Endymion

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Christoph Martin Wieland: Endymion (1773)

1
In jener dichterischen Zeit
2
Mit deren Wundern uns der Amme Freundlichkeit
3
Durch manches Märchen einst in süßen Schlummer wiegte;
4
Als sorgenfreie Müßigkeit
5
Sich ohne Pflichten, ohne Streit,
6
Mit dem was die Natur freiwillig gab, begnügte,
7
Kein Mädchen spann, kein Jüngling pflügte,
8
Und manches tunlich war, was Basedow verbeut;
9
Eh noch der Stände Unterscheid
10
Aus Brüdern Nebenbuhler machte,
11
Und gleisnerische Heiligkeit
12
Das höchste Gut der Sterblichkeit,
13
Die Lust um ihre Unschuld brachte;
14
Und kurz, in jener goldnen Zeit,
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Da die Natur, von keinem Joch entweiht,
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Gesetze gab wodurch sie glücklich machte,
17
Die Welt noch kindisch war und alles scherzt' und lachte:
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In dieser Zeit lebt' einst auf Latmos Höhn
19
Ein junger Hirt, wie Ganymedes schön,
20
Schön wie Narciß, doch nicht so spröde,
21
Wie Ganymed, allein nicht halb so blöde.
22
So bald man weiß, Endymion
23
War schön, so denkt ein jeder schon
24
Daß ihn die Mädchen gerne sahen;
25
Zum mindsten liefen sie nie wenn er kam davon,
26
Das läßt sich ohne Scheu bejahen.
27
Die Chronik sagt noch mehr als ich
28
Den Musen selbst geglaubet hätte;
29
Sie buhlten, spricht sie, in die Wette
30
Um seine Gunst; sie stellten sich
31
Ihm wo er ging in Steg' und Wege;
32
Sie warfen ihm oft Blumen zu;
33
Und flohn dann hinter ein Gehäge;
34
Belauschten seine Mittags-Ruh
35
Und guckten, ob er sich nicht rege.
36
Man meint, daß er im Bad sogar
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Nicht immer ohne Zeugen war,
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Doch läßt sich das gewiß nicht sagen.
39
Genug, kaum fing es an zu tagen
40
So wurde schon von mancher schönen Hand
41
Der Blumen-Flur ihr schönster Schmuck entwandt;
42
So putzt sich schon, dem Schäfer zu gefallen,
43
Im Hain, am Bach, der Nymphen ganze Schar,
44
Die badet sich, die flicht ihr blondes Haar,
45
Die läßt es frei um weiße Schultern wallen.
46
Herabgebückt auf flüssige Cristallen
47
Belächelt sich die schöne Damalis;
48
Wie vieles macht sie ihres Siegs gewiß!
49
Ein Mund, der Küssen winkt, ein Lilien-Nacken,
50
Der Augen feuchter Glanz, ein perlengleich Gebiß,
51
Die freie Stirn, die Grübchen in den Backen,
52
Ein runder Arm, und o! der Thron der Lust
53
Die blendende, die Anmutsvolle Brust!
54
Sie sieht noch mehr, nichts zeigt sich ihren Blicken
55
Das nicht verdient selbst Götter zu berücken:
56
Sie sieht's und denkt, ob Leda ihrem Schwan
57
Mehr Reizungen gewiesen haben kann,
58
Und zittert doch und wünscht: o! fände mich
59
Endymion nur halb so schön als ich!
60
Die Schönheit wird mit Wunder angeblickt,
61
Doch nur Gefälligkeit entzückt.
62
War Juno nicht, war nicht Minerva schön
63
Als Zeus den Paris ausersehn
64
Den Streit der Schönheit zu entscheiden'
65
Man weiß, sie ließen sich, um bösen Schein zu meiden,
66
Dem Richter ohne Röcke sehn.
67
Lang ließ der Hirt von einem Reiz zum andern
68
Die ungewissen Blicke wandern,
69
Und zehnmal rief ein neuer Blick
70
Den schon gefaßten Schluß zurück:
71
Untadelich ist alles was sie zeigen;
72
Beisammen sind sie gleich; allein
73
Scheint jede reizender zu sein,
74
Was wird zuletzt des Schäfers Urteil neigen?
75
Der Juno Majestät! der Pallas Würde, – Nein!
76
Die flößen nichts als Ehrfurcht ein,
77
Ein stärkrer Reiz wird hier den Ausschlag geben müssen:
78
Sie, die so zaubrisch lächeln kann,
79
Die goldne Venus lacht ihn an,
80
Und Paris fällt zu ihren Füßen,
81
Und beut (ich tät es auch, so wahr ich ehrlich bin)
82
Beut um die Freiheit sie zu küssen
83
Der Lächelnden den goldnen Apfel hin.

