Der Tod Jesu

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Karl Wilhelm Ramler: Der Tod Jesu (1761)

1
Du, dessen Augen flossen,
2
Sobald sie Zion sah'n,
3
Zur Frevelthat entschlossen,
4
Sich seinem Falle nah'n,

5
Wo ist das Thal, die Höhle,
6
Die Jesu dich verbirgt?
7
Verfolger seiner Seele,
8
Habt ihr ihn schon erwürgt?

9
Sein Odem ist schwach; –
10
Seine Tage sind abgekürzet;
11
Seine Seele ist voll Jammer;
12
Sein Leben ist nahe bei der Hölle.

13
Gethsemane!
14
Wen hören deine Palmen hier
15
So bange, so verlassen klagen?
16
Wer ächzet hier die Seel' in tausend Aengsten aus? ...
17
Ist das mein Jesus? – Bester aller Menschenkinder,
18
Du zagst? du zitterst, gleich dem Sünder,
19
Dem die Gerechtigkeit das Todesurtheil fällt? –
20
Ach seht! er sinket hin, der fromme Held,
21
Als trüg' er allen Zorn des Himmels, alle Plagen
22
Von einer ganzen Welt.
23
Sein Herz, in Arbeit, fliegt aus seiner Höhle.
24
Sein Schweiß rollt purpurroth
25
Die Schläf' herab. Er ruft: Betrübt ist meine Seele
26
Bis in den Tod!
27
Laß, Vater diese Stunde
28
Laß sie vorübergeh'n!
29
Nimm weg, nimm weg den bittern Kelch von meinem Munde! – –
30
Du nimmst ihn nicht? – – Wohlan! dein Wille soll gescheh'n.

31
Du Held, auf den die Köcher
32
Einst Höll' und Tod geleert,
33
Du hörest den, der schwächer,
34
Am Grabe Trost begehrt;
35
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.

36
Wann ich am Rande dieses Lebens
37
Abgründe sehe, wo vergebens
38
Mein Geist zurücke strebt;
39
Wann ich den Richter kommen höre
40
Mit Wag' und Donner, und die Sphäre
41
Von seinem Fußtritt bebt;
42
Wer will, wer kann mein Schutzgott seyn?

43
Du Held, auf den die Köcher
44
Einst Höll' und Tod geleert,
45
Du hörest den, der schwächer,
46
Am Grabe Trost begehrt;
47
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.

48
Wen hab' ich in der letzten Pein?
49
Wer wird mir Rath und Trost verleih'n?
50
Mit neuer Hoffnung mich beleben?
51
Wer blickt voll Huld mich Schwachen an,
52
Wann mir kein Mensch mehr helfen kann,
53
Und ich der Welt muß Abschied geben?
54
Wer schafft der trüben Seele Licht,
55
Thust du es, o mein Heiland, nicht?

56
Der Held erhebt sich von der Erde,
57
Gestärkt von Gott durch eines Engels Hand,
58
Und sucht die Jünger auf, die seine Seele liebet.
59
Die Jünger hat ein Schlummer übermannt;
60
Hier liegen sie gestützt, mit trauriger Geberde,
61
Betrachtend steht der Menschenfreund und spricht
62
Mit über sie gehängtem holdem Angesicht:
63
»der Geist ist willig, nur der Leib ist schwach«.
64
Und bückt sich, Petrus Hand sanft anzurühren, nieder:
65
»auch du bist nicht mehr wach?
66
O! wacht und betet, meine Brüder!«

67
Ein Gebet um Muth und Freude,
68
Freud' im Tode, Muth im Leide,
69
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn.
70
Und der Herr erhört es gern.

71
Klimm, ich zu der Tugend Tempel
72
Matt den steilen Pfad hinauf,
73
O! so sporn' ich meinen Lauf
74
Nach der Wanderer Exempel,

75
Durch die Hoffnung jener schönen,
76
Ueber mir erhabnen Scenen,
77
Und erleichtre meinen Gang
78
Mit Gebet und mit Gesang.

79
Ein Gebet um Muth und Freude,
80
Freud' im Tode, Muth im Leide,
81
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn;
82
Und der Herr erhört es gern.

