En miniature

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Arno Holz: En miniature (1896)

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Farbenfunkelnd in ihr Goldhaar hatte
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Ein Libellenweibchen sich verirrt.

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Eins – zwei – drei Sekunden liess es dort
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Zierlich seine Flügelchen vibrieren,
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Klappte sie dann schillernd wieder auf
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Und?
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Fragt das Schilfrohr, wo es dann geblieben!

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Lächelnd über das naive Thierchen,
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Das Frisuren noch für Blumen hielt,
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Band sie jetzt ihr kugelrundes Sträusschen
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Regelrecht mit einem Halm zusammen.

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Blank aus ihrem kleinen Goldreif blitzte
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In die schwarzen Augen ihr die Sonne,
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Und auf ihrem weissen Nacken liess
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Blau der Flieder seine Blüthen zittern.

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So, jetzt noch dies Bündelchen Reseda,
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Jetzt dies Veilchen, jetzt dies Tausendschönchen,
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Und – der alte Gärtnerjakob soll sich wundern!
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Sich ihr Morgenröckchen sorglich schürzend,
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Dass der Thau nicht seinen Saum zernässe,
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Strich sie sich noch einmal übers Schürzchen,
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Stippte dann die Blumen in den Springquell,
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Den der Löwenkopf ins Becken spie,
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Und die beiden kleinen Atlasschühchen,
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Knallroth wie zwei Herrgottskäferchen,
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Trippelten, tripp-trapp, um die Bosketts
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Durch das sonnige Kastanienwäldchen
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Auf das alte, graue Schlossthor zu.

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Doch der Weg bis dahin ist noch weit.

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So weit, dass das weisse Thürmchen dort
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Nur noch wie ein Punkt durch die Allee blitzt.

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Und sie spitzt ihr kirschrothrundes Mäulchen,
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Dreht dem Faun, der marmorn sie durchs Buschwerk
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Kollegialisch wie ein Nymphlein angrinst,
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Resolut ein aufgewipptes Näschen,
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Lacht laut auf und fängt ein altes Liedchen,
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Das vielleicht mal ihrer Amme einfiel,
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Als der Mondschein sie nicht schlafen liess,
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Und das heut ihr wieder wie ein Schwälblein
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Neckisch durch den kleinen, krausen Sinn schiesst,
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Leise vor sich hinzusummen an:

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»ach wenn ich es doch nur wüsste, wüsste,
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Wie ein Liebster seine Liebste küsste!«
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»wölklein, das dort um das Tännlein flattert,
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Vöglein, das dort um das Nestlein girrt,
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Und du Bäumlein, das so weiss dort blüht,
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Sag mir doch, wo schlägt das Herz des Frühlings?

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Flötet es die Nachtigall ins Mondlicht,
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Wiegt's der Apfelbaum in seinen Blüthen,
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Oder jauchzt's mir in der eignen Brust?

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Ach, wenn ich es doch nur wüsste, wüsste,
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Wie ein Liebster seine ....« doch das Liedlein
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Blieb erschreckt in ihrem Hälslein stecken!

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Lachend bog er eben um die Linde,
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Die so schrecklich indiskret und breit ist,
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Nahm sie fest in seine beiden Arme,
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Dass die Blumen kichernd aus dem Körbchen
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Und das Körbchen in die Blumen fiel,
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Und – sie wussten, wo des Frühlings Herz schlägt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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