Der Wein ist nicht geraten

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Georg Weerth: Der Wein ist nicht geraten (1839)

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Was hab ich doch vernommen
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Für große Traurigkeit!
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Es ist ins Land gekommen
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Gar eine schlimme Zeit!
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Der Wein ist nicht geraten
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An Mosel, Rhein und Lahn,
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Und was die Winzer taten,
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Das ist umsonst getan!

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Es pflanzte seine Reben
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Ein jeder nett und fein;
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Er dachte: Gott wird geben
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Den lichten Sonnenschein,
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Der fern die Wolke lenket,
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Daß sie sich rauschend senkt,
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Auch unsrer Hügel denket
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Und frischen Tau uns schenkt.

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Und oft zur Morgenstunde –
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Kam Mai und Juni drauf –
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Die irdne Pfeif im Munde,
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Stieg er den Berg hinauf;
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Und froh war sein Gemüte,
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Wenn von der Felsenwand
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Die erste junge Blüte
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Den süßen Duft gesandt,

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Wenn sich zu voller Traube
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Die Beeren angesetzt
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Und in dem grünen Laube
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Ein Schimmern war zuletzt:
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Als säh man herrlich prangen
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Des Goldes hellen Schein,
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Als wär der Berg behangen
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Rings mit Rubinenstein!

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»gott ist mir gut gewesen!«
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So klang des Winzers Lied;
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»bald werd ich lustig lesen,
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Was mir der Herr beschied!
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Ein schöner Erntemorgen
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Bricht in den Dörfern an,
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Vorbei nun Gram und Sorgen,
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Ich bin ein froher Mann!«

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Er sprach's. Da zog mit Stürmen
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Der kalte Herbst daher:
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Er sah die Wolken türmen
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Sich rings so regenschwer.
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Verschwunden ist sein Hoffen!
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Das kurze Glück ist aus!
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Von hartem Schlag getroffen
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Geht weinend er nach Haus!

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Du wirst die Hände legen
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Nicht an die Kelter dein!
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Nun träuft des Weines Segen
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Nicht in dein Faß hinein!
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Du wirst kein Lied mehr singen!
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Kein Brot und wärmend Kleid
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Wirst du den Kindern bringen,
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Ist alles rings verschneit!

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Drum, die ihr in den Städten
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Nach vollen Schüsseln langt,
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Die ihr mit güldnen Ketten,
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Mit Kreuz und Sternen prangt,
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Die ihr den Nierensteiner
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Im tiefen Keller habt
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Und oft mit Ingelheimer
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Die durst'gen Kehlen labt,

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Die ihr im schmucken Saale
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Aus grünen Römern zecht,
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Des Morgens Speciale,
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Am Abend Schoppen stecht,
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Die ihr bei Lust und Scherzen
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Verjubelt Nacht auf Nacht –
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Denkt, daß mit schwerem Herzen
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Manch armer Winzer wacht!

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Denkt, daß zu allen Tagen,
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Denkt, daß bei uns von je
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Man immer hörte sagen:
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»nur Wohl und Keinem Weh!«
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Und laßt das Scherflein springen
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So lustig an den Rhein,
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Wie ich dies Lied tät singen
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Frei in die Welt hinein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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