2
Auf den glitschrigen Asphalt
3
Plätscherte der Novemberregen
4
Und, windgepeitscht, flackerte rothgelb
5
Durch den Nebeldunst das Licht der Laternen.
6
Nur hie und da noch humpelte schwerfällig
7
Durch die dunklen Gassen der träumenden Weltstadt
8
Ein schläfriger Droschkengaul
9
Und vor der Hausthür, hart unter meinem Fenster,
10
Stand, wie immer um diese Stunde,
11
So auch heute, mein Stubennachbar,
12
Der neugebackene Referendar,
13
Und deklamirte höchst gefühlvoll,
14
Mit seinem Stöckchen die Luft durchfuchtelnd
15
Und das Schlüsselloch immer vergeblich suchend,
16
Den Monolog der Schillerschen Jungfrau.
17
Von drüben über die Strasse her
18
Blitzten die Spiegelscheiben des Wiener Cafés,
19
Und hinter den zierlichen Marmortischchen,
20
Auf die rothen Sammetpolster
21
Coquettirend hingegossen,
22
Bot sich den alten und jungen Roués
23
Schamlos feil die geschminkte Sünde,
25
Ach, und draussen fuhr pflichtgetreu
26
Ein bärtiger Schutzmann ein kleines Mädchen an,
27
Das seine Händchen, vor Kälte zitternd,
28
In sein zerrissenes Schürzchen gerollt hielt
33
Sass ich am Schreibtisch und schrieb.
34
Zu meiner Linken, dem Herzen am nächsten,
35
Gähnte lauernd der lahme Papierkorb
36
Und rechts, neben Byron und Victor Hugo,
37
Dampfte die Wasserpfeife.
38
Vom Ofen her, warm und gemüthlich,
39
Zog durch das Zimmer ein brauner Kaffeeduft
40
Und an den weissen Kalk der Decke
41
Malte die Lampe ihr zitterndes Goldlicht.
42
Alles still – mäuschenstill!
43
Nur die Schwarzwälder Wanduhr nickte ihr Tiktak
44
Und eilig kratzte meine Feder
45
Ueber das gelbliche Manuscript.
46
Rhythmisch reihte sich Vers an Vers an
47
Und schneller rollte mein Blut
48
Von Strophe zu Strophe,
49
Ungestüm wie ein Katarakt,
50
Der sich durch die Gewitternacht
51
Wild übers Wehr stürzt;
57
Und neue Gedanken, nie gedachte,
58
Wuchsen gigantisch aus meinem Gehirn auf
59
In nie erforschte Zeiten und Zonen
60
Tauchten sie wahrheitssuchend hinab,
61
Wie die farbigen Taucher ins indische Meer
63
Mit Erden und Sonnen spielten sie Fangball
64
Und Völkern und Königen raubten sie
65
Hohnlachend die goldenen Kronen,
66
Die die kalte Berechnung
67
Einer herzverkrüppelten Selbstsucht
68
Der armen, blutiggegeisselten Menschheit,
69
Der göttlichen Dulderin, schlangenklug
70
Als Fetische neben den Brotkorb gehangen,
72
Und die also Entthronten,
73
Aus ihrer wahnwitzigen Selbstherrlichkeit
74
Jählings aufgeschreckt, bäumten sich auf
76
Der Wehgefolterten, Qualverzerrten,
77
Rang sich, schauerlich gurgelnd,
81
Auf der rauchenden Brandstatt
82
Verkohlter, sündiger Paläste
84
Um seinen pestgeschwollenen Leichnam
85
Der letzte Bettler den letzten Purpur,
88
Gluthgeborstenen Stein von Golgatha
89
Warf sich vernichtungstoll
91
Ins bodenlose, gähnende Nichts
92
Das wurmzerfressene, hölzerne Kreuz,
94
Und niemand mehr kannte den Rabbi von Nazareth!
95
Der Mond verdunkelt sich,
96
Durch den schwarzen Abgrund des Raums,
97
Hin und her wie ein Windlicht,
98
Flackerte entseelt der Polarstern
99
Und durch den wehenden Schweif der Kometen
100
Blitzten farbig die Meteore.
101
Sündfluth und Weltbrand brachen zugleich herein
102
Und Nacht und Licht, Ormudz und Ahriman,
104
Mit alter Kraft den alten Kampf
105
Um die endliche, ewige Herrschaft.
106
Aber die Menschheit, die ringende Menschheit,
107
Athmete auf – zum ersten Mal!
108
Denn auch sie, ja auch sie, rüstete endlich
109
Den letzten, grossen, den heiligen Krieg,
110
Den sie schon Jahrtausende lang
111
So heiss ersehnt hatte!
113
Auf den lichten, sagenumwobenen,
117
Die Weisen des Abendlandes,
119
In heissen, brünstigen Gebeten,
120
Wie weiland Israel in der Wüste,
122
Und unten, tief unten,
123
Durch die dunklen, wipfelverschatteten,
125
Wälzte sich stromgleich die heilige Phalanx
126
Der gottentflammten, ölgesalbten,
127
Todgeweihten Streiter,
128
Stumm und erwartungsbleich,
129
Eine neue Völkerwandrung.
