Der Teufelsteich

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Arno Holz: Der Teufelsteich (1896)

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Die Leute nennen ihn den Teutelsteich.
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Die alte Müllersch, die mit Krücken wirft,
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Die Hurenlieder singt und Kräuter trocknet,
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Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft –
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Wahrscheinlich weil die Kathi schwanger geht,
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Weil morgen Markt ist und sein Bier nichts taugt –
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Die alte Müllersch hat's nicht weit von ihm.
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Ihr wisst, auf Christenleute Worte werfen,
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Die um ihr Renommee wie Kletten baumeln,
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Sie Höllenunflad, Fegefeuerzangen
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Und Teufelsfricassee betituliren,
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Ist nicht mein Amt. Ich bin kein Leutepriester.
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Ich bin nur sozusagen Philosoph.
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Ich züchte Bienen, schneide Haselruthen
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Und bläu den Jungens meine Fibel ein.
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Doch diese Müllersch ... wie? Ihr kennt sie nicht?
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Ei, was Ihr sagt! 'S ist ja dasselbe Weibsbild,
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Das neulich über diesen Zaun geschielt,
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Grad als der Toni sich den Fuss verstauchte
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Und meine Mietze sieben Junge warf!
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Zum Kukuk, Herr, entsinnt Ihr Euch denn nicht?
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Ach, geht! Ihr sasst ja grad auf dieser Bank
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Und suchtet Euer weisses Taschentuch.
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Nicht wahr? Ein Schluckanfall! Nun ja, ich sag's ja!
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Hm? Und mein Altchen? Ach, die gute Seele!
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Hat sie nicht dreimal Euch ins Kreuz gestukt?
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Glaubt mir, ich hab's Euch immer schon gesagt,
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Sie hat Euch lieb; weit lieber noch als mich;
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So lieb, wie ihr Kanarienvögelchen.
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Und als ihr Mittelchen nicht gleich verschlug?
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Lief sie nicht händeringend nach dem Brunnen
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Und stolperte dann über diesen Pflock,
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Den ich erst Ostern so hübsch rund geschnitzt
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Und jetzt zu Pfingsten grün bemalen wollte?
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Und ging mir selber, da ich still dabei stand
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Und blaue Ringel in den Flieder blies,
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Ging mir nicht einszweidrei das Pfeifchen aus?
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Die Hexe aber, die es ausgeblasen,
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Die mir mein Altchen beinah lahm geschielt
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Und Euch den Schluckauf in den Hals gewünscht,
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That unschuldsvoll wie ein Marienbildchen,
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Griff dreimal an ihr gelbes Kopftuch, nieste,
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Sah blinzelnd in die Sonne und verschwand
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Dann endlich hinkend hinter jenem Kirschbaum.
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Mag Lux, der Glöckner auf den Melibocus,
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Ihr mal gelegentlich um Mitternacht
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Mit seinem Kuhschwanz das Genick abdrehn!
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Der neue Amtmann wird sie hoffentlich,
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Wenn unser Herrgott nichts dagegen hat
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Und Pfarrers Köchin nicht dahinter kommt,
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– Wie ich mir denke, noch so vor Johanni –
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An irgend ein Spital verauktioniren.
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Wenn's der Gemeinde, der das rothe Schulhaus
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Schon unverschämt viel Geld gekostet hat,
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Nur nicht das Futter aus dem Säckel reisst!
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Das Jahr fünf Thaler wird's ihr freilich kosten.
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Dass doch ein Weibsbild so verflucht schwer stirbt!
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Na, gut, dass wenigstens das alte Rauchloch,
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Drin sie seit Jahren schon herumspelunkt,
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Von unserm Dörflein so hübsch abseits liegt!
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Die Kühe milchen so wie so schon schlecht.
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Wer weiss, wenn sie die Alte grünlich anspuckt,
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Ob sie nicht Frösche mit fünf Beinen kalben?

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Doch von der Müllersch, die mit Krücken wirft,
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Die Hurenlieder singt und Kräuter trocknet,
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Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft,
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–sein Schwager Forstwart will sogar drauf wetten,
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Dass sie nach Kümmel stinkt und Taback kaut –
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Von dieser Müllersch wollt ihr ja nichts hören.
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Ihr wollt nur wissen, was die Ofenbank
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Am Abend, wenn das Feuer auf den Dielen
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Sich blassroth zwischen Kalmusblättern malt
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Und weiss der Winter durch die Scheiben lugt,
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Was dann die Ofenbank sich plappermäulig,
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Indess die Mädels ihre Spindeln drehn,
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Vom Teufelsteich zu colportiren weiss.
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Nun gut. So hört denn zu.

