Alles schlief um mich her, traurige Stille lag

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Christoph Martin Wieland: Alles schlief um mich her, traurige Stille lag Titel entspricht 1. Vers(1773)

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Alles schlief um mich her, traurige Stille lag,
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Also schien es dem Schmerz, auf der entschlafnen Welt,
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Gleich der schauernden Stille
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An dem Morgen des Weltgerichts.

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Jeder nächtliche Hauch schien mir ein Widerhall
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Meiner Seufzer zu sein; wie mit erbleichtem Glanz
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Eine sterbende Sonne
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Ihren zitternden Welten scheint,

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Also schien mir der Mond, aber er hörte nicht
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Meine Klagen. Doch der, der in Serenens Brust
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Jeder heiligen Neigung
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Sanftgebietende Stimme hört,

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Hörte mich! Du auch vielleicht, Unter den Seraphim
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Vor den andern beglückt, den er Serenen gab,
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Daß der Tugenden keine
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Ohne himmlischen Zeugen sei,

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Auch du sahest vielleicht wie ich geängstigt lag,
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Ganz mit Kummer umzäunt! Denn sie entflohen mir,
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Sie, durch die ich noch lebte,
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Tausend selige Hoffnungen.

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Als ich weinend so lag, ringsum von furchtbaren
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Künftigkeiten geschreckt; Siehe da trat das Bild
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Meiner sterbenden Freundin
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Vor mein bebendes Angesicht.

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Allzuschön für die Welt, die Sie verkennet hat,
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Und zum Himmel schon reif, hatte der Ewige
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Sie zu seiner Belohnung
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Von der Erden hinweg gerückt.

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Denn sie hatte nunmehr, nach des Geschickes Schluß
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Alle Tränen geweint. Gottmensch, du zähltest sie
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Und bestimmtest zum Lohne
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Jeder Trän eine Ewigkeit!

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Die mit denen Sie oft, unter die Seraphim
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Schon zum Thron hin entzückt, betend am Himmel hing,
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Ihre zärtlichen Augen,
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Fielen ernst und gebrochen zu.

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Fromme Unschuld, ein Herz welches nicht heucheln kann
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Das gewohnt ist dem Blick, des der Allwissend ist
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Seine Gedanken zu zeigen,
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Und die zärtlichste Menschenhuld

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Spricht ihr Angesicht noch! Aber was sagt mir hier
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Dieser traurige Zug, der aus dem himmlischen
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Sanften Lächeln hervorbricht?
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Und auch Englische Seher rührt.

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Also lag sie vor mir, die ich mit Zärtlichkeit
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Mit Verehrung geliebt, deren erhabner Blick,
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Gleich als wär sie mein Schutzgeist,
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Mich zu jeglicher Tugend rief.

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Ach! der blühende Leib, den die Natur so schön,
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Wie zur Ewigkeit, schuf; soll er zu Staub verblühn?
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Und dies Antlitz der Liebe,
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Seiner Seele getreues Bild!

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Weinet, die ihr sie kennt, Edlere Sterbliche!
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Nicht ihr, denen der Geist ihres beredten Blicks
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Und die Schönheit und Würde
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Ihrer Seele nicht sichtbar war,

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Weinet Freunde, die ihr je sie gesehen habt,
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Und in ihrem Gesicht mehr als nur Grazien
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Mehr als sterbliche Schönheit
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Mit Verehrung gesehn habt!

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Weint! itzt ist es bald Staub, was ihr mit Wunder saht!
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Ach! wie klopft mir mein Herz! Ach! Sie belohnt nicht mehr
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Meinen segnenden Blick, ach! sie vernimmt es nicht
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Was die weinende Liebe klagt!

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Doch verstumme, mein Schmerz! Lästernde Klage, flieh!
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Dam es kommt einst der Tag, da sie wird auferstehn,
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Da in himmlischer Schöne
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Dieser Leib aus dem Grabe geht.

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Der, der einst für sie starb und für sie auferstand,
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Wird mit eben dem Wort, welches den Welten rief
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Den entschlafnen Gebeinen
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Sagen: wachet zum Himmel auf!

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Für die Ewigkeit schön, dem der sein Bild ihr gab
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Ähnlich, tritt sie alsdann unter die Engel hin
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Und umarmet voll Liebe
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Ihren wiedergefundnen Freund.

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Sei mir heilig, mein Herz! die du geliebet hast
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Trug des Ewigen Bild, die dich geliebet hat
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Lobt itzt über den Sonnen
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Mit den Scharen den Ewigen!

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Als die sinkende Brust, die schon erstarrete,
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Sich vom letzten Gebet sanft, wie gen Himmel, hub,
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War der sterbenden Christin
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Letztes heißes Gebet für Dich!