83
Herr, höre die Stimme unseres Flehens,
84
Wann wir zu dir schreien,
85
Wann wir unsere Hände erheben
86
Zu deinem heiligen Chor.

87
Es klingen Waffen, Lanzen blinken bei dem Schein
88
Der Fackeln; Mörder dringen ein,
89
Ich sehe Mörder! – Ach! es ist um ihn geschehen.
90
Er aber, unerschrocken nahet sich
91
Den Feinden selbst; großmüthig spricht er: »Sucht ihr mich,
92
So lasset meine Freunde gehen«.
93
Die schüchternen Gefährten flieh'n auf dieses Wort.
94
Ihn bindet man, ihn führt man fort.
95
Sein Petrus folgt, der einzige von allen;
96
Er folgt, zur Hülfe schwach, von fern;
97
Mitleidig folgt er seinem Herrn
98
Zum schrecklichen Palaste
99
Des hohen Priesters Kajaphas. –
100
Was hör' ich hier! Ach! Petrus selber spricht:
101
Ich kenne diesen Menschen nicht? –
102
Wie tief bist du von deinem Edelmuth gefallen! –
103
Doch siehe: Jesus wendet sich,
104
Und blickt ihn an. Er fühlt den Blick,
105
Er geht zurück,
106
Er weinet bitterlich.

107
Ihr weich geschaff'nen Seelen,
108
Ihr könnt
109
Das strafende Gewissen,

110
Ihr thränenlosen Sünder, bebet!
111
Einst, mitten unter Rosen hebet
112
Die Reu' den Schlangenkamm empor,
113
Und fällt mit unheilbaren Bissen
114
Dem Frevler an das Herz.

115
Ihr weich geschaff'nen Seelen,
116
Ihr könnt nicht lange fehlen;
117
Bald höret
118
Das strafende Gewissen,
119
Bald weint aus

120
Unsere Seele ist gebeuget zur Erde,
121
O Wehe, daß wir so gesündiget haben!

122
Jerusalem, voll Mordlust, ruft mit wildem Ton
123
Sein Blut komme über uns und unsre Söhn' und Töchter!
124
Du siegst, Jerusalem! und Jesus blutet schon;
125
In Purpur ist er schon des Volkes Hohngelächter:
126
Damit er ohne Trost in seiner Marter sey,
127
Damit die Schmach sein Herz ihm breche.
128
Voll Liebe steht er da, von Gram und Unmuth frei,
129
Und trägt sein Dornendiadem. –
130
Und eine Vatermörderhand faßt einen Stab,
131
Und schlägt sein Haupt: ein Strom quillt Stirn und Wang' herab. –
132
Seht, welch' ein Mensch! – Des Mitleids Stimme
133
Vom Richtstuhl des Tyrannen spricht:
134
Seht, welch' ein Mensch! und Juda hört sie nicht;
135
Und legt dem Blutenden, mit noch nicht sattem Grimme,
136
Den Balken auf, woran er langsam sterben soll,
137
Er trägt ihn willig fort, und sinkt ohnmächtig hin.
138
Nun kann kein edles Herz de Wehuth mehr verschließen;
139
Unaufgehaltne Thränen stießen.
140
Er aber sieht sich tröstend um und spricht:
141
»ihr Töchter Zions, weinet nicht!«

142
So stehet ein Berg Gottes,
143
Den Fuß in Ungewittern,
144
Das Haupt in Sonnenstrahlen:
145
So steht der Held aus Canaan.

146
Der Tod mag auf den Blitzen eilen,
147
Er mag aus hohlen Fluthen heulen,
148
Er mag der Erde Rand zersplittern:
149
Der Weise sieht ihn heiter an.

150
So stehet ein Berg Gottes,
151
Den Fuß in Ungewittern,
152
Das Haupt in Sonnenstrahlen;
153
So steht der Held aus Canaan.

154
Zu deiner Ehre will ich alle Plagen,
155
Schmach und Verfolgung ohne Murren tragen;
156
Nach deinem Beispiel will ich selbst mit Freuden
157
Den Tod erleiden.

