1
In jener dichterischen Zeit
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Mit deren Wundern uns der Amme Freundlichkeit
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Durch manches Märchen einst in süßen Schlummer wiegte;
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Als sorgenfreie Müßigkeit
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Sich ohne Pflichten, ohne Streit,
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Mit dem was die Natur freiwillig gab, begnügte,
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Kein Mädchen spann, kein Jüngling pflügte,
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Und manches tunlich war, was Basedow verbeut;
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Eh noch der Stände Unterscheid
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Aus Brüdern Nebenbuhler machte,
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Und gleisnerische Heiligkeit
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Das höchste Gut der Sterblichkeit,
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Die Lust um ihre Unschuld brachte;
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Und kurz, in jener goldnen Zeit,
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Da die Natur, von keinem Joch entweiht,
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Gesetze gab wodurch sie glücklich machte,
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Die Welt noch kindisch war und alles scherzt' und lachte:
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In dieser Zeit lebt' einst auf Latmos Höhn
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Ein junger Hirt, wie Ganymedes schön,
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Schön wie Narciß, doch nicht so spröde,
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Wie Ganymed, allein nicht halb so blöde.
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So bald man weiß, Endymion
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War schön, so denkt ein jeder schon
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Daß ihn die Mädchen gerne sahen;
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Zum mindsten liefen sie nie wenn er kam davon,
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Das läßt sich ohne Scheu bejahen.
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Die Chronik sagt noch mehr als ich
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Den Musen selbst geglaubet hätte;
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Sie buhlten, spricht sie, in die Wette
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Um seine Gunst; sie stellten sich
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Ihm wo er ging in Steg' und Wege;
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Sie warfen ihm oft Blumen zu;
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Und flohn dann hinter ein Gehäge;
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Belauschten seine Mittags-Ruh
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Und guckten, ob er sich nicht rege.
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Man meint, daß er im Bad sogar
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Nicht immer ohne Zeugen war,
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Doch läßt sich das gewiß nicht sagen.
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Genug, kaum fing es an zu tagen
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So wurde schon von mancher schönen Hand
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Der Blumen-Flur ihr schönster Schmuck entwandt;
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So putzt sich schon, dem Schäfer zu gefallen,
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Im Hain, am Bach, der Nymphen ganze Schar,
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Die badet sich, die flicht ihr blondes Haar,
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Die läßt es frei um weiße Schultern wallen.
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Herabgebückt auf flüssige Cristallen
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Belächelt sich die schöne Damalis;
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Wie vieles macht sie ihres Siegs gewiß!
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Ein Mund, der Küssen winkt, ein Lilien-Nacken,
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Der Augen feuchter Glanz, ein perlengleich Gebiß,
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Die freie Stirn, die Grübchen in den Backen,
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Ein runder Arm, und o! der Thron der Lust
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Die blendende, die Anmutsvolle Brust!
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Sie sieht noch mehr, nichts zeigt sich ihren Blicken
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Das nicht verdient selbst Götter zu berücken:
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Sie sieht's und denkt, ob Leda ihrem Schwan
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Mehr Reizungen gewiesen haben kann,
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Und zittert doch und wünscht: o! fände mich
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Endymion nur halb so schön als ich!
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Die Schönheit wird mit Wunder angeblickt,
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Doch nur Gefälligkeit entzückt.
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War Juno nicht, war nicht Minerva schön
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Als Zeus den Paris ausersehn
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Den Streit der Schönheit zu entscheiden'
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Man weiß, sie ließen sich, um bösen Schein zu meiden,
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Dem Richter ohne Röcke sehn.
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Lang ließ der Hirt von einem Reiz zum andern
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Die ungewissen Blicke wandern,
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Und zehnmal rief ein neuer Blick
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Den schon gefaßten Schluß zurück:
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Untadelich ist alles was sie zeigen;
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Beisammen sind sie gleich; allein
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Scheint jede reizender zu sein,
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Was wird zuletzt des Schäfers Urteil neigen?
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Der Juno Majestät! der Pallas Würde, – Nein!
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Die flößen nichts als Ehrfurcht ein,
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Ein stärkrer Reiz wird hier den Ausschlag geben müssen:
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Sie, die so zaubrisch lächeln kann,
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Die goldne Venus lacht ihn an,
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Und Paris fällt zu ihren Füßen,
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Und beut (ich tät es auch, so wahr ich ehrlich bin)
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Beut um die Freiheit sie zu küssen
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Der Lächelnden den goldnen Apfel hin.
