Gericht

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Georg Weerth: Gericht (1845)

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Ich sitze nieder, ein Gericht zu halten,
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Und rufe mahnend: »Auf, erwacht, erwacht!
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Erscheint vor mir, ihr Schädel jäh zerspalten!
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Erscheint, ihr Leiber, so das Rad zerkracht!
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Erscheint, die ihr gebrandmarkt in den Falten
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Der düstern Stirn, erscheint in blut'ger Tracht!
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Erscheint, erscheint, ihr gräßlichen Gestalten
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Der Knochenstätte und der Kerkernacht!

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Heran von eurer schwankenden Galeere,
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Die sehn'gen Arms ihr noch die Wogen schlagt!
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Heran, die ihr der Ketten Zentnerschwere
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Auf einer Festung gras'gen Wällen tragt!
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Heran, die Tag und Nacht ihr in der Leere
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Dumpfiger Zellen nie zu schlafen wagt:
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Auf daß nicht lebend euch der Zahn verzehre,
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Der hungrig schon am Korridore nagt.

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Und ihr, herbei, ihr bleichen Sünderinnen!
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Ihr, noch vor Monden wundersam geschmückt,
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Herbei, die ihr verbergt im schmutz'gen Linnen
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Die Brust, dran tausend Rosen einst gedrückt!
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Herbei, die ihr zu schrecklichem Beginnen
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Auf euer Liebstes einst den Stahl gezückt!
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Herbei, die ihr von eines Turmes Zinnen
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Wahnsinnig jetzt ins Grau der Wolken blickt!

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Erscheint, ihr schon Gerichteten! Ich rechte
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Ein zweites Mal. Ich schrecke laut und dreist
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Empor euch aus dem Grame langer Nächte;
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Aufsteigt vor meinem Geist, erscheint und weist
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Die Nacken mir, drauf man mit Ruten rächte
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Die Missetat; ihr tief Verworfnen, reißt
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Ab das Gewand, abschüttelt Lock und Flechte
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Vom Aug, das glanzlos durch die Höhlen kreist!

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Ist dies der Mund, dem man Bewundrung zollte,
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Als er von süßen Liedern überfloß?
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Ist dies die Stirn, die den Gedanken rollte,
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Kühn, wie er einst olymp'schem Haupt entsproß?
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Ist dies die Brust, die nur nach Taten grollte,
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Durch die das Blut in wilden Sätzen schoß?
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Und dies das Auge, das nur strahlen sollte,
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Das eine Welt der Liebe einst erschloß?

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Habt ihr so Fürchterliches denn verbrochen,
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Daß ihr der Milde nimmer würdig seid?
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Nur wert noch, daß euch jäh die Brust durchstochen,
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Daß raffiniert man Qual an Qualen reiht?
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Nicht würdig mehr, daß Herzen für euch pochen,
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Daß eine Stimme bittend für euch schreit?
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Nur wert noch, daß euch barsch der Stab gebrochen,
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Daß euch der Henker in die Fratze speit? –

49
Nur Beile wußte man für euch zu wetzen,
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Wenn wild der Hunger das Gedärm zerriß!
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Nur Lumpen warf man hin und ekle Fetzen,
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Wenn euch der Winter in die Schultern biß!
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Mit Fabeln wußte nur der Pfaff zu letzen,
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Wen rauh die Gicht aufs faule Lager schmiß!
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Man folterte mit Not euch und Gesetzen,
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Und nur der Tod, der Tod war euch gewiß!

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Ihr Unglücksel'gen, die man frech geschändet,
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Die im Spitale klagend ihr verreckt,
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Die ihr im Rausch der Jugend schon geendet –
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Getrost! Kein Teufel euch im Grabe schreckt.
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Getrost schlaft weiter! Eh das Jahr sich wendet,
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Ein neu Geschlecht die jungen Glieder reckt,
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Das euern Kindern ernst sein Wort verpfändet,
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Das siegreich nur das Schwert zur Scheide steckt!

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Aufküßt ein ander Glühn an allen Orten
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Die Herzen alle, die so lang erstarrt.
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Ob Saat und Saaten elend auch verdorrten –
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Ein neuer Frühling unsrer Erde harrt!
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Und andre Fahnen schimmern, andre Borten;
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Der Zorn, der mut'ge Renner, stampft und scharrt,
71
Und vor der Zukunft weit erschloßnen Pforten
72
Lärmt kampfgerüstet schon die Gegenwart.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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