130
Ihr blutrothes Banner,
131
Umblitzt von tausend nackten Schwertern,
132
Spiegelte die aufgehende Sonne wieder,
133
Noch einmal küsste sich
134
Mutter und Kind, Vater und Sohn
135
Und feierlich fluthete durch alle Himmel
138
Herzerschütternd, seelenergreifend,
140
Aber droben im siebenten Himmel
141
Thronte noch immer auf seinem goldnen,
143
Der gealterte Judengott, kalt wie ein Steinbild,
144
Und all der Jammer, der unsägliche Jammer,
145
Der aus dem armen, wehgemarterten
146
Herzen der Menschheit, äonenlang
147
Blut gesaugt wie ein Vampyr:
148
O, der war spurlos an ihm vorübergegangen,
149
Denn der alte Mann war kindisch geworden
150
Und liess sich selbstgefällig
151
Von seinen sogenannten Engeln
152
– Kleinen, abgeschnittenen Kinderköpfchen
153
Mit Flügeln hinter den Ohren! –
154
Lügengeschwollene Phrasen drehn,
155
Bis er, hohl wie ein kleiner, menschlicher Geck,
156
Heimlich mit dem Spiegel coquettirte
157
Und sich schliesslich einbildete:
158
Er wäre wirklich allgütig!
159
Ach, und er ahnte nicht,
160
Wie sein kahlglatziger Generalstab,
162
Aus Erdenpriestern zu Himmelspfaffen
163
Avancirten Nachfolger Petri,
164
Feiste Silengesichter,
166
Schadenfroh sich ins Fäustchen lachten
167
Und wie ungezogene Schulbuben
168
Ihm Nasen drehten und Männchen machten!
169
Und so war denn nun der einst so allmächtige
170
Schöpfer des Himmels und der Erde
171
Ein närrischer Popanz geworden,
172
Eine lächerliche, nichtswürdige Karrikatur
173
Auf den altmexikanischen
175
O, es war fürchterlich!
177
Aufgewühlt bis in die innersten Tiefen ihrer Seele,
178
Die ringende Menschheit, eine tragische Heldin,
179
Die endlich nach jahrmyriadenlangem,
181
Von ihrem eigenen, dunklen Sein
182
Den geheimnissvollen Isisschleier heben sollte,
183
Und hier oben im Himmel
184
Ein fühlloser Selbstling, dem der Weihrauch
185
Eines kleinen Häufleins
186
Alter, verrückter Betschwestern
187
Das Hirn umnebelt hatte!
198
»soll Dich denn nichts
199
Aus Deinem wüsten, hässlichen Halbschlaf
200
Aufrütteln, Du alter Mann?
201
Hat Dich die einstige siebentägige Schöpfungsarbeit
202
Denn wirklich schon erschlafft?
203
Und willst Du nun ewig
204
Auf Deinem Faulbett thatlos herumlungern?
205
Geh in Dich, Alter, geh in Dich und lass Dir
206
Das brünstige, äonenaltrige,
207
Nie erschlaffte Ringen der Menschheit,
208
Deines verstossenen Stiefkindes,
209
Nacht, Licht und Wahrheit
210
Das Roth der Scham ins Gesicht treiben!
212
Dort unten auf deiner altgewordenen Erde
213
Ringt nun die Herrliche
214
Im letzten Kampfe, im Todeskampfe;
215
Und glaube mir, Vater, sie verröchelt
216
Und Millionen Weltmeere
217
Voll bitterer, blutiger Thränen
219
Wenn Du ihr nicht hilfst!
222
Warst Du taub für mein Flehn
224
Dass ein thörichtes Volk von Pharisäern
225
Den bleichen Zimmermann aus Nazareth,
226
Deinen eigenen Sohn! ans Kreuz nagelte
227
Ich aber sass, Dich heimlich verfluchend,
228
Nachts auf dem Oelberg,
229
In meinen Thränen spiegelten sich,
231
Die tausend Sterne der syrischen Mondnacht
232
Und die frommen Dichter des Evangeliums
233
Nannten mich später: Maria Magdalena!
235
Du darfst es nicht wagen,
236
Du wirst es nicht wagen,
239
Nein, auch den der Menschheit,
241
Dir aufs Haupt zu lasten,
243
Und so wirf ihn denn von Dir
244
Den bunten, lächerlichen Flitterkram,
245
Mit dem Jahrmarktsnarren und Brotkorbschurken
247
Und schleudre noch einmal
248
Aus der herrlichen Fülle Deiner Allmacht
249
Durch Deine sieben mal siebenzig Himmel
251
Heiliges Schöpfungswort!«
259
Da fuhr's wie ein Blitz durch das blutlose Steinbild
260
Und die frömmelnd gefaltete Riesenfaust,
261
Die einst in nebelgrauer Vorzeit
262
Die Hand des Prometheus gelenkt
263
Und aus Thon Menschen geformt,
264
Ballte sich wieder und schlug
265
An die immer noch weltenschwangere Stirn
266
Und der alte, zornige Jude
267
Wurde weich wie ein Kind!
268
Denn er fühlte, wie sein Herz,
269
Tief in pochender Brust,
270
Wieder wonnig zu schlagen anhub
271
Und eine wilde, verzehrende Sehnsucht
273
Eine Sehnsucht nach jener alten, schönen Zeit,
274
Als er selber noch jung war
275
Und die Welt, die träumende Welt,
276
In das bläuliche Dämmerlicht der Urzeit
278
Zitternd und thaufrisch,
279
Wie eine jungerblühte, rothe Maienrose!
281
Riss er die weihrauchduftende Schellenkappe,
282
Die der hirnvernagelte Aberwitz
283
Der letzten dunklen Jahrhunderte
284
Ihm frech übers Ohr gestülpt,
285
Aus seinen silberfluthenden Locken
286
Und warf sie nieder und trat sie mit Füssen!
