XiII. Die Brille

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Gotthold Ephraim Lessing: XiII. Die Brille (1755)

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Dem alten Freiherrn von Chrysant,
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Wagts Amor, einen Streich zu spielen.
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Für einen Hagestolz bekannt,
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Fing, um die Sechzig, er sich wieder an zu fühlen.

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Es flatterte, von Alt und Jung begafft,
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Mit Reizen ganz besondrer Kraft,
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Ein Bürgermädchen in der Nachbarschaft.
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Dies Bürgermädchen hieß Finette.

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Finette ward des Freiherrn Siegerin.
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Ihr Bild stand mit ihm auf, und ging mit ihm zu Bette.
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Da dacht' in seinem Sinn
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Der Freiherr: »Und warum denn nur ihr Bild?
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Ihr Bild, das zwar den Kopf, doch nicht die Arme füllt?
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Sie selbst steh' mit mir auf, und geh' mit mir zu Bette.
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Sie werde meine Frau! Es schelte, wer da schilt;
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Genäd'ge Tant' und Nicht' und Schwägerin!
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Finett' ist meine Frau, und - ihre Dienerin.«

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Schon so gewiß? Man wird es hören.
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Der Freiherr kömmt, sich zu erklären,
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Ergreift das Mädchen bei der Hand,
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Tut, wie ein Freiherr, ganz bekannt,
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Und spricht: »Ich, Freiherr von Chrysant,
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Ich habe Sie, mein Kind, zu meiner Frau ersehen.
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Sie wird sich hoffentlich nicht selbst im Lichte stehen.
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Ich habe Guts die Hüll' und Fülle.«
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Und hierauf las er ihr, durch eine große Brille
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Von einem großen Zettel ab,
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Wie viel ihm Gott an Gütern gab;
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Wie reich er sie beschenken wolle;
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Welch großen Witwenschatz sie einmal haben solle.
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Dies alles las der reiche Mann
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Ihr von dem Zettel ab, und guckte durch die Brille
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Bei jedem Punkte sie begierig an.

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»nun, Kind, was ist Ihr Wille?«
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Mit diesen Worten schwieg der Freiherr stille,
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Und nahm mit diesen Worten seine Brille -
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(denn, dacht' er, wird das Mädchen nun
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So wie ein kluges Mädchen tun;
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Wird mich und sie ihr schnelles Ja beglücken;
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Werd' ich den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken:
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So könnt' ich, im Entzücken,
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Die teure Brille leicht zerknicken!) -
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Die teure Brille wohlbedächtig ab.
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Finette, der dies Zeit sich zu bedenken gab,
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Bedachte sich, und sprach nach reiflichem Bedenken:
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»sie sprechen, gnäd'ger Herr, vom Freien und vom Schenken:
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Ach! gnäd'ger Herr, das alles wär' sehr schön!
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Ich würd' in Sammt und Seide gehn -
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Was gehn? Ich würde nicht mehr gehn;
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Ich würde stolz mit Sechsen fahren.
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Mir würden ganze Scharen
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Von Dienern zu Gebote stehn.
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Ach! wie gesagt, das alles wär' sehr schön,
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Wenn ich - wenn ich - -«
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»
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(hier sahe man den alten Herrn sich blähn,)

57
»wenn ich nur nicht verschworen hätte - -«
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»verschworen? was? Finette,
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Verschworen nicht zu frein? -
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O Grille, rief der Freiherr, Grille!«
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Und griff nach seiner Brille,
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Und nahm das Mädchen durch die Brille
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Nochmals in Augenschein,
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Und rief beständig: »Grille! Grille!
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Verschworen nicht zu frein!«

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»behüte!« sprach Finette,
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»verschworen nur mir keinen Mann zu frein,
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Der so, wie Ihre Gnaden pflegt,
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Die Augen in der Tasche trägt!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gotthold Ephraim Lessing
(17291781)

* 22.01.1729 in Kamenz, † 15.02.1781 in Braunschweig

männlich, geb. Lessing

deutscher Dichter der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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