19.

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Georg Weerth: 19. (1839)

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Gott grüß dich, alte Schenke,
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Mit deinem runden Schild!
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O gib ein gut Getränke,
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Das meinen Kummer stillt.
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O gib vom selben Weine,
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den ich in Lust und Not
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Wohl trank beim Abendscheine
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Mit Freunden, die nun tot.

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Da draußen stand die Erle
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Und schlug ans Fenster leis;
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Hier innen stieg die Perle
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Im Glase silberweiß.
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Und ringsumher Gesichter,
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So lieb und wohlbekannt:
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Der alte Friedensrichter
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Saß oben an der Wand

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In rotgeblümter Weste –
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Ich mein, ich säh ihn noch,
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Wenn er die andren Gäste
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So fürchterlich belog,
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Wenn er vom letzten Kriege
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Erzählte wie ein Buch
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Und fluchend nach 'ner Fliege
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Mit beiden Fäusten schlug.

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Ganz nah an seiner Seite,
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Die Brille auf der Nas,
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Der wunderbar gescheite
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Magister loci saß.
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In Heidelberg studiert' er
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Philosophie und Jus,
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Und sonderlich zitiert' er
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Den Jobs und Tacitus.

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Es lärmt' und schrie so heiser
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Der dünne Advokat,
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Die Kön'ge und die Kaiser
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In Acht und Bann er tat.
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Mit seinem Ziegenhainer
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Hätt er sie gern entthront,
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Auch hat den Nierensteiner
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Er nimmermehr geschont.

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Er trank – nur einer fand sich,
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Der schärfer trank als er:
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Trank er der Schoppen zwanzig –
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Der Küster trank noch mehr!
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Mit würdevollen Mienen
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Sah er ins Glas hinein,
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Wie Schimmer von Rubinen
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War seiner Wangen Schein,

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Und seine Stimme tönte
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So schauerlichen Baß,
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Als ob im Keller dröhnte
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Ein altes Mutterfaß,
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Als ob die Orgeln brummten
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In aller Christenheit –
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Wir staunten und verstummten
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Für eine lange Zeit.

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Und jedem Herzen bangte,
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Bis daß der Musikant
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Die braune Geige langte
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Hernieder von der Wand.
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Er strich die glatten Saiten,
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Er strich sie hell und rein;
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Wir täten ihn begleiten
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Mit einem Chorus fein.

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So war es einst! – Gekommen
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Ist nun der Winter kalt,
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Hat Blum' und Blut genommen
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Aus Wiesen, Berg und Wald.
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Verschwunden und vergessen
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Sind, ach, für immerdar,
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Die fröhlich hier gesessen
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Manch langes liebes Jahr;

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Die einst in Lust geschwommen
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Und großer Freudigkeit,
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Wenn da ins Land gekommen
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Die Krammetsvögelzeit;
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Die im gewölbten Saale
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Erhuben Klang und Sang,
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Wenn man zum ersten Male
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Den neuen Weißen trank;

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Die sich zusammenfanden
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An Sankt Martini Tag,
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Wenn man in allen Landen
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Die Gans zu essen pflag;
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Die nie nach Hause kamen,
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Als wenn sie still entzückt
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Und auch in Gottes Namen
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Einen Rausch darauf gedrückt.

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Was mag es doch bedeuten,
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Mein Herz ist so voll Gram?
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Die Abendglocken läuten
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Da draußen wundersam.
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Ich sah den Mond erscheinen,
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Der durch die Wolken bricht,
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Und weiß nicht, soll ich weinen,
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Oder wein ich lieber nicht?

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Drum hurtig zugegossen!
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Ein überschäumend Glas:
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Den seligen Genossen,
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Euch Toten bring ich das!
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Bis in die Gräber rauschet
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Wohl dieser volle Klang:
103
Ihr fahrt empor und lauschet
104
Und winket: »Habe Dank!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Weerth
(18221856)

* 17.02.1822 in Detmold, † 30.07.1856 in Havanna

männlich, geb. Weerth

| Malaria

deutscher Schriftsteller, Satiriker, Journalist und Kaufmann

(Aus: Wikidata.org)

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