287
Die blauen Kinderaugen
288
Der ängstlich den Raum durchflatternden Engel
289
Verglasten und brachen;
290
Die himmlische Parasitengarde
291
Der Heiligen und Kirchenväter
293
Laut aufheulend und sich bekreuzigend,
295
Ein Fusstritt schleuderte Petrus,
296
Den feist gewordenen Himmelspförtner,
297
Auf die Erde hinab, ins todte Meer
298
Und millionenzüngig, wonnetriefend,
299
Von Stern zu Stern, von Welt zu Welt,
300
Rollte wieder das alte, uralte,
303
Er aber legte lächelnd der Liebe,
305
Segnend die Hand aufs Haupt
307
Schwarz verkohlten Lügenschutt
308
Längst gewogener, wüster Jahrhunderte,
309
Umflattert von den letzten, phantastischen Fetzen
310
Seines eingestürzten, christlichen Thronhimmels,
311
Zuckte sein Wort, roth wie ein Blitz:
313
Weinend tauschte tiefunten auf Erden
314
Beim ersten Aufblitz des ewigen Frühlichts
315
Die versöhnte Menschheit
317
Den ersten heiligen Bruderkuss
318
Und lächelnd entrang sich dem dunklen Chaos,
319
Von ihrer eigenen, wonnigen Schönheit
320
Süss erschreckt, eine neue Welt,
321
O wie das Herz mir schlug!
322
In zorndurchloderten, wilden Rhythmen,
324
Standen sie da meine feurigen Strophen,
325
Glorreich und todverachtend,
326
Wie weiland das Häuflein der dreihundert Sparter
327
In den Schluchten der Thermopylen.
328
Und ich las es noch einmal,
329
Was ich niedergeschrieben mit meinem Herzblut!
330
Und wieder dann dacht ich, lautauf grollend,
332
Auf dieser ruhlos wandernden Erde
333
Das Elend, unser ältestes Hausthier,
334
Augenrollend und zähnefletschend,
335
Um Paläste und Hütten schleicht,
337
Und wie die Menschheit, dies arme Findelkind,
338
Das die Mutter nicht kennt und den Vater verflucht,
339
Trotz Zerduscht und Buddha, Christus und Muhamed,
340
Noch so weit vom Ziel,
341
Noch so weit, o so weit!
342
Müssen nicht immer noch tausend Fäuste,
343
Harte, schwielenbedeckte Fäuste,
344
Sich vom Munde das Brot abdarben,
346
Um einem einzigen dummfaulen Tagedieb
347
Den gefrässigen Schmeerbauch zu mästen,
349
Mit Krebshirn und Nachtigallzungen?
350
Zwingt nicht das Gold,
351
Dieser herzloseste aller Teufel,
352
Die Schönheit, die arme, rührende Schönheit,
353
Noch immer in das dumpfe,
354
Seuchenverpestete Lustbett der Sünde?
356
Die gezähmte, schweifwedelnde Bestie,
357
Noch immer die bluttriefende Hand
358
Ihres gekrönten Peinigers?
359
Und muss sich die Wahrheit, die bleiche Dulderin,
361
Aus dem hölzernen Betstuhl der Kirche
362
Querhin über den pfennigfeilschenden Markt
363
Durch Seitengässchen und Hinterpförtchen
364
Nachts in das lampenerhellte Stübchen
365
Der Dichter und Denker flüchten,
366
Flüchten vor dem lauernden Schlangenblick
367
Der kahlgeschorenen, glattrasirten
370
Durchblättre das grosse, heilige Buch der Geschichte,
371
Und du speist dir selbst in dein Lügengesicht,
372
Wenn du, Schwächling, die Lästrung wagst:
373
Alles ist eitel! Die Welt dreht sich rückwärts!
374
Zwar die Bronceschwerter der Urzeit
375
Sind nur die Ahnen ihrer Enkel gewesen,
376
Der schlanken, stählernen Klingen der Neuzeit,
377
Denn Ares, der Kriegsgott,
378
Schüttelt sein schlangenlockiges Haupt
379
Heut noch so wild wie zur Zeit des Homer.
380
Doch wo sperrt noch heut
381
Der assyrische Moloch der heidnischen Vorzeit
382
Seinen feuerspeienden Rachen
383
Hungrig nach Menschenfleisch auf?
384
Wer schnürt wohl heut noch ein triefäugiges Weib,
385
Blos weil es triefäugig ist,
386
An den mittelalterlichen Brandpfahl?
387
Und hat nicht erst gestern,
388
Drüben über dem grossen Weltmeer,
389
Der schwarze Mann die Kette zerbrochen,
390
Die ihm jahrtausendelang um den Knöchel geklirrt?
391
Und haben ihm seine weissen Brüder
392
Nicht treulich geholfen?
393
Ist es von jenem ausgehöhlten Baumstamm,
394
Der einst vor grauen Jahren
395
Längs der felsigen Küste Phöniciens
396
Ueber das Mittelmeer schwamm,
397
Bis zum Great Eastern,
398
Dem eisengeschuppten Riesendelphin,
399
Denn nicht mehr als ein Schritt?
400
Sind die sonnigen, griechischen Märchen
401
Des Blinden von Chios etwa göttlicher,
402
Als das dunkle, deutsche Mysterium
404
Und haben die Weisen der neuen Zeit,
405
Keppler und Humboldt, Newton und Darwin,
406
Der Welt denn nicht tiefer ins Herz geschaut,
407
Als der griechische Aristoteles,
408
Oder sein Schüler, der römische Plinius?
409
So sass ich und sann ich.
410
Wild schlug mein Puls,
412
Und heiss wie im Fieber
413
Pochten und hämmerten meine Schläfen.