158
Da steht der traurige, verhängnißvolle Pfahl.
159
Unschuldiger! Gerechter! hauche doch einmal
160
Die matt gequälte Seele von dir! – Wehe! Wehe!
161
Nicht Banden, Ketten nicht, ich sehe
162
Gespitzte Keile. – Jesus reicht die Hände dar,
163
Die theuren Hände, deren Arbeit Wohlthun war.
164
Auf jeden wiederholten Schlag durchschneidet
165
Die Spitze Nerv' und Ader und Gebein. Er leidet
166
Es mit Geduld, bleibt heiter, und hängt da,
167
Zur Schmach erhöht voll Blut, in Todesschmerzen
168
Am Golgatha. –
169
Ihr Männer Israels, o! ruft in eure Herzen
170
Erbarmung! Laßt die Rach' im Tode ruh'n! –
171
Umsonst: die Väter höhnen ihn:
172
Ihr Hohn ist bitter, grausam fröhlich ihre Mienen.
173
Und Jesus ruft: »Mein Vater, ach! vergieb es ihnen!
174
Sie thun unwissend, was sie thun«.

175
Feinde, die ihr mich betrübt,
176
Wisset, daß mein Herz euch liebt:
177
Euch verzeih'n ist meine Rache.

178
Die ihr mich im Unglück schmäht,
179
Hört mein ernstliches Gebet:
180
Daß euch Gott beglückter mache!

181
Jesu, wir sind deine Kinder;
182
Menschenfreund, wir folgen dir!

183
Heilig ist Gott Zebaoth!
184
Und erträgt den Missethäter
185
Mit erbarmender Geduld.

186
Mächtig ist der Welten Gott:
187
Und erzeigt dem Hochverräther
188
Stündlich neue Gnad' und Huld.

189
Ihr nur eifert über Sünder,
190
Grausam, Sünder, eifert ihr.

191
Feinde, die ihr mich betrübt,
192
Wisset, daß mein Herz euch liebt;
193
Euch verzeih'n ist meine Rache.

194
Die ihr mich im Unglück schmäht,
195
Hört mein ernstliches Gebet:
196
Daß euch Gott beglückter mache!

197
Jesu, wir sind deine Kinder;
198
Menschenfreund, wir folgen dir!

199
O! welch' ein neuer Greuel kränket
200
Den Heiligen in Israel? Wo find' ich ihn?
201
Hier unter Missethätern aufgehenket,
202
Woran erkenn' ich ihn? – –
203
An seiner Tugend. –
204
Schmach, Folter, Todesangst vergißt er, und bedenket,
205
Maria, dein verlaßnes Alter, und ertheilt
206
Dem Freunde seines Busens diesen letzten, letzten Willen:
207
»o Jüngling! das ist deine Mutter«. – Dieser eilt
208
(ein Schüler Jesu!) sein Vermächtniß zu erfüllen:
209
Und Jesus sieht es an; –
210
Und wird noch mehr entzückt, und fühlet keine Wunden,
211
Weil er jetzt einen Strahl von Trost den trüben Stunden
212
Noch eines reuerfüllten Sünders schenken kann.
213
Er kehrt sein Antlitz hin zu dem an seiner Seite
214
Gekreuzigten Verbrecher, ihm zu prophezeih'n:
215
»ich sage dir, du wirst noch heute
216
Mit mir im Paradiese seyn!«

217
Singt dem göttlichen Propheten
218
Der Unsterblichkeit verkündigt,

219
Singt dem himmlischen Gesandten,
220
Der ein Paradies euch aufschließt.

221
Singt dem großen Gottessohne,
222
Der euch

223
Erdensöhne, singt ihm Dank!

224
Die du von dem Staube fliehest,
225
Und die rollenden Gestirne
226
Unter deinen Füßen siehest,
227
Nun genieße deiner Tugend!