84
So raubt die Freundlichkeit bei unserm Schäfer oft
85
Die Gunst, worauf die stolze Schönheit hofft.
86
Die welke Brust, die Schar der blassen Wangen
87
Erwerben sich durch zärtliches Bemühn,
88
Durch Blicke die an seinen Blicken hangen,
89
Und süßen Scherz, manch kleines Recht an ihn.
90
Wie eifern sie ihm liebzukosen!
91
Die schmückt sein Lamm, die kränzt ihm Hut und Stab;
92
Der Lenz wird arm an Blüt und Rosen,
93
Sie pflückten ganze Haine ab.
94
Sie wachten, daß ihn nichts in seinem Schlummer störte,
95
Sie pflanzten Lauben hin, wo er zu weiden pflag,
96
Und weil er gerne singen hörte
97
So sangen sie den ganzen Tag.
98
Des Tages Lust schließt bis zum Sternen-Glanz
99
Manch munters Spiel und mancher bunte Tanz,
100
Und trennt zuletzt die Nacht den frohen Reihn
101
So schläft er sanft auf Rosen-Betten ein.
102
Die Nymphen zwingt der keuschen Göttin Schein
103
Sich allgemach hinweg zu stehlen;
104
Sie zögern zwar, doch muß es endlich sein.
105
Sie geben ihm die Hand, die angenehmen Seelen!
106
Und wünschen ihm wohl zehnmal gute Nacht;
107
Doch weil der Schlaf sich oft erwarten macht,
108
Bleibt eine stets zurück, ihm Märchen zu erzählen.

109
Dem Glück in dieser Unterwelt.
110
Hat stets Beständigkeit gefehlt.

111
Der Schäfer war vergnügt, das Nymphen-Volk nicht minder,
112
In Unschuld lebten sie beisammen wie die Kinder,
113
Zu manchem Spiel, wobei man selten weint
114
Den ganzen Tag, oft auch bei Nacht, vereint.
115
Doch, wenn hat Ate je vergessen
116
Für jede Lust uns Schmerzen zuzumessen?

117
Der Nymphen schöne Königin
118
Erfuhr, man weiß nicht wie? Vielleicht von einem Faun
119
Der sie beschlich, vielleicht auch im Vertraun
120
Von einer alten Schäferin,
121
Der weil sie selbst nicht mehr gefiel
122
Der Jugend eitles Tun mißfiel;
123
Kurz, sie erfuhr das ganze Schäfer-Spiel.

124
Man kennt den strengen Sinn
125
Der schönen Jägerin
126
Die in der Götter-Schar
127
Die größte Spröde war.
128
Kein Sterblicher, kein Gott vermochte sie zu rühren.
129
Was sonst die Sprödesten vergnügt,
130
Sogar der Stolz, selbst unbesiegt,
131
Die Herzen im Triumph zu führen
132
War ihrem größern Stolz zu klein.
133
Sie zürnte schon, nur angesehn zu sein,
134
Bloß weil er sie vom Wirbel bis zur Nasen
135
Im Bad erblickt ward Acton einst zum Hasen.
136
Dies Beispiel flößte selbst dem Satyr Ehrfurcht ein.
137
Ihr schien ein Blick sie schon zu dreiste anzufühlen,
138
Kein Zephyr wagt's sie abzukühlen,
139
Und keine Blume schmückt' ihr Haar
140
Die einst ein hübscher Knabe war;
141
Von Liebe nur im Schlaf zu sprechen
142
Hieß bei Dianen schon ein strafbares Verbrechen:
143
Kurz, Männer-Haß und Sprödigkeit
144
Trieb selbst Minerva nicht so weit.

145
Man ratet leicht, in welche Wut
146
Der Nymphen Fall sie setzen mußte;
147
Es tobt' ihr jungferliches Blut
148
Daß sie sich kaum zu fassen wußte.
149
So zornig sahn die Nymphen sie
150
In keinem andern Falle nie.
151
Kallisto ließ sich doch von einem Gott besiegen,
152
Das milderte die Schnödigkeit der Tat;
153
Doch einem Hirten unterliegen
154
Wahrhaftig! das war Hochverrat.
155
Ein fliegender Befehl zitiert aus allen Hainen
156
Das Nymphen-Volk persönlich zu erscheinen.
157
Sie schleichen allgemach herbei,
158
Und keine lauft, daß sie die erste sei.
159
Die Göttin steht an ihren Spieß gelehnt
160
Und sieht mit ernstem Blick, der ihren Kummer höhnt,
161
Im ganzen Kreis nichts als beschämte Wangen,
162
Und Blicke, die zur Erde niederhangen.
163
»hofft nicht«, spricht sie, »durch Leugnen zu entgehn,
164
Man wird euch bald die Zunge lösen können,
165
Und werdet ihr nicht gütlich eingestehn
166
So soll euch mir der Gott zu Delphi nennen.
167
Durch Zaudern wird die Schuld nicht gut gemacht.
168
Nur hurtig! Jede von euch allen
169
Die sich verging, laß ihren Schleier fallen.«
170
Sie spricht's und – Hem! wer hätte das gedacht?
171
Diana spricht's, und – alle Schleier fallen.

