Verehrte Todten-Beine/ Fr. R. K. g. S. den 3. Novembr. 1680.

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Heinrich Mühlpfort: Verehrte Todten-Beine/ Fr. R. K. g. S. den 3. Novembr. 1680. (1686)

1
Betrübtster Freund/ der Schnee/ so ihn schon längst befal- len/
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Zerschmeltzt von heissem Leyd in eine größre Fluth.
3
Ich seh’ im Thränen-Meer/ die Augen wie Corallen/
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Und wie den Wellen gleich schlägt das bestürmte Blut.
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Diß ist der letzte Stoß so durch die Seele dringet/
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Diß scheiden greisst ins Hertz und kreischet die Gebein’;
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Wo meine Feder nun nicht sattsam Trost beybringet/
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So räum’ ich seinem Schmertz das Vor-Recht billich ein.
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Ich weiß wol was er klagt: Bey so verlebten Tagen/
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Da jeder Tritt und Schritt sich zu dem Grabe naht/
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Die liebste Pflegerin sehn auff der Baare tragen/
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Was erndtet man da ein/ als eine Thränen-Saat?
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Traurt doch der Erden-Kreiß wenn ihm die Sonn’ entsincket/
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Die Nacht so ohne Stern und Flammen ist betrübt;
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Man schau Auroren an die Thau als Thränen trincket/
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Biß Phöbus güldner Mund den ersten Kuß ihr gibt;
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Und solte nicht ein Mann/ die Sonne seines Hertzen
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Den Leit-Stern seiner Ruh betrübt sehn unter gehn?
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Muß er nicht einsam da in Myrrhen-bittern Schmertzen
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Und tieffer Finsternüß verschrenckt elende stehn?
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Wie seufftzt ein Krancker nicht/ wenn er den Artzt muß missen;
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Ach mehr als Artzt und Cur fällt jetzt/ mein Freund/ dahin.
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Der Grund in seinem Hauß ist gäntzlich eingerissen/
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Mein Ehren-voller Greiß/ wo soll er jetzt hinfliehn?
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Viel die durch Krieg und Brand das Unglück weggejaget/
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Nahm offt ein frembder Ort in sichre Wohnung ein:
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Er höre mit Gedult was jetzt mein Mund fürsaget/
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&q;Die beste Wohnung ist der Liebsten Leichen-Stein.
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Es scheint zwar ungereimt lebendig wollen sterben/
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Und daß/ wer trösten soll/ nur bloß zum Grabe führt;
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Allein ein Todten-Kopff kan Christen nicht entfärben/
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Diß ist der letzte Schmuck der alle Cörper ziert.
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Die Jugend/ weil sie blüht/ sucht ihre Zier im Spiegel/
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Die Knochen geben uns das Sicht-Glaß jener Lust/
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Und sind der Ewigkeit unwiederrufflich Sigel/
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Solt’ einem Alten nicht diß Kleinod seyn bewust?
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Und ob manch frecher Mensch die Todten-Kisten hasset/
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Und Leichen noch vielmehr als die Gespenster scheut,
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So hat wol unverhofft der Tod ihn schon umbfasset/
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Und in dem ersten Trotz des Lebens abgemeyht.
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Nein/ werth-geschätzter Freund/ bey Gräbern ist gut wohnen/
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Was sind sie? eine Burg des Friedens und der Ruh;
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Schatzkammern/ wo verwahrt der Hirten-Stab und Kronen/
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Schlaff-Bette/ die gantz gleich die Menschen decken zu.
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Und weil wir täglich sehn zerfallen unsre Hütten/
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Wie dieser spröde Thon in so viel Scherben bricht/
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Wie unsern Faden Zeit und Kranckheit abgeschnitten/
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Wie jeder Wind verlescht des Lebens tunckles Licht.
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Wie wir nichts ewiges in dieser Welt zu hoffen/
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Und unsre Pilgramschafft hat ein weit höher Ziel;
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So wär’ ein solches Hertz in Sünden gantz ersoffen/
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Daß da es eilen soll/ sich noch versäumen will.
