Präludium

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Arno Holz: Präludium (1896)

1
Dieses lachende Präludium,
2
Lachend sei es dedicirt
3
Euch, ihr wohlverbohrten Ritter
4
Vom romantisch blauen Strumpfband
5
Und vom klassischen Kothurn.

6
Euch und allen andern windgen,
7
Hyperschlauen Kritifatzkis,
8
Die, zum Zeichen, dass sie's lasen,
9
In dies saubre Exemplar
10
Eselsohren falzen werden.

11
Bitte sich nicht zu geniren,
12
Dass ich dies mein kleines Epos
13
Nicht gleich, zunft- und zopfgerecht,
14
Philologisch präludirte:
15
»nenne mir den Mann, o Muse!«

16
Armer klassischer College!

17
Streu, wie unser Grossohm Hiob
18
Asche Dir auf deine Platte,
19
Denn die Welt hat sich gedreht
20
Und mit Wolfgang Goethe starb
21
Längst der Letzte der Olympier.

22
Andre Zeiten, andre Lieder,
23
Andre Lieder, andre Menschen,
24
Und von Wien bis nach Paris
25
Fährt man heutzutag per Blitzzug
26
Noch nicht lumpge siebzehn Stunden.

27
Zwar ein Dichter, der wie ich
28
Schon von jeher kein Talent,
29
Und, getreu der goldnen Fahne,
30
Die mir roth zu Häupten flattert,
31
Zukunftsroth und gleichheitspredgend,
32
Warn ich meine Concurrenten
33
Vor der unsoliden Firma
34
Der Homer und Compagnie.

35
Ja, mein Herz, ich muss Dich seufzend,
36
Seufzend, wenn ich daran denke,
37
Dass auch ich ein Versfaiseur nur,
38
Oeffentlich hier denunciren:

39
Dein Credit beginnt zu wanken,
40
Deine Curse stehen schlecht,
41
Und dein Renommee ward schartig
42
Wie ein schäbiger Cylinder.

43
Ach, es ist nur gar zu wahr,
44
Dein ambrosisch grüner Lorbeer
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Fing mit Harold – Byron schon
46
Ganz bedenklich an zu welken,
47
Und in meinen Augen bist Du
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Nur ein ganz profaner Mensch
49
Und als solcher wiederum
50
Nur der erste aller blinden
51
Bänkelsänger Griechenlands.

52
Ja, mein Hirn ist ein Rebell,
53
Und wie alle diese Leute,
54
Die auf Thron und Altar pfeifen,
55
Bläht es frech sich auf und pfeift auch
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Auf das schulstaubtrockne Dogma
57
Klassischer Autorität

58
Immer noch durch unsre Köpfe
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Taumeln schwarz bechapeauclacquet
60
Sich die Götter des Olymp,
61
Und wenn Rothschild mein Cousin wär,
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Liessen heute noch die »Times«
63
Einen Aufruf los zur Gründung
64
Eines internationalen
65
Antimuseistenclubs.

66
Hätte ein gewisser Herwegh,
67
Der ein grosser Demokrat
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Und ein grössrer Dichter war,
69
Ihn nicht meuchlings schon verausgabt,
70
Hier an dieser schönen Stelle
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Bräch ich aus in den Naturlaut:
72
»raum, ihr Herrn, dem Flügelschlag
73
Einer freien Seele!«

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Poesien für Pennäler
75
Sind bereits genug gedrechselt;
76
Siehe hier das Gros der Werke
77
Unsrer deutschen Dioskuren –
78
Nomina odiosa sunt!

79
Aber vollends lasst mich schweigen
80
Von den lächerlichen Grössen
81
Ihres lächerlichen Nachtrabs!

82
Graf von Platen war ihr Mogul,
83
Und die griechische Schablone
84
Rüpelte jahrzehntelang
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Ihre längstversteinten Formen
86
Ueber jeden deutschen Quark.

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O, ich hasse dies Gezücht
88
Phrasenschwammiger Banausen,
89
Das nach jedem Wort sich einen
90
Idealen Kloss ins Maul pfropft!

91
Aber ach, mein braves Deutschland
92
War ja leider das beliebte
93
Eldorado der Philister
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Schon seit anno Tacitus!

95
Seit der alte Herr von Hutten,
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Von der Meute seiner braven
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Zeitgenössischen Philister
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Wie ein Hirsch ins Holz gehetzt,
99
Auf der Ufenau verreckt ist,
100
Hat nur ein Mensch hier in Deutschland
101
Tabak, Bier und Kohl verdaut,
102
Der, bis in den Tod sich selbst treu,
103
Ein lebendiger Protest war
104
Gegen jedes lächerliche,
105
Knöcherne Schablonenthum.

