Vernunft und Wahnsinn

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Georg Weerth: Vernunft und Wahnsinn (1839)

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Dem Morgen träumt nicht, was der Abend bringt,
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Wenn lächelnd wohl aus rosenrotem Osten
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Sein erster Strahl durch Wald und Fluren dringt,
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Des Taues frische Perlensaat zu kosten,
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Wenn ihr Erwachen hell die Amsel preist
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Und Hirsche wandeln zu des Tales Bronnen,
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Wenn um die Gletscher still der Adler kreist,
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Sich in der Frühe heil'gem Licht zu sonnen.

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Blau schaut die Blume aus des Feldes Garben,
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Auf Moor und Weiher schwankt des Schilfes Kranz.
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Es fließt der Strom in Regenbogenfarben
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Zum Meere, wiegend seiner Wellen Tanz.
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Und rauschend im gewalt'gen Wogenliede
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Dehnt unabsehbar sich die grüne Flut –
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Und Freude nur und wundervoller Friede
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Auf Festland, Insel und Gewässern ruht.

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Doch wie zum Mittag wandelt sich der Morgen,
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Hüllt sich in Schleier auch des Tages Pracht.
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Was einer frühen Stunde tief verborgen,
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Es bricht herein mit Angst und Graus und Nacht.
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Der Himmel tönt von rasselnden Gewittern,
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Die Erde zuckt und birst zu jähem Spalt,
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Und heulend über Fels und Eichensplittern
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Der Sturm entfesselt seine Bahnen wallt.

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Es rast die Brandung an zerfetzten Küsten,
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Und Dunkel herrscht, bis aus entwölkten Höhn,
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Als ob sie nichts von Sturm und Wetter wüßten,
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Die Sterne ruhig strahlend niedersehn.
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Und die vom Staub bis auf zum Firmamente
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Gewälzt sich mit dämonischer Gewalt:
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Sie schlummern dann, die starken Elemente,
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Bis sie ein neuer Kampf zusammenballt.

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So ewiglich, mit wechselndem Gestalten,
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Sklavischen Laufes rollt und kreist das All!
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Nicht schöner mag sich die Natur entfalten,
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Noch wenden sich als zu gewohntem Fall.
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Die Welt und Welten aneinander bannte
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Mit unerbittlicher Notwendigkeit:
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Nur in den Geistern ihrer Menschen brannte
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Sie fort zu schrankenloser Herrlichkeit!

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Seit von der Lippe greiser Patriarchen
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Der Weisheit blumenreiche Rede floß,
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Bis wo die Schädel stürzender Monarchen
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Zerstampft der Freiheit jugendliches Roß:
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Hat die Natur mit ihrer Donnerstimme
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Gesungen stets den mahnenden Gesang,
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Daß jeder folge seinem Gram und Grimme
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Wie seines Herzens liebevollem Drang.

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Die gleich der Möwe keck die See umschwanken,
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Die gleich der Schwalbe ihre Heimat baun,
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Die gleich der Wolke blitzen den Gedanken
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Und gleich dem Falken forschend niederschaun;
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Die sich mit Palmen über Hügeln wiegen,
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Mit Rosen träumen auf bemooster Flur,
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Die gleich dem Tiger ziehn von Krieg zu Kriegen –
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Sie sollten folgen

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In gleicher Schönheit flammten durch die Zeiten
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Des Raumes Wunder; nur zu höherm Flug
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Mocht seines Geistes ries'ge Schwingen breiten
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Der Mensch, der alle Kraft im Busen trug,
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Der, ob er knechtisch sich im Staube wühlte
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Und zitternd sich vor Thron und Altarwand –
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Doch wieder keck mit seinen Göttern spielte
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Und freier nur und herrlicher erstand!

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Der eignen Brust ist Freud und Leid entsprungen;
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Vernunft und Wahnsinn! Schon jahrtausendlang
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Hat dieses fürchterliche Paar gerungen,
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Den Kampf gewälzt vom Auf- zum Niedergang.
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Es weht der Staub zermalmter Nationen
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In düstern Massen auf von ihrem Pfad;
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Und ob sie ruhig beieinander wohnen –
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Sie rasten nur zu neuer, größrer Tat!

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In Ost und West ein reges Völkerleben,
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Vom Meere schallt's bis zu der Wüste Saum.
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Das ist ein Ringen, Schaffen nur und Streben
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Auf Feldern, Gassen und der Märkte Raum.
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Und kommt der Morgen sacht herangeschritten:
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Da scheint's, nur Segen schmücke rings das Land,
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Als schaue Liebe süß aus hundert Hütten,
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Als herrsche rings nur ordnender Verstand. –

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Wohl mag die Blume außen üppig winken,
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In ihrem Herzen wohnt nur Angst und Qual!
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Wie einst muß heute noch der Weise trinken
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Des Wahnsinns giftdurchfluteten Pokal.
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Mit Blute leimen sie ihr Werk zusammen,
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Die satt durchtaumeln Tempel und Palast;
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Die Armut röchelt Wimmern und Verdammen,
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Und wild die Lust aus goldnen Schüsseln praßt!

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Doch wie der Wahnsinn, folgend seinem Rechte,
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Sinnlos mag rasen – so durch alle Welt
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Hat die Vernunft ihr Recht, daß sie die Nächte
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Des Wahnsinns funkenstiebend auch erhellt,
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Daß, eine Löwin, sie die Glieder schüttelt
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Und wieder naht in drohender Gestalt,
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Daß sie den Wahnsinn aus den Fugen rüttelt
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Und über Trümmer fort zum Siege wallt!

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Vernichtet wird der Wahn zu Boden rollen,
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Der mit Gewalt und schmeichelndem Geschwätz
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Gebeut, daß Alle Einem folgen sollen,
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Der Schranken schafft und Regeln und Gesetz,
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Der seine Liebe macht zu Aller Liebe
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Und seinen Haß zum Hasse Aller nur,
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Der sie vergleicht, die menschlich freien Triebe,
104
Der Elemente sklavischen Natur! –

105
Der Erde goldner Morgen ist verronnen,
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Anbrach der wilde, wetterschwangre Tag.
107
Es hat den langen, herben Streit begonnen,
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Was schlummernd einst in tiefster Seele lag.
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Fort mag er sich durch alle Zeiten türmen –
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Es kennt der Mensch kein Ruhn und Stillestehn.
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Nur aus des Wahnsinns fürchterlichsten Stürmen
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Wird die Vernunft zu schönerm Siege gehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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