228
Steig' auf der Geschöpfe Leiter
229
Bis zum Seraph!

230
Steige weiter,
231
Seele! Gott sey dein Gesang!

232
Seele! Gott sey dein Gesang!

233
Singt dem göttlichen Propheten,
234
Der Unsterblichkeit verkündigt!

235
Singt dem himmlischen Gesandten,
236
Der ein Paradies euch aufschließt!

237
Singt dem großen Gottessohne,
238
Der euch zu den Engeln abruft!

239
Erdensöhne, singt ihm Dank!

240
Freuet euch alle, ihr Frommen!
241
Das Wort des Herr ist wahrhaftig;
242
Was er verheißet, das hält er gewiß.

243
Auf einmal fällt der aufgehaltene Schmerz,
244
Des Helden Seele wüthend an: sein Herz
245
Hebt die gespannte Brust; – in jeder Ader wühlet
246
Ein Dolch; – sein ganzer Körper fliegt
247
Am Kreuz empor; er fühlet
248
Des Todes siebenfache Gräuel; – auf ihm liegt
249
Die Hölle ganz; er kann ihn nicht mehr fassen,
250
Den Schmerz, der ihn allmächtig drückt,
251
Er ruft: »Mein Gott! mein Gott! wie hast du mich verlassen!« – –
252
Auch diese finstre Stunde rückt
253
Vorbei. Nun seufzet er: »Mich dürstet.« Ihn erfrischet
254
Sein Volk mit Wein, den es mit Galle mischet. – –
255
Nun steigt sein Leiden höher nicht;
256
Nun triumphirt er laut und spricht:
257
»es ist vollbracht! empfang', o Vater, meine Seele!
258
Und neigt sein Haupt auf seine Brust – und stirbt.

259
Es neigen Seraphim von allen Sternen nieder,
260
Und klagen laut: Er ist nicht mehr!
261
Der Erde Tiefen schallen wieder:
262
Er ist nicht mehr!

263
Erzittre, Golgatha! er starb auf deinen Höhen.
264
O Sonne, fleuch! und leuchte diesem Tage nicht;
265
Zerreiße, Land, worauf die Mörder stehen!
266
Ihr Gräber, thut euch auf! Ihr Väter, steigt an's Licht!
267
Das Erdreich, das euch deckt,
268
Ist ganz mit Blut befleckt.

269
Er ist nicht mehr! so sage
270
Ein Tag dem andern Tage:
271
Er ist nicht mehr!
272
Der Ewigkeiten Nachhall klage:
273
Er ist nicht mehr!

274
Ihr Augen, weint!
275
Der Menschenfreund
276
Verläßt sein theures Leben.
277
Künftig wird sein und Mund uns nicht,
278
Lehren Gottes geben.

279
Weinet nicht!
280
Es hat überwunden
281
Der Löwe vom Stamm Juda.

282
Ihr Augen, weint!
283
Der Menschenfreund
284
Sinkt unter tausend Plagen.
285
Konnte seine sanfte Brust
286
So viel Schmerz ertragen?

287
Weinet nicht!
288
Es hat überwunden
289
Der Löwe vom Stamm Juda.

290
Ihr Augen, weint!
291
Der Menschenfreund,
292
Der Edle, der Gerechte,
293
Wird verachtet, wird verschmäht,
294
Stirbt den Tod der Knechte.

295
Weinet nicht!
296
Es hat überwunden
297
Der Löwe vom Stamm Juda.

298
Hier liegen wir gerührten Sünder,
299
O Jesu, tief gebückt,
300
Mit Thränen diesen Staub zu netzen,
301
Der deine Lebensbäche trank:
302
Nimm unsre Opfer an!

303
Freund Gottes und der Menschenkinder,
304
Der seinen ewigen Gesetzen
305
Des Todes Siegel aufgedrückt,
306
Anbetung sey dein Dank!
307
Den opfre

308
Hier liegen wir gerührten Sünder,
309
O Jesu, tief gebückt,
310
Mit Thränen diesen Staub zu netzen,
311
Der deine Lebensbäche trank:
312
Nimm unsre Opfer an!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Wilhelm Ramler
(17251798)

* 25.02.1725 in Kołobrzeg, † 11.04.1798 in Berlin

männlich, geb. Ramler

deutscher Dichter und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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