Die Industrie

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Georg Weerth: Die Industrie (1839)

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Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag,
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Der gestern schied mit feierlichem Prangen;
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Denn was der Sturm der Zeiten auch zerbrach –
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Ihm ist er machtlos nur vorbeigegangen,
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Ihm nur, der Menschheit wundervollem Geist,
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Den ewig seine eigne Schöne preist,
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Der frei entwandelt jeglicher Vernichtung,
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Der leuchtend zieht die eigne Bahn und Richtung!

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Er wohnte an des Indus heil'ger Flut,
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Er stürmte durch der Griechen grüne Felder,
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Er strahlt' und blühte in ital'scher Glut
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Und sang sein Lied im Dunkel deutscher Wälder.
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Er schwebte durch der Meere wüsten Schwall,
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Und in des Niagara Donnerfall
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Erscholl sein Ruf: »Wie auch die Jahre schreiten:
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Ich bin derselbe wie zu alten Zeiten!«

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Wohl hat er als das Höchste sich bewährt,
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Der Mensch, der kühn die Elemente bändigt,
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Der rastlos fort und weiter nur begehrt,
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Des Streben nie mit einem Abend endigt,
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Dem der Gestirne Wandel so bekannt
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Wie seiner Heimat blumenreiches Land,
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Dem täglich neue Welten sich erschließen
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Zu neuer Tat, zu schönerem Genießen!

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Erfindrisch greift er in die Gegenwart:
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Da keimt es auf zu schimmernder Gestaltung!
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Was ein Jahrhundert ahnungsvoll erharrt,
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Es ward, es ist in herrlicher Entfaltung! –
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O Toren, die dem Leben ihr entrückt,
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Euch stets an alten Wundern nur entzückt:
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Die Wunder, so der Gegenwart entsprossen,
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Sind groß wie die der Tage, so verflossen! –

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Es ging der Mensch durch grüner Wälder Pracht,
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Und prüfend wählte er die Riesenfichte;
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Er wand das Eisen aus der Berge Schacht
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Und trug's empor zum frohen Sonnenlichte.
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Drauf, in der Schiffe flutbespültem Raum,
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Fuhr er frohlockend zu dem Küstensaum
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Entfernter Völker, transatlant'schem Strande
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Die Kunde bringend europä'scher Lande.

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Und in der Städte dampf umhülltem Schoß,
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Wie rast die Flamme wild aus tausend Essen!
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In reinen Formen windet es sich los,
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Was ungebildet die Natur besessen. –
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O wär's dem sel'gen Gotte doch erlaubt,
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Aufs neu zu heben sein ambrosisch Haupt:
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Hephaistos, säh den Dampf die Bahn er wallen,
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Dem Menschen staunend, würd er niederfallen!

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Nicht braucht's der Morgenröte Flügel mehr,
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Um sich zu betten in den letzten Zonen:
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Die eigne Kunst trägt brausend uns einher
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Weit durch den großen Garten der Nationen!
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Entgegen eilt, was Strom und See getrennt,
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Und rings in Millionen Augen brennt
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Hell das Bewußtsein, daß die Nacht entschwunden,
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Der Mensch den Menschen wieder hat gefunden!

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So donnert laut das Ringen unsrer Zeit,
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Die Industrie ist Göttin unsren Tagen!
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Zwar noch erscheint's, sie halte starr gefeit
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Mit Basiliskenblick der Herzen Schlagen;
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Denn düster sitzt sie auf dem finstern Thron,
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Und geißelnd treibt zu unerhörter Fron,
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Tief auf der Stirn des Unheils grausen Stempel,
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Den Armen sie zu ihrem kalten Tempel!

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Und Menschen opfernd steht sie wieder da,
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Des Irrtums unersättliche Begierde;
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Weinend verhüllt sein Haupt der Paria,
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Indes der andre strahlt in güldner Zierde:
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Doch Tränen fließen jedem großen Krieg,
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Es führt die Not nur zu gewisserm Sieg!
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Und wer sie schmieden lernte, Schwert und Ketten,
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Kann mit dem Schwert aus Ketten sich erretten!

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Was er verlieh, des Menschen hehrer Geist,
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Nicht Einem – Allen wird es angehören!
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Und wie die letzte Kette klirrend reißt
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Und wie die letzten Arme sich empören:
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Verwandelt steht die dunkle Göttin da –
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Beglückt, erfreut ist Alles, was ihr nah!
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Der Arbeit Not, die niemand lindern wollte,
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Sie war's, die

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Dann ist's vollbracht! Und in das große Buch,
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Das tönend der Geschichte Wunder kündet,
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Schreibt man: »Daß jetzt der Mensch sich selbst genug,
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Da sich der Mensch am Menschen nur entzündet.«
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Frei rauscht der Rede lang gedämpfter Klang,
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Frei auf der Erde geht des Menschen Gang!
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Und die Natur mit zaubervollem Kusse
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Lockt die Lebend'gen fröhlich zum Genusse!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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