106
Fern vom Rhein, wo er sein erstes
107
Kinderhöschenpaar zerrissen,
108
Fern in Frankreich liegt sein Grab,
109
Und von Immergrün umwoben
110
Schaut es hoch her vom Montmartre
111
Auf die Weltstadt an der Seine.

112
O, ich weiss, wie einst die Mitwelt
113
Vipernzüngig ihn begeifert;
114
Kann doch selber heutzutag noch
115
Ihm kein Dunkelmann vergessen,
116
Dass sein rothes Dichterherz nicht
117
Pauvre wie ein pauvres Talglicht,
118
Sondern gross und welterleuchtend,
119
Golden wie die Sonne brannte.

120
Ach, die Lösung dieses Räthsels,
121
Das durchaus kein Phänomen,
122
Lässt sich leicht in Worte fassen:
123
Heinrich Heine war kein Stockfisch,
124
Heinrich Heine war ein Mensch!

125
Schellenfroh aus seinen Nestern,
126
Drin es lichtscheu sich verkrochen,
127
Schreckte er das nachtverliebte
128
Fledermausgezücht der Vorzeit,
129
Und sein blutender Messias
130
War das dreimal heilge Recht!

131
Ja, Hosianna! rief er jubelnd,
132
Seine Hymnen präludirten
133
Den Befreiungskrieg der Menschheit,
134
Und in seinem Herzen schliefen
135
Schon des neuen Weltprogramms
136
Goldne Zukunftsparagraphen.

137
Zwar sein armer Körper war
138
Abgemergelt wie ein Schatten,
139
Aber seine goldne Seele
140
Strotzte nur so von Gesundheit.

141
Fern im lachenden Paris,
142
Eingepfercht in ihre graue,
143
Muffige Matratzengruft,
144
Rang sie singend wie ein Schwan
145
Jahrelang mit ihrem Tode,
146
Denn die Weltlust war ihr Spielzeug
147
Und ihr Liebling war das Meer.

148
Doch das Schwimmbassin des Nereus
149
War von jeher schon ein äusserst
150
Komplizirter Mechanismus.

151
Neben Perlen züchtet es
152
Auch noch ganz gemeine Schlangen.

153
Längst versoffne Seemannsprime
154
Wälzt es gleichfalls tief im Bauch rum,
155
Und die Traumwelt der Atlantis
156
Hart, bedeckt von Gold und Seetang,
157
Ihrer künftgen Auferstehung.

158
Um den Wendekreis des Krebses
159
Wälzt der Teifun vor sich her
160
Chinas räuberische Dschunken,
161
Und am Strand von Norderney
162
Baden Deutschlands Aphroditen
163
Ihre semmelblonden Glieder.

164
Ja, ein Künstler ist der Weltgeist
165
Und das Meer sein Meisterwerk!

166
Silbergrau durch seine rothen,
167
Brennenden Corallenwälder
168
Tummelt sich der flinke Stör,
169
Und versunkne Städte läuten
170
Oft aus seinen blauen Fluthen
171
Ihre träumerischen Glocken
172
Märchenhaft ins Abendroth.

173
Doch zur Zeit der Aequinoctien
174
Wird es hungrig wie ein Wärwolf,
175
Und die jungen Fischerfrauen
176
Schrein dann nächtlich oft im Traum auf.

177
Mit dem Herzen eines Dichters,
178
Der sein Lebtag nicht nur Thee soff,
179
Sondern manchmal auch frivol
180
Veritablen Rum hineingoss,
181
Ist es ähnlich meist bestellt.

182
Heine war ein solcher Dichter;
183
Und wenn dann und wann sein Magen,
184
Statt des oben schon erwähnten
185
Obligaten »Thees mit Rum«,
186
»rum mit Thee« verconsumirte:
187
Nun, wer will ihm das verdenken?

188
Spucken mögen auf sein Grab
189
Dreimal alle alten Jungfern:
190
Heilig war ihm seine Liebe,
191
Heilig war ihm auch sein Hass!

192
Sein Geschlecht war ein erlauchtes,
193
Und die Blüthen seines Stammbaums
194
Sind die Sterne ihre Völker.

195
Aristophanes, der Grieche,
196
War sein vielgeliebter Ahnherr,
197
Miguel de Saavedra
198
Und der Doctor Rabelais
199
Waren gleichfalls seine Ahnen.