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Er trete/ werther Greiß/ zu seiner Liebsten Beinen/
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Ich Schatten leite hier den andern zu der Nacht;
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Da steckt was herrlichers als in den Marmel-Steinen/
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Dieweil sie GOttes Geist lebendig wieder macht/
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Es muß auch dieses Grab mehr als ein Graben heissen/
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Es wird mit Erde nicht wie jenes nur gefüllt;
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Die Haut/ so jetzt verschrumpfft/ soll ausgekläret gleissen/
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Die dürren Rippen hat denn neues Fleisch umbhüllt.
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Der auffgeworffne Kloß der Erden stellt die Hügel/
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Die Freuden-Hügel vor/ in Salems schöner Stadt.
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Ich meyne daß ein Mensch mit freygelaßnem Zügel
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Zu rennen nach dem Ziel genugsam Ursach hat.
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Zu dem/ die erste Kirch erkiest in holen Grüfften/
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In alten Gräbern offt der Andacht Sicherheit.
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Ja Heyden/ wolten sie ein Mahl des Todes stifften/
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So ward die Hirnschal’ ein zum Trinck-Geschirr geweyht.
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Das erste rühm’ ich noch/ Gewissens-Zwang zu meiden
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Hat manche fromme Seel in Gräbern Ruh gesucht.
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Das letzt’ an Todten noch die Augen wollen weiden/
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Ist wider die Gesetz und von Natur verflucht.
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Alleine soll es bloß ein Angedencken heissen/
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Daß auch die Weisen meist in ihrem Sinn bethört;
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So gilt bey Christen nicht so ein schein-heilig Gleissen/
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Indem uns GOttes Wort gar ein weit bessers lehrt.
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Ein ander Odem wird in unser Beine dringen/
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Der uns aus Milch und Blut zusammen hat gefügt.
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Kan der nicht neue Krafft in dürre Beine bringen/
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Der Teuffel/ Höll und Welt hat im Triumph besiegt!
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So ist die Liebste nicht/ hochwerther Freund/ verlohrem
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Sie tritt als Heroldin zum ersten auff den Platz:
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Sie hat vor Welt und Tand den Himmel auserkohren/
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Mißgönnt er seiner Frau/ so außerwehlten Schatz?
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Ach nein! sie ist und bleibt in seiner Seel’ begraben/
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Jhr würdig Ehren-Lob frist Rost und Schimmel nicht;
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Jhr Namen theilt’ ihr mit des Höchsten gute Gaben/
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Jhr Lebens-Wandel war ein helles Tugend-Licht.
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Es muste fort für fort ihr Andachts-Ampel glimmen/
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Die feuriges Gebet unendlich angeflammt.
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Jhr Hertz in Reu und Leyd gleich Perlen-Muscheln schwimmen/
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Wenn sie die Eitelkeit der schnöden Welt verdammt.
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Gedenck ich denn der Lieb? ich ritze neue Wunden!
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Es klagt sein greises Haupt den ewigen Verlust;
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Die Wartung/ Treu und Cur/ so er von ihr empfunden
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Ist zwar gemeiner Stadt/ Hertz-innig ihm bewust.
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Ich weis’ ihn wie zuvor nur zu des Grabes-Höle
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Dem letzten Schlaf-Gemach/ das unsre Sorgen deckt/
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“dem hat er anvertraut die treu-geliebte Seele/
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Biß sie des Höchsten Stimm’ und jüngster Tag auffweckt.
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Sie ruht in GOttes Hand. Uns/ die wir hier noch schleichen/
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Gleich einem Winter-Tag und Schatten ähnlich seyn/
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Wird/ eh man es vermeynt/ des Todes Arm erreichen/
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Und wie die Seelige der Erden scharren ein.
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Jedoch ist unser Grab die Thüre zu dem Leben/
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Was fürchten wir uns denn darunter einzugehn?
107
Er wird/ betrübtster Freund/ dem Endschluß beyfall geben/
108
Daß/ wer hier seelig stirbt/ kan frölich auffersteh’n.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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