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Nun frische Myrten sich umb seine Scheitel winden/
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Nun ihm die Juno hat das Braut-Bett aufgesetzt/
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So soll sich/ werther Freund/ auch unsre Pflicht hier findē/
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Und bringen ein solch Lied das Hertz und Seel’ ergetzt.
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Zwar wenn Cupido nur die Feder wolte führen/
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Und jede Gratie in jeder Zeile stehn/
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Es sollt’ ein solcher Klang ihm das Geblüte rühren/
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Das aller Adern Puls weit stärcker würde gehn.
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Alleine Venus ist sehr karg mit ihren Gaben/
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Sie flöst uns nicht den Thau verliebter Reden ein;
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Die Anmuths-volle Schaar der nackten Flügel-Knaben
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Will uns in diesem Werck gar nicht behülflich seyn.
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Wir dencken hin und her die Schuldigkeit zu leisten/
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Und solches Sinnen macht in dem Gehirne Sturm;
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Doch endlich schliessen so einhellig fast die meisten/
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Es sey dem Bräutigam geschenckt ein 1.
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Der 2. heist die Liebe kalt/ ein ander nennt sie Feuer/
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Dem ist sie ein Magnet/ und jenem Gall und Gifft:
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Wir sagen daß die Lieb ein schönes Ungeheuer/
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Ein angenehmer Wurm/ der nichts als Freude stift.
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Der Mensch ist selbst ein Wurm/ und soll nicht 3. Würmer hecken?
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Jedwedes Glied das ist mit Würmen angefüllt/
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Und in dem 4. Hertzen selbst da werden Würme stecken;
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Welch Momus ist nu da/ der unsern Leh
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Die Sappho wäre wol von Felsen nicht gesprungen/
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Leander durch die Fluth geschwummen bey der Nacht/
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Es hätte nicht ein Schwerdt der Dido Brust durchdrungen/
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Und Venus den Adon zu einem Gott gemacht/
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Wenn nicht ein Liebes-Wurm ihr Hertze so durchwühlet/
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Welch Mensch lebt auf der Welt von diesen Zügen frey?
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Man sieht wie die Natur schon in den Kindern spielet/
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Und wie der Jugend Lentz voll solcher Gauckeley.
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Der Wurm 5. wächst mit der Zeit/ wie Blumen mit den Tagen/
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Die erste Witterung entspringt in dem 6. Gehirn.
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Man mag die Aertzte nur umb klares Zeugnüß fragen/
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Er sitzt im Vordertheil und meistens an der Stirn.
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Denn wird der Mensch verwirrt/ denn straucheln die Gedancken;
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So oft ein schönes Bild sich nur den Augen weist/
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So laufft Witz und Vernunfft aus den gesetzten Schrancken/
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Denn foltert erst der Wurm den Liebs-gefangnen Geist.
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Das Frauenzimmer kan hierüber witzig sprechen/
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Es kennt den starcken Trieb/ ders Gegentheil entrückt/
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Wenn so viel Seuffzer aus den matten Hertzen brechen/
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Und man nach einem Kuß viel tausend Wünsche schickt.
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Die Pein die wird geklagt den Monden und den Sternen/
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Daß derer Einfluß doch der Göttin Hertz erweich/
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Und daß ihr hold Gesicht sich wolle nicht entfernen/
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Sonst führe man verblast hin in der Parcen Reich.
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So tummelt sich der Wurm/ denn sinckt er in die 7. Augen/
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Da laufft man in der Stadt die Gassen auf und ab/
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Sucht Psyllen/ die das Gift sind mächtig auszusaugen/
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Setzt/ kriegt man nicht Gehör/ oft weiter seinen Stab.
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Und weil die Augen sonst die Führer in dem Lieben/
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So ists nit Wunderns werth/ daß sich der Wurm hier zeigt.
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Er kan der Buhler Hertz erfreuen und betrüben/
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Nachdem er sich gekrümmt auf Schlangen-Weise neigt.
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Er sitzt auch im 8. Gehör; denn wenn die Chloris singet/
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Und ihr Sirenen-Klang bezaubert Hertz und Ohr/
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Wer mercket nicht alsbald/ daß hier der Wurm erst springet/
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Und Salamandern gleich mit Flammen bricht hervor/
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Wenn er das hohe Schloß des Hauptes so durchkrochen/
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Und allen Uberfluß der Anmuth hat erregt/
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So fällt er auf die 9. Zung’ und hält da gute Wochen/
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Weil Venus ihm Confect und Marcipan aufträgt.
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Die Schalen sind Rubin/ so von der Liebsten Munde/
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Holdseeligst ausgehölt in schöner Ordnung stehn.
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So bald der Seiger nur schlägt die bestimmte Stunde/
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So wird der Wurm entzückt aufs Spiel der Freuden gehn.
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Der Liebe Schwefel-Holtz/ 10. den Kuß/ hat erst entdecket
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Ein Wurm/ wie uns der Mund der grauen Zeiten sagt.
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Denn als ein Bienenstich die Leßbia beflecket/
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Und sie umb Hülf und Rath die Weisen ausgefragt/
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Ward ihr der Männer Mund zur Artzney vorgeschrieben.
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Dann wann der Zungen Wurm im küssen so vermischt/
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Hat er die Seelen selbst auf diesen Platz getrieben/
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Wo auf dem Lust-Corall der Liebe Nectar jischt.
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Hier machet offt der Wurm ein Wetter der Begierden/
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Wenn er von Lieb entbrant die Zucker-Rosen bricht.
