Religion

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Arno Holz: Religion (1896)

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Ihr Priester, die ihr einst vor Zeiten
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Mit Blut geeifert wider Baal
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Und heut in andern Erdgebreiten
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Den Kampf erstickt ums Ideal:
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Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,
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Das Feld des Zweifels steht behalmt;
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Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,
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Und wer hineingreift, wird zermalmt!

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Wohl wärmt ihr eure alten Wunder
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Uns immer noch von Neuem auf,
11
Doch ward ihr Flitter längst zum Plunder
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Und niemand nimmt ihn mehr in Kauf.
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Gesprengt hat seine dumpfen Bande
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Der freie Geist und jauchzte: Licht!
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Und trägt nun jubelnd durch die Lande,
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Der Schöpfung grofses Weltgedicht.

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Verlästert viel und viel bewundert,
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Strebt höher er von Jahr zu Jahr;
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Er ahnt das kommende Jahrhundert,
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Und jedes Herz wird sein Altar.
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Denn nicht im Staub der Pergamente
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Verlor sich seines Suchens Spur:
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Er fragte kühn die Elemente
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Und Antwort gab ihm die Natur.

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Die Sterne, die seit Uräonen
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Ihr räthselhaftes Feuer sprühn,
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Die Thierwelt neuerschlossner Zonen,
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Ja, selbst die Blumen, die verblühn:
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Nicht stumm mehr wie vor tausend Jahren
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Schaut ihm ihr Sphinxbild ins Gesicht,
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Sie alle, alle offenbaren
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Das grosse Weltwort: Licht, mehr Licht!

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Das Blättchen der versteinten Pflanze
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Singt vom verlornen Paradies,
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Und nur für ihn grub Schwert und Lanze
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Die Vorzeit in den Uferkies.
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Es wob der Traum vom ewigen Frieden
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Ums Haupt ihm seinen Glorienschein,
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Und bis ins Herz der Pyramiden
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Drang forschend seine Fackel ein.

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Das Wissen, nicht der Glaube frommt ihm,
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Ihm schien die Sonne bis ins Mark!
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Ihr aber näselt nur und kommt ihm
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Mit euerm abgestandnen Quark!
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Umsonst mit euern Anathemen
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Habt ihr zu bannen ihn versucht –
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Was soll der Welt denn auch ein Schemen
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Von einer Liebe, die nur flucht? ...

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Da liegt sie nun zerbrochnen Stempels
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Die Münze, die ihr falsch geprägt!
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Schon ist zum Bau des neuen Tempels
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Das grosse Fundament gelegt!
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Schon grüsst den kommenden Messias
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Das junge, werdende Geschlecht
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Und seine goldne Zukunftstrias
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Jauchzt: Wahrheit, Freiheit nur und Recht!

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Und steigt der grosse Ueberwinder
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Erst wieder erdwärts, nackt und blos,
59
Dann wieder birgst du deine Kinder,
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Natur, in deinem Mutterschooss!
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Der Menschheit zukunftstrunkne Seher
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Sind dann die Jünger, die er wirbt,
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Bis mit dem letzten Kantschudreher
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Einst auch der letzte Hundsfott stirbt!

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Dann wird kein Thron mehr goldig gleissen,
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Vom Pfaffenhimmel überdacht,
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Denn jene Welt, die uns verheissen
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Ist lächelnd dann ins Licht erwacht.
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Dann hört die Hoffnung auf zu bluten,
70
Die Liebe weint vor lauter Lust
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Und jauchzend sinken alle Guten
72
Sich Bruderbrust an Bruderbrust!

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Drum ihr dort, die ihr einst vor Zeiten
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Mit Blut geeifert wider Baal
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Und heut in andern Erdgebreiten
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Den Kampf erstickt ums Ideal:
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Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,
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Das Feld des Zweifels steht behalmt;
79
Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,
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Und wer hineingreift, wird zermalmt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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