Ode

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Christoph Martin Wieland: Ode (1773)

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Ihr stillen Tiefen, denen mein Geist sich oft
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Betrachtend nähert, Tiefen der Ewigkeit,
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Geheimnisvolle dunkle Gründe,
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Wo die Gedanken so gern versinken,

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Seid mir gegrüßet! Festliche Ewigkeit,
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Ich fühl, ich fühl es, daß ich unsterblich bin.
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Ihr Engel, ach! ihr Seher Gottes,
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Lächelt mir euerm Freund entgegen!

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Die höchste Hoffnung welche der Seraph wagt
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Ist mir gegeben, bin ich von Staube gleich.
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Ich bin ein Christ. O mein Messias,
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Auch für mich hast du den Thron erobert.

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Die Mitternächte, die wie unendlich sonst
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Mich schrecken würden, hellet mein Glaube auf,
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Ich seh durch ungemessne Räume
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In die Versammlung der Auserwählten,

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Der Sänger Gottes, die Dich, o Menschenfreund,
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O Gott Erlöser, die dich mit Augen sehn;
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Ich sehe namenlose Freuden
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Auf den Gefilden des neuen Himmels.

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Hat wohl mein Engel sanft, im Vorübergehn,
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Mein Aug berühret? Welche Entzückungen
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Umglänzen mich! Wie ungleich allem
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Was ich vorher mit Entzückung ehrte.

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Bin ichs auch selber? O wie erbebt mein Geist,
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Wie lieblich bebt er unter der süßen Last
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Der hohen schwellenden Gedanken,
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Welche den werdenden Engel bilden!

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Fleug, meine Seele, einen behendern Flug
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Als Seraphs Schwingen, fleug die Gefilde durch,
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Die, voll von Gott der sich enthüllet,
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Sich unermeßlich vor dir eröffnen.

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Wer dürft es wagen, ohne Vermessenheit
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So groß zu hoffen? Ohne Vermessenheit
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Darf es der Christ. Der nennt den Himmel
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Und die Äonen sein altes Erbe.

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Unsterblichs Leben, Abgrund von Hoffnungen,
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Was fehlt der Seele, welche dich glauben darf?
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Dort wird dies Leben sich entwickeln,
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Dorten wird was ich hier Unglück nannte

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Zu Jubel werden. Ach! wie beruhigt mich
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Die süße Hoffnung! O wie zerfließt mein Herz
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In Vorempfindung meiner Wonne –
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Freunde, dort werd ich euch wiederfinden.

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Ihr die ich liebe, die ihr mir ähnlich seid,
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Wie ich, gefühlvoll für die harmonische
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Erhabne Tugend, ach dort eil ich
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Euch mit verbreitetem Arm entgegen!

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Dort drückt dein Antlitz, denkender Br[eitinger]
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Dem Cherub ähnlich Eifer für Wahrheit aus,
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Dort lächelt meines B[odmers] Auge
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Mir mit belohnendem Blick entgegen.

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Auch du, Philokles, – du, mein geliebter H[eß]
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Du auch, du Sipha unsrer verdorbnen Zeit!
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Und du mit Daphnens schöner Unschuld
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Redlicher Sch[inz] wirst mich da umarmen.

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Dann schau ich um mich, denn mein verlangend Herz
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Fühlt daß du fehlest – aber nun kommst du auch
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Herbei, o zärtliche Melissa,
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Und dein gefühlvolles Aug weint Freude.

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Mit holdem Lächeln führet Irene dich,
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Wie triumphiert Sie daß Sie dich wiederfand!
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Wie segnet sie die teure Stunde
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Da Ihr auf Erden zuerst euch fandet!

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Auch jene Stunde, die mir so festlich ist,
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Da mich euch beide Sariel suchen hieß;
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Und jede goldene Minute
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Die wir der Weisheit und Freundschaft weihten.

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Itzt wird die Freundschaft, welche die Tugend band,
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Die schönste Neigung unter den Sterblichen,
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Zu Lieb erhöhet, wie die Engel
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Wie sich die Geister im Äther lieben.

73
Du auch, Ismene, öffne den holden Arm,
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Du sanfte Unschuld! lächle mir wieder zu,
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Wie an des Neckars grünen Ufern,
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Wo die platonische Weisheit lauschte.

77
Doch wer ist diese, welcher die Seraphim
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Da sie vorbeigeht, wundernd entgegensehn,
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Ihr Blick ist Unschuld, die sich fühlet,
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Zärtlich und lächelnd ihr ganzes Wesen.

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Wie klopft mein Herze! was für Empfindungen
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Was für Entzückung! – ach! so empfand ich einst
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Für Eine nur! – ja, ja, sie ist es.
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Könnte mein Herze sie wohl verkennen?

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Du bist's, Serena, laßt mich, ihr Freundinnen!
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Sie ist, sie ist es! Ach! sie ist wieder mein!
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Laß mich der neuen Liebe Tränen
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Von der hellglänzenden Wange küssen.

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O weine nicht mehr! Schönste der zärtlichen
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Geliebten Seelen, die ich auf Erden fand,
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Mit namenlosen Sympathien
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Mit mir verbunden und mir die gleichste.

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Ach! mehr als Liebe, war es, o Göttliche
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Viel mehr als Freundschaft, was ich für dich empfand,
95
Komm, laß uns von den Engeln lernen
96
Namen dem hohen Gefühl zu geben.

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Auch warst du schöner als sonst die Seelen sind,
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Die, ihres Ursprungs Hoheit uneingedenk,
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In Staub verhüllt, entstellt und dämmernd,
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Geistlos, nur sinnliche Reize atmen.

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Der Himmel wußt es, solche Empfindungen
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Drückt keine Liebe, keine Umarmung aus;
103
So wie ich dich, Serena, liebte,
104
Konnte kein Sterblicher mehr dich lieben.

105
Sei ganz Entzückung! Kein labyrinthisches
106
Verborgnes Schicksal trennt uns, o Freundin, mehr,
107
Sieh diese Paradies' uns winken,
108
Sieh die Äonen die um uns schimmern!

109
Sei mir gegrüßet, himmlische Ewigkeit,
110
In welche Freuden läßt du hinübersehn!
111
Empfangt uns, amaranthne Lauben,
112
Englische Lauten, ertönt von Liebe!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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