Erinnerung der Schäferstunden

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Johann Georg Scheffner: Erinnerung der Schäferstunden (1778)

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Die holde Glut, die selbst Cythere fühlte,
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Wenn ihren Hals Adonis Arm umschlang,
3
Wenn ihren Busen seine Küße wärmten,
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Und sein Reitz unter ihren Händen wuchs:

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Die Glut von der die jungfräuliche Kälte
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Der jagenden Latonenstochter schmolz,
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Die ihr beim eingeschlafnen schönen Jüngling
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Sanft zurief: Wachend ist er schöner noch:

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Die Glut, die Amors stärkste Pfeile stählet,
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Oft auch zu kühn den Bogen spannt, und sprengt,
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Die in den Myrtenkranz entzückter Liebe
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Den unschätzbaren Demant künstlich steckt:

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O möchte doch die Glut dies Lied begeistern,
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O Liebe! hör' des Jünglings heißes Flehn,
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Des Jünglings, der Dich zehnfach mehr empfindet
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Als einst Adonis und Endymion.

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Hör' mich, ich sing die Freudenaugenblicke,
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Die ich an
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Da ich in meiner Hebe Opferschale
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Der Wollust heilgen Nektar schäumend goß.

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Wie in dem Busen aufgeknospter Rosen
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Der Morgenthau, der an den Blättern hieng,
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Zusammenfließt, und dann im rothen Schooße
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Geschmolznen Perlen gleich ihr Roth erhöht:

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So hiengen auch des fruchtbarn Thaues Tropfen
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Hier um der Purpurmuschel weichen Rand,
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Und an dem seidnen Moos, das sie umschattet,
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Und mehrten ihrer Farbe kostbarn Reitz.

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Wohlthätige, lustreiche Augenblicke,
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Die Liebe und die Freude seegne euch,
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Euch seegnete die Unschuld, als mein Mädchen
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Aus ihrer Muschel mir die Perle gab.

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O Wollust! welch ein unaussprechlich Opfer!
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Hat den Altar je reiners Blut gefärbt?
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Stets denkt mein Herz der Unschuld sanfte Röthe
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Ihr Zittern, und des Opferstales Wut.

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O Chloris bestes Mädchen, welch ein Opfer!
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Bestürmt, erweicht durch meine Zärtlichkeit
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Gabst du dein Kleinod hin. Ich brach das Röschen
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Das jungfräulich im Schatten blühend stand.

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O feyre mit mir, Mädchen, die Minute,
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Die dir manch Perlenthränchen kostete;
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In ihr schlang Amors Hand den schönen Knoten
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Der unser Wesen heiligt und vereint.

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Dem Tage Heil, an dem der kühne Amor
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Den ersten Pfeil in deinen Köcher stach,
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An dem die Biene den geschäft'gen Stachel
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In deinen duftgen Bluhmenkelch vergrub.

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So wie der Thau, der aus dem Thale rauchet
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Mit wärmern Frühlingsregen sich vermischt;
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So mischte sich der Wollust kräft'ger Balsam
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Mit deiner keuschen Grotte mildem Thau.

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Heil dir, o Tag, da ich den ganzen Umfang
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Von deiner Tugend sah, da mich dein Aug
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Und seiner feinen Bogen seltne Schönheit
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Zu seufzen zwang: O wäre

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Heil dir o Tag, da ich zuerst Dich küßte,
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Und deines Busens Rosenknospen sah',
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Da ich des Heiligthums Altar berührte
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Mit jungfräulichen Locken tändelte.

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Heil dir o Tag, da ich der Wangen Purpur,
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Im Aug dein Herz wollüstig schmachten sah,
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Da bey der Zungen kützelnden Berührung
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Der Lebenssaft aus Rosenlippen floß.

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Heil dir o Tag, sey Grazien und Musen
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Cytheren selbst, ein ewig Myrtenfest,
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Denn Amor sang Triumpf, Triumpf und kränzte
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Sich sechsmal am Altar mit Siegeslaub.

69
Feyr, Mädchen, ihn den Tag, da Du aus Liebe
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Dich ganz dem Liebling zu genießen gabst.
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Er war des zärtlichsten Vertrauens Ursprung
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Und unsre Trennung labt noch jetzt sein Trost.

73
O, Mädchen, ha! wie kochten meine Adern,
74
Wenn Deine weiche kleine Zauberhand
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Cupidens Scepter sanftverschämt berührte,
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Und er von Wollust wuchs und überfloß –

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O könnt ich doch den kostbarn Rausch beschreiben
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Den ich zu Deinen Füßen oft gefühlt,
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Wenn jeder neidsche Vorhang aufgezogen,
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Und jeder Sinn entzückt befriedigt ward.

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O Mädchen welche Schätze sah ich liegen!
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Der seidnen lock'gen Haare Wohlgeruch,
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Der Milchsaft in der Muschel feinsten Falten
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Wie Rosen unter Lilien gemischt.

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Wie zärtlich küßt ich nicht die schöne Rose,
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Mein Mund sog Wollust für das Herz aus ihr!
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Wie freut ich mich wenn alles nach der Rose,
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Nach ihrem Thau und ihren Blätter roch.

89
Wie küßt ich nicht die nachbarlichen Hügel
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Die Venus Hand mit Atlas überkleidt,
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Die tausend buhlerischer Mädchen Busen
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An Form und feiner Farbe übergehn.

93
Einst will ich Rosenknospen auf sie pflanzen
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Sie sollen dann mein zweyter Busen seyn,
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Bey ihrem Anblick werd' ich Wollust athmen,
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Auch ihre Grotte sey mein Heiligthum.

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Der Wollust Nektar wird sie fruchtbar netzen,
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Wenn er sanft übern Rand der Muschel ströhmt,
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Ihr heil'ger Busch ward davon dichter wachsen,
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Und stärkre Düfte in die Gegend streun.

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Auf diese wollustreiche kostbarn Hügel
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Gelehnt erwart' ich dich, geliebter Schlaf.
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Besuche einst mich da, und bring durch Träume
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Die wachend schon genoßne Lust zurück.

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O wenn ich dann von ihm gestärkt erwache
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Dann küß' ich dich wollüstiges Baßin,
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Und laufe frisch nach jenem Lorbeerkrantze
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Der lockend in dem Schooß des Mädchens hängt.

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Du hilfst dann deines Helden Lanze führen;
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Wie herrlich wie gewis wird dann sein Sieg,
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Und nach dem Sieg wird er das Ziel anstaunen,
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Und froh entzückt die ofne Wunde sehn.

113
Dann einz'ges Mädchen, trocknen meine Küße
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Den Schaum von rosenfarbnen Lippen ab,
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Mir trocknen ihn die duftenden Gesträuche
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Des Hügels überm Kampfplatz zärtlich ab.

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O Liebe! o wie wirst du uns begeistern!
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Wie himmlisch schön wird unser Glück durch dich,
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Wenn unsre Seelen ineinander fließen,
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Sey jeder Kuß ein Lob und eine Hymne.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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