»nadine, komm, und misch in deinen Kuß

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Christoph Martin Wieland: »nadine, komm, und misch in deinen Kuß Titel entspricht 1. Vers(1773)

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»nadine, komm, und misch in deinen Kuß
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Den Zauberton, der Philomelens gleichet,
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Indes die Nacht mit unbemerktem Fuß
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Den jungen Tag in Florens Arm beschleichet.

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Ein Augenblick wird schon zu teur versäumt;
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Sie fliehn, sie fliehn mit Flügeln an den Füßen,
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Die Stunden fliehn, die unter unsern Küssen
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Ein Quincika

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Hat meinen letzten Hauch dein Mund einst aufgeküßt,
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Was folget uns ins öde Reich der Schatten?
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Ach! die Erinnerung was wir genossen hatten
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Ist mehr vielleicht als dann uns übrig ist.«

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So spricht Amynt, und drückt, indem er's spricht,
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An ihren Schwanenhals sein glühendes Gesicht,
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Und fühlt, vom Arm der Liebe sanft umwunden,
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Den ganzen Wert der eilenden Sekunden.

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Mit Augen, wo die Traurigkeit
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In süße Wollust schmilzt, verschämt, doch hingerissen
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Von eurer Macht, Natur und Zärtlichkeit,
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Entwindt sie lässig nur sich seinen heißen Küssen.

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Die schlaue Nacht zieht jüngferlich bescheiden
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Ein Wölkchen, wie vom dünnsten Silberflor,
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Dem Seitenblick der spröden Luna vor;
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Ein Rosenbusch wächst schnell um sie empor,
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Und ungesehn umflattert sie ein Chor
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Von

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Nur Einer aus der kleinen Schar
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Ein junger
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Den eine
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Setzt schalkhaft auf dem braunen Haar
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An deiner Stirn, Nadine, sich zurechte.

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Amynt wird ihn zuletzt gewahr,
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Und will den losen Gaukler fangen;
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Allein der Scherz, der leicht von Füßen war,
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Entschlüpft, und flieht in eins der Grübchen ihrer Wangen.

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Auch hier verfolget ihn Amynt.
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Nun, denkt er, soll mir's doch in ihren Lippen glücken!
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Ja! wäre nicht sein Gegner schnell besinnt
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Den kleinen Gott mit Küssen zu ersticken.

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Er zappelt, wie ein junger Aal
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Im feuchten Netz, und schlägt und sträubt sich mit den Flügeln,
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Bis zwischen sanft erhabnen Hügeln
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Von warmem Schnee ein dämmernd Rosental
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Sich ihm entdeckt. – Er glitscht an einer Leiter
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Von Bändern unvermerkt herab.
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Umsonst! Der Mund, der keine Rast ihm gab,
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Folgt ihm durch Berg und Tal, und treibt ihn immer weiter.

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Wohin, o Venus, soll er fliehn?
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Wo kann er zu entrinnen hoffen?
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Wie soll er sich der Schmach, erhascht zu sein, entziehn?
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Wo ist noch eine Zuflucht offen?

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So wie ein Reh, vom frühen Horn erweckt,
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Mit raschem Lauf, der kaum das Gras berühret,
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Von Bergen flieht, dann steht, die Ohren reckt,
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Dann schneller eilt, vom Nachhall fortgeschreckt,
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Und sich zuletzt in einen Hain verlieret,
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Wo krauser Büsche Nacht ihm seinen Feind versteckt:

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So eilt der schlaue
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So leis er kann in eine Freistatt sich,
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Wo ihn sein Jäger sicherlich
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Nicht suchen werde, zu verstecken.

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Der Flüchtling glaubt, in Paphos tiefstem Hain,
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Wo, unentdeckt sogar bei Sonnenschein,
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Sich Amor oft an Spröden schon gerochen,
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Glaubt in Cytherens Heiligtum,
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In Dädals Labyrinth, ja im Elysium
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Nicht sicherer zu sein als wo er sich verkrochen.

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Allein der Liebesgötter Schar
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Die, Bienen gleich, doch unsichtbar,
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In Trauben an Nadinens Wangen,
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An ihrem Rosenmund, an ihrem Busen hangen,
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Bemerkten bald die reizende Gefahr,
73
Und schrien laut – als es zu späte war:
74
»ach! Brüderchen, du bist gefangen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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