Erst achtzehn Jahr

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Weerth: Erst achtzehn Jahr (1839)

1
Ein letztes Glühn! Da zog an brit'scher Küste
2
Dämmernd herauf die schönste Winternacht;
3
Im Mondenstrahle floß die Wasserwüste,
4
Und auf den Hügeln lag des Schnees Pracht.
5
Leer das Gestad. Es schwieg der Dampfer Sausen;
6
Matros und Krieger war'n des Tages matt; –
7
Doch durch die Stille sandte dumpf ihr Brausen
8
London, der Themse dunkle Riesenstadt.

9
Ihr galt es gleich, mocht auch der Schlummer drücken
10
Manch müdes Auge zu ersehnter Ruh;
11
Es wälzte donnernd über Park und Brücken
12
Derselbe Lärm sich nur dem Morgen zu.
13
Zaubrisch und still da draußen das Gefild!
14
Hier nur das Volk, in buntem Strome, wild
15
Zusammenflutend, schaffend, ringend, suchend,
16
Schwelgend und darbend, betend bald und fluchend!

17
Und Schimmern rings, von Dach und Tor und Fenster;
18
Dort buhlt die Luft in seidenem Gewand!
19
Hier überm Golde höhnische Gespenster
20
Und dort geballt die magre Bettlerhand!
21
Ein Seufzer hier, ein Kuß dort! Von Terrassen
22
Und Treppen: Jubel, Flüstern und Gestöhn –
23
Das ist der Tanz, in dem auf Londons Gassen
24
Sich rastlos zwei Millionen Menschen drehn!

25
Er brauste fort. Da hob auch
26
Sich sacht empor; es fiel der Sterne Licht
27
Auf die Gestalt, so tief gebeugt, so hager,
28
Und auf ihr bleiches, starres Angesicht.
29
Sie sann – nur einen Augenblick; sie preßte
30
Das kranke Kind an ihre nackte Brust;
31
Das arme Weib schritt rasch durch die Paläste;
32
Ach, das Wohin – sie hat es nicht gewußt!

33
»der Mutter Brot! Und Kleider diesem Kinde!«
34
So rief sie. »Oh, wie toll das Herz mir schlägt!
35
Gern trüg ich dich, mein Sohn, so warm und linde,
36
Wie wohl die Mutter ihre Kinder trägt.
37
Noch ist es Zeit! Bist du erst großgezogen
38
Und siehst am Strand der Schiffe bunte Schar:
39
Da eilst du treulos durch die blauen Wogen,
40
Ein wilder Seemann, wie dein Vater war!

41
Dein Vater? Still! – Das war ein sel'ger Morgen,
42
Als weinend ich an seiner Brust erwacht!
43
Es kam der Mai, der Juni drauf, verborgen
44
Hielt ich, was früh mich schon so bleich gemacht.
45
Erst als im Herbst das gelbe Laub der Bäume
46
Leis rauschend in die grüne Themse fiel:
47
Da ward erfüllt der schönste meiner Träume –
48
Und achtzehn Jahr, da steh ich schon am Ziel!

49
Erst achtzehn Jahr! Und schon so fahl mein Leben!
50
Erst achtzehn Jahr! Und arm und elend schon!
51
Doch halt! – Froh will ich meine Stirne heben,
52
Dem Vaterlande gab ich diesen Sohn!
53
Ha! Reizt denn niemand mein so junger Leib?
54
Sagt, die ihr klirrt mit Kreuzen und mit Ketten,
55
Seid ihr nicht reich genug, um nur ein Weib,
56
Ein britisch Weib vom Hungertod zu retten?«

57
Sie schwieg. Dem Gott, der niemals sie erhörte,
58
Sie sandte kein Gebet ihm himmelwärts.
59
Trüb ward ihr Blick. – Das siedend sich empörte,
60
Ihr Blut, zu Eis gerann's – ausschlug ihr Herz!
61
Die Lippe bebend jetzt von einem Fluche! –
62
Ein Lächeln dann – sie sank – rings tiefe Ruh –
63
Und die Natur mit schnee'gem Leichentuche
64
Deckte das reinste ihrer Kinder zu! –

65
Geschloßnen Augs, erstarrt der Knabe lag
66
Fest an der Mutter marmorkalten Brüsten,
67
Als weit ein Leuchten durch den Nebel brach
68
Und Sonnenstrahlen Strom und Hügel küßten;
69
Fern von Westminster feierlich Geläut –
70
So tönt es an der Kön'ge Sarkophagen;
71
Es klang so weit – es war, als müßt es heut
72
Rings nur der Welt den Tod der Armen klagen! –

73
Die Glocke klang – doch nicht für dich gerührt,
74
Armselig Weib! Getrost! Laß sie erdröhnen
75
Den toten Kön'gen nur. Dir ja gebührt,
76
Du früh Verblichne, wohl ein ander Tönen.
77
Dir tönt der Schrei, den jüngst die Not gepreßt
78
Aus tausend Herzen, der in Ost und West
79
Die Völker ruft in einen Bund zusammen –
80
Und deine Mörder werden sie verdammen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.