er itzt, wer weiß in welchen Hecken
723
Als Truthahn oder Schwan ein neues Ledchen decken.
724
Was hindert, daß Madam von ihm ein Beispiel nimmt?
725
Der Tag ist schön, und recht dazu bestimmt
726
stillen Freuden wegzufließen.
727
Wie wenn sie sich nach einem kleinen Bad
728
Im Schlummer überraschen ließen?
729
Sie schlafen fest, selbst unter seinen Küssen;
730
Dies muntert auf, man steigt von Grad zu Grad,
731
Und alles, was Madam dabei zu sorgen hat,
732
Ist, daß sie nicht zu früh erwache:
733
Für seinen Blödsinn weiß ich Rat,
734
Ihr Jawort nur! der Rest ist meine Sache!«
735
Die Göttin nickt ein lächelndes Verbot,
736
Und wird dabei bis an den Busen rot;
737
Doch Iris hat Verstand, und geht mit Ganymeden
738
Was Juno will, und nicht will, abzureden.
739
Der Abend kommt; Frau Juno schleicht ins Bad,
740
Läßt von den Stunden sich bedienen,
741
Und schickt sie weislich, da sie ihnen
742
Nichts weiter zu befehlen hat.
743
Nur Iris bleibt, besorgt was nötig ist,
744
Wünscht angenehme Ruh und schließt
745
Die Türe zu; vermutlich nur zum Schein;
746
Denn Ganymed, (wie wir uns sagen lassen)
747
Kam nicht durchs Schlüssel-Loch hinein.
748
Saturnia lag, abgeredter Maßen,
749
In tiefem Schlaf, als er erschien,
750
Vom Bade matt, auf einem Ruhebette,
751
Ein Liebes-Gott, doch nur von Marmor, schien
752
Mit kühner Hand den Vorhang wegzuziehn.
753
Sie lag in leichten Silber-Flor
754
Mit vieler Kunst gehüllt, und eine Blumen-Kette
755
Versteckte halb, was ihr Gewand
756
Den Augen noch gegönnet hätte;
757
Doch steigt halb unverhüllt die schöne Brust empor,
758
Dort reizt ein weißer Arm, und eine kleine Hand,
759
Hier ragt ein Knie wie Wachs hervor,
760
Und noch was mehr, das wenn er's itzt erblickte
761
Selbst Jupitern so sehr entzückte
762
Als seinen Freund, dem, fast von Lust entseelt,
763
Das Auge schwimmt, der Atem fehlt.
764
Er wagt's, es wird auf das was ihn entzückt
765
Der feuervollste Kuß gedrückt.
766
Wie zittert er, sie werde dran erwachen!
767
Allein sie schläft zu hart; nur zücket sie im Schlaf
768
Den schönen Ort, den seine Kühnheit traf
769
Er wird versteckt – um schönre Sachen
770
Dem trunknen Blick nicht länger zu entziehn.
771
Wer hätte hier den Mut zum fliehn?
772
Wen machte nicht ein solcher Anblick kühn?
773
Der Jüngling wird's, und decket sie mit Küssen.
774
Nun wird sie wohl erwachen müssen!
775
Ihr Schlaf war freilich hart, doch endlich wird sie wach,
776
Und hebt mit einem süßen »Ach!«
777
Ein irrend Aug – es wieder zuzuschließen.
778
Zum Unstern kam in diesem Augenblick
779
Herr Jupiter von seiner Fahrt zurück.
780
Der Tag war schwül. Sich zu erfrischen,
781
Und wär's auch nur von seiner Hoheit Fuß
782
Den Staub der Erden abzuwischen,
783
Ermuntert ihn Mercurius
784
Dem Bad, aus dem sie noch die Dünste steigen sehen,
785
im Götter-Garten zuzugehen.
786
Sie kommen an – und Iris sah sie nicht?
787
Wo hatte dann das Mädchen seine Augen?
788
Hier lerne man, was Hüterinnen taugen!
789
Entzog vielleicht der Schlaf sie ihrer Pflicht?
790
Nichts weniger – ich will es euch wohl sagen,
791
Doch im Vertraun – der junge Zephyr fand
792
Das gute Ding, das fleißig Wache stand,
793
Vor langer Weil an seinen Fingern nagen.
794
Der junge Zephyr war galant,
795
Das Mädchen hübsch, und (ohne sie zu schimpfen)
796
Verbuhlt genug – wir sehn bei diesem Lob
797
Sich hundert kleine Nasen rümpfen,
798
Doch Dichtern liegt die Pflicht der Wahrheit ob.
