14
Wen hören deine Palmen hier
15
So bange, so verlassen klagen?
16
Wer ächzet hier die Seel' in tausend Aengsten aus? ...
17
Ist das mein Jesus? – Bester aller Menschenkinder,
18
Du zagst? du zitterst, gleich dem Sünder,
19
Dem die Gerechtigkeit das Todesurtheil fällt? –
20
Ach seht! er sinket hin, der fromme Held,
21
Als trüg' er allen Zorn des Himmels, alle Plagen
23
Sein Herz, in Arbeit, fliegt aus seiner Höhle.
24
Sein Schweiß rollt purpurroth
25
Die Schläf' herab. Er ruft: Betrübt ist meine Seele
27
Laß, Vater diese Stunde
29
Nimm weg, nimm weg den bittern Kelch von meinem Munde! – –
30
Du nimmst ihn nicht? – – Wohlan! dein Wille soll gescheh'n.
31
Du Held, auf den die Köcher
32
Einst Höll' und Tod geleert,
33
Du hörest den, der schwächer,
34
Am Grabe Trost begehrt;
35
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.
36
Wann ich am Rande dieses Lebens
37
Abgründe sehe, wo vergebens
38
Mein Geist zurücke strebt;
39
Wann ich den Richter kommen höre
40
Mit Wag' und Donner, und die Sphäre
41
Von seinem Fußtritt bebt;
42
Wer will, wer kann mein Schutzgott seyn?
43
Du Held, auf den die Köcher
44
Einst Höll' und Tod geleert,
45
Du hörest den, der schwächer,
46
Am Grabe Trost begehrt;
47
Du willst, du kannst sein Schutzgott seyn.
48
Wen hab' ich in der letzten Pein?
49
Wer wird mir Rath und Trost verleih'n?
50
Mit neuer Hoffnung mich beleben?
51
Wer blickt voll Huld mich Schwachen an,
52
Wann mir kein Mensch mehr helfen kann,
53
Und ich der Welt muß Abschied geben?
54
Wer schafft der trüben Seele Licht,
55
Thust du es, o mein Heiland, nicht?
56
Der Held erhebt sich von der Erde,
57
Gestärkt von Gott durch eines Engels Hand,
58
Und sucht die Jünger auf, die seine Seele liebet.
59
Die Jünger hat ein Schlummer übermannt;
60
Hier liegen sie gestützt, mit trauriger Geberde,
61
Betrachtend steht der Menschenfreund und spricht
62
Mit über sie gehängtem holdem Angesicht:
63
»der Geist ist willig, nur der Leib ist schwach«.
64
Und bückt sich, Petrus Hand sanft anzurühren, nieder:
65
»auch du bist nicht mehr wach?
66
O! wacht und betet, meine Brüder!«
67
Ein Gebet um Muth und Freude,
68
Freud' im Tode, Muth im Leide,
69
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn.
70
Und der Herr erhört es gern.
71
Klimm, ich zu der Tugend Tempel
72
Matt den steilen Pfad hinauf,
73
O! so sporn' ich meinen Lauf
74
Nach der Wanderer Exempel,
75
Durch die Hoffnung jener schönen,
76
Ueber mir erhabnen Scenen,
77
Und erleichtre meinen Gang
78
Mit Gebet und mit Gesang.
79
Ein Gebet um Muth und Freude,
80
Freud' im Tode, Muth im Leide,
81
Theilt die Wolken, dringt zum Herrn;
82
Und der Herr erhört es gern.
87
Es klingen Waffen, Lanzen blinken bei dem Schein
88
Der Fackeln; Mörder dringen ein,
89
Ich sehe Mörder! – Ach! es ist um ihn geschehen.
90
Er aber, unerschrocken nahet sich
91
Den Feinden selbst; großmüthig spricht er: »Sucht ihr mich,
92
So lasset meine Freunde gehen«.
93
Die schüchternen Gefährten flieh'n auf dieses Wort.
94
Ihn bindet man, ihn führt man fort.
95
Sein Petrus folgt, der einzige von allen;
96
Er folgt, zur Hülfe schwach, von fern;
97
Mitleidig folgt er seinem Herrn
98
Zum schrecklichen Palaste
99
Des hohen Priesters Kajaphas. –
100
Was hör' ich hier! Ach! Petrus selber spricht:
101
Ich kenne diesen Menschen nicht? –
102
Wie tief bist du von deinem Edelmuth gefallen! –
103
Doch siehe: Jesus wendet sich,
104
Und blickt ihn an. Er fühlt den Blick,
110
Ihr thränenlosen Sünder, bebet!
111
Einst, mitten unter Rosen hebet
112
Die Reu' den Schlangenkamm empor,
113
Und fällt mit unheilbaren Bissen
114
Dem Frevler an das Herz.
122
Jerusalem, voll Mordlust, ruft mit wildem Ton
123
Sein Blut komme über uns und unsre Söhn' und Töchter!