414
Mein Hirn war der Aetna
415
Und seine Gedanken die Cyclopen!
416
An den weissen Kalk der Decke
417
Malte noch immer die grüne Lampe
418
Kreisrund ihr zitterndes Goldlicht,
419
Und die alte Schwarzwälder Wanduhr
420
Tickte ihr Tiktak, wie vordem.
421
Draussen in der dunklen, stillen Strasse
423
Seine letzten, schweren Tropfen
424
Plätschernd aufs Trottoir,
425
Um die ausgedrehten Laternen
426
Hatte der Nebel sich dichter gelagert
427
Und durch den feinen, weissen Schleier
428
Glotzte das stiller gewordne Café
429
Mit seinen grossen Fensteraugen
431
Ein Rembrandtsches Helldunkel.
432
Ich aber achtet' es nicht
433
Und sprang auf vom Schreibtisch
434
Und durchmass, verschränkten Arms,
435
Mit grossen, schweren Schritten,
437
Der blonde Kopf der sixtinischen Göttin
438
Schaute aus seinem wurmstichigen Rahmen
439
Verwundert auf mich herab
440
Und lächelnd schüttelte
441
Auf seinem gelblichen Postament
442
Das Miniaturbild der Venus von Milo
443
Sein schönes, gipsverkittetes Haupt.
444
Ich aber stellte mich fest
445
Vor das wackelnde Bücherbrett hin
446
Und lehnte den Kopf an das weisse Thürgerüst
447
Und fühlte, wie mir das Herz bis hoch an den Hals schlug,
449
»nicht bleich und neidvoll
450
Schau ich Nachgeborner empor
451
Zu euch, ihr unsterblichen Kinder des Lichts,
452
Die ihr den Staub der Erbärmlichkeit
453
Verächtlich von den Füssen geschüttelt
454
Und auf Alpengipfel entrückt,
456
Und umrauscht von den Flügen der jungen Adler,
457
Aus euern grossen, goldenen Herzen
458
Jene erhabenen Werke geschöpft,
459
Die Millionen und Abermillionen
460
Lachen und Weinen, Lieben und Hoffen gelehrt;
461
Jene Werke, die nun – nach Jahrhunderten! –
462
In Bücher gedruckt und in Leder gebunden
463
Von jenen weissen, tannenen Brettern
464
Eure grossen, goldgedruckten,
465
Dreimal heiligen Namen
466
Mir mystisch ins Herz blitzen!
467
Ob ihr im Dämmergrau der Geschichte,
468
Getaucht in die weichen,
469
Bläulichen Schatten des Himalaya,
470
An den Ufern des heiligen Ganges,
472
Unter den Palmen Indiens gewandelt;
473
Ob ihr, die Herzen von Hymnen geschwellt,
474
Auf die Nachtigallen von Hellas gelauscht
475
Und sinnend Veilchen gepflückt am Illyssos;
476
Ob ihr, umweht von dem Odem des Weltgeists,
477
Brütend durch euer Hirn gewälzt:
484
Stolz sprech ich's aus: Ich beneid euch nicht!
485
Rauscht nicht noch immer das blaue Weltmeer,
486
Länderumrollend und inselgebärend,
487
Seinen alten, heiligen Psalm?
488
Träumt nicht noch immer der grüne Urwald,
489
Föhndurchharft und sternübersät,
490
Von den Wundern des ersten Schöpfungstages?
491
Und schlägt denn das grosse Herz der Menschheit
492
Heute nicht feuriger denn je?
493
Ist der gewaltige Tempelbau,
494
Zu dem einst der Schüler des Wiswamitra
495
Und der Sohn der Jungfrau Maria
498
Muss sich die Armuth, die ehrliche Armuth,
499
Nicht immer noch bücken,
500
Wenn ihr der Hochmuth, der reiche Hochmuth,
501
Mit der Peitsche über den Rücken knallt?
502
Lechzen nicht um mich noch tausend und abertausend
503
Dürstende Seelen hungernder Völker
504
Nach Licht und Freiheit?
505
Und braucht denn die Wahrheit, die ewige Wahrheit,
506
Nicht immer noch Zeugen,
507
Zeugen, die gesteinigt bluten
508
Und brechenden Herzens noch triumphiren können?
527
Und ob sich mein Pfad auch durch Wüsten windet
528
Und unter dornenumkrochnem Gestein
529
Giftige Schlangen nach meiner Ferse züngeln,
530
Indess die Versuchung, die alte, graue Sünderin,
531
Mir dreifach ins Ohr raunt:
532
»thor, der du bist! Denk nicht an Andre!
533
Denk an dich selber und schlage dich seitwärts!
534
Besser als Nachts auf freiem Feld,
535
Steingebettet und windbedeckt,
536
Ruht es sich unter dem schirmenden Dach
537
Der ragenden Burg, der hallenden Kirche
538
Und des schimmernden Palasts,«
539
Kein Gold soll mich blenden,
540
Kein Kreuz mich verdummen,
541
Kein Schwert mich erschrecken!
544
Für Licht und Wahrheit,
546
Opferfreudig und unentwegt,
547
Mit Herz und mit Hand, in Wort und in That!
549
Untreu werden, untreu sich selbst,
550
Dann sei die Lippe verflucht, die mich küsst,
551
Das Herz, das mich lieb hat, breche in Stücke,
552
Und die Hand, die schurkisch den Schwur gebrochen,
553
Recke dereinst sich um Mitternacht
554
Aus meinem Grab ins Mondlicht empor
555
Und melde so stumm dem verstörten Wandrer:
556
»hier ruht der Verfluchte!