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So raubt die Freundlichkeit bei unserm Schäfer oft
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Die Gunst, worauf die stolze Schönheit hofft.
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Die welke Brust, die Schar der blassen Wangen
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Erwerben sich durch zärtliches Bemühn,
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Durch Blicke die an seinen Blicken hangen,
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Und süßen Scherz, manch kleines Recht an ihn.
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Wie eifern sie ihm liebzukosen!
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Die schmückt sein Lamm, die kränzt ihm Hut und Stab;
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Der Lenz wird arm an Blüt und Rosen,
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Sie pflückten ganze Haine ab.
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Sie wachten, daß ihn nichts in seinem Schlummer störte,
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Sie pflanzten Lauben hin, wo er zu weiden pflag,
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Und weil er gerne singen hörte
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So sangen sie den ganzen Tag.
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Des Tages Lust schließt bis zum Sternen-Glanz
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Manch munters Spiel und mancher bunte Tanz,
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Und trennt zuletzt die Nacht den frohen Reihn
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So schläft er sanft auf Rosen-Betten ein.
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Die Nymphen zwingt der keuschen Göttin Schein
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Sich allgemach hinweg zu stehlen;
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Sie zögern zwar, doch muß es endlich sein.
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Sie geben ihm die Hand, die angenehmen Seelen!
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Und wünschen ihm wohl zehnmal gute Nacht;
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Doch weil der Schlaf sich oft erwarten macht,
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Bleibt eine stets zurück, ihm Märchen zu erzählen.
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Man kennt den strengen Sinn
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Die in der Götter-Schar
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Die größte Spröde war.
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Kein Sterblicher, kein Gott vermochte sie zu rühren.
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Was sonst die Sprödesten vergnügt,
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Sogar der Stolz, selbst unbesiegt,
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Die Herzen im Triumph zu führen
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War ihrem größern Stolz zu klein.
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Sie zürnte schon, nur angesehn zu sein,
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Bloß weil er sie vom Wirbel bis zur Nasen
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Im Bad erblickt ward Acton einst zum Hasen.
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Dies Beispiel flößte selbst dem Satyr Ehrfurcht ein.
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Ihr schien ein Blick sie schon zu dreiste anzufühlen,
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Kein Zephyr wagt's sie abzukühlen,
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Und keine Blume schmückt' ihr Haar
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Die einst ein hübscher Knabe war;
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Von Liebe nur im Schlaf zu sprechen
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Hieß bei Dianen schon ein strafbares Verbrechen:
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Kurz, Männer-Haß und Sprödigkeit
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Trieb selbst Minerva nicht so weit.
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Man ratet leicht, in welche Wut
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Der Nymphen Fall sie setzen mußte;
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Es tobt' ihr jungferliches Blut
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Daß sie sich kaum zu fassen wußte.
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So zornig sahn die Nymphen sie
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In keinem andern Falle nie.
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Kallisto ließ sich doch von einem Gott besiegen,
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Das milderte die Schnödigkeit der Tat;
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Doch einem Hirten unterliegen
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Wahrhaftig! das war Hochverrat.
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Ein fliegender Befehl zitiert aus allen Hainen
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Das Nymphen-Volk persönlich zu erscheinen.
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Sie schleichen allgemach herbei,
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Und keine lauft, daß sie die erste sei.
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Die Göttin steht an ihren Spieß gelehnt
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Und sieht mit ernstem Blick, der ihren Kummer höhnt,
161
Im ganzen Kreis nichts als beschämte Wangen,
162
Und Blicke, die zur Erde niederhangen.
163
»hofft nicht«, spricht sie, »durch Leugnen zu entgehn,
164
Man wird euch bald die Zunge lösen können,
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Und werdet ihr nicht gütlich eingestehn
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So soll euch mir der Gott zu Delphi nennen.
167
Durch Zaudern wird die Schuld nicht gut gemacht.
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Nur hurtig! Jede von euch allen
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Die sich verging, laß ihren Schleier fallen.«
170
Sie spricht's und – Hem! wer hätte das gedacht?
171
Diana spricht's, und – alle Schleier fallen.
172
Man stelle sich den Lermen vor
173
Den die beschämte Göttin machte,
174
Indem der lose Cypripor
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Aus einer Wolke sah und laut herunter lachte.
176
»wie«, rief sie voller Wut empor,
177
(doch selbst die Wut verschönert ihre Wangen)
178
»du, Wildfang, hast dies Unheil angestellt,
179
Und kommst noch gar damit zu prangen!