172
Man stelle sich den Lermen vor
173
Den die beschämte Göttin machte,
174
Indem der lose Cypripor
175
Aus einer Wolke sah und laut herunter lachte.
176
»wie«, rief sie voller Wut empor,
177
(doch selbst die Wut verschönert ihre Wangen)
178
»du, Wildfang, hast dies Unheil angestellt,
179
Und kommst noch gar damit zu prangen!
180
Zwar rühmst du dich, daß alle Welt
181
Für ihren Sieger dich erkenne
182
Daß selbst der Vater Zeus so oft es dir gefällt
183
Von unerlaubten Flammen brenne;
184
Daß, seiner Majestät beraubt,
185
So oft du willt, der Götter Haupt
186
Bald als ein Drache, bald als Stier
187
Bald als ein böckischer Satyr,
188
Und bald mit Stab und Schäfer-Tasche
189
Der Nymphen Einfalt überrasche.
190
Doch trotze nicht zuviel auf deine Macht!
191
Die Siege die dir noch gelungen
192
Hat man dir leicht genug gemacht.
193
Wer selbst die Waffen streckt, wird ohne Ruhm bezwungen.
194
Auf mich, auf mich, die deine Macht verlacht,
195
Auf meine Brust laß deine Pfeile zielen.
196
(ich fordre dich vor tausend Zeugen auf!)
197
Sie werden sich vor halbem Lauf
198
In meinen feuchten Strahlen kühlen
199
Und stumpf und matt um meinen Busen spielen.
200
Du lachst? Versuch's erst was dein Bogen kann,
201
Versuch's an mir und sing und lache dann!
202
Doch stünd es dir, versichert! besser an
203
Du kämst statt Köcher, Pfeil und Bogen
204
Mit einem Vogel-Rohr geflogen.
205
Latonens Kindern nur gebührt
206
Der edle Schmuck der deinen Rücken ziert.
207
Bald hätt ich Lust, dich wehrlos heimzuschicken,
208
Und, weil dein Fliegen dich zu Streichen nur verführt,
209
Dir noch die Schwingen auszupflücken.
210
Doch flieh nur wie du bist; laß meinen Hain in Ruh,
211
Auf ewig flieh aus meinen Blicken,
212
Und flattre deinem Paphos zu;
213
Dort tummle dich auf weichen Rosen-Betten,
214
Mit deinen Grazien, und spiele blinde Kuh
215
Mit Zephyrn und mit Amoretten.«

216
Die Göttin spricht's. Mit lächelndem Gesicht
217
Antwortet ihr der kleine Amor – nicht.
218
Gelassen langt er nur von ungefähr
219
Den schärfsten Pfeil aus seinem Köcher her;
220
Doch steckt er ihn, als hätt er sich bedacht,
221
Gleich wieder an, sieht Phöben an und lacht:
222
»wie reizend schminkt der Eifer deine Wangen!
223
(ruft er, und tut als wollt er sie umfangen)
224
Ich wollte dir wie Amors Wunde sticht
225
Ein wenig zu versuchen geben;
226
Allein, bei meiner Mutter Leben!
227
Es braucht hier meiner Pfeile nicht.
228
An Spröden, die mir Hohn gesprochen,
229
Hat mich noch stets ihr eignes Herz gerochen:
230
Und, Schwesterchen, (doch unter dir und mir:)
231
Was nützt der Lerm? er könnte dich gereuen;
232
Weit sichrer wär's, die kleine Ungebühr
233
Den guten Kindern zu verzeihen.«

234
Die Nymphen lächelten, und Amor flog davon.
235
Die Göttin zürnt, und rächt an ihnen
236
Des losen Spötters Hohn.
237
»unwürdige! Dianen mehr zu dienen,
238
(spricht sie mit ernstem Angesicht)
239
Zur Strafe der vergeßnen Pflicht
240
Hat euch mein Mond zum letztenmal geschienen.
241
Sobald sein Wagen nur den Horizont besteigt,
242
Sei euch verwehrt im Hain herumzustreichen
243
Bis sich des Tages Herold zeigt;
244
Entflieht mit schnellem Fuß, die einen in die Eichen,
245
Die übrigen zu ihren Urnen hin;
246
Dort liegt und schlaft so lang ich Luna bin!«
247
Sie spricht's und geht die Drachen anzuspannen
248
Die ihren Silber-Wagen ziehn,
249
Und die bestraften Nymphen fliehn
250
Mehr traurig als belehrt von dannen.

