5. Der Tod eines Freundes

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gotthold Ephraim Lessing: 5. Der Tod eines Freundes (1755)

1
Hat, neuer Himmelsbürger, sich
2
Dein geistig Ohr nicht schon des Klagetons entwöhnet,
3
Und kann ein banges Ach um dich,
4
Das hier und da ein Freund bei stillen Tränen stöhnet,
5
Dir unterm jauchzenden Empfangen
6
Der bessern Freunde hörbar sein,
7
So sei nicht für die Welt, mit unserm Schmerz zu prangen,
8
Dies Lied: es sei für dich, für dich allein!

9
Wann war es, da auch dich noch junge Rosen zierten?
10
(doch nein, die Rosen ziertest du!)
11
Da Freud' und Unschuld dich, im Tal der Hoffnung, führten
12
Dem Alter und der Tugend zu?
13
Gesichert folgten wir: als schnell aus schlauen Hecken,
14
Der Unerbittliche sich wies,
15
Und dich, den Besten, uns zu schrecken,
16
Nicht dich zu strafen, von uns riß.

17
Wie ein geliebtes Weib vom steilen Ufer blicket
18
Dem Schiffe nach, das ihre Kron' entreißt:
19
Sie steht, ein Marmorbild, zu Stunden unverrücket;
20
In Augen ist ihr ganzer Geist:
21
So standen wir betäubt und angeheftet,
22
Und sannen dir mit starren Sinnen nach,
23
Bis sich der Schmerz durch Schmerz entkräftet,
24
Und strömend durch die Augen brach.

25
Was weinen wir? Gleich einer Weibersage,
26
Die im Entstehn schon halb vergessen ist,
27
Flohst du dahin! – Geduld! noch wenig Tage,
28
Und wenige dazu, so sind wir, was du bist.
29
Ja, wenn der Himmel uns die Palme leicht erringen,
30
Die Krone leicht ersiegen läßt,
31
So werden wir, wie du, das Alter überspringen,
32
Des Lebens unschmackhaften Rest.

33
Was wartet unser? – Ach! ein unbelohnter Schweiß,
34
Im Joch des Amts bei reifen Jahren,
35
Für andrer Wohl erschöpft, als unbrauchbarer Greis
36
Hinunter in die Gruft zu fahren.
37
Doch deiner wartet? – – Nein! was kannst du noch erwarten
38
Im Schoß der vollen Seligkeit?
39
Nur wir, auf blindes Glück, als Schiffer ohne Karten,
40
Durchkreuzen ihn, den faulen Pfuhl der Zeit.

41
Vielleicht – noch ehe du dein Glücke wirst gewohnen,
42
Noch ehe du es durchempfunden hast –
43
Flieht einer von uns nach in die verklärten Zonen,
44
Für dich ein alter Freund, und dort ein neuer Gast.
45
Wen wird – verborgner Rat! – die nahe Reise treffen
46
Aus unsrer jetzt noch frischen Schar?
47
O Freunde, laßt euch nicht von süßer Hoffnung äffen!
48
Zum Wachsamsein verbarg Gott die Gefahr.

49
Komm ihm, wer er auch sei, verklärter Geist, entgegen,
50
Bis an das Tor der bessern Welt,
51
Und führ' ihn schnell, auf dir dann schon bekannten Wegen,
52
Hin, wo die Huld Gerichte hält.
53
Wo um der Weisheit Thron der Freundschaft Urbild schwebet,
54
In seraphinschem Glanze schwebt,
55
Verknüpft uns einst ein Band, ein Band von ihr gewebet;
56
Zur ew'gen Dauer fest gewebt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gotthold Ephraim Lessing
(17291781)

* 22.01.1729 in Kamenz, † 15.02.1781 in Braunschweig

männlich, geb. Lessing

deutscher Dichter der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.