1
Betrübtster Freund/ der Schnee/ so ihn schon längst befal-
len/
2
Zerschmeltzt von heissem Leyd in eine größre Fluth.
3
Ich seh’ im Thränen-Meer/ die Augen wie Corallen/
4
Und wie den Wellen gleich schlägt das bestürmte Blut.
5
Diß ist der letzte Stoß so durch die Seele dringet/
6
Diß scheiden greisst ins Hertz und kreischet die Gebein’;
7
Wo meine Feder nun nicht sattsam Trost beybringet/
8
So räum’ ich seinem Schmertz das Vor-Recht billich ein.
9
Ich weiß wol was er klagt: Bey so verlebten Tagen/
10
Da jeder Tritt und Schritt sich zu dem Grabe naht/
11
Die liebste Pflegerin sehn auff der Baare tragen/
12
Was erndtet man da ein/ als eine Thränen-Saat?
13
Traurt doch der Erden-Kreiß wenn ihm die Sonn’ entsincket/
14
Die Nacht so ohne Stern und Flammen ist betrübt;
15
Man schau Auroren an die Thau als Thränen trincket/
16
Biß Phöbus güldner Mund den ersten Kuß ihr gibt;
17
Und solte nicht ein Mann/ die Sonne seines Hertzen
18
Den Leit-Stern seiner Ruh betrübt sehn unter gehn?
19
Muß er nicht einsam da in Myrrhen-bittern Schmertzen
20
Und tieffer Finsternüß verschrenckt elende stehn?
21
Wie seufftzt ein Krancker nicht/ wenn er den Artzt muß missen;
22
Ach mehr als Artzt und Cur fällt jetzt/ mein Freund/ dahin.
23
Der Grund in seinem Hauß ist gäntzlich eingerissen/
24
Mein Ehren-voller Greiß/ wo soll er jetzt hinfliehn?
25
Viel die durch Krieg und Brand das Unglück weggejaget/
26
Nahm offt ein frembder Ort in sichre Wohnung ein:
27
Er höre mit Gedult was jetzt mein Mund fürsaget/
28
&q;Die beste Wohnung ist der Liebsten Leichen-Stein.
29
Es scheint zwar ungereimt lebendig wollen sterben/
30
Und daß/ wer trösten soll/ nur bloß zum Grabe führt;
31
Allein ein Todten-Kopff kan Christen nicht entfärben/
32
Diß ist der letzte Schmuck der alle Cörper ziert.
33
Die Jugend/ weil sie blüht/ sucht ihre Zier im Spiegel/
34
Die Knochen geben uns das Sicht-Glaß jener Lust/
35
Und sind der Ewigkeit unwiederrufflich Sigel/
36
Solt’ einem Alten nicht diß Kleinod seyn bewust?
37
Und ob manch frecher Mensch die Todten-Kisten hasset/
38
Und Leichen noch vielmehr als die Gespenster scheut,
39
So hat wol unverhofft der Tod ihn schon umbfasset/
40
Und in dem ersten Trotz des Lebens abgemeyht.
41
Nein/ werth-geschätzter Freund/ bey Gräbern ist gut wohnen/
42
Was sind sie? eine Burg des Friedens und der Ruh;
43
Schatzkammern/ wo verwahrt der Hirten-Stab und Kronen/
44
Schlaff-Bette/ die gantz gleich die Menschen decken zu.
45
Und weil wir täglich sehn zerfallen unsre Hütten/
46
Wie dieser spröde Thon in so viel Scherben bricht/
47
Wie unsern Faden Zeit und Kranckheit abgeschnitten/
48
Wie jeder Wind verlescht des Lebens tunckles Licht.
49
Wie wir nichts ewiges in dieser Welt zu hoffen/
50
Und unsre Pilgramschafft hat ein weit höher Ziel;
51
So wär’ ein solches Hertz in Sünden gantz ersoffen/
52
Daß da es eilen soll/ sich noch versäumen will.
