Die glücklich gehobene Besorgniß

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Johann Georg Scheffner: Die glücklich gehobene Besorgniß (1778)

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Es war einmal, doch wo, das weiß ich nicht gewiß,
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Die Süntfluth hat ohndem den Ort längst weggespühlet,
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Ein Mädchen, das mit Recht das Wundermädchen hieß,
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Weil noch ihr zwanzigjährger Mund
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Die Süßigkeit des Honigs nicht gefühlet,
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Den Adam einst in Ewens Körbchen trug.
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Sie war so reich, schön und hatte Freyer gnug;
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Allein, da sie beym Antrag jeden frug,
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Wie groß der Finger sey?
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So wollte, weil die Herrn aus Freyersprahlerey
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Des Dinges Maaß und Ziel vergaßen,
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Kein einziger in ihren Fingerhut,
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Den sie durchaus nicht wollte weiten lassen,
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So recht bequem nach ihrem Sinne paßen.
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Doch Amor der nicht eher ruht
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Bis Mädchen ihm
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Bracht' den Amint auf eine List. Er meldte sich
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Und sprach: »O Schöne wähle mich
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Ich habe dreyfach das, was andre einfach haben,
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Und glaub gewiß die kleinste dieser Gaben
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Wird deinem Fingerhut recht angemessen seyn.«
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Zugleich reicht er den Riß der dreyen Finger ein.
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Sie nimmt den Riß in hohen Augenschein,
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Und wählt, weil ihr vielleicht das
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Aminten, der zuvor ihr eidlich zugesaget
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Nur ganz allein den kleinsten zu gebrauchen.
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Er nahm ihn auch, ließ sanft ihn untertauchen,
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Man fand ihn gut – der Fingerhut ward feucht,
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Und Phyllis zischelte: »
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Und kützelt frisch den Liebeszwinger;
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Da wurde aus Erkenntlichkeit
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Der rosenfarbne Rand des Ringchens ziemlich weit.
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Kaum sprach sie es; so stach er schon im Ziel
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Vermehrte da der Lüsternheit Gefühl
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Drang weit empfindlicher zum Herzen,
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Und Wollust half die kleine Pein verschmerzen,
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Indem sie Balsam, der wie Milch und Honig floß
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In Phyllis Rosenwunde goß.
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Das weichliche sittsame Kind zerfloß,
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Und starb vor Lust, doch bald, erweckt von neuen Flammen,
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Schien jetzt der Fingerhut ein niedlicher Pokal,
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Und leise sprach sie:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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