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Nachdem er sich ergetzt in des Gesichtes Zierden/
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So übt er seine Macht/ haucht/ züngelt/ beist und sticht/
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Daß die Empfindlichkeit durchdringend muß empfinden/
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Wie aller Regungen Urheber ist ein Wurm;
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Wie er den ersten Grund der Adern kan ergründen/
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Fährt tieffer als ein Thal und höher als ein Thurm.
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Deß Lebens in Begrif/ das Hertze bleibt nicht sicher/
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Da hält der Liebes-Wurm die schönste Rennebahn;
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Wenn er da einquatirt/ durchfrist er keine Bücher/
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Denckt wie er weiter nur sich immer wühlen kan.
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Die 11. Lunge hebt er auf/ daß nicht die Krafft gebreche/
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Wenn er die 12. Leber schon hat in den Brand gesteckt/
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Daß seinen Vorsatz nicht des Miltzes Unruh schwäche/
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Hat in die 13. Nieren sich er ausgedöhnt gestreckt.
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Wenn dann die Glieder in dem Leibe so zerrittet
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Das Eingeweide von dem Wühlen wird durchbohrt.
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Wird bey des 14. Nabels Schluß der Wurm erst ausgeschüttet/
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Da er sich wesendlich weist am benimmten Ort.
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Daß man den Liebes-Wurm so starck bey Menschen spürt;
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Wir wollen ihm dabey die Heimlichkeit entdecken/
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Daß auch der Liebes-Wurm das Frauenzimmer schürt.
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Mund/ Auge/ Naß und Ohr sind eben mit besämet;
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Doch wohnt er sonderlich auf ihrer Lilgen-Brust/
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Wenn offt das Mädgen sich zum aller höchsten schämet/
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So denckt es/ Wurm/ ach Wurm! mein schaffe mir doch Lust.
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Noch mehr; der 15. Bauch-Wurm ist bey ihnen gantz gemeine/
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Sein Kützeln achten sie oft für ihr höchstes Gut.
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Richt Schätze/ Perl’ und Geld/ des Morgenlandes Steine
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Ergetzen/ wie der Wurm/ das Zunder-reiche Blut.
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Sein Wesen wissen sie nach Kunst gar hoch zu heben;
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Ja daß kein Wetter nicht von aussen ihn bestreicht/
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So werden sie ihm Platz tieff in der Mitten geben/
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Und tragen ihn gar gern mehr schwer als gar zu leicht’/
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Es ist ihm nun entdeckt/ Herr
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Und beyder Hertzen sind im lieben angeflammt;
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Jtzt fragt sichs/ wie er sich recht angenehme mache/
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Wie er mit einem Wurm erfüll’ sein liebes-Ampt.
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Es giebet 16. rauche Würm’; und will er einen schencken?
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Es wachsen lange 17. Würm’ und ungeheuer groß.
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An 18. tausend-füssige will man itzt nicht gedencken.
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Er geb ihr einen Wurm den 19. Wunder-Wurm in Schos.
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Die Jungfern werden wol ob diesem Wort erstarren/
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Erwägen daß ein Wurm sey ein abscheulich Thier/
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Und schliessen: Halten uns die Männer denn vor Narren/
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Daß sie ein Abentheur deß Wurms uns tragen für.
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Alleine nur Gedult/ Herr Bräutigam/ unverzaget/
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So bald er seiner Braut eröffnet den Verstand/
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Gewiß; daß ihr der Wurm/ der Wunder-Wurm behaget/
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Ob sie zu ersten gleich sich von ihm weggewandt.
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Sie wird begieriger darnach ihn in sich schliessen;
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Denn was dem Jungfern-Volck beliebt/ das hebt es auf.
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Sie wird die Lebens-Zeit ihr so damit versüssen/
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Gedencken/ daß ein Jahr sey einer Stunde Lauf:
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Bevor/ wenn sie vermerckt/ daß nicht wie Scorpionen/
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Nicht wie Tarantula/ nicht wie ein Crocodil/
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Wie Schlangen/ die gehörnt/ in diesen Wäldern wohnen/
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Jhr Liebes-Wurm sich weist/ dem sie so trefflich will.
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Diß Ungeziefer hat Gifft/ Stachel zu verletzen/
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Ist wild und auch von Art dem Menschen hefftig feind/
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Hergegen dieser Wurm kan nichts als nur ergetzen/
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Ist sonder Gall und Gift ein auserwählter Freund.
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Ich weiß/ die Liebste wird ihn 20. Seiden-Wurm nur nennen/
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Wenn er mit Wollust sie zum öfftern überspinnt/
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Bedencken was es sey/ wenn in dem höchsten Brennen/
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Von ihrem lieben Wurm die Milch der Anmuth rinnt.
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Man saget ins gemein 21. Johannes-Würmlein schimmern;
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Ach der October-Wurm plitzt in das Hertz hinein!
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Sie schleust ihm auf/ er ist willkommen in den Zimmern/
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Und soll auff ewig nun ihr liebster Gold-Wurm seyn.
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Wen so die Liebe führt/ daß sie von dem Gehirne
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Biß auf den 22. Mittel-Punct glückseelig zeigt die Bahn/
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Derselbe trägt mit Recht den Krantz umb seine Stirne/
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Und Hymen zündet ihm die Hochzeit-Fackeln an.
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Wir haben hier geschertzt/ er mag noch besser schertzen/
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Hochwehrter Bräutigam/ mit seiner liebsten Braut:
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Ein Schertzen das da fleust aus treu-verbundnen Hertzen/
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Wird mit geneigtem Aug’ und Urtheil angeschaut.
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Er krümle so verliebt/ daß künfftig Würmle kommen/
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Daß auch die Nachwelt spricht/ sie seyn viel Goldes wehrt/
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So werden Wespen nicht umb seine Rosen summen/
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Und sein Gelücke wird von keinem Neid beschwehrt.