200
Doch wozu, o Publikum,
201
Geb ich heut, wo Dahn und Ebers
202
Siegreich mit mir concurriren,
203
Dir ein Privatissimum
204
In der Kunst der Langenweile?

205
Ach, die Werke jener Männer
206
Kennst Du kaum dem Namen nach,
207
Denn ein einzger Pattitriller
208
Gilt Dir mehr als tausend Mozarts.

209
Strickstrumpfflüchtig rettete
210
Vor dem Schreckregime der Trikots
211
Die Vernunft aus dem Theater
212
Sich ins Land der Botokuden,
213
Denn das neunzehnte Jahrhundert
214
Applaudirt wie ein Cretin
215
Nur Ballets und Operetten.

216
Wer wird heut auch, wo der Golddurst
217
Wie ein Moloch sich gerirt,
218
Hamlet oder Faust studiren?

219
Lieber schluckt man Casanovas
220
Elegante Sauerein!

221
Ja, ein Lüstling ist der Zeitgeist,
222
Ein gealterter Roué,
223
Und in jedem neuen Buch,
224
Das ihm eine Kernnatur
225
Zornig lachend an den Kopf wirft,
226
Wittert er versteckte Zoten.

227
Seine alternde Maitresse,
228
Die Geborene von Welt,
229
Thut es selbstverständlich dito.

230
Jeden kantigen Charakter,
231
Der es lästerlich verschmäht
232
Honig ihr ums Maul zu schmieren,
233
Wühlt sie skeptisch um und um,
234
Wie's mit einem Stückchen Erde
235
Wohl nach Würmern thut ein Maulwurf.

236
Grosser Zeitgenosse Emile,
237
Dich auch, Dich hat sie verlästert,
238
Und der Shakespeare des Romans
239
Ward zum Dichter der Kloake.

240
Doch was thut's? Wenn auch die alten
241
Weiber beiderlei Geschlechts
242
Prüde sich vor Dir bekreuzgen,
243
Dein Genie reckt seine Glieder,
244
Seine giftgeschwollnen Stichler
245
Fallen von ihm wie die Fliegen
246
Und sein Haupt ragt in die Wolken!

247
Zola, Jbsen, Leo Tolstoi,
248
Eine Welt liegt in den Worten,
249
Eine, die noch nicht verfault,
250
Eine, die noch kerngesund ist!

251
Klammert euch, ihr lieben Leutchen,
252
Klammert euch nur an die Schürze
253
Einer längst verlotterten,
254
Abgetakelten Aesthetik:
255
Unsre Welt ist nicht mehr klassisch,
256
Unsre Welt ist nicht romantisch,
257
Unsre Welt ist nur modern!

258
Und der Mensch, der sie mit tausend,
259
Abertausend Eisenarmen
260
Erdverlangend wild umschnürt hält,
261
Ist er gleichfalls nicht modern?

262
Glaubt er wirklich noch an eure
263
Abgedroschnen Ammenmärchen
264
Und dass schwarz soviel wie weiss
265
Und dass zwei mal zwei gleich fünf ist?

266
Macht euch auf, ihr Neunmalweisen,
267
Schleicht euch nächtlich durch die Gassen,
268
Pilgert tags durch die Fabriken
269
Und den Denkern schaut ins Hirn!

270
Thut's und wagt es dann zu läugnen,
271
Dass der Mensch sich, den die Vorzeit
272
Wie ein Thier ins Joch geknutet,
273
Endlich sehnt, ein Mensch zu werden!

274
Ausgetreten hat der Träumer
275
Endlich seine Kinderschuhe,
276
Und vor seinen trunknen Blicken
277
Wiegt sich lachend wie ein Eiland,
278
Das das Weltmeer grün umschaukelt,
279
Seine märchenhafte Zukunft.

280
Durch die Wälder Kaliforniens
281
Schnüffelt wie ein Riesenwurm
282
Feuerschnaubend sich sein Dampfthier,
283
Und ums Cap der guten Hoffnung
284
Segeln seine Panzerschiffe.

285
Seine Telegraphendrähte
286
Ueberbrücken wie ein Wasser
287
Delhi's grüne Palmenwipfel,
288
Und durchs ewige Eis des Nordpols
289
Blitzen weisslich die Gebeine
290
Seiner neusten Märtyrer.

291
Tausend goldne Sacramente,
292
Die Kleinodien seiner Kindheit,
293
Sind zersprungen wie ein Glas,
294
Und die alte, taube Nusswand
295
Einer abgelebten Kunstform
296
Sollte frech sie überdauern?