251
Der Tag zerfließet nun
252
Im allgemeinen Schatten,
253
Und alle Wesen ruhn
254
Die sich ermüdet hatten;
255
Es schlummert Tal und Hain,
256
Die Weste selbst ermatten
257
Von ihren Buhlerein,
258
Und schlafen unter Küssen
259
Im Schoße von Narzissen
260
Und Rosen gähnend ein.
261
Der junge Satyr nur
262
Verfolgt der Dryas Spur;
263
Er reckt sein langes Ohr
264
Bei jedem leisen Zischen
265
Aus dem Gesträuch hervor,
266
Ein Nymphchen zu erwischen,
267
Das in den finstern Büschen
268
Vielleicht den Weg verlor.
269
Er sucht im ganzen Hain
270
Mit wohl zerzausten Füßen;
271
Umsonst! Der Göttin Dräun
272
Zwang sie sich einzuschließen;
273
Die armen Mädchen müssen
274
Für kürzre Nächte büßen
275
Und schlafen itzt allein.
276
Dem Faun sinkt Ohr und Mut,
277
Er kehrt mit kühlerm Blut
278
Beim ersten Morgen-Blick
279
Zu seinem Schlauch zurück.
280
Er denkt, mich zu erhenken
281
Da müßt ich albern sein!
282
Ich will die Liebespein
283
In süßem Most ertränken.

284
Indessen schwebt der Göttin Wagen schon
285
Nah über jenem Ort wo in des Geißblatts Schatten
286
Die Nymphen dir, Endymion,
287
Vielleicht auch sich, so sanft gebettet hatten.
288
Wie reizend lag er da! Nicht schöner lag Adon
289
An seiner Göttin Brust, die weil er schlief ihm wachte,
290
Mit Liebestrunknem Blick auf ihren Liebling lachte,
291
Und stillentzückt auf neue Freuden dachte;
292
Nicht schöner ward der junge Ganymed
293
Vom Vater Zeus, der große Augen dreht',
294
In Junons Armen einst gefunden;
295
Nicht schöner lag, durch doppelte Gewalt
296
Der Feerei und Schönheit überwunden,
297
Der Wollust atmende Rinald
298
Von seiner Zauberin umwunden:
299
Als hier, vom Schlaf gebunden,
300
Endymion – Gesteht, daß die Gefahr
301
Nicht allzuklein für eine Spröde war.
302
Das Sicherste war hier die Augen zuzumachen.
303
Sie tat es nicht und warf, jedoch nur obenhin
304
Und blinzend, einen Blick auf ihn.
305
Sie stutzt und hemmt den Flug der schnellen Drachen,
306
Schaut wieder hin, errötet, bebt zurück,
307
Und suchet mit verschämtem Blick
308
Ob sie vielleicht belauschet werde;
309
Doch da sie ganz allein sich sieht,
310
Lenkt sie mit ruhigerm Gemüt
311
Den Silber-Wagen sanft zur Erde,
312
Bückt sich, auf ihren Arm gestützt,
313
Mit halbem Leib heraus und überläßt sich itzt
314
Dem Anschaun ganz, womit nach Platons Lehren
315
Sich im Olymp die reinen Geister nähren.

316
Ein leicht beschattendes Gewand
317
Erlaubt den ungewohnten Blicken
318
Nur allzuviel sie zu berücken.
319
Man sagt so gar, sie zog mit leiser Hand
320
Auch dieses weg, doch wer hat zugesehen?
321
Und tat sie es, wofür wir keinem stehen,
322
So zog sie doch beim ersten Blick
323
Gewiß die Hand so schnell zurück
324
Als jenes Kind, das einst im Grase spielte,
325
Nach Blumen griff und eine Schlange fühlte.