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Mag's bis zur Kathe von der alten Müllersch,
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So ungefähr drei Vaterunser weit sein.
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Ihr wisst, die Haide fängt schon früher an.
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Um seine Ufer, die von Scherben starren,
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Von Stiefelsohlen und Papier umkränzt,
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Dehnt sie sich nackt und dürr wie ein Gerippe.
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Sand, nichts als Sand und immer wieder Sand,
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Soweit die Raben ihre Flügel blähn!
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Drei alte Silberpappeln rauschen nur
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Gespenstisch in den dunklen Abendhimmel,
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Und blutroth drunterhin schwankt eine Blume.
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Die einzige, die hier zu blühen wagt.
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Denn niemals singt ein Vogel ihr ein Lied,
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Ihr Duft erstickt in der verfaulten Luft
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Und in den Wassern darf sie sich nicht spiegeln.
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Denn die sind kohlschwarz wie das Herz des Teufels.
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Das Boot, das ruderlos im Schilf verfault,
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Hat längst der Sumpfpilz wie ein böser Aussatz
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Mit grossen, grünen Buckeln übertupft
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Und um die Kette, die durchs Wasser schleift,
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Klebt Schlamm und Entengrütze fingerdick.
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Die Planken, die verspaakt, zurechtzubasteln,
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Hat sich bisher noch niemand träumen lassen.
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Wozu auch? Karpfen giebt's dort nicht zu angeln
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Und Krötensuppe mag der Pfarrer nicht.
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Klaus Tom, der Fischer, hat sein graues Netz
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Nur noch zum Staat vor seiner Thür zu hängen!
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Punkt fünf Uhr morgens steht der Racker auf,
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Probirt sein Süpplein, gähnt, schlurft in sein Gärtchen,
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Stäubt dort das morsche Bretterbänklein ab,
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Stopft sich gemüthlich seinen Türkenkopf,
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Schlägt dann das rechte übers linke Bein,
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Pafft wie ein Schornstein, zählt die Sommerwolken
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Und merkt daneben, was die Fliegen summen.
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Zu Frühstück schickt ihm dann der alte Matthies,
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Der neulich erst den schwarzen Stern gepachtet,
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Ein Kümmelchen mit Pommeranzen rüber.
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Ein Kümmelchen! Das heisst wohl mehr ein Kümmel.
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Man lutscht bequem ein Viertelstündchen dran.
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Natürlich ist man dann zu Mittag hungrig!
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Dreimal die Woche Häring, einmal Fleisch
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Und Samstag Abend ein Gebacknes extra!
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Na, mir kann's recht sein! Seit der Geizhalssepp
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Ihm erst um Lichtmess den Gefallen that
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Und sich zum Vesperbrod auf seinem Strohsack
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Mit einem Hühnerbein die Gurgel einstiess,
124
Darf sich sein Päthling schon sein Süpplein schmälzeln!
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Fünf alte Strümpfe, wie ein Weib sie trägt,
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Mit Doppelkronen aus der Schwedenzeit,
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Sind auch für unsereins kein Katzendreck.
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Nur Schade, dass das Blech der Armenbüchs,
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Noch niemals, wenn der Protz dran rumgeschielt,
130
»schöndank« geklimpert! Doch – was schwatz ich da!
131
Klaus Tom, der Fischer, der sein graues Netz
132
Nur noch zum Staat vor seine Thür gehangen,
133
Der seinen Türkenkopf mit Gold beschlug
134
Und Kümmel nur mit Pommeranzen trinkt,
135
Klaus Tom, der Glückspilz, geht bei Licht besehn
136
Euch ja noch wenger als die Müllersch an.
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Die alte Müllersch, die mit Krücken wirft,
138
Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft!

139
Nicht wahr, Ihr wolltet doch nur wissen, Herr,
140
Was sich die alten Weiberzungen hier
141
Um Mitternacht, wenn Hans das Gruseln lernt
142
Und Grete näher an den Ofen rückt,
143
Was dann die alten Weiberzungen hier
144
Vom Teufelsteich sich in die Ohren zischeln?
145
Nun gut. So hört denn zu. Mein Grossohm Pankraz,
146
Der's selbst mit angesehn, hat's mir verbürgt.