557
Bebend rollten die dumpfen Worte von meinen Lippen,
558
Auf meinen Lidern lag es wie Blei
559
Und ich schleppte mich
560
Schwindelnden Kopfs an den Schreibtisch
562
Erschöpft auf den Stuhl.
563
Da – plötzlich – legte sich riesenschwer
564
Auf meine müde, zitternde Schulter
565
Eine grosse, knochige Faust
568
Eine markige, hochgegliederte Mannsgestalt
569
Und sah mich mit grossen, schwarzen Augen,
570
Die abgrundtief unter der hohen, weissen Stirn
571
Wie feurige Kohlen glühten,
573
Von den faltigen, malerischen Gewändern
574
Längst verschollner Jahrhunderte
575
Phantastisch behangen,
576
Schien er mir eins jener dunklen,
578
Die, wie das Volk sich heimlich ins Ohr raunt,
579
Schon im Urbeginn der Zeiten
580
Mit ihrem Schöpfer vermessen gehadert;
581
Die beim flackernden Blutlicht menschlicher Brandfackeln
582
Die Grabkammern der ägyptischen Pyramiden
583
Zaubrisch mit Hieroglyphen bedeckt,
584
Und die fluchgepeitscht,
585
Ueberdauernd die gewaltigen Geschicke
586
Aller Völker und aller Zeiten,
587
Noch leben und athmen werden,
588
Wenn der letzte Mensch,
589
Müde des Seins und des goldenen Lichts,
590
Schon jahrhundertelang ins Grab gestiegen
591
Und die dunkle, todtenstarre Erde
592
Ihre wüste, ausgebrannte Schlacke
593
Eiskalt durchs Nichts wälzt.
594
Und schaudernd sah ich,
595
Wie das wachsbleiche Antlitz des mystischen Fremdlings,
596
Wechselnden Mienenspiels,
597
Mich grauenvoll anstarrte,
598
Bald wie Christus, bald wie Mephisto
599
Und bald – o Gott! – wie mein eignes Spiegelbild!
600
Da gerann mir das Blut in den Adern zu Eis
601
Und an die wilder pochende Stirn
602
Tastete meine Hand wie im Fieber
603
Und zitternd frug ich:
604
»was willst du?? Wer bist du??«
605
»was willst du? Wer bist du?
606
Windiges Püpplein!« lachte der Schreckliche,
607
»ist da das Küchlein kaum aus dem Ei geschlüpft
608
Und klatscht schon verwegen
610
Schalenumschlotterten Federchen,
611
Flügelstolz, wie der alte,
612
Braungesprenkelte Weih,
613
Der über ihm hoch in blauer Luft
614
Beutelüsterne Kreise zieht!
615
Wer bist du!! Was willst du!!
617
Beherbergt dein winziges Menschengehirnchen
618
Etwa noch mehr solcher ungezogenen,
619
Täppischen Schulbubenwitze?
620
Schleudre erst von dir, weit, weit von dir,
621
Dein florumflattertes, schellenumklingeltes,
623
Entziffre Nachts unterm Sternenhimmel
624
Das grosse Räthselbuch der Natur;
625
Begreife mit deinem Zwergverstand,
626
Wie die Blume blüht und die Sonne scheint;
627
Frage dich selber, woher und wohin;
628
Und hat sich dein Fürwitz,
629
Dein kleiner, menschlicher Fürwitz,
630
Dann noch nicht erschöpft:
631
Dann fasse dir – wenn du es
633
Dann tritt noch einmal hier vor mich hin
634
Und frage noch einmal:
635
Was willst du? Wer bist du?
636
Und ich werde dir – wenn du es
637
Das Urbild der Wahrheit zeigen,
638
Schleierlos, wie ein nacktes Weib,
639
Und auch du wirst dann sein wie der alte Gott,
640
Der einst in sein herrliches Paradies
641
– Dem Teufel zu Liebe! –
642
Eigenhändig einen Apfelbaum pflanzte,
643
Und wissen, was böse, doch nicht, was gut ist!!
644
Doch à propos ich werde pathetisch!
645
Und graue Haare und Gelbschnabelphrasen
648
Ich glaube, dein Monolog,
650
– Dort am Thürgerüst! –
651
»nicht bleich und neidvoll«
653
Ist Schuld an dem Unsinn, den ich geschwatzt!
655
Nicht wahr, du erlaubst doch?«
656
Sprach's und liess sich, ironisch lächelnd,
657
Mir gegenüber in den alten,
658
Grossgeblümten Lehnstuhl fallen,
659
Der sich, der hohen Ehre bewusst,
660
Bedenklich nach vorn bog und Knickknack! sagte,
661
Legte phlegmatisch ein Bein übers andre,
663
Zupfte sich etwas am Kragen zurecht
664
Und fuhr dann in seiner Rede fort:
675
Doch wenn ich nicht irre, riecht's hier nach Kaffee!
676
Wie wär's denn, mein Freund,
677
Wenn du mir, deinem Gast,
678
Einen Löffel voll anbötest?
679
Seit Muhameds Hedschra
680
War ich in Mokka nur zwei- oder dreimal
681
Und – ländlich, schändlich! –
682
Seit Sir Francis Drake trink ich nur Schnaps!
683
Ausnahmen mach ich nur manchmal in China,
684
Wo ich mich zopfgerecht
686
Und Thee wie Wasser saufe,
687
Und – last not least, wie wir Engländer sagen –
688
Mein Freundchen, bei dir!
