Ode. Klagen und Beruhigung

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Christoph Martin Wieland: Ode. Klagen und Beruhigung (1773)

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Du, die unsterblich ist, der Seraphinen Schwester,
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Du, deren angebornen Glanz
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Noch dunkler Stoff, des Todes Kleid verhüllet,
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Itzt Tier, doch einst ein Gott!

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Fühlst du, o Seele, dich? Bebst du in deinen Banden
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Vom Thron gestürzte Königin? –
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Oft angelockt, getäuscht und nie befriedigt
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Wankt dein ätherscher Blick

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Auf dieser Erd umher, dem Vaterland des Irrtums,
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Des Lasters mörderischer Gruft!
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Wo Traum und Wahrheit nur die Sonn entscheidet,
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Und selbst die Liebe haßt, –

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Mein zarter Wille bebt vorm Anblick der Verwüstung,
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Die dich einst, schöne Erd, entstellt.
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Er, an der Brust der holden Lieb erzogen,
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Trägt nicht des Hasses Blick!

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Ach! die der Geister Herr zu gleichen Seligkeiten,
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Die Tugend zu genießen, schuf,
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Die jagt der Durst nach unglückselgen Gütern
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In einen ewgen Krieg!

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Wie wird dir, Seele, dann, wenn du voll Menschenliebe
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Herab auf dein Geschlechte blickst?
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Sie, die du gern mit deinem Schmerz beglücktest,
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Sie sind des Elends Raub!

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Du weinst! – Du breitest dich mit allen deinen Wünschen
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Zum göttlichsten Geschäfte aus,
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Zum Wohltun! Der Gedank, Glück um dich her zu schaffen,
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Schon der belohnte dich!

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Und ach! was hindert dich? dein Wille bleibt nur Wünschen!
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Du, die des Himmels Grenzen selbst
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Mit der Gedanken Seraphs-Flug erreichet,
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Bist arm an äußrer Kraft.

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Beschämt, bestürzt, verirrt im Labyrinth des Schicksals
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Entfliehst du in dich selbst – doch ach!
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Auch in dich selbst, auch in den Sitz der Liebe
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Verfolgt der Kummer dich!

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Ich fühl es, wie du oft die leichtern Flügel schwingest
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In reinre Gegenden empor,
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Doch drückt ein innrer Hang, der Feind des Wesens,
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Dein Nichts, dich stets zurück! –

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O Schöpfer! ist denn hier der Wunsch der Ruh Verbrechen?
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Wie? Oder ist der Freude Fuß
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Nur an des Himmels goldne Flur geheftet,
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Wo du sie lächelnd schufst?

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Soll auch der Edlere den die Syrenen Kehle
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Der Erden Freude nicht entzückt
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Der, sich bewußt, tief unter seinen Wünschen
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Der Thronen Schimmer sieht,

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Soll denn auch der umsonst nach echter Ruhe schmachten,
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Auch der? – So fragt ich Kummervoll,
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In eine Nacht von Hoffnungslosen Sorgen
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Und in mich selbst verirrt.

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Da sah ich plötzlich dich, Serena, vor mir stehen,
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Die Tugend lächelte aus Dir,
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Dein Auge winkte Ruh, und alsbald wurden
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Die Winternächte hell.

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O Göttliche! Dich gab mir meines Schicksals Güte
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Zur zärtlichen Begleiterin,
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Der Weg zur Ewigkeit, sonst öd und finster,
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Wie blüht er um Dich her?

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Dein zärtlich Herz, das nach dem Ebenbild der Unschuld
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Die freie Wahrheit bildete,
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Das zu besitzen – o wie reich, Serena,
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Wie selig macht das mich?

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Du, Freundin, lehrtest mich der Tugend Wert empfinden.
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Du machtest mich mir selbst bekannt.
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Dir dank ich es, daß mich in goldnen Stunden
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Der Muse Gunst besucht. –

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Entflieh, o Kummer! weicht, ihr Sorgen für die Zukunft,
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Mißgönnt mein itzig Glück mir nicht!
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Serena, wen Du liebst, der kränkt die Vorsicht
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Durch jeden niedern Gram.

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Und hat sie mir nicht auch Dein großes Herz geschenket,
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Mein Bodmer, dem Urania
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Die Weisheit vom Olymp und Symphonien
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Aus ihrer Harfe gab?

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Du liebest mich! Mir gibt mein dreimal selig Schicksal
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Dein menschenfreundlich Aug zu sehn.
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Du reizest mich mit deiner höhern Tugend
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Und siehst mir liebreich nach.

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O Himmel bin ich nicht zu kühn noch mehr zu wünschen? –
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(doch Bodmer selber wünschte so!)
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O dürftest du den frommen Wunsch erlauben!
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Soll er unmöglich sein?

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Wie selig? Lebt ich einst in einer armen Hütte
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Die Freiheit mehr als golden macht,
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In deinem Umgang, zärtliche Serena,
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Dir und dem Himmel nur!

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Zwar von der Welt getrennt, in einer holden Wildnis
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(gleich dem beglückten Aufenthalt,
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Wo Billeter mein Herz mir abgewonnen,
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Wo deine Unschuld mich,

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O Daphne, still entzückt, wo ich den Freund gesegnet,
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Den dein geliebtes Herz beglückt –)
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Doch nicht allein! oft von den jungen Nymphen
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Des Eichenwalds gesehn

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Zuweilen gingen wir mit Siphas holden Töchtern
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Am See, der Evens Spiegel war;
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Bald macht ein Freund, ein Heß, uns mit der Weisheit
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Durch sein Gespräch vertraut.

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Ja unsre Seligkeit entlockte selbst die Engel
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Gott nähern Welten, uns zu sehn;
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Wir hörten denn in hellen Mitternächten
104
Ihr empyreisch Lied.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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