Gott! du wirst seine Seele

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Karl Wilhelm Ramler: Gott! du wirst seine Seele Titel entspricht 1. Vers(1761)

1
Gott! du wirst seine Seele
2
Nicht in der Hölle lassen,
3
Und nicht gestattet, daß dein Heiliger
4
Die Verwesung sehe.

5
Judäa zittert! seine Berge beben!
6
Der Jordan flieht den Strand!
7
Was zitterst du, Judäens Land?
8
Ihr Berge, warum bebt ihr so?
9
Was war dir, Jordan, daß dein Strom zurücke floh? –
10
Der Herr der Erde steigt
11
Empor aus ihrem Schooß, tritt auf den Fels und zeigt
12
Der staunenden Natur sein Leben. –
13
Des Himmels Myriaden liegen auf der Luft
14
Rings um ihn her; und Cherub Michael fährt nieder,
15
Und rollt des vorgewälzten Steines Last
16
Hinweg von seines Königs Gruft,
17
Sein Antlitz stammt, sein Auge glühet.
18
Die Schaar der Römer stürzt erblaßt
19
Auf ihre Schilde: »Flieht, ihr Brüder!
20
Der Götter Rache trifft uns! fliehet!«

21
Mein Geist, voll Furcht und Freude, bebet;
22
Der Fels zerspringt; die Nacht wird licht.
23
Seht, wie er auf den Lüften schwebet!
24
Seht, wie von seinem Angesicht
25
Die Glorie der Gottheit strahlt!

26
Rang Jesus nicht mit tausend Schmerzen?
27
Empfing sein Gott nicht seine Seele?
28
Floß nicht sein Blut in seinem Herzen?
29
Hat nicht der Held in dieser Höhle
30
Der Erde seine Schuld bezahlt?

31
Mein Geist, voll Furcht und Freude, bebet:
32
Der Fels zerspringt; die Nacht wird licht.
33
Seht, wie er auf den Lüften schwebet!
34
Seht, wie von seinem Angesicht
35
Die Glorie der Gottheit strahlt!

36
Triumph! Triumph! des Herrn Gesalbter sieget!
37
Er steigt aus seiner Felsengruft,
38
Triumph! Triumph! ein Chor von Engeln flieget
39
Mit lautem Jubel durch die Luft.

40
Die frommen Töchter Sions geh'n
41
Nicht ohne Staunen durch des offenen Grabes Thür;
42
Mit Schaudern fahren sie zurück. Sie seh'n,
43
In Glanz gehüllt, den Boten
44
Des Ewigen, der freundlich spricht:
45
»entsetzt euch nicht:
46
Ich weiß, ihr suchet euern Todten,
47
Den Nazaräer Jesus, hier,
48
Daß ihr ihn salbt, daß ihr ihn klagt,
49
Hier ist er nicht. Die Stätte sehet ihr,
50
Die Grabetücher sind vorhanden;
51
Ihn aber suchet bei den Todten nicht,
52
Es ist erfüllt, was er zuvor gesagt:
53
Er lebt, er ist erstanden!«

54
»wie bang hat dich mein Lied beweint,
55
Ach! unser Trost, der Menschenfreund,
56
Sieht keinen Tröster, steht verlassen,
57
Der blutet, der sein Volk geheilt,
58
Der Todte weckte, muß erblassen!«
59
So hat mein banges Lied geweint.

60
Heil mir! du steigst vom Grab' herauf.
61
Mein Herz zerfließt in Freudenzähren,
62
In Wonne lös't mein Gram sich auf.

63
Wer ist die Sionitin, die vom Grabe
64
So schüchtern in den Garten flieht, und weinet? –
65
Nicht lange. Jesus selbst erscheinet,
66
Doch unerkannt, und spricht ihr zu:
67
»o Tochter! warum weinest du?«

68
»herr, sage, nahmst Du meinen Herrn aus diesem Grabe?
69
Wo liegt er? Ach! vergönne,
70
Daß ich ihn hole, daß ich ihn
71
Mit Thränen netze; daß ich ihn
72
Mit diesen Salben noch im Tode salben könne,
73
Wie ich im Leben ihn gesalbt.« – »Maria!«
74
So ruft mit holder Stimm' ihr Freund,
75
In seiner eigenen Gestalt: »Maria!« –

76
»mein Meister! ach!« – Sie fällt zu seinen Füßen nieder,
77
Umarmt sie, küßt sie, weint. –

78
»du sollst mich wiedersehen!
79
Noch werd' ich nicht zu meinem Vater gehen,
80
Steh' auf, und suche meine Brüder,
81
Und meinen Simon! sag' ich leb' und will ihn sehen.«

