Bey Beerdigung eines jungen Söhnleins E. E. v. G. den 28. Novembr. 1680.

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Heinrich Mühlpfort: Bey Beerdigung eines jungen Söhnleins E. E. v. G. den 28. Novembr. 1680. (1686)

1
Auß/ werthster Freund/ sein Paradieß der Erden?
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So unverhofft ein Kirchhof seyn?
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Ist denn die Wieg’ ein Leichenstein?
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Und seh ich jetzt die Augen Muscheln werden/
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Wo die Natur die Perlen nicht gebiehrt/
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Indem sie nichts als runde Thränen führt?

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Ja freylich Ach! ein Gärtner steht bestürtzet/
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Wenn er die Hoffnung seiner Zeit/
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Der Blumen Schmuck und Lieblichkeit
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Siht durch den Sturm des Nordens abgekürtzet;
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Wenn er die Müh und seiner Arbeit Fleiß
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Schaut ausgetilgt durch Regen/ Schnee und Eiß.

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Und wird uns nicht der herbe Blick betrüben/
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Wenn vor des Lentzens güldne Zier/
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Da Hyacinthen sprossen für/
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Nichts weiter sind als blasse Rauten blieben?
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Der Lilgen Haupt/ der Rosen Scharlach bricht
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Die Nelcke stirbt/ wenn Wermuth sie umflicht.

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Nicht anders ists/ hochwerther Freund bestellet/
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Sein Weinstock/ da er zinßbahr blüht/
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Von dem er eine Traube sieht/
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Die seinem Aug und Hertzen wolgefället/
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Nun er die Blum erfreut in Armen trägt/
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In die sein Bild und Aehnlichkeit geprägt;

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So kömmt der Tod/ O grimmiges Geschicke!
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Und reisst des Hauses Pfeiler ein/
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Des wahren Adels edlen Stein/
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Der Ahnen Bild/ der Tugend Meister-Stücke/
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Der Cedern Baum wird ihm zur Aloe
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Die erste Blüth’ verwandelt sich in Schnee.

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Allein’ ich weiß: die Schmertzen können zwingen/
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Zeigt einen rechten Helden-Muth;
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So steht ein unerschrocknes Blut
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Getrost im Sturm/ läst Pfeil auf Pfeile dringen.
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Und weiß gewiß/ daß nach dem Donnerschlag
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Der Sonnen Licht gewährt den schönsten Tag.

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Der liebste Sohn ist zu dem Ursprung kommen/
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Sein Stamm-Hauß ist die Ewigkeit.
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Nur bloß der Seelen irdisch Kleid
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Hat in Beschluß der Erden Schos genommen.
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Ein Erdmann wird nicht eh ein Himmels-Mann
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Biß er die Last des Leibes weggethan.

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Denn kan der Tohn mit seinem Töpffer zancken?
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Die Hand/ so ihn zu erst gemacht
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Und ihm die Formen zugedacht/
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Weicht nicht von Recht und ihren Meister-Schrancken.
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Jtzt bildet sie/ bald schlägt sie wieder ein/
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Und weist uns klar/ daß wir nun Scherben seyn.

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Doch tragen wir in irdenen Gefässen
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Den Schatz der grossen Herrlichkeit;
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Das Kleinod der Vollkommenheit:
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Daß/ ob wir schon bey Mogols Renten sässen/
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Und Indien sein Gold uns liefert ein/
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Der Seelen nach gar weit Stein-reicher seyn.

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Ein rother Kloß von schlechtem Sand und Staube
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Stellt’ uns den ersten Erdmann für/
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Der Welt-Geschöpffe höchste Zier/
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Indem noch ist versigelt unser Glaube;
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Doch hat der Tod/ den An-Herrn’ dieser Welt
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So/ als wie uns/ gebrechliche gefällt.

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Wiewol ich weiß sein treffliches Gemüthe/
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Und kluger Geist fällt mir zwar bey
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Mein Freund/ er weiß daß ewig sey
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Des grossen GOttes Wunder-reiche Güte.
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Was aber heilt der Frau Groß-Mutter Leyd?
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Was stillet der Frau Mutter Traurigkeit?

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Das zarte Kind so sie offt angelachet/
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Der Mund so halbe Wort ausstieß/
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Mit Fingern nach den Eltern wieß/
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Und tausend Lust behäglich hat gemachet/
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Die Anmuth selbst/ das War der zarten Jahr/
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Zerschmeltzet nur auff einer Todten-Bahr.

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Hilff GOtt! was gab der Knabe nicht vor Minen?
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Der Ahnen Helm/ Spieß/ Schild und Schwerdt/
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Und was sonst ihren Ruhm bewehrt/
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Sah man in ihm als wie von neuem grünen.
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Ein Adler weist bald seines gleichen Art
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Ein junger Löw hat nie die Klau gespart.

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Diß/ klagt mein Freund samt hohen Anverwandten/
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Sey alles in den Sarg gethan.
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Nein/ Erdmann ist ein Rittersmann/
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Die Diener sind die himmlischen Trabanten.
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Der Ewigkeit Schnee-weisses Feld-Panier
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Ist jetzt sein Schmuck und auserleßne Zier.

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Sein Erdmann steht im höchsten Ritter-Orden/
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Er ist es bey dem heil’gen Grab/
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Er bricht der Tauben Oel-Zweig ab/
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Sein Band ist roth von JEsus Blute worden!
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Hochwerther Freund/ das stille seine Pein/
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Daß Christen schon als Kinder Ritter seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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