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Ich liefre deinem Grab/ mein Freund/ zu letzt Citronen/
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Wer sucht bey tieffem Herbst der Tulipanen Zier?
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Du Gart- und Blumen Herr/ bist würdig da zu wohnen
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Wo aus den Gräbern auch ein Frühling sprost’ herfür.
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Selbst Flora geht bestürtzt in einem Trauer-Kleide
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Sie weiß noch was du hast für Nutzen ihr geschafft.
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Die Lust-Gefilde stehn als wie bereifft im Leyde
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Daß ihr Erhalter ist so zeitlich weggerafft.
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Was aber klaget doch das heil’ ge Volck der Musen?
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Merckt Phöbus sein Altar von alten Priestern bloß?
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Wie/ oder seh ich schon mit Früchten Hesperthusen
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Der drey gedritten Schaar anbiethen Kampff und Loß?
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Ach ja/ was sollen sie doch Sterbe-Lieder singen?
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Und Hippocrene sich mit Thränen schwellen an?
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Sie wollen dir vielmehr Triumph-Gesänge bringen/
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Daß unter deinen Fuß ist Noth und Tod gethan.
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Nur/ weil du sie geehrt und mit erhitzten Sinnen
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Den Künsten zugethan/ die Geister ausgeübt/
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So dencken gleichfals auch die keuschen Castalinnen
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Wie ihre Schuldigkeit ein würcklich Zeugnüß gibt.
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Denn daß du viel gesehn/ gelesen und ersahren/
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Viel hohe Schulen hast mit grossem Ruhm besucht/
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Die Blüthen angelegt von den begrünten Jahren
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Genoß gemeine Stadt nicht sonder Nutz und Frucht.
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Allein jetzt sinnen sie dein Grabmal aus zuziehren/
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Da drey Hesperides entgegen ihnen stehn;
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Und melden daß die Pflicht für sie nur will gebühren
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Daß Blumen vom Parnaß dein Lob doch nicht erhöhn.
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Ja diese schencken dir so schön’ als güldne Früchte/
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Wo sind die Nymfen her? wo ist ihr Vaterland?
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Göttinnen die ihr nie besuchet mein Gedichte
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Gebt zu/ daß euch mein Reim macht etwas mehr bekandt.
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Prangt Hesperthusa nicht mit Schalen von Pomrantzen?
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Ist mit Limonien nicht Arethusa reich?
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Die Aegle will hier bloß Citronen Bäume pflantzen/
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Du werther Podalir zu schmücken deine Leich’.
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Es sey Hesperien der Garten nun gepriesen/
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Da wo sich Lybien in so viel Krümmen senckt:
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Es sey das Mohrenland/ der Tingitaner Wiesen/
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Des Gartens Kostbarkeit zum Eigenthum geschenckt;
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Und Atlas mag allda den Himmel unterstützen/
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Damit dem Fabelwerck die Schmincke gar nicht fehlt:
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Ein ungeheurer Drach’ ob diesen Aepffeln sitzen/
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Der bey den Bäumen ligt und alle Früchte zehlt.
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Jedweder Zweigsey Gold/ der Stamm aus Gold entsprossen/
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Damit kein Hercules was von den Schätzen raubt.
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So sinds dem Heydenthum nur angenehme Pössen/
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Die unser kluge Welt verlachet und nicht glaubt.
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Denn was am Cedern-Holtz und an Citronen-Aesten
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Von Arten und Gestalt ist bißhieher nicht klar;
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Rathgeber der Natur/ du wustest diß am besten
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Dem ihrer Heimlichkeit Schatzkammer offenbar.
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Was hat nicht deine Hand gepflantzet und beschnitten?
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Welch Saamen und Gewächs ist nicht durch dich erbaut?
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Wie weit die Neuen von den Alten abgeschritten/
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Gab uns dein Garten offt zu sehn an jedem Kraut.
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Was will denn Aegle nun vorstellen an Citronen?
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Dich selbst Machaons Sohn/ der weisen Aertzte Zier.
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Nichts ist verächtlicher als die gemahlten Bohnen/
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Hier zieht der Werth der Frucht sie güldnen Aepffeln für.
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Wie schön ist die Gestalt? so ein gelehrt Gemüthe?
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Der Apffel länglicht rund? So ein erfahrner Mann?
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Er nutzet über all durch seiner Gaben Güte
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Und Kunst und Wissenschafft zeugt auch die Rundung an.
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Was wird das Auge mehr ergetzen als Citronen?
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Gekrönter Häupter Mahl sucht ihre Zier und Glantz.
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Wo Weisheit und Verstand in einer Seele wohnen/
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Da windet auch der Ruhm den schönsten Ehren-Krantz.
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Nun/ untersuchen wir/ den Ursprung wie sie heissen
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Der Artzney Apffel mag ein Lebens-Apffel seyn.
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Als Evens Vorwitz pflag den Apffel anzubeissen/
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So büste sie darob den Baum des Lebens ein.
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Biß daß ein ander Holtz das wieder uns geschencket.
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Ach seelig wer allhier ermuntert seinen Geist/
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Und für den Juden an die Lauberhütten dencket/
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So mit Citronen sonst ihr Wahn noch feyren heist.
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Was ist die Nutzbarkeit denn endlich von Citronen/
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Die uns Hesperien in klarem Golde zeigt?
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Umb diese soll ein Drach und die drey Schwestern wohnen;
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Wie solches der Chymi Geheimnüß nicht verschweigt.
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Der Apffel ist das Gold/ der Drach ein Bild der Sonnen
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Daß auch kein Argus nicht so scharff den Schatz bewacht/
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Es hab’ ein Rosen-Krantz die Deuteley entsponnen;
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Nein unser Heyland hat den Drachen tod gemacht.
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Es wünschte Chosroes entsetzter aus Genaden/
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Daß in dem Kercker ihm Citronen nur vergunt:
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Auch in der letzten Nacht wenn Tod und Teuffel schaden/
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Heilt dich/ O Seeliger/ dein Heyland jetzt gesund.
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Citronen dienen uns zu mehr als tausend Mitteln
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Safft/ Schalen/ Kern und Fleisch sind Artzney der nichts
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Viellägen längst verscharrt in ihren Sterbekitteln/
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Die Schale gibt Confect/ der Safft heilt Brust und Lunge/
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Wo laß ich den Geruch dem nichts zu setzen an?
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Geist/ Balsam/ Oel und Krafft und was nicht meine Zunge
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So leicht in einen Reim nach Würden binden kan?
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Dein Balsam/ liebster Freund den du von dir geblasen
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Ist dein erworbner Ruhm und reine Redlichkeit.
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Kan aber auch die Zeit nicht in Citronen rafen?
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Ist ihre Trefflichkeit vor Fäul und Wurmbefreyt?
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Nein/ sie verfaulen so wie unsre mürbe Glieder/
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Drumb sind Citronen auch noch Leichen zugedacht/
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Damit sie Gifft und Pest und Seuchen seyn zuwider/
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Und daß kein böser Dampff an unsern Hals sich macht.
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Was ist denn übrig nun? dein Ruhm riecht wie Citronen
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Biß du den Lebens-Baum/
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Die Flora will indeß dein Grabmahl stets bewohnen/
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Und die Hesperides Citronen darauff bau’n