180
Zwar rühmst du dich, daß alle Welt
181
Für ihren Sieger dich erkenne
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Daß selbst der Vater Zeus so oft es dir gefällt
183
Von unerlaubten Flammen brenne;
184
Daß, seiner Majestät beraubt,
185
So oft du willt, der Götter Haupt
186
Bald als ein Drache, bald als Stier
187
Bald als ein böckischer Satyr,
188
Und bald mit Stab und Schäfer-Tasche
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Der Nymphen Einfalt überrasche.
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Doch trotze nicht zuviel auf deine Macht!
191
Die Siege die dir noch gelungen
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Hat man dir leicht genug gemacht.
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Wer selbst die Waffen streckt, wird ohne Ruhm bezwungen.
194
Auf mich, auf mich, die deine Macht verlacht,
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Auf meine Brust laß deine Pfeile zielen.
196
(ich fordre dich vor tausend Zeugen auf!)
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Sie werden sich vor halbem Lauf
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In meinen feuchten Strahlen kühlen
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Und stumpf und matt um meinen Busen spielen.
200
Du lachst? Versuch's erst was dein Bogen kann,
201
Versuch's an mir und sing und lache dann!
202
Doch stünd es dir, versichert! besser an
203
Du kämst statt Köcher, Pfeil und Bogen
204
Mit einem Vogel-Rohr geflogen.
205
Latonens Kindern nur gebührt
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Der edle Schmuck der deinen Rücken ziert.
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Bald hätt ich Lust, dich wehrlos heimzuschicken,
208
Und, weil dein Fliegen dich zu Streichen nur verführt,
209
Dir noch die Schwingen auszupflücken.
210
Doch flieh nur wie du bist; laß meinen Hain in Ruh,
211
Auf ewig flieh aus meinen Blicken,
212
Und flattre deinem Paphos zu;
213
Dort tummle dich auf weichen Rosen-Betten,
214
Mit deinen Grazien, und spiele blinde Kuh
215
Mit Zephyrn und mit Amoretten.«
216
Die Göttin spricht's. Mit lächelndem Gesicht
217
Antwortet ihr der kleine Amor – nicht.
218
Gelassen langt er nur von ungefähr
219
Den schärfsten Pfeil aus seinem Köcher her;
220
Doch steckt er ihn, als hätt er sich bedacht,
221
Gleich wieder an, sieht Phöben an und lacht:
222
»wie reizend schminkt der Eifer deine Wangen!
223
(ruft er, und tut als wollt er sie umfangen)
224
Ich wollte dir wie Amors Wunde sticht
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Ein wenig zu versuchen geben;
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Allein, bei meiner Mutter Leben!
227
Es braucht hier meiner Pfeile nicht.
228
An Spröden, die mir Hohn gesprochen,
229
Hat mich noch stets ihr eignes Herz gerochen:
230
Und, Schwesterchen, (doch unter dir und mir:)
231
Was nützt der Lerm? er könnte dich gereuen;
232
Weit sichrer wär's, die kleine Ungebühr
233
Den guten Kindern zu verzeihen.«
234
Die Nymphen lächelten, und Amor flog davon.
235
Die Göttin zürnt, und rächt an ihnen
236
Des losen Spötters Hohn.
237
»unwürdige! Dianen mehr zu dienen,
238
(spricht sie mit ernstem Angesicht)
239
Zur Strafe der vergeßnen Pflicht
240
Hat euch mein Mond zum letztenmal geschienen.
241
Sobald sein Wagen nur den Horizont besteigt,
242
Sei euch verwehrt im Hain herumzustreichen
243
Bis sich des Tages Herold zeigt;
244
Entflieht mit schnellem Fuß, die einen in die Eichen,
245
Die übrigen zu ihren Urnen hin;
246
Dort liegt und schlaft so lang ich Luna bin!«
247
Sie spricht's und geht die Drachen anzuspannen
248
Die ihren Silber-Wagen ziehn,
249
Und die bestraften Nymphen fliehn
250
Mehr traurig als belehrt von dannen.
284
Indessen schwebt der Göttin Wagen schon
285
Nah über jenem Ort wo in des Geißblatts Schatten
286
Die Nymphen dir, Endymion,
287
Vielleicht auch sich, so sanft gebettet hatten.