326
Indessen klopft vermischt mit banger Lust
327
Ein süßer Schmerz in ihrer heißen Brust;
328
Ein zitterndes, wollüstiges Verlangen
329
Bewölkt ihr schwimmend Aug und brennt auf ihren Wangen.
330
Wo, Göttin, bleibt dein Stolz, die Sprödigkeit?
331
Dein Busen schmilzt wie Schnee in raschen Flammen.
332
Kannst du die Nymphen noch verdammen?
333
Was ihre Schuld verdient, ist's Tadel oder Neid?

334
Die Neugier hat, wie Zoroaster lehrt,
335
Von Anbeginn der Weiber Herz betört.
336
Man denkt ein Blick, von Ferne, von der Seiten,
337
Ein bloßer Blick, hat wenig zu bedeuten.
338
O! glaubet mir, ihr habt schon viel getan,
339
Der erste Blick zieht stets den andern an;
340
Das Auge wird (es sagt's ein weiser Mann)
341
Nicht satt vom Sehn, und Lunas Beispiel kann,
342
Uns hier, wie wahr er sagte, lehren.

343
Ihr Mädchen, die ihr spröde tut,
344
Hier solltet ihr ein wenig überhören;
345
Ich bin euch diesesmal für kein Erröten gut.
346
Die Fächer vors Gesicht!
347
Diana – Nein! um Welten
348
Verriet' ich dieses nicht,
349
Sie ließen mich's entgelten.
350
Des jungen Löwen Grimm,
351
Des raschen Einhorns Mut,
352
Ist nicht so ungestüm
353
Als junger Schönen Wut.
354
Sie könnten sich verschwören
355
Mir nimmer zu verzeihn.
356
Nein! Wahrheit, dir zu Ehren
357
Ein Märtyrer zu sein,
358
Bei Chloens Busen! Nein!
359
Das heißt zuviel begehren.
360
Doch, bin ich nicht zu scheu?
361
Man weiß, daß uns die Feen
362
Oft lieber allzufrei
363
Als allzuschüchtern sehen.
364
Die Jungen danken mir
365
Vielleicht noch gar dafür;
366
Die Weise lacht und spricht,
367
Mich ärgern Märchen nicht;
368
Und Miß Brigitte – Nun!
369
Die läßt man böse tun!

370
Der Gegenstand, der Ort, die Zeit,
371
Wird die Entschuldigung der Göttin machen müssen.
372
Selbst ihre Unerfahrenheit
373
Vermindert ihre Strafbarkeit.
374
So neu sie war, wie kann sie wissen,
375
Wie manche wissen's nicht, daß man
376
Vom Sehn sich auch berauschen kann?
377
Sie schaut, und da sie so wie aus sich selbst gerissen,
378
So unersättlich schaut, kommt ein Gelust sie an
379
Den schönen Schläfer gar – zu küssen.

380
Zu küssen? Ja, doch man verstehe mich
381
So züchtig, so unkörperlich,
382
So sanft wie junge Zephyrs küssen;
383
Mit den Gedanken nur
384
Von einem solchen Kuß,
385
Wovon Ovidius
386
Die ungetreue Spur
387
Nach mehr als einer Stunde
388
(laut seiner eignen Hand)
389
Auf seines Mädchens Munde
390
Und weißen Schultern fand.
391
Es kostet sie den Wunsch sich zu gestehen,
392
Sie glüht von keuscher Scham vom Wirbel bis zum Zehen,
393
Und lauscht und schaut sich um. Doch allgemeine Ruh
394
Herrscht weit umher im Tal und auf den Höhen,
395
Kein Blättchen rauscht. Itzt schleicht sie leis hinzu,
396
Bleibt unentschlossen vor ihm stehen,
397
Entschließt sich, bückt sich sanft auf seine Wangen hin,
398
Die, Rosen gleich, in süßer Röte glühn,
399
Und spitzt die Lippen schon, und itzt – itzt war's geschehen,
400
Als eine neue Furcht (wie leicht
401
Wird eine Spröde scheu!) sie schnell zurücke scheucht,
402
Sie möcht es noch so leise machen,
403
So könnte doch der Schläfer dran erwachen.
404
Was folgte drauf' Sie müßte weiter gehn,
405
Ihm ihre Neigung eingestehn,
406
Um seine Gegenliebe flehn
407
Und sich vielleicht – wer könnte das ertragen,
408
Vielleicht sich abgelesen sehn –
409
Welch ein Gedank! Kann Luna soviel wagen,
410
Bei einer Venus, ja, da möchte so was gehn,
411
Die gibt oft ungestraft den Göttern was zu spaßen,
412
Und kann sich eh im Netz ertappen lassen
413
Als ich, die nun einmal die Spröde machen muß,
414
Bei einem armen trocknen Kuß.
415
Und wie' er sollte mich zu seinen Füßen sehn?
416
Dianens Ehre sollt in seiner Willkür stehn?
417
Wie, Wenn er dann den Ehrfurchtsvollen machte
418
(man kennt der Schäfer Schelmerei)
419
Und meiner Schwachheit ohne Scheu
420
An einer Nymphe Busen lachte?
421
Wie würde die der Rache sich erfreun,
422
Und meine Schmach von Hain zu Hain
423
Den Schwestern in die Ohren raunen?
424
Die eine spräch's der andern nach,
425
Bald wißtens auch die Satyrs und die Faunen
426
Und sängen's laut beim nächtlichen Gelach.
427
In kurzem eilte die Geschichte
428
Vermehrt, verschönt, gleich einem Stadt-Gerüchte,
429
Bis zu der obern Götter Sitz;
430
Dem Momus, der beim Saft der Nektar-Reben
431
Die Götter lachen macht, und Junons scharfen Witz
432
Beim Teetisch neuen Stoff zu geben.