297
Deklamirt nur, ihr Poeten,
298
Eure lyrischen Tiraden,
299
Eure wortverbohrte Nichtswelt,
300
Mit euch selber geht sie unter!

301
Doch das thut nichts. Eine neue
302
Taucht schon lächelnd aus den Wassern,
303
Und die Wasser gehen schwanger
304
Noch mit hunderttausend andern.

305
Hätte dies mein kleines Carmen
306
Nicht so wohlgeschliffne Krallen,
307
Die so unbarmherzig spitz sind,
308
Ich verbräche sans façon
309
Folgende Apostrophe:

310
»du, mein Lied, um das mein Herz
311
Lieblich klang wie eine Glocke,
312
Schwing Dich auf, mein goldner Liebling,
313
Schwing Dich auf wie eine Taube,
314
Bis die Wasser sich verlaufen!

315
Melancholisch um mein Haupt
316
Schwingt die urweltschwangre Sintflut
317
Ihre dunklen Rabenflügel,
318
Und durchs Schleusenmeer des Himmels
319
Brüllt noch immer das alte Chaos!

320
Ach, und doch! Durch mein Gehirn
321
Huscht es wie von goldnen Lichtern,
322
Und die eingelullte Sehnsucht
323
Nach den hängenden Gärten der Sonne
324
Wachte weinend wieder auf!

325
Hat mein Herzschlag mich betrogen?
326
Tauchen die ersten grünen Zacken
327
Jener heissersehnten Neuwelt,
328
Tauchen sie lächelnd endlich auf?

329
Eine Welt für einen Oelzweig!

330
Drum, mein Lied, um das mein Herz
331
Lieblich klang wie eine Glocke,
332
Schwing Dich auf, mein goldner Liebling,
333
Schwing Dich auf wie eine Taube,
334
Bis die Wasser sich verlaufen!«

335
Doch dergleichen wohlfrisirte
336
Taschenspielerstückchen sind mir
337
Gottseidank zu abgedroschen,
338
Und mein urwaldstruppig Lied
339
Ist nichts wenger als ein Täubchen!

340
Nein! Die föhnumbrüllten Trümmer
341
Eurer längst verkrachten Welt
342
Liess es sonnenfeuertrunken
343
Meertief unter sich versinken
344
Und verlor sich in den Himmel.

345
Flügelstolz, ein kleiner Kondor,
346
Schwebt's nun über seiner lieben,
347
Jungen Sonnenaufgangswelt,
348
Und zum Aerger aller griechisch
349
Radebrechenden Philister
350
Schmettert's dort wie eine Lerche
351
Uebermütig seinen Triller:

352
»zola, Jbsen, Leo Tolstoi,
353
Eine Welt liegt in den Worten,
354
Eine, die noch nicht verfault,
355
Eine, die noch kerngesund ist!«

356
So! Bis hierher und nicht weiter!

357
Lachend rief ich's, und die Feder
358
Stiess ich tief ins Tintenfass.

359
Fern am Biertisch harrte schon
360
Das Trifolium meiner Freunde,
361
Und im Duftkreis einer braunen
362
Sobetitelten Havannah
363
Lässt sich's ja, wie jeder selbst weiss,
364
Ganz vortrefflich Hütten baun!

365
Selbstverständlich gab mein Opus,
366
Das ich lachend ihnen vortrug,
367
Stoff zu einer Diskussion.

368
Längst verrostete Gewaffen
369
Aus dem Rüstzeug der Aesthetik
370
Wurden wieder blank geputzt,
371
Und die köstlichsten Sophismen
372
Bissen wie die jungen Hechte
373
Sich vergnügt in ihren Schwanz.

374
Doch was half's! Am Ende gaben
375
Sie sich kleinlaut mir gefangen,
376
Und die schnurgerade Klassik
377
Fiel nicht minder glänzend durch
378
Als die winklige Romantik.

379
Nur zu meiner neuen Welt,
380
Zu dem neuen Evangelium,
381
Das aus Frankreich her und Russland
382
Unsrer Kunst gepredigt wird,
383
Konnten sie sich nicht bekehren,
384
Und das Kleeblatt opponirte
385
Gegen die Verherrlichung
386
Zola's, Jbsen's, Leo Tolstoi's.

387
»wenn Du ihre Welt so lieb hast,«
388
Replicirten die drei Käuze,
389
»nun, so tritt sie doch mit Füssen!

390
»aus der Vogelperspektive
391
Sieht ein Düngerhaufen schliesslich
392
Aehnlich wie ein Weizenfeld aus.

