Klagelied eines Irländers

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Georg Weerth: Klagelied eines Irländers (1839)

1
Nun sitz ich auf der Bank, Mary,
2
Auf der wir saßen traut
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An dem schönen Morgen im Monat Mai,
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Als einst du meine Braut.
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Es sproßte frisch und grün das Korn,
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Und die Lerche sang so weit;
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Dein Mund war rosarot, Mary,
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Dein Auge voll Lieblichkeit.

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Die Bank ist ganz wie sonst, Mary,
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Schön ist des Morgens Glühn.
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Wie damals steigt die Lerche auf,
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Und das Korn ist wieder grün;
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Doch fühl ich nicht den Druck der Hand,
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Nicht deines Atems Hauch,
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Nicht tönt mir deine Stimme mehr,
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So oft ich horche auch.

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Zur kleinen Kirche will ich gehn,
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Den Turm seh ich von hier;
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In jener Kirche wurd ich einst,
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Mary, getraut mit dir.
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Doch übern Kirchhof müßt ich ja –
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Möcht stören deine Rast,
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Lieb Mary, die du tief im Grab
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Dein Kind am Busen hast.

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Verlassen bin ich – neue Freunde,
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Der Arme findet sie so schwer;
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Doch oh, die wen'gen, die er findet,
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Er liebt sie desto mehr!
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Und du warst ja mein Alles, Mary,
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Mein Stolz und meine Lust,
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Und Alles, ach, verlor ich, Mary,
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Als sterben du gemußt.

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Mit deinem treuen, guten Herzen,
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Wie hofftest du so lang,
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Als mit dem alten Gottvertrauen
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Mein Arm ermattet sank!
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Trost sprachst du mir in meine Seele
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Und sahst mich bittend an –
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Und Dank sei, Mary, dir für Alles,
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Was du mir Liebes getan!

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Dank dir für dein geduldig Lächeln,
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Als du, vom Hunger geplagt,
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Deine Qual verbargst um meinetwillen
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Und nicht ein Wort gesagt!
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Und Dank dir für dein letztes Grüßen,
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Als ach, dein Herze brach,
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Und oh, es freut mich, daß du weilest,
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Wo nichts nun kränken dich mag.

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Ade! Von dannen muß ich ziehen,
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Muß lassen der Heimat Strand;
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Doch werd ich auch dein gedenken, Mary,
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In dem fernen, neuen Land.
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Man sagt, dort gibt es Brot genug,
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Und die Sonne geht nimmer zur Ruh –
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Doch nimmer vergeß ich, Alt-Irland, dich,
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Wär's auch dreimal schöner als du!

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In jenen alten, großen Wäldern
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Will ich sitzen, ein einsamer Mann;
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Und zurück nach dem Ort, wo Mary ruht,
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Wird reisen mein Herze dann,
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Bis ich meine, ich sähe die kleine Bank,
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Wo zusammen wir saßen traut
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An dem schönen Morgen im Monat Mai,
64
Als einst du meine Braut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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