433
Die Göttin bebt, erblaßt und glüht
434
Vor so gefährlichen Gedanken,
435
Und wenn sie dort die Neigung zieht,
436
So macht sie hier die Klugheit wanken.
437
Man sagt, bei Spröden überzieh
438
Die Liebe doch die Vorsicht nie.
439
Ein Kuß mag freilich sehr behagen,
440
Doch ist's am Ende nur ein Kuß;
441
Und Freuden, wo man zittern muß,
442
Sind doch (was auch Ovide sagen)
443
Für Damen nicht, die gerne sicher gehn.
444
Sie fängt schon an nach ihrem Drachen-Wagen
445
Den scheuen Blick herumzudrehn,
446
Schon weicht ihr scheuer Fuß – doch bleibt er wieder stehn;
447
Sie kann den Trost sich nicht versagen
448
Nur einmal noch (sie hat ja nichts dabei zu wagen)
449
Den schönen Schläfer anzusehn.

450
»noch einmal?« ruft ein Casuist;
451
»und heißt denn das nicht alles wagen?«
452
Vielleicht; doch ist es, wie ihr wißt,
453
Genug, die Göttin loszusagen,
454
Daß sie es nicht gemeint; die Frist
455
War allzukurz, euch Rats zu fragen;
456
Und überdem vergönnet mir zu sagen,
457
Daß Escobar auf ihrer Seite ist.
458
Vorsichtig oder unvorsichtig,
459
(uns gilt es gleich) genug, soviel ist richtig,
460
Sie bückte sich noch einmal hin und sah,
461
(doch mit dem Vorsatz, ihn auf ewig dann zu fliehen)
462
Den holden Schläfer an. Betrogne Cynthia!
463
Sie sieht, schon kann sie ihm den Blick nicht mehr entziehen,
464
Und bald vergißt sie auch zu fliehen.
465
Ein fremdes Feuer schleicht durch ihren ganzen Leib,
466
Ihr feuchtes Aug erlischt, die runden Kniee beben,
467
Sie kennt sich selbst nicht mehr, und fühlt in ihrem Leben
468
Sich itzt zum erstenmal ein Weib.
469
Erst ließ sich ihr Gelust mit einem Kusse büßen,
470
Itzt wünscht sie schon sich satt an ihm zu küssen.
471
Doch macht sie stets die alte Sorge scheu.
472
Diana muß sich sicher wissen,
473
Und wird ein bißchen Feerei
474
Zu brauchen sich entschließen müssen.

475
Es wallt durch ihre Kunst
476
Ein zauberischer Dunst,
477
Von Schlummer-Kräften schwer,
478
Um ihren Liebling her.
479
Er dehnt sich, streckt ein Bein
480
Und schläft bezaubert ein.
481
Sie legt sich neben ihn
482
Aufs Rosenlager hin,
483
(es hatte, wie wir wissen,
484
Für eine Freundin Raum)
485
Und unter ihren Küssen
486
Den Schlaf ihm zu versüßen
487
Wird jeder Kuß ein Traum.

488
Ein Traumgesicht von jener Art,
489
Die oft, trotz Scapulier und Bart,
490
Sanct Franzens fette Seraphinen
491
In schwüler Sommer-Nacht bedienen;
492
Ein Traum, wovor selbst in der Fasten-Zeit
493
Sich keine junge Nonne scheut,
494
Der, wie das fromme Ding in seiner Einfalt denket,
495
Sie bis ins Paradies entzückt,
496
Mit einem Strom von Wollust tränket,
497
Und fühlen läßt was nie ihr Aug erblickt.