393
Willst Du ihre goldnen Früchte,
394
Die wie Pomeranzen lachen,
395
Dir nicht einmal näher ansehn?

396
Ach, am Ende sind sie giftig,
397
Giftig wie die ganze Welt,
398
Die sie farbig überschaukeln?

399
Geh, Du bist ein Jünger Plato's,
400
So ein Wolkenkukuksheimer,
401
Und scharwenzelst um sie her,
402
Wie ein blöder Schmetterling,
403
Der um eine Rose tändelt!

404
Ergel, wenn Du wirklich auf Dein
405
Neues Evangelium« schwörst,
406
»nun dann brocke Deine Verse
407
Nicht in seine Prosasuppe.

408
Schlängle klug mit dem Notizbuch,
409
Wie ein jüdischer Reporter,
410
Dich durchs Gassenmeer der Grossstadt
411
Und edire Jahr für Jahr,
412
Ein gedruckter Photograph,
413
Realistische Romane.

414
Reime, Rhythmen und was sonst noch
415
Dich an Versen so entzückt,
416
Jene knappe Condensiertheit,
417
Die in Einem goldnen Lichtblitz
418
Tausend bunte Farben aufsaugt,
419
Musst Du dann als neuer Heiland
420
Selbstverständlich brüsk verläugnen.

421
Englands Hamlet, Deutschlands Faust
422
Und Altgriechenlands Prometheus –
423
Lächerlich, dass diese Leute
424
Verse, nichts als Verse schwabbeln!

425
Destillire Dir doch einmal
426
Die famose Quintessenz
427
Henrik Ibsenscher Kritik,
428
Der im Namen Deiner Gottheit,
429
Als ihr wohlbestallter Priester,
430
Schillers Jambendramen köpfte:
431
Blödsinn, nichts als höhrer Blödsinn!

432
Deine formverliebte Seele
433
Hat sich eben schon aus tausend
434
Goldgeformten Henkelkrügen
435
Gar zu heidnisch schön besoffen!

436
Hungre sie asketisch aus!

437
Verse thun's heut freilich nicht:
438
Prosa, Freundchen, platte Prosa!«

439
Ach, wie wohlfeil war euch Braven
440
Dieser gutgemeinte Spott!

441
Harmlos wie die jungen Bären
442
Lebt ihr euer Leben hin;
443
Auf die Quadratur des Cirkels
444
Habt ihr als verständge Leute
445
Philosophisch schon verzichtet,
446
Und ein schief getretner Stiefel
447
Bringt euch eher aus dem Häuschen,
448
Als das närrische Problem:
449
Dreht die Achse dieser Welt
450
Sich nach rechtshin oder linkshin?

451
Anders, wenn ein Homo sapiens
452
Nicht, wie ihr, nur Steuern zahlt,
453
Sondern, wie z.B. ich,
454
Nebenbei auch noch Poet ist.

455
Werden doch in seiner Brust
456
Feindlich stets zwei Seelen wohnen,
457
Und vielleicht just, wenn die eine
458
Strümpfe stopft und Hosen flickt,
459
Reimt die andere ihr erstes,
460
Tiefgefühltes Liebeslied.

461
Zwar mein Kopf hat sich schon längst
462
Radikal emanzipirt;
463
Doch in meinem Herzen blühn noch
464
Alle Blumen der Romantik!

465
Kriechen soll ich, Freunde, kriechen,
466
Kriechen wie ein fader Wurm?

467
Schaut nur, wie die alten Wälder
468
Ihre grünen Häupter schütteln,
469
Und wie über sie die Sterne
470
Kreuzweis ihre Lichter werfen:
471
Ach, sie intoniren alle
472
Ein homerisches Gelächter!

473
Wem die Sonne dieser Gottwelt
474
Niemals bis ins Herz geschienen,
475
Mag sich in den Staub verlieben,
476
Doch wer Flügel hat, der fliege!

477
Weiss nicht, ob ich nicht noch einmal
478
Später, wenn ich alt und grau bin,
479
Mich ins Prosajoch bequeme.

480
Ach, die Zeit ist gar zu flüchtig,
481
Und wenn erst das Podagra
482
Uns moquant an Arm und Bein zwickt,
483
Macht die Jugend schmählich Pleite,
484
Und die goldnen Ideale
485
Drehen schnippisch uns den Rücken.

486
Doch einstweilen dedicir ich
487
Dieses lachende Präludium
488
Euch, ihr wohlverbohrten Ritter
489
Vom romantisch blauen Strumpfband
490
Und vom klassischen Kothurn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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