Die du, als mein Geschick mich zu der Erde rief

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Christoph Martin Wieland: Die du, als mein Geschick mich zu der Erde rief Titel entspricht 1. Vers(1773)

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Die du, als mein Geschick mich zu der Erde rief,
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Mich mit segnendem Mund küßtest und weihetest,
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Hier dein Sänger zu sein, Weisheit, begeistre mich,
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Daß ich von deiner Schönheit sing.

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Ach wie wenige sind's, Göttin, wie wenige,
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Denen Du dich vertraut? welche den Sonnenglanz
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Deiner Schönheit gesehn und den entzückenden
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Süß harmonischen Mund gehört!

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Und wie sollten sie dich finden? wo sucht man dich?
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Ist der Zugang zu dir mit unersteiglichen
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Furchtbarn Alpen verwehrt? oder verbirgst du dich
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In cimmerische Finsternis?

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Ist's ein blumenlos Land öd und von Raben nur
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Und von Eulen bewohnt? Sind es cecropische
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Labyrinthe, wodurch man zu den Höhen irrt,
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Die dein ewiger Tempel krönt?

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Ist's der runzlichte Duns oder Caritides,
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Der den dornichten Weg, Göttin, uns führen soll?
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Ist dein Heiligtum denn staubichten Träumern nur,
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Aquinaten nur aufgetan?

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Ach! so suchen sie dich! Dich, die mein Sokrates
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Bei der holden Natur unter den Grazien,
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(ein entzückend Gesicht!) schwesterlich sitzen find,
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Wie Diana bei Nymphen sitzt.

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Wenn der stolze Sophist über die Sterne bald
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Deine Larve verfolgt, bald dich im Abgrund späht,
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Wenn ein schwärmender Kopf, fiebrischer Flammen voll,
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Dich in Wolken zu küssen wähnt,

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So begegnetest du, schön wie Unsterbliche,
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Und mit offenem Arm suchenden Tullien,
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Epikur sah dich so, unter hymettischen
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Rosen küßte dich Platon oft.

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Mit wohlredendem Mund, wie ihn Diotima
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Und mich Doris gelehrt, hast du den Weisesten,
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Was kein Zänker gewußt, die vergeßne Kunst!
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Leben gelehrt und ein Mensch zu sein.

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Höre, Weisheit, auch mich, wenn je mein junger Fuß
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Deine Pfade gesucht, und mich Aurora oft
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Wundernd ansah und dann einen zufriednen Glanz
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Um mein forschendes Auge goß,

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O so zeige dich mir, wie du dich Bodmern zeigst,
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Dich zu sehen gewohnt, voll des olympischen
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Sanften Lichts, das dein Aug unerschöpft um sich gießt,
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Mißt Er leicht deine Gegenwart,

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Lehr auch mich, wie du Ihn gelehrtest, die edle Kunst,
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Dich in Menschen Gestalt (denn deinen Götterglanz
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Trägt kein Sterblicher nicht;) reizend, daß jedes Herz
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Dein eroberndes Lächeln fühlt,

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Vorzumalen; nicht so, wie dich Anakreon
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Unterm taumelnden Chor, wild wie Eurypyle,
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Oder jener gleich zeigt, die mit dem jauchzenden
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Sich in junge Gesträuch verlor,

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In erhabner Gestalt, doch daß die Majestät
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Deines göttlichen Blicks milder durch Anmut sei,
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Ungekünstelt, das Haar oder den Busen nur
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Mit dem Schmuck der Natur bekränzt.

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Von dir, Weisheit, gelehrt, von dir behaucht will ich
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Deiner heiligeren Zahl, edleren Jünglingen,
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Oder Mädchen, wie die, welche mich itzt umarmt,
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Singen, wie du so selig machst,

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Wie nur der, nur der lebt, welchem du Heiterkeit
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Und harmonisches Licht in seine Seele gabst,
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Der gelehret von dir gegen die arme Ruh
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Goldne Sorgen nicht tauschen mag,

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Der die Gottheit da sieht, wo Sie sich offenbart,
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Der in jedem Geschöpf nicht ihren Strahl verkennt,
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Und mit ordnendem Blick jeglichem Liebe schenkt,
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Das mit Schönheit und Güte reizt,

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Daß der weise nur sei, der es gewaget hat,
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In sein Herze zu sehn, ob sein geblendter Geist
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Gleich zurücke gebebt, wie wenn ein kühner Blick
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Sich ins Antlitz der Sonne wagt.

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Der da unterm Geweb zahlloser Neigungen,
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Die ins innerste sich, schamhaft gesehn zu sein,
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Oft verstecken, der da seiner Unsterblichkeit
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Samen, der Gottes Nachahmung, fand

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Und der großen Idee voll vor sein Herze wacht,
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Keinen kleinern Zweck vor seine Augen steckt,
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Als, den göttlichen Teil, der seinen Leib beherrscht,
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Seinem ewigen Quell zu nahn.

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Vor dir, Weisheit, gestärkt, will ich der Laster Brut
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Und den Götzen des Wahns und dem vielköpfigen
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Irrtum Widerstand tun, stets ein erklärter Feind
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Allem, was dich, o Menschheit schändt.

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In bezauberndem Reiz, jugendlich schön und frei
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Will ich die Wahrheit alsdann zeigen, in nackender
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Liebenswerter Gestalt, so trat Elise dort,
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Ein lebendiger Marmor, her.

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Freunde, höret mir zu, und euer edles Herz
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Schlage stärker in euch, wenn ihr mich singen hört,
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Dann erinnert mich oft: Freund, laß dein Leben stets
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Lehrend wie deine Lieder sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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