689
Und warum denn auch nicht?
706
Aus der Unter-Sekunda her,
707
Als du noch weisheitochsend die Bänke drücktest
708
Und schon nach dem ersten,
709
Weltberühmten: »Quousque tandem«
710
Trotz Eselsbrücken und Präparation
711
Schmählich stecken bliebst!
712
Ich aber habe mit ihm,
713
Einst als mein Bart, mein langer Judenbart,
714
Noch nicht ganz so grau war wie heute,
715
In den hängenden Gärten
719
Brüderschaft getrunken!
720
Durch die zitternden Pinien brach silbern das Mondlicht,
721
Fern von den Bergen her, triefend von Wohllaut,
722
Tönte das Lied der römischen Hirten
723
Und aus dem bläulichen Dunkel der Grotten
724
Leuchteten weiss und verführerisch
725
Die nackten Glieder gemietheter Nymphen.
726
Wir aber sprachen, falernerseelig,
727
Ueber die platosche Philosophie
728
Und schimpften weidlich auf Catilina,
730
Und zwar in den schönsten, classischen Formen
731
Und gebrauchten nie ut mit dem Indicativ
732
Und verstummten erst lange nach Mitternacht,
733
Wohlig eingewiegt von weissen,
734
Schwellenden Frauenarmen!
736
Das waren noch Zeiten!
737
Zeiten, von denen sich,
738
Frei nach Shakespeare,
739
Eure tintentrunkene Schulweisheit
740
Heut nichts mehr träumen lässt!
741
Doch Scherz bei Seite!
742
Nicht um ein Stündlein mit dir zu verplaudern,
743
Malträtir ich hier deinen Lehnstuhl!
744
Dein Schutzgeist, ein kleiner, niedlicher Blondkopf,
745
Hat oft meiner Grossmutter,
747
An dunklen Winterabenden,
748
Wenn wir gemüthlich ums Höllenfeuer hockten
749
Und Sünder wie Bratäpfel schmorten,
750
Lange Geschichten von dir erzählt:
751
Wie du schon in der Wiege,
752
Als kleiner Schreihals,
753
Dich in den schwierigsten Rhythmen geübt
754
Und später als fünfzehnjähriger Dandy
755
Krampfhaft höhere Töchter besungen
756
Und pralineenaschend hyperplatonisch
757
Für Zuckerwasser und Mondschein geschwärmt,
758
Bis du nun endlich – mit 20 Jahren! –
759
Eine Reimfabrik etablirt
760
Und selbstzufrieden mit goldnen Lettern
761
Ueber die Thür gemalt:
762
Weltverbesserungsoffizin!
763
Natürlich brüllte die ganze Gesellschaft
765
Der »Chor der Verdammten« erging sich johlend
766
In den polizeiwidrigsten Verbalinjurien
768
Biss sich vor Lachen in seinen Schwanz!
769
Ich aber dachte an Karl Moor
770
Und sprach mit Schiller, deinem Collegen:
771
Dem Mann kann geholfen werden!
772
Denn seit man auf Erden hier
774
Kasernen und Zellengefängnisse
776
Sparkassen und Volksküchen baut,
777
Folg ich der Mode und mache in Mitleid
778
Und so sitz ich denn nun
782
Kind dieses »aufgeklärten« Jahrhunderts!
783
Bist du denn wirklich naiv genug
784
Und glaubst, wie ein Kindlein,
785
Die Ritzen des Weltbaus
786
Mit Versleim verstopfen zu können?
787
Gibst du dich wirklich dem Köhlerwahn hin,
789
Dein schädelgeborener Mikrokosmos
790
Würde den fadenscheinigen Groschenseelen
791
Deiner lieben, unsterblichen Mitwürmer
792
Auch nur einen Pfifferling werth sein?
794
Und wenn Camoens, der Portugiese,
796
Und noch einmal seine Lusiaden sänge,
797
Die Welt stiefs ihn noch einmal kalt ins Spital
798
Und noch einmal müsste der »Stern von Lisboa«
799
Auf faulem Stroh elend verrecken,
800
Angespien wie ein toller Hund!!
803
Diese concentrirte Bestie,
805
Gelehriger noch als ihr äffischer Urahn,
807
Scepter und Kronen apportiren gelernt,
808
Hat immer nur hündisch
810
Sich behaglich ihrer Verdauung gefreut,
811
Indess die grossen, herrlichen Dulder
813
Weltverlassen am Kreuz verblutet,
814
Oder im Kerker elend verschmachtet!
815
Denk an Christus, denk an Columbus!
816
Auch ich war einst jung,
817
Auch mir ging der Kopf oft
818
Schwärmerisch mit dem Herzen durch;
819
Und wenn ich dann singend und lustberauscht
820
Durch den Frühlingsgarten der Schöpfung gewandelt,
821
Dann hab ich beseligt geglaubt wie du
822
An die goldene Zeit und den ewigen Frieden,
823
An das verheissene Eldorado!
824
Doch der Schleier zerriss,
825
Und unter dem Lenzgrün der sündigen Erde,
826
Neben die Schuppenthiere der Urwelt
827
Grauenvoll hingelagert,
828
Sah ich die höhnisch grinsenden Schädel
830
Die vor mir gelebt und gelitten wie ich,
834
Durch den lachenden Sonnenschein
835
Ein grässlicher Pestknäul
839
Und die liebliche Freundin meiner Seele,
840
»die edle Trösterin, Treiberin Hoffnung,«
843
Und so stand ich denn nun,
844
Zweifelnd, verzweifelt,
846
Entsetzlichen Trümmerball,
849
Sieben lange, verlorene Tage,
850
Nutzlos herumgemurkst,
851
Und lauschte begierig den weisen Sprüchen
852
Der alten indischen Evangelisten.