288
Wie reizend lag er da! Nicht schöner lag Adon
289
An seiner Göttin Brust, die weil er schlief ihm wachte,
290
Mit Liebestrunknem Blick auf ihren Liebling lachte,
291
Und stillentzückt auf neue Freuden dachte;
292
Nicht schöner ward der junge Ganymed
293
Vom Vater Zeus, der große Augen dreht',
294
In Junons Armen einst gefunden;
295
Nicht schöner lag, durch doppelte Gewalt
296
Der Feerei und Schönheit überwunden,
297
Der Wollust atmende Rinald
298
Von seiner Zauberin umwunden:
299
Als hier, vom Schlaf gebunden,
300
Endymion – Gesteht, daß die Gefahr
301
Nicht allzuklein für eine Spröde war.
302
Das Sicherste war hier die Augen zuzumachen.
303
Sie tat es nicht und warf, jedoch nur obenhin
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Und blinzend, einen Blick auf ihn.
305
Sie stutzt und hemmt den Flug der schnellen Drachen,
306
Schaut wieder hin, errötet, bebt zurück,
307
Und suchet mit verschämtem Blick
308
Ob sie vielleicht belauschet werde;
309
Doch da sie ganz allein sich sieht,
310
Lenkt sie mit ruhigerm Gemüt
311
Den Silber-Wagen sanft zur Erde,
312
Bückt sich, auf ihren Arm gestützt,
313
Mit halbem Leib heraus und überläßt sich itzt
314
Dem Anschaun ganz, womit nach Platons Lehren
315
Sich im Olymp die reinen Geister nähren.
380
Zu küssen? Ja, doch man verstehe mich
381
So züchtig, so unkörperlich,
382
So sanft wie junge Zephyrs küssen;
384
Von einem solchen Kuß,
387
Nach mehr als einer Stunde
388
(laut seiner eignen Hand)
389
Auf seines Mädchens Munde
390
Und weißen Schultern fand.
391
Es kostet sie den Wunsch sich zu gestehen,
392
Sie glüht von keuscher Scham vom Wirbel bis zum Zehen,
393
Und lauscht und schaut sich um. Doch allgemeine Ruh
394
Herrscht weit umher im Tal und auf den Höhen,
395
Kein Blättchen rauscht. Itzt schleicht sie leis hinzu,
396
Bleibt unentschlossen vor ihm stehen,
397
Entschließt sich, bückt sich sanft auf seine Wangen hin,
398
Die, Rosen gleich, in süßer Röte glühn,
399
Und spitzt die Lippen schon, und itzt – itzt war's geschehen,
400
Als eine neue Furcht (wie leicht
401
Wird eine Spröde scheu!) sie schnell zurücke scheucht,
402
Sie möcht es noch so leise machen,
403
So könnte doch der Schläfer dran erwachen.
404
Was folgte drauf' Sie müßte weiter gehn,
405
Ihm ihre Neigung eingestehn,
406
Um seine Gegenliebe flehn
407
Und sich vielleicht – wer könnte das ertragen,
408
Vielleicht sich abgelesen sehn –
409
Welch ein Gedank! Kann Luna soviel wagen,
410
Bei einer Venus, ja, da möchte so was gehn,
411
Die gibt oft ungestraft den Göttern was zu spaßen,
412
Und kann sich eh im Netz ertappen lassen
413
Als ich, die nun einmal die Spröde machen muß,
414
Bei einem armen trocknen Kuß.
415
Und wie' er sollte mich zu seinen Füßen sehn?
416
Dianens Ehre sollt in seiner Willkür stehn?
417
Wie, Wenn er dann den Ehrfurchtsvollen machte
418
(man kennt der Schäfer Schelmerei)
419
Und meiner Schwachheit ohne Scheu
420
An einer Nymphe Busen lachte?
421
Wie würde die der Rache sich erfreun,
422
Und meine Schmach von Hain zu Hain
423
Den Schwestern in die Ohren raunen?
424
Die eine spräch's der andern nach,
425
Bald wißtens auch die Satyrs und die Faunen
426
Und sängen's laut beim nächtlichen Gelach.
427
In kurzem eilte die Geschichte
428
Vermehrt, verschönt, gleich einem Stadt-Gerüchte,
429
Bis zu der obern Götter Sitz;
430
Dem Momus, der beim Saft der Nektar-Reben
431
Die Götter lachen macht, und Junons scharfen Witz
432
Beim Teetisch neuen Stoff zu geben.
433
Die Göttin bebt, erblaßt und glüht
434
Vor so gefährlichen Gedanken,
435
Und wenn sie dort die Neigung zieht,
436
So macht sie hier die Klugheit wanken.