82
Freund der schwachen Menschenkinder!
83
Der Gefall'ne, der Betrübte
84
Hört von dir den ersten Trost.

85
Tröster der gerührten Sünder!
86
Die dich suchte, die dich liebte,
87
Fand bei dir den ersten Trost.

88
Holder Tröster! Menschenfreund!
89
O! wie wird durch jede Zähre
90
Dein erbarmend Hertz erweicht!

91
Sagt, wer unserm Gotte gleicht,
92
Der die Missethat vergiebet?

93
Sagt, wer unserm Gotte gleicht,
94
Der den Missethäter liebet?

95
Liebe, die du selbst geweint,
96
O, wie wird durch jede Zähre
97
Dein allgütig Herz erweicht!

98
Freund der schwachen Menschenkinder
99
Der Gefall'ne, der Betrübte
100
Hört von dir den ersten Trost.

101
Tröster der gerührten Sünder!
102
Die dich suchte, die dich liebte,
103
Fand bei dir den ersten Trost.

104
Holder Tröster! Menschenfreund!
105
O! wie wird durch jede Zähre
106
Dein erbarmend Herz erweicht!

107
Freundinnen Jesu! sagt, woher so oft
108
In diesen Garten? Habt ihr nicht gehört, er lebe?
109
Ihr zärtlichen Betrübten hofft
110
Den Göttlichen zu seh'n, den Magdalena sah? –
111
Ihr seyd erhört. Urplötzlich ist er da,
112
Und Aloen und Myrrhen düftet sein Gewand!
113
»ich bin es! seyd gegrüßt!« Sie fallen zitternd nieder.
114
Sein Arm erhebt sie wieder:
115
»geht hin in unser Vaterland,
116
Und sagt den Jüngern an: Ich lebe,
117
Und fahre bald hinauf in meines Vaters Reich;
118
Doch will ich alle seh'n, bevor ich mich für euch
119
Zu meinem Gott und eurem Gott gen Himmel hebe.«

120
Ich folge Dir, verklärter Held!
121
Dir Erstling der entschlaf'nen Frommen!
122
Triumph! der Tod ist weggenommen,
123
Der auf der Welt der Geister lag.

124
Dies Fleisch, das in den Staub zerfällt,
125
Wächst fröhlich aus dem Staube wieder.
126
O, ruht in Hoffnung, meine Glieder!
127
Bis an den großen Erntetag.

128
Ich folge Dir, verklärter Held!
129
Dir, Erstling der entschlaf'nen Frommen!
130
Triumph, der Tod ist weggenommen,
131
Der auf der Welt der Geister lag.
132
Tod! wo ist dein Stachel? dein Sieg, o Hölle, wo ist er? –
133
Unser ist der Sieg: Dank sey Gott! und Jesus ist Sieger.

134
Dort seh' ich aus den Thoren
135
Jerusalems zwei Schüler Jesu geh'n;
136
In Zweifeln ganz, nun ganz in Traurigkeit verloren,
137
Geh'n sie durch Wald und Feld,
138
Und klagen ihren Herrn. Der Herr gesellt
139
Sich zu den Trauernden, umnebelt ihr Gesicht,
140
Hört ihre Zweifel an, gibt ihnen Unterricht.

141
Und seine Rede heilt der Freunde Schmerz;
142
Mit Liebe wird ihr Herz
143
Zu diesem Gast entzündet.
144
Sie lagern sich. Er bricht das Brod, und saget Dank;
145
Die Jünger kennen seinen Dank;
146
Der Nebel fällt, sie seh'n ihn, – er verschwindet.

147
Willkommen, Heiland! freut euch, Väter!
148
Die Hoffnung Zions ist erfüllt.
149
O! dankt, ihr ungebornen Kinder!
150
Gott nimmt für eine Welt voll Sünder
151
Sein großes Opfer an.

152
Der Heilige stirbt für Verräther:
153
So wird des Richters Spruch erfüllt.
154
Er tritt das Haupt der Hölle nieder,
155
Er bringet die Empörer wieder;
156
Der Himmel nimmt uns an.

157
Willkommen, Heiland! freut euch, Väter
158
Die Hoffnung Zions ist erfüllt.
159
O! dankt, ihr neugebornen Kinder!
160
Gott nimmt für eine Welt voll Sünder
161
Sein großes Opfer an.

162
Triumph! Triumph! der Fürst des Lebens sieget!
163
Gefesselt führt er Höll' und Tod.
164
Triumph! Triumph! die Siegesfahne flieget!
165
Sein Kleid ist noch vom Blute roth.