147
Denkt Euch die Haide, die sich meilenweit
148
Nackt, braun und baumlos, dass das Herz Euch weh thut,
149
Wenn Ihr ans Waldgrün Eurer Heimath denkt,
150
Bis fernhin in den Horizont verliert.
151
Weiss durch die Silberpappeln um den Teich
152
Segelt ein Sommerfaden. Es ist Abend.
153
Schwarz liegt das Wasser da, schwarz wie die Sünde,
154
Und drüber, wie ein blutender Rubin,
155
Neigt sich die zauberhafte Blume ...
156
Der Nebel, der phantastisch sie umwindet,
157
Rollt sich jetzt auf und ringelt wie ein Wurm
158
Sich weiss und langsam bis ins Dorf hinein.
159
Jetzt knarrt die Kirchhofsthür, ein Schlüssel dreht sich
160
Und auf die Christuskreuze tropft der Thau.
161
Der fahle Schwefelstreif im Westen stirbt,
162
Vom Wald her brüllt verirrt noch eine Kuh,
163
Und durch den dunkelblauen Himmel tropfen
164
Ihr Licht die Sterne. Alles still ...
165
Nur dass der Nachtwind, der im Schlafe träumt,
166
Mal ab und zu mit seinen Flügeln schlägt,
167
Und dass die Unkenmuhme tief im Teich
168
Bisweilen ihre dumpfen Glocken läutet.
169
Da – plötzlich! schreit die alte Thurmuhr Zwölf
170
Und mitten aus dem schwarzen Rachen reckt
171
Sich weiss und lautlos in die dunkle Nacht
172
Ein nackter Frauenarm ...
173
Das Wasser, das wie Mondlicht ihn umfliesst,
174
Ballt sich zu grossen, runden Tropfen, glitzert
175
Und rollt dann wieder langsam in die Fluth.

176
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.

177
Das Griechenweib, das einst Homer besang,
178
Und das noch heut als Vampyr durch die Nacht irrt,
179
Verkriechen müsst es sich vor seiner Schönheit,
180
Wenn er nicht – Krallen statt der Nägel hätte!

181
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.

182
Doch kaum, dass ihn die Sterne droben sehn,
183
So fängt ihr Licht auch schon zu flackern an,
184
Als ob sie's eiskalt, wie ein Fieber packte,
185
Und mehr als einer zittert wie ein Kind,
186
Das nachts durch eine dunkle Stube gehn soll.

187
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.

188
Er wächst und wächst, bis seine Klaue schliesslich
189
Sich jäh und rund um den Orion klaftert,
190
Ihn knisternd aus dem blauen Himmel gräbt
191
Und mitleidslos den angstvoll Zitternden
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Hinunter in die schwarze Tiefe krallt!
193
Dann reckt er wieder langsam sich empor,
194
Pflückt die Plejaden, löscht den Uranus
195
Mit einem Tupf drauf wie ein Windlicht aus,
196
Bringt den Saturn erst, dann die Venus um
197
Und ruht nicht eh'r von seinem grausen Handwerk,
198
Als bis er sich die lieben, goldnen Dinger,
199
Alle,
200
Bis auf den letzten! in den Sumpf gekrallt.
201
Doch der schreit auf, wie ihn das Unheil packt,
202
Die Morgennebel, die ums Schilf sich winden,
203
Umschleiern rosenroth den Sonnenaufgang
204
Und links vom Dorf herüber krähn die Hähne.
205
Nackt, braun und baumlos dehnt die Heide jetzt
206
Sich wieder fern bis in den Horizont
207
Und rund aus seinem Scherbengürtel gähnt
208
Der alte Tümpel, schwarz wie immer ...
209
Doch wenn ein Sonntagskind vorüber geht,
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Sieht's roth und tellergross in seiner Mitte
211
Wie Blut durchs todte Wasser blitzen,
212
Und mitten wieder durch den Blutfleck schwimmen,
213
Die fleckigen Kadaver gelb gedunsen,
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Drei todte Kröten ...