437
Man sagt, bei Spröden überzieh
438
Die Liebe doch die Vorsicht nie.
439
Ein Kuß mag freilich sehr behagen,
440
Doch ist's am Ende nur ein Kuß;
441
Und Freuden, wo man zittern muß,
442
Sind doch (was auch Ovide sagen)
443
Für Damen nicht, die gerne sicher gehn.
444
Sie fängt schon an nach ihrem Drachen-Wagen
445
Den scheuen Blick herumzudrehn,
446
Schon weicht ihr scheuer Fuß – doch bleibt er wieder stehn;
447
Sie kann den Trost sich nicht versagen
448
Nur einmal noch (sie hat ja nichts dabei zu wagen)
449
Den schönen Schläfer anzusehn.
450
»noch einmal?« ruft ein Casuist;
451
»und heißt denn das nicht alles wagen?«
452
Vielleicht; doch ist es, wie ihr wißt,
453
Genug, die Göttin loszusagen,
454
Daß sie es nicht gemeint; die Frist
455
War allzukurz, euch Rats zu fragen;
456
Und überdem vergönnet mir zu sagen,
457
Daß Escobar auf ihrer Seite ist.
458
Vorsichtig oder unvorsichtig,
459
(uns gilt es gleich) genug, soviel ist richtig,
460
Sie bückte sich noch einmal hin und sah,
461
(doch mit dem Vorsatz, ihn auf ewig dann zu fliehen)
462
Den holden Schläfer an. Betrogne Cynthia!
463
Sie sieht, schon kann sie ihm den Blick nicht mehr entziehen,
464
Und bald vergißt sie auch zu fliehen.
465
Ein fremdes Feuer schleicht durch ihren ganzen Leib,
466
Ihr feuchtes Aug erlischt, die runden Kniee beben,
467
Sie kennt sich selbst nicht mehr, und fühlt in ihrem Leben
468
Sich itzt zum erstenmal ein Weib.
469
Erst ließ sich ihr Gelust mit einem Kusse büßen,
470
Itzt wünscht sie schon sich satt an ihm zu küssen.
471
Doch macht sie stets die alte Sorge scheu.
472
Diana muß sich sicher wissen,
473
Und wird ein bißchen Feerei
474
Zu brauchen sich entschließen müssen.
506
Was Jupiter als Ledas Schwan
507
Und als Europens Stier getan,
508
Wie er Alkmenen hintergangen,
509
Und wie der hinkende Vulcan
510
Sein Weibchen einst im Garn gefangen;
511
Wie stille Nymphen oft im Hain
512
Dem Faun zum Raube werden müssen,
513
Wie sie sich sträuben, bitten, dräun,
514
Ermüden, immer schwächer schrein,
515
Und endlich selbst den Räuber küssen;
516
Des Weingotts Zug, und wie um ihn
517
Die taumelnden Bacchanten schwärmen,
518
Wie sie von trunkner Freude glühn,
519
Und mit den Klapper-Blechen lermen;
520
Sie wiehern laut ihr Evoe!
521
Es hallt vom fernen Rhodope
522
Zurück; der Satyr hebt mit rasender Gebärde
523
Die nackte Menas in die Höh,
524
Und stampft in wildem Tanz die Erde.
540
Man glaubt, daß Cynthia hiebei
541
Nicht ungerührt geblieben sei;
542
So süß auch Küsse sind, wenn wir Tibulle hören,
543
So haßt doch die Natur ein ewig Einerlei.
544
Beim Nectartisch und beim Konzert der Sphären
545
Sind Götter selbst nicht stets von Langerweile frei.
546
Zum mindsten sagt's Homer. Wie wird dann, satt von Küssen,
547
Diana sich zu helfen wissen?
548
»sie tat (so sagt der Faun, der sie beschlichen hat)
549
Was Platons Penia im Götter-Garten tat.«
550
»was tat dann die?« wird hier ein Neuling fragen?
551
Sie legte – Ja doch! Nur gemach!
552
Schlagt euern Plato selber nach,
553
Das läßt sich nur auf Griechisch sagen.
554
Verliebt und weise sein, ist, wie ein Alter glaubt,
555
Den Göttern kaum, den Menschen nie erlaubt.
556
Wer ganz Empfindung ist, kann keine Schlüsse machen.
557
Der Gegenstand, der itzt Dianen an sich zieht,
558
Macht, wie Galen bemerkt, nebst Wallung im Geblüt,
559
Die Augen übergehn und die Vernunft erschwachen;
560
Und Martialis muß gestehn,
561
Daß selbst Cornelia, die Mutter beider Gracchen,
562
Mit kaltem Blut ihn selten angesehn.