498
Ob Luna selbst dabei was abgezielet –
499
Ob ihr das schelmische Gesicht,
500
Cupido, einen Streich gespielet –
501
Entscheidet die Geschichte nicht.
502
Genug, wir kennen die und den,
503
Die gerne nie erwachen wollten,
504
Wenn sie Aeonenlang so schön
505
Wie unser Schäfer träumen sollten.

506
Was Jupiter als Ledas Schwan
507
Und als Europens Stier getan,
508
Wie er Alkmenen hintergangen,
509
Und wie der hinkende Vulcan
510
Sein Weibchen einst im Garn gefangen;
511
Wie stille Nymphen oft im Hain
512
Dem Faun zum Raube werden müssen,
513
Wie sie sich sträuben, bitten, dräun,
514
Ermüden, immer schwächer schrein,
515
Und endlich selbst den Räuber küssen;
516
Des Weingotts Zug, und wie um ihn
517
Die taumelnden Bacchanten schwärmen,
518
Wie sie von trunkner Freude glühn,
519
Und mit den Klapper-Blechen lermen;
520
Sie wiehern laut ihr Evoe!
521
Es hallt vom fernen Rhodope
522
Zurück; der Satyr hebt mit rasender Gebärde
523
Die nackte Menas in die Höh,
524
Und stampft in wildem Tanz die Erde.

525
Ein sanftrer Anblick folgt dem rohen Bacchanal.
526
Ein stilles, schattenvolles Tal
527
Führt ihn der Höhle zu, wo sich die Nymphen baden;
528
Diana selbst errötet nicht
529
(man merke, nur im Traumgesicht
530
Und von geschäftigen Najaden
531
Fast ganz verdeckt) von ihm gesehn zu sein.
532
Welch reizendes Gewühl! Es scheint vom Widerschein
533
So mancher weißen Brust die sich im Wasser bildet,
534
So manches goldnen Haars, die Flut hier übergüldet,
535
Dort Schnee im Sonnen-Glanz zu sein.
536
Sein trunknes Auge schlingt mit gierig offnen Blicken
537
So viele Reizungen hinein,
538
Er schwimmt in lüsternem Entzücken
539
Und wird vor Wunder fast zum Stein.

540
Man glaubt, daß Cynthia hiebei
541
Nicht ungerührt geblieben sei;
542
So süß auch Küsse sind, wenn wir Tibulle hören,
543
So haßt doch die Natur ein ewig Einerlei.
544
Beim Nectartisch und beim Konzert der Sphären
545
Sind Götter selbst nicht stets von Langerweile frei.
546
Zum mindsten sagt's Homer. Wie wird dann, satt von Küssen,
547
Diana sich zu helfen wissen?
548
»sie tat (so sagt der Faun, der sie beschlichen hat)
549
Was Platons Penia im Götter-Garten tat.«
550
»was tat dann die?« wird hier ein Neuling fragen?
551
Sie legte – Ja doch! Nur gemach!
552
Schlagt euern Plato selber nach,
553
Das läßt sich nur auf Griechisch sagen.
554
Verliebt und weise sein, ist, wie ein Alter glaubt,
555
Den Göttern kaum, den Menschen nie erlaubt.
556
Wer ganz Empfindung ist, kann keine Schlüsse machen.
557
Der Gegenstand, der itzt Dianen an sich zieht,
558
Macht, wie Galen bemerkt, nebst Wallung im Geblüt,
559
Die Augen übergehn und die Vernunft erschwachen;
560
Und Martialis muß gestehn,
561
Daß selbst Cornelia, die Mutter beider Gracchen,
562
Mit kaltem Blut ihn selten angesehn.

563
Die Spröden mögen sich hier ein Exempel nehmen.
564
Das schöne Volk nicht zu beschämen,
565
Verschwieg ich gern, wie tief Diana fiel;
566
Allein der Faun verriet das ganze Spiel.
567
Zum Unglück war's der schlimmste unter allen.
568
Er hatte, wie gesagt, den Nymphen zu gefallen
569
Den ganzen Hain umsonst durchspürt,
570
Und dachte gleich zu seinen vollen Schläuchen
571
Sich unbemerkt zurückzuschleichen,
572
Als aus den nahen Myrten-Sträuchen
573
Sein lauschend Ohr ein wollust-atmend Keuchen
574
Ein liebliches Geseufz und süßes Girren rührt.
575
Der Satyr stutzt und denkt bei sich:
576
Hier ist man glücklicher als ich,
577
Dies Seufzen hat was zu bedeuten.
578
So seufzt, beim Styx! trostlose Liebe nicht.
579
Er schleicht dem Tone nach und sieht ein hellers Licht
580
Sich über das Gebüsch verbreiten,
581
Schleicht immer fort, entdeckt das Drachen-Paar,
582
Die ungeduldig sich am leeren Wagen sträuben,
583
Und stutzt noch mehr. Wie, denkt er, mag wohl gar
584
Diana, die so spröde war,
585
Die Männer-Hasserin, sich hier die Zeit vertreiben,
586
Kaum denkt er's aus, so zeigt ein neuer Blick
587
Ihm Lunas Fall und Amors Meisterstück.
588
O! Göttin, welch ein Augenblick;
589
Wie wird der rohe Faun dich höhnen!
590
Ein andrer schliche sich von einer solchen Szenen
591
Mit abgewandtem Aug aus Großmut still zurück;
592
Er würde sich sogar noch Zweifel machen,
593
Und hieß es nur ein täuschend Nacht-Gesicht:
594
Allein in Faunen wohnt so viele Tugend nicht.