166
Eilf auserwählte Jünger, bei verschloss'nen Thüren,
167
Die Wuth der Feinde scheuend, freuen sich,
168
Daß Jesus wieder lebt. – »Ihr glaubt es, aber mich«,
169
Erwiedert Thomas, »soll kein falsch Gesicht verführen.«

170
»ist er den Galiläerinnen nicht,
171
Auch diesem Simon nicht erschienen?
172
Sah'n ihn nicht Kleophas und sein Gefährte dort
173
Bei Emmahus? Ja hier, ein Freund, an diesem Ort
174
Sah'n wir ihn alle selbst, es waren seine Mienen,
175
Die Worte waren seinen Worten gleich;
176
Er aß mit uns.« –
177
»betrogen hat man euch;
178
Ihr selbst, aus Sehnsucht, habt euch gern betrogen!
179
Laßt mich ihn sehen, mit allen Nägelmaalen seh'n:
180
Dann glaub' auch ich, es sey mein heißer Wunsch gescheh'n.« –
181
Und nun zerfließt die Wolke, die den Herrn umzogen.
182
Der mitten unter ihnen steht und spricht:
183
»der Friede Gottes sey mit euch!

184
Und du, Schwachgläubiger! komm, siehe, zweifle nicht!«
185
»mein Herr! mein Gott! ich seh', ich glaub', ich schweige.« –
186
»so geh' in alle Welt, und sey mein Zeuge!«

187
Mein Herr! mein Gott! mein Herr! mein Gott!
188
Dein ist das Reich, die Macht ist dein!
189
So wahr dein Fuß dies Land betreten,
190
Wirst du der Erde Schutzgott seyn,
191
Jehovens Sohn wird uns vertreten!
192
Versöhnte, kommt, ihn anzubeten!
193
Erlöste, sagt ihm Dank:

194
Zu dir steigt mein Gesang empor
195
Aus jedem Thal, aus jedem Hain.
196
Dir will ich auf dem Feld Altäre
197
Und auf den Hügeln Tempel weih'n.
198
Lallt meine Zunge nicht mehr Dank:
199
So sey der Ehrfurcht fromme Zähre
200
Mein letzter Lobgesang.

201
Mein Herr! mein Gott! mein Herr! mein Gott!
202
Dein ist das Reich! die Macht ist dein!
203
So wahr dein Fuß dies Land betreten,
204
Wirst du der Erde Schutzgott seyn.

205
Jehovens Sohn wird uns vertreten,
206
Versöhnte, kommt, ihn anzubeten!
207
Erlöste, sagt ihm Dank!

208
Triumph! Triumph! der Sohn des Höchsten sieget!
209
Er eilt vom Sühnaltar empor,
210
Triumph! Triumph! sein Vater ist vergnüget;
211
Er nimmt uns in der Engel Chor.

212
Auf einem Hügel, dessen Rücken
213
Der Oelbaum und der Palmbaum schmücken,
214
Steht der Gesalbte Gottes, um ihn steh'n
215
Die seligen Gefährten seiner Pilgerschaft.
216
Sie seh'n erstaunt von seinem Antlitz Strahlen geh'n;
217
Sie seh'n in einer lichten Wolke
218
Den Flammenwagen warten, der ihn führen soll:
219
Sie beten an. – Er hebt die Hände
220
Zum letzten Segen auf: »Seyd meines Geistes voll!
221
Geht hin und lehrt,
222
Bis an der Erden Ende,
223
Was ihr von mir gehört,
224
Das ewige Gebot der Liebe! – Gehet hin,
225
Thut meine Wunder! Gehet hin,
226
Verkündigt allem Volke
227
Versöhnung, Frieden, Seligkeit!«
228
Er sagt's, steigt auf, wird schnell emporgetragen,
229
Ein strahlendes Gefolg umringet seinen Wagen

230
Ihr Thore Gottes, öffnet euch!
231
Der König ziehet in sein Reich.
232
Macht Bahn, ihr Seraphinenchöre!
233
Er steigt auf seines Vater Thron.

234
Triumph! werft eure Kronen nieder!
235
So schallt der weite Himmel wieder;
236
Triumph! gebt unserm Gott die Ehre!
237
Heil unserm Gott und seinem Sohn!

238
Ihr Thore Gottes, öffnet euch!
239
Der König ziehet in sein Reich.
240
Macht Bahn, ihr Seraphinenchöre!
241
Er steigt auf seines Vaters Thron

242
Gott fähret auf mit Jauchzen,
243
Der Herr mit heller Posaune.
244
Lobsinget, lobsinget Gott!
245
Lobsinget, lobsinget unserm Könige.

246
Der Herr ist König!
247
Deß freue sich das Erdreich
248
Das Meer brause!
249
Die Wasserströme frohlocken,
250
Und alle Inseln sey'n fröhlich!

251
Jauchzet, ihr Himmel!
252
Freue dich, Erde!
253
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
254
Wer ist, der in den Wolken gleich dem Herrn gilt,
255
Und gleich ist unter den Kindern der Götter dem Herrn?

256
Lobet ihn alle seine Engel!
257
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
258
Halleluja!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Wilhelm Ramler
(17251798)

* 25.02.1725 in Kołobrzeg, † 11.04.1798 in Berlin

männlich, geb. Ramler

deutscher Dichter und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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