215
Wenn sie mein Grossohm nicht, der alte Pankraz,
216
Mit seinen eignen Augen selbst gesehn,
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Ich würde meine Dose hier drauf wetten,
218
Dass dieses Märlein nur ein Märlein ist!
219
Doch giebt's ja manches, Herr, auf dieser Welt,
220
Was in den Katechismus schlecht hineinpasst.
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Wozu soll also dies Histörchen hier
222
Durchaus erstunken und erlogen sein?
223
Die alte Müllersch beispielsweise hat,
224
Wenn sie betrunken Abends durch das Dorf trollt,
225
Schon manches vor sich in den Wind geschwatzt.
226
Was unsereinem sehr zu denken giebt.

227
Man munkelt so von einer Enkelin,
228
Die sie in alter, längstverschollner Zeit,
229
Als noch die Möbel krumm verschnörkelt waren
230
Und die Soldaten hinten Zöpfe trugen,
231
An unserm König seinen Ohm verschachert.
232
Demselben der – ich glaube, bei Kollin war's –
233
Sich die Blessur links in den Arm geholt,
234
Als er mit seinen ungrischen Schwadronen
235
Die zwölfte Batterie zusammenritt.
236
Ihr kennt ihn, Herr, gewiss aus Euern Büchern
237
Den Prinzen Theodor! Gott hab ihn selig.

238
Der Schnurrbart hing ihm unter seiner Nase
239
Zu beiden Seiten wie ein schwarzer Pechdraht.
240
O, er sah forsch aus! Der Husarendolman,
241
Der roth um seine Schultern flatterte,
242
Wird Euch noch heut im alten Residenzschloss
243
Für einen Gulden vom Portier gezeigt.
244
Das dumme Mädel aber war zu jung,
245
Ich mein, zu jung, um nicht verrückt zu sein,
246
Warf ihm den golden Krimskrams vor die Füsse,
247
Spieh nachts wie toll ihm mitten ins Gesicht,
248
Riss sich den seidnen Plunder frech vom Leib
249
Und lief bei Nacht und Nebel auf die Haide.
250
Der Wenzel aber, den sie lieb gehabt,
251
Vor dem sie weinend auf den Knieen lag,
252
Der Wenzel lachte auf, wie ein Besessner,
253
Biss sich in die geballte Faust, schrie: Hure!
254
Und stiess den armen Klumpen Weib dann schliesslich
255
Mit seinem Fuss wie eine Hündin fort.

256
Drei Tage drauf fand Barthel Franz, der Wildrer,
257
Der grade Holz für seine Weiber stahl,
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Den rothen Prinzen unter einem Ahorn.
259
Die Kugel war von einem Kreuz geritzt
260
Und ihm gerade durch die Brust gegangen.
261
Der Mussjöh Feldscheer, der mit seinem Wäglein
262
Ein Stündlein drauf aus Schöppstedt ankutschirt kam,
263
Hat nur die Achseln dazu zucken können.
264
Ja, wo der tolle Wenzel einmal zuschoss,
265
Da hat kein Pflästerchen mehr hacken wollen!
266
Das Blutgeld aber, das dann die Justiz
267
Noch selbgen Tags, auf seinen Kopf gesetzt,
268
Hat sich kein Christenmensch verdienen wollen.
269
Am Aschermittwoch war die Residenz
270
Vom Kärntnerthor bis an den Elsterplatz
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Schwarz ausdrapirt wie ein Paradesarg,
272
Und am Charfreitag schwamm der Wenzel schon
273
Als Leichtmatrose nach Amerika.
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Postmeisters Günter, den sein Corporal
275
So krumm genommen, bis er desertirt war,
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Sah ihn in Boston dann als Seifensieder.
277
So Stücker zehn bis fünfzehn Jahre freilich
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Mocht's her sein, dass er ausgekniffen war!
279
Das arme Mädel, die Sabine aber
280
War unterdess in unsern Teich gesprungen. –

281
Doch lassen wir den alten Schnickschnack, Herr!
282
Das Kirchhofsgras, das über ihn gewachsen,
283
Wird, wenn es Zeit, auch über uns sich biegen.
284
Was? Teufel! Zeigt die Sonnenuhr schon Sieben? ...
285
Pst! Still doch! Hört Ihr? Unser Altchen ruft schon!
286
Wenn wir noch länger diesen Zaun hier schief stehn,
287
Sperrt uns der Amtmann noch ins Spritzenhaus.
288
Vergesst auch dort nicht Euer Taschenbuch!
289
Und dieser Bleistift? Eurer? Na, denn kommt!
290
Doch lasst den Bauch Euch nicht zu heftig knurren:
291
's giebt heut nicht viel. Nur ein Kartoffelsüpplein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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