563
Die Spröden mögen sich hier ein Exempel nehmen.
564
Das schöne Volk nicht zu beschämen,
565
Verschwieg ich gern, wie tief Diana fiel;
566
Allein der Faun verriet das ganze Spiel.
567
Zum Unglück war's der schlimmste unter allen.
568
Er hatte, wie gesagt, den Nymphen zu gefallen
569
Den ganzen Hain umsonst durchspürt,
570
Und dachte gleich zu seinen vollen Schläuchen
571
Sich unbemerkt zurückzuschleichen,
572
Als aus den nahen Myrten-Sträuchen
573
Sein lauschend Ohr ein wollust-atmend Keuchen
574
Ein liebliches Geseufz und süßes Girren rührt.
575
Der Satyr stutzt und denkt bei sich:
576
Hier ist man glücklicher als ich,
577
Dies Seufzen hat was zu bedeuten.
578
So seufzt, beim Styx! trostlose Liebe nicht.
579
Er schleicht dem Tone nach und sieht ein hellers Licht
580
Sich über das Gebüsch verbreiten,
581
Schleicht immer fort, entdeckt das Drachen-Paar,
582
Die ungeduldig sich am leeren Wagen sträuben,
583
Und stutzt noch mehr. Wie, denkt er, mag wohl gar
584
Diana, die so spröde war,
585
Die Männer-Hasserin, sich hier die Zeit vertreiben,
586
Kaum denkt er's aus, so zeigt ein neuer Blick
587
Ihm Lunas Fall und Amors Meisterstück.
588
O! Göttin, welch ein Augenblick;
589
Wie wird der rohe Faun dich höhnen!
590
Ein andrer schliche sich von einer solchen Szenen
591
Mit abgewandtem Aug aus Großmut still zurück;
592
Er würde sich sogar noch Zweifel machen,
593
Und hieß es nur ein täuschend Nacht-Gesicht:
594
Allein in Faunen wohnt so viele Tugend nicht.
595
Ein wildes überlautes Lachen
596
Weckt sie, und zeigt den Zeugen ihrer Lust.
597
Sie hebt ein sterbend Aug und schließt es plötzlich wieder,
598
Ein kalter Schaur durchfährt die aufgelösten Glieder,
599
Vor Schrecken starrt die ausgedehnte Brust.
600
Sie sinkt betäubt bei ihrem Schäfer nieder,
601
Und seufzt und weint, daß sie nicht sterben kann.
602
Ach! käm er nur, der dürre Knochen-Mann,
603
Er sollt ihr Liebling sein! Sie wollte mit Entzücken
604
Sein faul Geripp an ihren Busen drücken!
605
Was kaum so reizend war sieht sie mit Grauen an.
606
Wie wälzt auf Rosen sich als wie auf Kohlen-Feuer,
607
Des Zephyrs Atem deucht ihr Pest,
608
Endymion ein Ungeheuer,
609
Die weite Welt ein Drachen-Nest.
610
Sie so betrübt zu sehn, das schmelzte Tartar-Herzen,
611
Der Faun bleibt ungerührt; er lacht noch ihrer Schmerzen,
612
Und leert den schalen Witz, den er bei manchem Schmaus
613
Gesammelt hat, bei diesem Anlaß aus;
614
Sieht sie auf ihren Arm sich stumm und trostlos stemmen,
615
Und eine Tränenflut, die nicht zu stillen war,
616
Den schönsten Busen überschwemmen,
617
Sieht's und erfrecht sich, der Corsar!
618
Durch Küsse ihren Lauf zu hemmen.
619
Sie stößt ihn weg, doch nur mit matter Hand.
620
Was hälf ihr gegen einen Zeugen
621
Von dieser Art ein stolzer Widerstand?
622
Es liegt zuviel an seinem Schweigen.
623
Der ungeduldige Sylvan
624
An dem schon alle Adern glühen,
625
Verspricht und droht zugleich. Sie sieht ihn schüchtern an,
626
Errötet, staunt, und sucht, was sie nicht hindern kann,
627
Zum wenigsten noch aufzuziehen.
628
Was soll sie tun? Hier ist die Antwort schwer;
629
Dem größern zu entgehn ein kleiners Übel leiden?
630
Um bösen Ruf und Ärgernis zu meiden
631
Erlaubt Caramuel wohl mehr.