Das Nackte

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Georg Weerth: Das Nackte (1845)

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Kalt bleibt dein Sinn, kalt bleibt dein bestes Streben,
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Du gleichst dem Wurme, der verlassen wühlt –
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Beglückt nur, wer ein warmes Menschenleben
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Mit seinen beiden Armen einst gefühlt!
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An dessen Herz ein ander Herz geschlagen,
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An dessen Haupt ein ander Haupt gelehnt,
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Der von dem Strom der Liebe fortgetragen
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Zum Meere der Erfüllung sich gesehnt.

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Der Strom der Liebe wiegt auf blauen Wellen
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Vorüber dich an blumenreichem Strand;
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Die Rose grüßt den stürmischen Gesellen,
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Ihm nickt die Rebe von der Felsenwand.
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Doch weiter eilst du, bis gewalt'gen Flusses
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Der Ozean vor deinen Augen blinkt,
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Bis jauchzend im Orkane des Genusses
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Dein Herz vernichtet in die Wogen sinkt.

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Das ist die Taufe, draus ein neues Wesen
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Beglückt entwandelt zu der Sonne Strahl.
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Zum Liebling hat dich die Natur erlesen,
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Ein ganzer Mensch warst du zum ersten Mal.
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Der Augenblick, der Alles dir erschlossen,
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Er ist's, er stempelt dich sofort zum Mann;
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Aus der Umarmung ist dir frisch entsprossen,
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Worauf die Keuschheit tausend Jahre sann!

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Der das Erhabenste zu meißeln dachte,
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Dem weisen Griechen, ihm gelang es nur:
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Als ihm der Nacktheit süßer Zauber lachte,
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Die Fülle der entschleierten Natur.
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Und wie das Bild, dem Marmor losgewunden,
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So strahlt der Meister auch durch alle Zeit,
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Der Göttliches im Menschen nur gefunden
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Und Sitte nur in reiner Sinnlichkeit.

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Das oft geweint mit weinenden Madonnen,
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Ein Auge, das durchflog der Dome Chor:
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Es mag sich freudig auch im Glanze sonnen
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Des Heitern und der Reize frischem Flor.
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Was bei der Nacht geheimnisvoller Feier
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Dein Gott, dein Leben und dein Liebstes war:
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Laß es beseelen Meißel auch und Leier
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Und sich gestalten nackt und frei und klar.

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Zum Schatten wandelt es das beste Leben,
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Es hat den kühnsten Adler schon gelähmt,
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Wenn sich die Kraft in ihrem vollsten Streben
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Erzitternd der Natürlichkeit geschämt.
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Wie die Natur in ihrer ew'gen Schöne,
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In edler Nacktheit schimmert nur allein,
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So mögen ihre Töchter auch und Söhne
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Nicht fürchten, sinnlich, wie sie sind, zu sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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