Paysage intime

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Arno Holz: Paysage intime (1896)

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Sternklar über seinem Filz
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Wölbte sich der Winterhimmel
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Und, die Dächer dick verschneit,
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Lag das schlummernde Berlin.

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Leider war die Gaslaterne,
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Die ihr gelblich ins Gesicht schien,
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Nicht mehr hell genug dazu.

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Erst als kichernd sie im Hausflur
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Sich mit seinen Schwefelhölzchen
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Ihren Wachsstock angezündet,
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Sah er, dass sein Schmetterling
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Schon zu unverschämt lädirt war.

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Sich nach rückwärts concentriren?
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Nein, die Hausthür war schon zu!
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Pech! Pfui Deibel! Und verdriesslich,
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Kritisch jede Stufe prüfend,
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Tappte er ihr langsam nach.

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Fern vom Hinterhaus her johlte
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Ein verspäteter Geburtstag,
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Und das Flakerlicht des Kerzchens,
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Das sich vor ihm aus dem Dunkeln,
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Wie ein Irrlicht abhob, streifte
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Ab und zu ein Porzellanschild

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Baltrutsch, las er auf dem einen,
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Baltrutsch, Knopf-Arbeiter. – Endlich!

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Gut, dass wenigstens ihr Zimmer,
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Dessen Thür erst frisch geölt schien,
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Eingermassen wohnlich war.

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Feuerroth im Ofen glühte
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Grad das letzte Schäuflein Kohlen,
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Und ein sauberes Rouleau
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Schob sich schneeweiss vor das Fenster.

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An die grüngestreifte Wand
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War ein Christusbild genagelt.

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In das aufgedeckte Bett,
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Das davorstand, dämmerte
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Mattblau eine kleine Ampel,
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Und das obligate Sopha
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Stand ihm grade gegenüber.

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Auch die Marmortoilette
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Fehlte selbstverständlich nicht.

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Zwei bis drei zerbrochne Stühle
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Blätterten daneben cynisch
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Ihre Memoiren auf.

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Freilich, wie diverse Lieder,
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Memoiren ohne Worte.

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»nun? Was schenkst du mir denn Schatz?«
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Und die vollen nackten Arme
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Frech um seinen Hals geringelt,
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Presste ihn die weisse Bestie
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Fest an ihre blossen Brüste.

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Doch, da kürzlich erst der Erste
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Ihm das Portemonnaie gefüllt,
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Wurden sie bald handelseins.

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Während er sich noch bemühte,
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Sich die Stiefel auszuziehn,
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Lachte auch sein Kaufobjekt,
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Nackt wie Eva, schon vom Bett her.

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Fünf Minuten später noch,
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Und das indiscrete Lämpchen
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Flackert, leuchtet und verlischt.

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Dunkelheit! Vom Ofenrost her,
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Leis hinzitternd über die Dielen,
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Nur ein magrer, rother Lichtstreif,
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Und ins faltige Rouleau
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Malt sich fernher von der Strasse
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Fahl das Licht der Gaslaternen.

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Dunkelheit! Nur ab und zu
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Bricht ein heftig schweres Athmen
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Hastig durch die tiefe Stille,
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Und dazwischen rauscht's und knittert's
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Durch die Luft wie frisches Bettzeug.

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Dunkelheit! Im Hause gingen
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Schon zum fünften Mal die Uhren,
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Und das Zimmer fing sich an
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Leise grau in grau zu malen.

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»bleib doch noch!« »Nein, lass, ich muss gehn!«
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Und aus ihrem Arm sich windend,
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Tappte er nach seinen Kleidern
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Und begann sich anzuziehn.

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Ihren bleichen, runden Kopf
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Matt auf ihren Arm gestützt,
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Sah sie ihm mechanisch zu.

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»kommst du wieder?« Gottseidank!
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Jetzt nur noch den Rock und –
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»kommst du wieder?« – jetzt: »Adieu!«

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Unten, auf dem Hausflur, kam ihm
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Eine Zeitungsfrau entgegen.

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Donnerwetter! Schon so spät?
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Und den Kragen seines Mantels
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Hoch bis unters Kinn geknöpft,
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Trat er fröstelnd vor die Thür.

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Schmutzig lag vor ihm die Strasse,
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Schmutzig wie ein altes Schnupftuch,
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Und vom grauverhangnen Himmel
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Rieselte ein feiner Nebel.

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»brrr!« Und vor sich selbst aus Ekel
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Spie er mitten in die Gosse.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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