53
Er trete/ werther Greiß/ zu seiner Liebsten Beinen/
54
Ich Schatten leite hier den andern zu der Nacht;
55
Da steckt was herrlichers als in den Marmel-Steinen/
56
Dieweil sie GOttes Geist lebendig wieder macht/
57
Es muß auch dieses Grab mehr als ein Graben heissen/
58
Es wird mit Erde nicht wie jenes nur gefüllt;
59
Die Haut/ so jetzt verschrumpfft/ soll ausgekläret gleissen/
60
Die dürren Rippen hat denn neues Fleisch umbhüllt.
61
Der auffgeworffne Kloß der Erden stellt die Hügel/
62
Die Freuden-Hügel vor/ in Salems schöner Stadt.
63
Ich meyne daß ein Mensch mit freygelaßnem Zügel
64
Zu rennen nach dem Ziel genugsam Ursach hat.
65
Zu dem/ die erste Kirch erkiest in holen Grüfften/
66
In alten Gräbern offt der Andacht Sicherheit.
67
Ja Heyden/ wolten sie ein Mahl des Todes stifften/
68
So ward die Hirnschal’ ein zum Trinck-Geschirr geweyht.
69
Das erste rühm’ ich noch/ Gewissens-Zwang zu meiden
70
Hat manche fromme Seel in Gräbern Ruh gesucht.
71
Das letzt’ an Todten noch die Augen wollen weiden/
72
Ist wider die Gesetz und von Natur verflucht.
73
Alleine soll es bloß ein Angedencken heissen/
74
Daß auch die Weisen meist in ihrem Sinn bethört;
75
So gilt bey Christen nicht so ein schein-heilig Gleissen/
76
Indem uns GOttes Wort gar ein weit bessers lehrt.
77
Ein ander Odem wird in unser Beine dringen/
78
Der uns aus Milch und Blut zusammen hat gefügt.
79
Kan der nicht neue Krafft in dürre Beine bringen/
80
Der Teuffel/ Höll und Welt hat im Triumph besiegt!
81
So ist die Liebste nicht/ hochwerther Freund/ verlohrem
82
Sie tritt als Heroldin zum ersten auff den Platz:
83
Sie hat vor Welt und Tand den Himmel auserkohren/
84
Mißgönnt er seiner Frau/ so außerwehlten Schatz?
85
Ach nein! sie ist und bleibt in seiner Seel’ begraben/
86
Jhr würdig Ehren-Lob frist Rost und Schimmel nicht;
87
Jhr Namen theilt’ ihr mit des Höchsten gute Gaben/
88
Jhr Lebens-Wandel war ein helles Tugend-Licht.
89
Es muste fort für fort ihr Andachts-Ampel glimmen/
90
Die feuriges Gebet unendlich angeflammt.
91
Jhr Hertz in Reu und Leyd gleich Perlen-Muscheln schwimmen/
92
Wenn sie die Eitelkeit der schnöden Welt verdammt.
93
Gedenck ich denn der Lieb? ich ritze neue Wunden!
94
Es klagt sein greises Haupt den ewigen Verlust;
95
Die Wartung/ Treu und Cur/ so er von ihr empfunden
96
Ist zwar gemeiner Stadt/ Hertz-innig ihm bewust.
97
Ich weis’ ihn wie zuvor nur zu des Grabes-Höle
98
Dem letzten Schlaf-Gemach/ das unsre Sorgen deckt/
99
“dem hat er anvertraut die treu-geliebte Seele/
100
Biß sie des Höchsten Stimm’ und jüngster Tag auffweckt.
101
Sie ruht in GOttes Hand. Uns/ die wir hier noch schleichen/
102
Gleich einem Winter-Tag und Schatten ähnlich seyn/
103
Wird/ eh man es vermeynt/ des Todes Arm erreichen/
104
Und wie die Seelige der Erden scharren ein.
105
Jedoch ist unser Grab die Thüre zu dem Leben/
106
Was fürchten wir uns denn darunter einzugehn?
107
Er wird/ betrübtster Freund/ dem Endschluß beyfall geben/
108
Daß/ wer hier seelig stirbt/ kan frölich auffersteh’n.