853
Und sie raunten mir zu:
854
»was lebst du noch, Thor?
857
In das selige Urnichts!
859
Und aber Millionen noch
862
Ist des Seins ja nicht werth!
863
Was lebst du noch, Thor?
866
In das selige Urnichts!«
867
Ich aber habe, Prometheus zum Trotz,
868
Gerungen wie Faust und gelitten wie Hiob,
869
Bis ich mich endlich, blutenden Herzens,
870
In das eherne Schicksal gefügt.
871
Doch glaube mir, Freund,
873
Der Rest ist nicht Schweigen,
874
Der Rest ist Verachtung!
875
Und so wandl' ich denn nun,
876
Wie mein Bruder, der ewige Jude,
877
Auf dieser »besten aller Welten«
878
Ruhlos umher, ein lebendiger Leichnam,
879
Und denke mit Salomo: Alles ist eitel!
880
Nur manchmal noch, manchmal,
881
Wenn sich die Sonne purpurn ins Meer taucht,
882
Oder der Frühling hoch auf die Berge steigt,
883
Oder »auf ewig« im ersten Kuss
884
Zwei Herzen sich finden,
886
Wankelmüthige Menschenherzen:
887
Klingt's durch die Weihnachtsglocken der Kindheit
888
Mir süss wie die Stimme meiner Mutter,
889
Meiner schönen, todten Mutter,
890
Und ich denke zurück an die alte Zeit,
891
Als ich im Volk noch des Menschen Sohn hiess!
892
Damals war ja mein Herz,
894
Noch kein todtes Uhrwerk;
895
Lieblich grünten die Thäler von Hebron,
896
Mir zu Füssen rauschte der Jordan
897
Und blutroth blühte die Rose von Saron!
898
Ich liebte, liebte und wurde geliebt
899
Und freudig trug ich die »frohe Botschaft«,
901
Unter die Fischer am See Genezareth.
902
Doch Teufel! was red ich!
903
Nickt denn nicht grinsend von meinem Käppi
904
Die fuchsrothe Hahnenfeder Mephistos?
905
Und bin ich nicht oft mit Marte Schwertlein
906
Schäkernd im Mondschein,
907
Hart an der Stadtmauer,
908
Arm in Arm durchs »Wurzgärtlin« gestelzt?
909
Indess mein Blutsfreund, der junge Magister,
910
Unterm blühenden Rosengebüsch
911
Seinem blonden, schnippischen »Grasaffen«
912
Zärtlich die Cour schnitt? –
915
Glaubst du, ich kram hier im Fieberwahn
916
Tollhausentsprungene Märchen dir aus?
917
Seh ich denn aus, wie ein Charlatan?
918
Sieh mich doch recht an!
919
Hat dich nicht schliesslich alles getäuscht
921
Und dennoch verkriecht sich dein furchtsames Ich
924
Papperlapapp! Ich heisse nicht Heinrich!
925
Schlag ein neutraleres Thema vor
926
Und ich rede so dumm, wie der ehrlichste Spitzbub!
927
Ah voilà – dein Manuscript!
928
Mal her das Geschreibsel!
930
Schon wieder mal Verse?
932
Hält sich der gnädige Herr ja zu schade!
933
Schlag da der Teufel drein!
934
Gut, dass mein Schwager, der alte Weltgeist,
935
Dich nicht zum Hausarzt hat!
936
Hättest ihm längst schon mit deinen verfluchten
937
Lyrischen Universaltinkturen
938
Homöopathisch den Magen verdorben!
940
Habe dir oft, wenn du Nachts bei der Lampe
941
Brütend am Federhalter gekaut,
942
Ueber die Schulter gekuckt.
943
Zwar, Recht muss Recht bleiben:
944
Die allerfadesten, die ich gelesen,
946
Elise Polko gibt schlechtre heraus!
947
Zum mindesten scheinen sie
948
Fein ciselirt und bunt wie Perlmutter!
949
Und doch! Ben Akiba hat wieder mal Recht:
950
Alles schon dagewesen!
951
Du aber dünkst dich das Urgenie selbst,
953
Mit neuen Reimen und alten Gedanken
954
Wie mit Aepfelschalen umher,
955
»dichtest und denkst«,
956
Schreibst dann dein Machwerk
957
In ein kleines, schwindsüchtiges Heftlein
959
Und nennst es pomphaft:
962
Ich wette, auch du, Freund, denkst nun bereits,
963
Materiell wie alle Poeten:
964
Süss, o süss schmeckt der erste Kuss,
965
Aber noch süsser, weit, weit süsser
966
Schmeckt das erste, heissersehnte
967
Goldig klimpernde Honorar!
968
Hoffentlich, Mensch, »Krone der Schöpfung«,
969
Hat dir dein Gönner, Ben Machol,
970
Noch nichts drauf gepumpt?
971
Wäre doch schad um sein koscheres Geld!
974
Nach einer Villa dich umgesehn?
975
Im Winter Berlin, im Frühjahr Florenz,
976
Im Herbst Paris, und im Sommer Ostende!
978
Pyramidal!! Fasanenhaft!!!
981
Nicht wahr, mon cher, ich hab es errathen?
982
Nicht? Na, denn nicht!
983
Nur nicht die Miene gekränkter Unschuld!
984
Bist doch kein Mädel, das nur geküsst sein will!