799
Genug, der junge Zephyr nahm
800
Sie bei der Hand, sie schwatzten tausend Sachen,
801
Und setzten sich, vielleicht ein Spiel zu machen,
802
Sie wußte selbst nicht wie es kam,
803
Zuletzt in einem Busche nieder.
804
Das war das Ganze! Hin und wieder
805
Mag wohl ein Kuß mit unterloffen sein;
806
Doch mehr gestand Miß Iris niemals ein.
807
Indes kommt Vater Zeus, und findt die Tür verschlossen,
808
Dies sagt ihm schon, daß jemand drinnen sei.
809
Er schleicht, anstatt sie aufzustoßen,
810
Aus Vorwitz oder Schäkerei
811
Dem Fenster zu – der Vorhang war gezogen,
812
Doch hörten sie (denn Götter hören fein)
813
Ich weiß nicht was, das sie zum Schluß bewogen,
814
Die Dame sei im Bade nicht allein.
815
Das Ding kömmt Jupitern nicht gar zu richtig vor,
816
Ihm jückts am Vorderhaupt, ihm singt das rechte Ohr,
817
Und kurz, es steigt ein kleiner Zweifel
818
Aus seiner linken Brust an seine Stirn empor.
819
Er macht sich klein, wie Miltons kleinsten Teufel,
820
Schlüpft in den Saal und sieht in stiller Ruh,
821
Wie einem Weisen ziemt, dem schönen Lustspiel zu,
822
Was arme Sterbliche in Feur und Flammen setzt,
823
Wird oft von Göttern kaum des Lächelns wert geschätzt.
824
Nur wundert ihn, die ungemeine Gaben,
825
Die seine liebe Frau bei diesem Anlaß zeigt,
826
Noch nie an ihr entdeckt zu haben.
827
Sein Wunder, sein Erstaunen steigt;
828
Je mehr er sieht, je mehr er höret,
829
So deutlich ward er nie belehret,
830
Wie sehr der äußre Schein betrügt.
831
Nachdem er nun mit ihrem Zeitvertreibe
832
Sich lange was zu gut getan,
833
So zeigt dem tugendreichen Weibe
834
Ein Donnerschlag des Mannes Ankunft an.
835
Ihr erster Augenblick war Schrecken,
836
Doch Junons fassen sich gar bald.
837
Ein bißchen Angst in beiden zu erwecken,
838
Erscheint itzt Zeus in eigenster Gestalt.
839
»glück zu, Madam! was zeigt ihr meinen Blicken?
840
Wir haben, scheint's, uns wenig vorzurücken,
841
Und eure Tugend, wie ich seh,
842
Schmilzt, kalt und dauerhaft, wie Schnee,
843
An fremdem Feur in strudelndes Entzücken?
844
Ihr pochtet noch vor kurzer Zeit
845
Auf eure Unbeweglichkeit;
846
Ich hätte selbst für euch geschworen!
847
Kein kälter Weib sei nie geboren!
848
Allein, Herr Ganymed, mein Kind,
849
Kann besser von der Sache reden;
850
Beim Styx! wenn alle meine Leden
851
Nicht gegen euch von Marmor sind,
852
So werde noch in dieser schönen Nacht
853
Silen an meiner statt zum Donnerer gemacht!
854
Jedoch im Ernst« – » Im Ernst, mein Herr Gemahl
855
Ihr tätet wohl, die Predigt hier zu schließen.
856
Ich hoff ihr werdet meine Wahl
857
Bei kaltem Blut noch selber loben müssen.
858
Sprich, wenn man bitten darf, schickt Ganymedes sich
859
Für mich nicht besser als für dich'
860
Wer von uns kann ihn wohl mit besserm Anstand küssen?«
861
»madame«, versetzt ihr Zeus, »die Frag ist überlei;
862
Ich sagt euch ja, daß ich hiebei
863
Den Sokrates zum Muster mir erwähle,
864
Und schöner Knaben schöne Seele
865
Allein der Gegenstand von meiner Liebe sei « -
866
»ganz gut, mein Herr, es steht euch frei
867
An ihren Seelen euch nach Herzenslust zu weiden;
868
Ich gönn euch diesen edeln Trieb,
869
Und nehme, wie ihr seht, bescheiden,
870
Mit ihrem gröbern Teil vorlieb.«