2

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christoph Martin Wieland: 2 (1773)

1
Von feinerem Gefühl getrieben
2
Vertauschte mit dem Hirtenstand
3
Apollo den Olymp. Er stieg herab, und fand
4
Die Menschen, die man ihm bald gar zu gut beschrieben
5
Bald gar zu schlimm, wie's immer pflegt zu gehn,
6
Die Leutchen, mußt er sich gestehn,
7
Gewännen näher angesehn;
8
Und setzte man sich nur auf
9
So wären sie doch ganz was andres, als sie schienen,
10
Da er aus seinen Wolkenhöhn
11
Wer weiß wie schief auf sie herunter schielte.
12
Mit Einem Wort: Apoll, so bald er
13
Entdeckte – was er nie als Göttersohn gewußt –
14
Es schlage was in seiner linken Brust;
15
Und unvermerkt, mit lauter Scherz und Spielen,
16
Lernt Seine Gottheit auch für arme Menschlein fühlen,
17
Nimmt fröhlich Teil an ihrer Lust,
18
Entdeckt sogar, auch das sei wahre Lust,
19
Und von der besten Art, mit andern sich betrüben,
20
Kurz, schmeckt die Wollust
21
Zum ersten Male ganz und rein,
22
Und merkt zuletzt – (was ihm bisher geheim geblieben)
23
Die

24
Was von Thessaliens Volk Apoll
25
Nicht alles lernte! Tausend Sachen
26
Wovon euch Göttern nie ein Wörtchen träumen soll:
27
Den losen Scherz, das wohlgemute Lachen
28
Gedrückt von keinem Zwanggesetz,
29
Und ohne Absicht, ohne Schraube,
30
Das trauliche, gutlaunige Geschwätz
31
Beim Abendstern in einer Sommerlaube,
32
Und, o! den großen
33
Mehr freie Herzen zu gewinnen,
34
Als Mahmud oder Dschingiskan
35
Sich Sklaven durch sein Schwert gewann,
36
Den Zauber, den die Charitinnen
37
Cytherens Gürtel eingewebt,
38
Was jeden Mangel deckt und jeden Reiz erhebt,
39
Verlange nichts voraus, – wir werden
40
So wie du
41
Die, ohne daß sie auf ihn
42
In frohem Mut und dumpfem Sinn
43
Das Herz ihm aus dem Busen spielte,
44
Ward seine
45
»ein bloßer Hirt – ist's möglich? –
46
Dem schönsten Gott?« – Das schrie um Rache! – Schon
47
Ergriff sein Zorn den mächtgen
48
Zu gutem Glück entfloh der Senn ein sanfter
49
Er stutzt, und plötzlich kommt ein Einfall angeflogen,
50
Der seinen Eifer kühlt und bald zum Mittel wird
51
Das Ziel, wornach er lüstet, zu erreichen.
52
Halt! denkt er, bist du hier was anders als ein Hirt?
53
Was foderst du voraus vor deines gleichen?
54
Dem Hirten, der
55
Der
56
Das Herz ist frei und Lieb erzwingt sich nie.

57
Stracks geht er hin und macht aus seinem Bogen
58
Ein Werkzeug des Gefühls; der Dolmetsch süßer Pein,
59
Die neue
60
In seinem Arm, und schwirret durch den Hain.
61
Herbei gelockt von ihren süßen Tönen
62
Versammeln sich um ihn die Hirten und die Schönen,
63
Ein jedes will des Wunders Zeuge sein.
64
Bald wirkt der Zauber, Arme schlingen
65
In Arme sich, den Füßen wachsen Schwingen,
66
Der ungelehrte Tanz dreht rasch sich um ihn her,
67
Und wer war glücklicher als er!

68
Wie lieben alle nun den Schöpfer ihrer Freuden!
69
Er ist, wiewohl in Schäfertracht,
70
Ein Gott für sie! Er hat sie glücklicher gemacht.
71
Wie freundlich nun ihm jede Hirtin lacht!
72
Wie drängt man sich, um nah an ihm zu weiden!
73
Und wenn am warmen Abendglanz
74
Im Rosenbusch, zu Chloens Füßen –
75
Indes die Holde manchen süßen
76
Verstohlnen Blick am halb geflochtnen Kranz
77
Herunter schlüpfen läßt – wenn dann die sanfte Leier
78
Der Liebe Schmerzen mit gedämpftem Klang
79
So zärtlich klagt, stets näher sein Gesang
80
Ans Herz sich schmiegt, das durch den leichten Schleier
81
Stets höher schlägt, und nun, wenn sich in vollem Feuer
82
Der Harmonienstrom ergießt,
83
In süßem Mitgefühl zerfließt:
84
O welche Wonne ist's – in diesem Augenblicke
85
Ein
86
Wie wenig ist
87
In ihren Freuden selbst sind Götter stets –

88
Apoll behielt in seinem Hirtenstande
89
Vom Gott allein des Wohltuns edle Macht.
90
Mit jedem Tag erwacht
91
Das Volk am Peneusstrande
92
Zu neu geborener Lust.
93
Ein feineres Gefühl entfaltet sich ganz leise
94
In jeder Brust,
95
Man sieht und hört nicht mehr nach alter Weise,
96
Der Nebel fällt vom Antlitz der Natur,
97
Und o! wie schön, wie neu ist Wald und Flur!
98
Man fühlt sich selbst in allen Wesen leben,
99
Vom Blümchen, das der Erd entspringt,
100
Zum Vogel, der in hohen Wipfeln singt,
101
Scheint alles uns vom Seinen was zu geben,
102
Verwebt uns alles mit ins allgemeine Weben.
103
Der holde Geist der Eintracht schlingt
104
Sein goldnes Band um alle, stimmt die Herzen
105
Zu sanften Freuden, süßen Schmerzen;
106
Die lange Weile flieht, und nur zu leicht beschwingt
107
Entfliehen itzt, man weiß nicht wie, die Stunden,
108
Die man vordem so drückend lang gefunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.