985
Und sagt nicht ein altes Volkslied schon:
986
Ein braver Kerl und ein braver Knuff,
987
Die passen halt immer zusammen?
989
Wie Doctor Martin sagt,
990
Schiessen wir endlich den Vogel ab!
992
Zeitgenosse von Emile Zola!
993
Weltverbessrer par excellence!
994
Bist du denn ganz und gar vernagelt
995
Und siehst du nicht ein, wie das Publikum,
996
Das Massenpublikum deiner Zeit,
998
Wiener Schnitzel als Verse verdaut?
999
Wer liest denn heut welche?
1000
Junge Mädchen am Einsegnungstage,
1001
Oder, wenn's hoch kommt, verliebte Primaner
1002
Und – was das Schlimmste! –
1003
Wer macht denn heut welche?
1004
Lässt dich dein sterblicher Galgenhumor
1005
Nicht schmählich im Stich,
1006
Dann mustre doch einmal
1007
Das elende Phrasendreschergezücht
1008
Der Kathederpoeten und Sonntagsdichter!
1009
Alles nur Blaustrümpfe, männliche Blaustrümpfe!
1010
Ach, und kein einziger ehrlicher Kerl,
1011
So ein Kerl, was man Kerl nennt!
1013
Du aber streichst dir, tief in Gedanken,
1014
Schon martialisch den Schnurrbart in spe
1015
Und regierst die Feder, als wär sie ein Wurfspeer,
1016
Und rufst wie Hutten: Ich hab's gewagt!
1017
Lass doch, mein Freundchen; lass doch, wozu denn?
1018
Wozu denn dich opfern, opfern für nichts?
1019
Wozu denn verhungern wie Doktor Tanner?
1020
Macht heut bei Licht besehn keinen Effekt mehr!
1021
Die goldne Zeit des heilgen Antonius
1023
Wärst du noch Jungfer, ich proponirte dir:
1025
So aber rath ich dir dringend und ernsthaft:
1026
Werde Professor in Königsberg
1027
Und schreibe die Memoiren Odhins!
1028
Selbstverständlich in Stabreimprosa!
1029
Pump dir das Schreibrohr
1030
Des Herrn Mirza von Schaffy
1031
Und schlage das Tamtam und predige Weisheit!
1032
Kauf dir ein Landgut und handle mit Possen!
1033
Meinethalb auch mit alten Hosen!
1034
Und wenn dir das Geld fehlt,
1035
Kauf dir den Toussaint und übersetze
1036
Englische Gouvernantenromane!
1038
Giess dir ins Wasserglas Cognac hinein
1039
Und verkünde befrackt »populär« vom Katheder
1040
Wie der erste Mensch und der letzte Papu
1041
Sich so verteufelt ähnlich gesehn!
1042
Fasle das Blaue vom Himmel herunter!
1043
Tanz auf dem Seil! Schneide Gesichter!
1046
Leg dich auf Flohdressur
1048
Fertige Zöpfe und falsche Waden!
1049
Mache Reklame, Guano und Caviar!
1050
Mach, was du Lust hast,
1054
Also sprach er, der grobe Poltron,
1055
Der »Schwager des Weltgeists«,
1056
Der »Enkel der Hekate«,
1057
Und frug noch einmal, ob es schon Zeit sei,
1058
Und drückte mir dann,
1059
Au revoir! wie er lächelnd meinte,
1060
Die tintenbeklexten Poetenfinger
1061
So echt deutsch und hausknetsch,
1062
Dass ich lautauf wie ein wunder,
1064
Ω μοι εγω schrie und –
1068
Auf dem wachsüberzogenen Schreibtisch,
1069
Lagen die Bücher und Manuscripte
1071
Das »Goldlicht der Lampe« wär längst erloschen
1072
Und statt des »braunen Kaffeedufts«
1073
Zog sich stickig der Brenzelgeruch
1074
Des schwarzverkohlten Dochts durch das Zimmer.
1075
Sonst aber stand, lag und hing
1076
Alles noch an seinem alten,
1078
Hüben die gelbsüchtge Venus von Gyps,
1079
Drüben der Raphaelische Kupferstich,
1080
Links der Papierkorb und rechts die Wasserpfeife!
1081
Nur draussen hatte sich unterdess
1084
Stahl sich durchs Fenster das Morgenlicht,
1085
Linkshin hatte das Wiener Café
1086
Schamhaft seine Spiegelscheiben verhängt
1087
Und über den Asphalt wälzte sich dumpf
1088
Das wiedererwachte Geräusch der Strasse.
1105
Hoffentlich stör ich hier nicht?
1106
Wollte Sie nur im Vorbeigehn fragen:
1107
Haben Sie heute Vormittag Zeit?
1108
Hat da ein ehmalger Leibfuchs von mir
1109
Gestern den Doktor gemacht,
1111
Fidele Kneipe gewesen, saufidel!
1112
Natürlich etwas spät nach Hause geklettert...
1113
Famoser Frühschoppen heut!
1114
Erlanger Bier! Patentes Gesöff!
1118
Na dann sei'n Sie mal –
1119
Donnerwetter! Wie sagt man doch schon?
1121
Grosskohtz und bleichrödern mir
1122
So Stück zehn, zwanzig Mark!
1125
Momentane Verlegenheit,
1128
Kennen den Krempel ja!
1130
Schickt mir der Alte wieder Moos.
1131
Bis dahin, schlage vor: Theilen!
1132
Natürlich, nur Bismark zum Aerger!
1133
He? Famoser Witz das?
1134
Nicht wahr, Herr College?
1135
Doch à propos, ich sag da »College«!