Wechsel-Rede des Adels und der Nachwelt/ Bey Beerdigung Hn. H. v. P. den 30. Octobr. 1680.

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Heinrich Mühlpfort: Wechsel-Rede des Adels und der Nachwelt/ Bey Beerdigung Hn. H. v. P. den 30. Octobr. 1680. (1686)

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Ach Göttin die du siehst in Abgrund aller Zeiten/
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Die kein Lebendiger in seinen Arm gefaßt/
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Die zwar kein Mensch gesehn/ da du doch Augen hast/
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Und must der Menschen Thun mit deinem Mund ausbreitē!
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Die du den Urtheil-Spruch von unsern Thaten sag’st/
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Und frey die Tugend lobst und an die Laster klag’st.
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Die man sucht überall und nirgend doch kan finden/
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Dem der dir nachgesetzt/ pflegstu nur zu entfliehn/
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Du wirst bey Hochmuth nicht und Eitelkeit einziehn
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Den Sitz mehr auff ein Grab als Thron und Cronen gründen/
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Wo dir mein Aug’ als Blut/ mein Mund erscheint als Bley/
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So dencke daß mein Schmertz gewiß höchstklagbar sey.

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Betrübtste/ was ist das? welch grausam Ungewitter
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Blitzt über deinem Kopff/ zerbricht dir Helm und Schild/
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Zerreist die Sieges-Fahn/ und hat schon eingehüllt
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Ach Schmertz! ins Leichen-Tuch den hochgebornen Ritter?
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Der einem Atlas gleich das Land hat unterstützt.
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Gemeines Heil geliebt und deinen Ruhm beschützt.
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Nein Schwester dencke nicht das
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Als aus dem Cörper nur entwich der edle Geist/
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Und seinem Ursprung nach den Sternen zugereist/
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Hieß die Unsterblichkeit ein ewig Lob ihn erben.
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Ertheilte mir Befehl/ daß ich durch meinen Klang
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Verkündigte dein Ruhm bey Auf- und Untergang.

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Mein schönstes Kleinod ist aus meinem Ring gefallen/
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Er war in meiner Cron ein mehr als edler Stein/
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Wie offt hat mich erquickt der Tugend Sonnen-Schein/
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Ach daß doch Cedern auch gleich andern Bäumen fallen!
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So gibt der werthe Mund mir ferner keinen Rath
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Der Perlen ausgeschütt’t und Gold geregnet hat.
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Sein
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Schenckt keinen Phönix mehr zu Nutz und Trost der Welt.
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Die Wurtzel ist verletzt/ die Aeste sind gefällt/
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Was einmal schon entzwey kan Chiron nicht ergäntzen.
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Diß ist der Uberrest was ich zu Grabe führ’
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Und noch zuletzt die Asch’ aus Treu und Pflicht berühr.

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Es sey/ du lieferst ja nur bloß des Leibes Schalen/
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Der Seelen himmlisch Fener blitzt unter Sternen schon.
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Jetzt geb ich billich ihm den längst erworb’nen Lohn
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Und will den
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Reiß meinen Vorsatz nicht durch deine Thränen ein/
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Diß Opffer fühlt er nicht/ nur bloß der Leichenstein.
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Rom hat mit im Triumph der Ahnen Rey getragen/
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Wenn das begraute Wax die ersten Väter wieß;
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Sie auf das Rahthauß hieng/ an Seulen sehen ließ/
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Den Kindern gleichen Trieb der Tugend einzujagen.
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Weil doch der Adelstand durch Waffen und durch Kunst/
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Ersteigt der Ehre Schloß/ erlangt der Fürsten Gunst.

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Ein solcher Ritter war mein
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Sein Stamm-Register ligt mir immer im Gesicht;
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Den Nestor unser Zeit/ wer kennt den Vater nicht?
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Der seinem Vaterland zu grossem Ruhm geboren/
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Viel treue Dienste hat biß in sein Grab gethan/
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Den mit Verwundern sah’ der Perß und Indian.
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Dergleichen Helden Muth und Eyfer zu der Tugend
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Wuchs in des Sohnes Brust; wie aus Aurorens Schein
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Man sicher schliessen kan was für ein Tag wird seyn/
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So ließ er auch bald sehn den Morgen seiner Jugend.
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Sein ausgeklärter Sinn stieg auf Parnassus Höh/
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Und saugte Bienen gleich der Musen süssen Klee.

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Es prüffte seinen Fleiß der treuen Lehrer Stimme;
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Gleich wie ein hurtig Pferd so bald man es sticht an/
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Laufft schnell als Pfeil und Wind auf seiner Rennebahn.
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Sie sahen was in ihm für edler Zunder glimme.
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Und weil die Pallas wird geharnischt fürgestellt
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Hat er der Ritter-Schweiß dem Bücher-Fleiß gesellt.
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Denn gieng er in die Welt wie Adler in die Sonne/
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Es schien ihm dieses Rund wie Alexandern klein.
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Er wolte bald bey Ost und bald bey Norden seyn/
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Denn schwam er auf der Maaß/ beschiffte die Garonne
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Jhm war so wol der Po als auch der Belth bekandt/
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Nannt jeden frembden Ort sein ander Vaterland.

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Er hat den schwartzen Mohr/ den weisen Scyth gesehen/
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Der Könige Paläst und Höfe wol betracht:
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Zu Gnad und Hulden sich bey Fürsten angebracht:
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Und wolte gleich das Glück den Vorsatz offt verdrähen/
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So prüfft er in Gedult den Wechselgang der Zeit
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Der heute Wermuth reicht und morgen Zucker streut.
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Ulysses gab ihm Witz/ und Cäsar zeigt ihm Thaten/
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Camillus seine Treu und Scipio den Muth:
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Der Cato den Bestand besigelt durch sein Blut/
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Ein friedlicher August wie glimpflich sey zu rathen.
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Er kam wie Jason heim/ der Tugend güldnes Fließ
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War Wissenschafft und Witz so häuffig sich erwieß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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