124
Du siegst, Jerusalem! und Jesus blutet schon;
125
In Purpur ist er schon des Volkes Hohngelächter:
126
Damit er ohne Trost in seiner Marter sey,
127
Damit die Schmach sein Herz ihm breche.
128
Voll Liebe steht er da, von Gram und Unmuth frei,
129
Und trägt sein Dornendiadem. –
130
Und eine Vatermörderhand faßt einen Stab,
131
Und schlägt sein Haupt: ein Strom quillt Stirn und Wang' herab. –
132
Seht, welch' ein Mensch! – Des Mitleids Stimme
133
Vom Richtstuhl des Tyrannen spricht:
134
Seht, welch' ein Mensch! und Juda hört sie nicht;
135
Und legt dem Blutenden, mit noch nicht sattem Grimme,
136
Den Balken auf, woran er langsam sterben soll,
137
Er trägt ihn willig fort, und sinkt ohnmächtig hin.
138
Nun kann kein edles Herz de Wehuth mehr verschließen;
139
Unaufgehaltne Thränen stießen.
140
Er aber sieht sich tröstend um und spricht:
141
»ihr Töchter Zions, weinet nicht!«
146
Der Tod mag auf den Blitzen eilen,
147
Er mag aus hohlen Fluthen heulen,
148
Er mag der Erde Rand zersplittern:
149
Der Weise sieht ihn heiter an.
158
Da steht der traurige, verhängnißvolle Pfahl.
159
Unschuldiger! Gerechter! hauche doch einmal
160
Die matt gequälte Seele von dir! – Wehe! Wehe!
161
Nicht Banden, Ketten nicht, ich sehe
162
Gespitzte Keile. – Jesus reicht die Hände dar,
163
Die theuren Hände, deren Arbeit Wohlthun war.
164
Auf jeden wiederholten Schlag durchschneidet
165
Die Spitze Nerv' und Ader und Gebein. Er leidet
166
Es mit Geduld, bleibt heiter, und hängt da,
167
Zur Schmach erhöht voll Blut, in Todesschmerzen
169
Ihr Männer Israels, o! ruft in eure Herzen
170
Erbarmung! Laßt die Rach' im Tode ruh'n! –
171
Umsonst: die Väter höhnen ihn:
172
Ihr Hohn ist bitter, grausam fröhlich ihre Mienen.
173
Und Jesus ruft: »Mein Vater, ach! vergieb es ihnen!
174
Sie thun unwissend, was sie thun«.
199
O! welch' ein neuer Greuel kränket
200
Den Heiligen in Israel? Wo find' ich ihn?
201
Hier unter Missethätern aufgehenket,
202
Woran erkenn' ich ihn? – –
204
Schmach, Folter, Todesangst vergißt er, und bedenket,
205
Maria, dein verlaßnes Alter, und ertheilt
206
Dem Freunde seines Busens diesen letzten, letzten Willen:
207
»o Jüngling! das ist deine Mutter«. – Dieser eilt
208
(ein Schüler Jesu!) sein Vermächtniß zu erfüllen:
209
Und Jesus sieht es an; –
210
Und wird noch mehr entzückt, und fühlet keine Wunden,
211
Weil er jetzt einen Strahl von Trost den trüben Stunden
212
Noch eines reuerfüllten Sünders schenken kann.
213
Er kehrt sein Antlitz hin zu dem an seiner Seite
214
Gekreuzigten Verbrecher, ihm zu prophezeih'n:
215
»ich sage dir, du wirst noch heute
216
Mit mir im Paradiese seyn!«
224
Die du von dem Staube fliehest,
225
Und die rollenden Gestirne
226
Unter deinen Füßen siehest,
227
Nun genieße deiner Tugend!
243
Auf einmal fällt der aufgehaltene Schmerz,
244
Des Helden Seele wüthend an: sein Herz
245
Hebt die gespannte Brust; – in jeder Ader wühlet
246
Ein Dolch; – sein ganzer Körper fliegt
247
Am Kreuz empor; er fühlet
248
Des Todes siebenfache Gräuel; – auf ihm liegt
249
Die Hölle ganz; er kann ihn nicht mehr fassen,
250
Den Schmerz, der ihn allmächtig drückt,
251
Er ruft: »Mein Gott! mein Gott! wie hast du mich verlassen!« – –
252
Auch diese finstre Stunde rückt
253
Vorbei. Nun seufzet er: »Mich dürstet.« Ihn erfrischet
254
Sein Volk mit Wein, den es mit Galle mischet. – –
255
Nun steigt sein Leiden höher nicht;
256
Nun triumphirt er laut und spricht:
257
»es ist vollbracht! empfang', o Vater, meine Seele!
258
Und neigt sein Haupt auf seine Brust – und stirbt.
263
Erzittre, Golgatha! er starb auf deinen Höhen.
264
O Sonne, fleuch! und leuchte diesem Tage nicht;
265
Zerreiße, Land, worauf die Mörder stehen!
266
Ihr Gräber, thut euch auf! Ihr Väter, steigt an's Licht!
267
Das Erdreich, das euch deckt,
268
Ist ganz mit Blut befleckt.