595
Ein wildes überlautes Lachen
596
Weckt sie, und zeigt den Zeugen ihrer Lust.
597
Sie hebt ein sterbend Aug und schließt es plötzlich wieder,
598
Ein kalter Schaur durchfährt die aufgelösten Glieder,
599
Vor Schrecken starrt die ausgedehnte Brust.
600
Sie sinkt betäubt bei ihrem Schäfer nieder,
601
Und seufzt und weint, daß sie nicht sterben kann.
602
Ach! käm er nur, der dürre Knochen-Mann,
603
Er sollt ihr Liebling sein! Sie wollte mit Entzücken
604
Sein faul Geripp an ihren Busen drücken!
605
Was kaum so reizend war sieht sie mit Grauen an.
606
Wie wälzt auf Rosen sich als wie auf Kohlen-Feuer,
607
Des Zephyrs Atem deucht ihr Pest,
608
Endymion ein Ungeheuer,
609
Die weite Welt ein Drachen-Nest.
610
Sie so betrübt zu sehn, das schmelzte Tartar-Herzen,
611
Der Faun bleibt ungerührt; er lacht noch ihrer Schmerzen,
612
Und leert den schalen Witz, den er bei manchem Schmaus
613
Gesammelt hat, bei diesem Anlaß aus;
614
Sieht sie auf ihren Arm sich stumm und trostlos stemmen,
615
Und eine Tränenflut, die nicht zu stillen war,
616
Den schönsten Busen überschwemmen,
617
Sieht's und erfrecht sich, der Corsar!
618
Durch Küsse ihren Lauf zu hemmen.
619
Sie stößt ihn weg, doch nur mit matter Hand.
620
Was hälf ihr gegen einen Zeugen
621
Von dieser Art ein stolzer Widerstand?
622
Es liegt zuviel an seinem Schweigen.
623
Der ungeduldige Sylvan
624
An dem schon alle Adern glühen,
625
Verspricht und droht zugleich. Sie sieht ihn schüchtern an,
626
Errötet, staunt, und sucht, was sie nicht hindern kann,
627
Zum wenigsten noch aufzuziehen.
628
Was soll sie tun? Hier ist die Antwort schwer;
629
Dem größern zu entgehn ein kleiners Übel leiden?
630
Um bösen Ruf und Ärgernis zu meiden
631
Erlaubt Caramuel wohl mehr.

632
Ein Umstand ist dabei, der ihr sich zu entschließen
633
Noch leichter macht. Ihr graut vor seinem Bart,
634
Dem weiten Maul, den rauhen Ziegenfüßen,
635
Dem Hörner-Paar, das ihm aus schwarzen Locken starrt.
636
Sie hofft von ihrer Schuld bei so verhaßten Küssen
637
Zum wenigsten die Hälfte abzubüßen,
638
Und ihrem zärtlichen Gewissen
639
Scheint keine Züchtigung für ihr Vergehn zu hart.
640
Der Satyr preßt; es Hilft kein ekles Sträuben;
641
»nur gutes Muts, Frau Feen-Königin!
642
Was schielt ihr so nach euerm Schäfer hin?
643
Vergeßt ihn itzt! wenn ich so glatt nicht bin,
644
So soll mir doch ein andrer Vorzug bleiben.«

645
Die Göttin seufzt, der Waldgott schwört
646
(doch nicht beim Styx!) die Sache zu verhehlen;
647
Er zeigt sich seines Namens wert,
648
Und da zuletzt sie mehr zu quälen
649
Aurorens Ankunft ihm verwehrt,
650
Bedankt er sich, wie sich's gehört,
651
Und eilt, sein Glück den Brüdern zu erzählen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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