Elegie

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Christoph Martin Wieland: Elegie (1773)

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An Entzückungen leer und stillentfliehenden Seufzern
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Süßer wallender Lust fließt du, mein Leben, dahin,
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Leer an sympathetischen Schlägen im zärtlichen Busen,
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Wenn nur ein liebendes Aug sich mit dem andern bespricht,
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Schauert mein Herz durch einsame Tag, und suchet die Ruhe,
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Die nur die Liebe gewährt, bei den Platonen umsonst.
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Ach Sophie! ach himmlische Freundin, in kläglicher Ferne
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Weinst du vielleicht auch itzt liebende Tränen mir zu!
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Ach! du weinest vielleicht, dich sieht dein Engel nur weinen,
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Sonst kein Sterblicher nicht! Ach Sophie, weinest du itzt,
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Und ich soll nicht die Tränen den himmlischen Augen entküssen,
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Und ich höre dich nicht, wenn Du beim Namen mich nennst!
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Kläglich getrennt weint jedes und seufzt den Tagen entgegen,
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Die uns die Zukunft mißgönnt, seufzt den entflohenen nach.
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Stunden, wo seid ihr, da mich an ihrem Arme der Abend
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Heitrer gegrüßt, da ihr Blick um und um Freuden erschuf,
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Und von Ihrem sanfttönenden Munde die Harmonien
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Mit gesenkten Flügeln lauschende Zephyr geschöpft?
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Warum strömt ihr nicht mehr aus ihren begeisternden Augen
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In mein erweitertes Herz süße Empfindungen hin?
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Warum fühl ich nicht mehr die stolzen Engelgedanken
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Aus der erhabneren Brust schnell und unzählbar entfliehn?
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Neue Gedanken, Geschöpfe der Lieb, in himmlischem Schimmer
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Wie ein Maitag dem Schoß feuchter Auroren entsprießt.
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Warum verlernst du mein Mund mit Seraphinen zu reden?
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Warum lächelst du mir, himmlische Freude, nicht mehr?
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Ach, Du bist mir geraubt, die Du mich leben gelehret,
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Wie das Olympische Volk goldne Äonen durchlebt!
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Ach, Du bist mir geraubt! Mit dir verließ mich die Freude
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Und der Liebe Gefolg und die ätherische Ruh.
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Kaum daß die Muse mich noch mit ihrer Gespielin besuchet,
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Und die Leier mir nicht weinende Töne versagt.
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Oft sinkt mein wünschendes Herz in träumrische Dämmrung, und siehet
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Dein nachahmendes Bild vor sich und eilet ihm nach,
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Wallt und bebt, als ob es in deine Umarmungen bebte,
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An dein klopfendes Herz, doch Du umarmest mich nicht!
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Denn erwach ich, der Schatten zerfließt in die Luft, denn entfließen
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Tränen dem Aug, das bang hin in die Einsamkeit sieht.
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Der du mein Klagen oft hörst, und die Augen voll suchender Blicke
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Und das seufzende Herz hoch von den Wipfeln erblickst,
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Oder aus silbernen Wolken, in deren lazurnem Schoße,
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Ariel, dich oft mein dichtrisches Auge gesehn;
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Siehst du auch itzt meine Tränen und wie am einöden Bache
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Sich dein wehmütiger Freund unter den Tannen verliert;
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O so höre mich an! Floß je dein himmlisches Herze,
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Wenn es zwei Liebende sah, still in Entzückungen hin,
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Strahlte dein Antlitz je heller, wenn ein unschuldiges Mädchen,
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Das nie die Liebe gefühlt, stand, und ihr bebendes Herz
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Und die errötende Wange besah und süßere Wünsche
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Voll beliebter Unruh in sich sanft tönend vernahm,
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Schöner errötet, und dann den redlichen Jüngling erblickte,
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Der Sie die Liebe gelehrt, eh Sie die Liebe gekannt,
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Schüchtern ihn ansah, und neue Gefühl im schlagenden Busen
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Fühlt' und im Widerstehn, Liebe, dich siegend empfand;
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Segnete jemals dein lächelndes Aug aus heiliger Stille
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Wenn mich Sophie umfing, unsern Empfindungen zu;
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Brachtest du jemals in goldenen Schalen die Tränen der Hoffnung
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Und der dankenden Brust stille Gebete vor Gott;
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O so hör itzt, Ariel, mich um der menschlichen Freuden,
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Die du oft beim Anblick unsrer Umarmung gefühlt!
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Bringe Sie her, die mein Herze verlangt; du hast Sie begleitet,
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Als Sie zuerst, unbewußt von mir geliebt zu sein, kam.
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Ach! du warst's auch, der ihr, als ich der göttlichen weinte,
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In die zärtliche Brust gleiche Bewegungen goß.
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Bringe Sie mir entgegen, und wenn Sie nun nähert, so eile
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Von der Göttlichen weg, die Du in Amorgestalt
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Mit sanftwehenden Flügeln umgabst, und eile schnell schauernd,
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Wie ein rauschender Nord goldene Ähren durchstürmt,
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Vor ihr und rufe mich hin auf die Spur, die den eilenden Wagen,
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Der dich, Sophie, mir bringt, schöner und festlich begrüßt.
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Doch – verlasse Sie nicht! die sympathetische Liebe
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Wird mich mit Göttergewalt schon zu der kommenden ziehn.
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Bleibe bei ihr und schwebe zephyrisch mit fröhlichen Flügeln
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Bald an der heitern Stirn meiner Geliebten dahin,
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Bald um die Rosenwangen der Schönen Schwester, die würdig,
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Ihre Schwester zu sein, blüht und Unsterblichen gleicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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