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Hat nicht der arme Mensch mit Feinden stets zu thun!
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Wie muß er doch im Zanck und argem Streite leben.
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Hier hat ihn Fleisch und Blut verrätherisch umbgeben/
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Dort kan er vor dem Feind der Finsternüß nicht ruhn.
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Die Welt tritt auch mit an und seine gantze Tage
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Sind Tagelöhnern gleich/ nie ohne Müh und Plage.
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Wie sehnlich wünscht ein Knecht des Abends-Schatten Streiff/
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Ein Tagelöhner hofft der schweren Arbeit Ende.
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Wie hab ich doch umbsonst die Wercke meiner Hände/
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Nach Monaten erfüllt; elender Nächte Reiff
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Und rauhe Witterung vergebens ausgestanden/
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Weil keine Linderung der Trangsal war vorhanden.
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Wenn ich mich erst gelegt/ so sprach ich schon bey mir:
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Wenn wach ich wieder auff/ und geh aus meinem Bette?
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Dann rechnet ich genau/ wie viel ich Stunden hätte/
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Eh als die Nacht einfiel; denn ich zum Scheusel schier
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Bey lichtem Tage war/ biß Finsternüß entstunde/
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Und mich der blöden Angst die Dunckelheit entbunde.
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Mein Fleisch ist umb und umb durchfressen durch den Wurm/
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Und kothicher Gestanck klebt auf den dürren Knochen.
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Die Haut ist Eiter voll und schrumpffich eingekrochen;
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Ja ich bin gantz zernicht. O grauser Unglücks-Sturm!
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Und meine Tage sind so schnell dahin geflogen/
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Als wie ein Weberspul wird plötzlich durchgezogen.
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Weil da kein Halten war/ so giengen sie darvon.
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Gedencke/ daß mein Rest des Lebens Wind ist worden/
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Und meine Augen nicht mehr kommen zu dem Orden
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Der diß was gut/ beschaut. Es sieht mich ohne Hohn
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Kein lebend Auge mehr/ und kan mich auch nicht sehen:
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Du aber siehest mich. Was wird mir noch geschehen.
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Die Wolcke die vergeht und fähret flüchtig hin;
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So wer in schwartzen Pful der tieffen Höllen stürtzet/
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Demselben wird der Weg zu uns herauff verkürtzet;
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Er kommt nicht wiederumb in Stell und Ort/ darinn
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Er vor gewesen ist. Sein Hauß wird ihn nicht kennen/
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Sein Eigenthum nicht mehr wie vor/ Besitzer nennen.
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Drumb wil ich meinem Mund nicht wehren/ weil er kan/
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Die heisse Hertzens-Angst beweglich auszusagen/
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Der Seelen Jammer-Leyd dem HErren fürzutragen.
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Ach! bin ich denn ein Meer? Trag ich denn Schuppen an
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Daß du mich so verwahrst? Wenn ich bey mir gedachte
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Jm Bette Trost zu hol’n; Wenn ich mein Lager machte
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Zur Schmertz/ Erleichterung/ wenn ich mich selbst besprach/
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So schreckst du mich die Nacht mit ungeheuren Träumen/
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Daß meine Seele wünscht erhenckt zu seyn an Bäumen/
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Und mein Gebein der Tod trüg an der Ketten nach.
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Ich wil und kan nicht mehr/ erzörnter Schöpffer leben/
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Hör auff von mir/ hör auff! wer kan dir widerstreben?
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Denn meine Tage sind vergebens hingewischt.
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Was ist ein Mensch/ O HErr/ daß du ihn so groß achtest/
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Und mit Bekümmerung nach seinen Thaten trachtest/
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Du suchst ihn täglich heim/ sein Leyd wird stets erfrischt.
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Ach warumb thust du dich doch nicht von meiner Seiten!
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Läßt du denn gantz nicht ab/ und hörst nicht auff zu streiten/
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Biß ich den Speichel schling? Hab ich gesündigt je/
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Was soll ich dir denn mehr/ du Menschen-Hüter leisten?
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Warumb verursachst du/ daß ich auf dich am meisten
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Stoß/ und mir selbsten bin die Lastung meiner Müh?
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Warumb vergibst du mir nicht meine Missethaten/
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Und nimmst die Sünde weg in die ich bin gerathen?
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Denn nunmehr scharr ich mich tieff in die Erd hinein/
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Da wil ich meine Ruh nach so viel Unglück hoffen/
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Diß ist der beste Tausch so ich jemals getroffen/
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Und wenn man mich denn sucht bey frühem Morgenschein/
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So wird noch Stumpff noch Stiel auf dieser weiten Erden/
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Von mir bedrängtem Mann gefunden können werden.