An die durchlauchtigste Herzogin Anna Amalia

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Christoph Martin Wieland: An die durchlauchtigste Herzogin Anna Amalia (1773)

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Was hab ich, leider! ohne Frucht
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an diesem Abend nicht versucht,
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um, meiner Fürstin zu Preis und Ehren,
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in dieser Gratulantenzeit
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die dreimal drei Kastalische Dören
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zu einem Liede zu beschwören?
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Und weil die Musen sonder Streit
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zur guten Geisterschar gehören,
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die man (wie Doctor Obereit
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und andre weise Männer lehren)
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durch
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griff ich das Werk mit
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goß Storax und Borax, Musk und Mazis,
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und Jusquiam und Aloës
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und sieben andre Species
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die Avicenna, Psellus und Razis
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uns vorgeschrieben, auf Kohlenglut
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in vollem Glauben und festem Mut,
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die vorbesagten Kastalischen Feen
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leibhaftig, alle drei zumal,
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vor meinem Pult erscheinen zu sehen.
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Der Rauch stieg, wie zu Alpenhöhen
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ein Nebel aus einem engen Tal,
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in Wolken hoch zum Sternensaal
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empor – Allein, bei allen Busen
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der großen Diana zu Ephesus!
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wer, mir zum bittersten Verdruß,
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nicht kam – das waren meine Musen.

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Itzt fing mir, wie ich sagen muß,
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die Galle mächtig an zu sprudeln.
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»nein!« rief ich, in meinem Zorn, »beim Styx!
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So sollen die Jungfern mich nicht hudeln!
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Erscheinen sie nicht augenblicks,
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mit einem demutsvollen Knicks
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ihr bestes Lied mir vorzududeln:
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so soll, ich schwörs beim Wunderzahn
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des Obermeisters aller Affen,
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beim großen Zaubrer Hanneman,
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so soll Hans Faust mir Recht verschaffen!«
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Wiewohl ich mit Herrn Urian
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sonst auf dem besten Fuß nicht stehe,
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und, weil er mir von Jugend an
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schon manchen bösen Tück getan,
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ihm sonst gern aus dem Wege gehe,
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für diesmal bringt die Not mich dran.
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Es schlägt schon Eins! Bald kräht der Hahn
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und auch ein Blatt nur voll zu reimen
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ist keine Minute zu versäumen.

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Zwar muß ich bekennen,
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mir ward ein wenig grün und blau
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vorm Auge, da ich den ersten Bogen
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zum Zauberkreis um mich gezogen.
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Allein nun war der Rubicon
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passiert, und nennt mir den Haymons Sohn
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dem nicht das Herz, wenn's Ernst gilt, schlottert!
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Genug, ich stund in meinem Kreis
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und las – zwar freilich ein wenig leis –
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(mit unter ward auch wohl gestottert)
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mit hochemporgehaltnem Stab
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den ganzen
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durch den sonst, wie wir alle wissen,
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die Geister unterm Monde stracks
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auf allen Vieren, wie ein Dachs,
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herangekrochen kommen müssen.
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Allein, wo auch der Fehler gesteckt,
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das Zauberwerk blieb ohne Effekt.
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Zitieren kann jeder die Geister freilich;
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doch, ob sie kommen wollen, das steht
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bei ihnen! – »Unglücklicher Poet!
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Ist dies dein Lohn? So lang und treulich
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dienst du den Hexen vom Helikon
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wohl sechs und dreißig Jahre schon
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und drüber! Hast so treubeflissen
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so manchen schönen Gänsekiel
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in ihrem sauren Dienst zerbissen,
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so manche Stanze gedreht, soviel
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nach Reimen, wie Kakadus nach Nüssen,
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und Baham nach Fliegen, haschen müssen,
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und ach! so manches Ries Papier
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für sie besudelt und zerrissen,
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und das ist nun der Dank dafür!«

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So rief ich mit gesenkten Ohren,
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allein die Musen hörten's nicht;
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und, Zauber, Rauchwerk, Öl und Licht
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kurz, Malz und Hopfen war verloren!
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Ja freilich im ganzen Heiligen Reich
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ist diesen eigensinnigen Miezen
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von alten zieraffischen Cantatrizen
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kein Maid of Honour an Laune gleich.
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Ich möchte wie Orlando rasen,
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wenn ich bedenke, wie leicht es auch
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den Mädchen war, mit Einem Hauch
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die schönsten Verse mir einzublasen!
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Nun sitz ich, sauge wie ein Gauch
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am Daumen, ziehe mich bei der Nasen,
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kratz hinterm Ohr, reib an der Stirne,
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und strapaziere mein Gehirne
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und melkte doch eher von einem Bock
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den besten Wein aus Languedoc
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als einen einzigen Fingerhut
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voll Witz aus meinem Occiput.

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Was nun zu machen? Allenfalls
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gleich einem Schwan mit langem Hals
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was am Gesange fehlt durch Heulen
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ersetzen? Wir würden die Ehre zwar
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Mit mancher
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doch scheint in solchen Fällen klar,
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das Klügste sei zum Schlusse zu eilen;
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denn Heulen quadriert doch nur auf Eulen,
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und Persiflieren bringt Gefahr.
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Drum wünsch ich ohne längeres Weilen
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mit diesen treugemeinten Zeilen
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Drei hundert Fünf und Sechzig Tage,
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an denen von der ganzen Schar
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der magern Sorgen keine nage:
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auf jeden Tag an reinem Ertrage
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stets volle vier und zwanzig Stunden
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die Stunde zu Sechzig Minuten gezählt,
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und jede Minute zu Sechzig Secunden,
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und jede Secunde, daß keine fehlt,
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von einem reinen Genuß beseelt,
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mit etwas dessen man gerne sich wieder
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erinnert wenn alles andre fehlt,
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und frei von allem was Seel und Glieder
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was Augen, Ohren und – Füße quält.

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Im übrigen ist, zumal im Grünen
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von Longus und von Lucian
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als Kammerjunkern sich bedienen
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zu lassen, immer wohlgetan.
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Zwar sind die Herren, an denen man
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sich schon zweitausend Jahre zu Tode
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gelesen, ein wenig aus der Mode;
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doch immer für eine Episode
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noch gut genug, und haben auch
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vor andern edeln Kammertieren
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die Tugend und den löblichen Brauch
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die Fürsten nicht länger zu ennuyieren
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als Ihnen selbst belieben mag.
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Das übrige alles was dieser Tag
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zu wünschen pflegt, sei den Najaden
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Sylphiden, Dryaden und Oreaden
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und allen den geistigen
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die mit der Sublunarischen Welt
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gern oder ungern sich beladen,
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ins Werk zu setzen heimgestellt!
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Wohl dem, dem Alles wie's ist gefällt!
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Und so empfehl ich mich zu Gnaden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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