Die Schenke

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Georg Weerth: Die Schenke (1839)

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Mein Herz, des Sanges schier entwöhnet,
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Schlägt jetzt von neuem wild und heiß.
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Drum auf, ihr Saiten, klingt und tönet!
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Ich singe einer Schenke Preis!

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Dort ragt sie aus den Waldestannen
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Und zeigt den Leu auf rundem Schild,
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Dazu drei Krüge und drei Kannen
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Und auch ein Sprüchlein fromm und mild.

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Es ist der Schenken allerbeste!
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Und Löwenburg wird sie genannt.
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Kommt, tretet ein, seid meine Gäste,
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Hier ist der beste Wein im Land!

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Seht dort die Wirtin – schon von ferne
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Winkt sie mit einem vollen Glas;
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Ein lieblich Mahl bringt sie uns gerne
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Und zapft aus einem neuen Faß!

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Sie ist mir äußerst wohlgewogen,
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Dieweil ich neulich klug und schlau
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Ihr in das Angesicht gelogen,
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Sie sei die wunderschönste Frau!

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Geht ihr nun jubelnd durch die Türe,
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Seht, daß der Töchter keine flieh;
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Meintwegen küßt sie – ich erküre
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Mir stets die liebliche Marie!

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Denn Augen hat sie wie zwei Trauben
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So dunkel – ist so schüchtern noch;
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Den Kuß will nimmer sie erlauben –
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Was tut's? Man kommt und küßt sie doch!

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Wer widerstände auch der Schönen,
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Wenn sie den vollen Becher bringt,
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Wenn sie zu ihrer Harfe Tönen
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Ein Lied mit heller Stimme singt?

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Die Gäste lauschen in die Runde;
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Denn alle Herzen singt sie wach!
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Jetzt schweigt sie – und von Mund zu Munde
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Schallt wild die letzte Strophe nach!

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Doch nun, o Lied, mit frischem Tone,
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Erkling aufs neu! Ihr Saiten, schwirrt!
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Es kommt des Hauses Zier und Krone,
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Der unvergleichlich dicke Wirt!

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Er kommt! er kommt! mit prallen Lenden,
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Er hat ein Bäuchlein wie ein Faß,
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Sein Weib und sieben Kinder fänden,
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Tät's Not, mitsamt darin Gelaß!

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Sein rotes Antlitz scheint zu sagen:
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»mir war so mancher Wein gegönnt,
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Daß er zusammen mit Behagen
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Drei Königreich ersäufen könnt!«

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Stolz ist er drauf, sein Weib zu führen
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Am Sonntag in die Kirch hinein,
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Doch bleibt er selber vor der Türen –
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Für seinen Bauch ist sie zu klein!

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Tut ihm der Tod dereinst mal winken,
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Glaubt mir, er fährt gen Himmel nicht!
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Er wird zurück zur Erde sinken –
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Dieweil er ein zu groß Gewicht!

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So kennt ihr nun die ganze Schenke,
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Ihr kennt den Wirt mit Weib und Kind –
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Und Pfalzwein ist ein gut Getränke,
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Streicht übern Rhein der Morgenwind!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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