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Welche Würde gibt dir, daß sie so für dich bat
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Noch zu irdisches Herz! Sei nun nicht irdisch mehr!
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Sei es würdig, noch itzo
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Von Serenen geliebt zu sein!

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Hör, Unendlicher an, was an der Freundin Grab
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Meine Seele gelobt! Hör auch verklärter Geist,
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Aus den seligen Sphären
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Meinen frommen Gelübden zu!

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Klagen will ich dich nicht. Denn du bist seliger
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Als ein sterblicher faßt. Sollt ich des Christen Tod
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Mit unglaubigen Tränen
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Und mit sträflichem Schmerz entweihn?

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Aber, was ich noch hier lebe, das sei allein
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Dir, mein Schöpfer, gelebt! Wo nun mein Erbe ist,
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Sei mein Wandel! im Himmel
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Wo Serena die Gottheit schaut.

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Was vergänglich ist, flieh! Freuden der sterblichen
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Euch verschmäh ich! Mir sind schon in der Ewigkeit
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Hefte Blicke gegönnet!
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Sie verdunkeln die Erde ganz.

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Wie die Vorsicht es will, fern in der Einsamkeit
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Oder unter der Welt, will ich mein übriges
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Dir geheiligtes Leben,
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Frommer tätiger Weisheit voll

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Still verleben! dem Ruhm unbekannt; wenigen,
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Deinen Freunden, bekannt! willig der Toren Hohn
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Unbeweglich zu dulden,
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Stets ein weiser, ein Menschenfreund!

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So hat die ich geliebt, da Sie im Leibe war,
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Stets verkannt von der Welt, aber von Gott gekannt,
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Bei den Menschen gewandelt
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Gleich unsichtbaren Seraphim.

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Also flieget dahin, fliegt in die Ewigkeit
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Meine Tage! euch bindt nichts an die Erde mehr
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Als die Stimme der Vorsicht.
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Fliegt mit meinen Gebeten auf!

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Niemals klage mein Mund! nicht ein entfliehender
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Seufzer klag euch hinfort, goldene Hoffnungen,
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Engel-gleiche Gestalten
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Einer irdischen Seligkeit

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In Serenens Besitz. Gott hat euch weggewinkt!
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Dies nur sei mir erlaubt, daß ich in einsamen,
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Ernsten, wachenden Nächten
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Ins Vergangne zurücke seh!

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In den goldnen August, da ich Serenen sah,
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Da mein Leben mir nun neu und verhimmelt schien;
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Da in weisen Gesprächen
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Unsre schüchterne Liebe wuchs;

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In die Stunden zurück, die wir der Zärtlichkeit
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Und der Freundschaft geweiht; da nur Unsichtbare
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Unsern redenden Seelen
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Aus der Abendluft zugehört;

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Da Ihr geistiger Blick, was keine Sprache sagt,
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Was kein Dichter ersinnt, neue Empfindungen
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Neue stolze Gedanken,
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In mein seliges Herz gestrahlt;

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Da ich Tränen der Lust, Tränen der Dankbarkeit
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In Entzückung zu Gott von ihr hinaufgeweint,
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Ihrer sittsamen Wange
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Stumm vor Freuden entküssete.

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Also sei mir erlaubt, in mein vergangnes Glück
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Mit wehmütiger Lust dankbar zurückzuschaun!
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Mit verlangenden Augen
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Will ich dann, o Serena, dich

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Aus den Sternen herab, ringsum von Seraphim
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Und von Klarheit umstrahlt, ehrfurchtvoll sinken sehn,
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Wie du mit segnendem Lächeln
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Mir zu deiner Umarmung winkst.

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Also trieb mich mein Herz, trauriger Ahnung voll,
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Um die Mitternachtszeit wachend in Träumen um,
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Da dein Schicksal, o Freundin,
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Mich in furchtsamen Kummer riß.

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Lange sah ich, als wie aus mir herausgezückt,
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Mit verbreiteter Seel und mit beträntem Aug,
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Auf den ernsten Gedanken
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Deiner frühen Vollendung hin!

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Und mit Seufzern der Angst, wie sie des Todes Furcht
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Einer Seelen erpreßt, die sich für sterblich hält,
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Mit gerungenen Händen,
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Bat ich zitternd den Ewigen

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Um dein Leben. Die Nacht ging mit verhülltem Haupt
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Unter meinem Gebet langsam bei mir vorbei.
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Aber, mit den erwachten
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Ersten Strahlen des Morgens, kam

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Eine Stimme zu mir; sanft wie die Frühlingsluft
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Weht die Stimme mich an, und mein getröstet Herz
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Schlug im Busen gelinder
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Und die Tränen versiegten schnell:

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Die um welche du batst, ist dir von Gott geschenkt!
174
Aber dir nicht allein. Auch der verkehrten Welt,
175
Soll ihr lehrendes Leben
176
Lang die sichtbare Tugend sein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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