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Den Wohlstand bester Ruh/ das Heil erwünschter Zei-
ten/
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Stellt’ uns das kluge Rom bloß durch die Hoffnung
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Es ließ auff seine Müntz ein folches Bild bereiten
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Wie einer Jungfer Hand prangt’ in der Lilgen Zier.
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So war die Lilie ein Abriß guter Gaben/
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So trug die keusche Blum ein keusches Jungfern Bild/
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Und muste bey sich selbst die grosse Deutung haben/
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Daß ihre Blume sey gemeiner Wohlfahrt Schild.
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Denn wo uns die Natur Ergründer nicht betriegen/
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So wächst die Lilie in ihren Thränen auff;
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Sie wird damit gesäet/ muß sich darmit vergnügen/
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Biß ihren weissen Kelch bestrahlt der Sonnen Lauff.
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Nicht anders geht es zu auch mit der Hoffnungs-Blume
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Die in dem matten Hertz der Seuffzer-Thau ernährt/
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Eh als sie wurtzeln kan und kommt zu vollem Ruhme/
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Hat sie manch heisser Tag und kalte Nacht beschwehrt.
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Doch Rom mag Lilien in seiner Hoffnung führen/
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Sein Hoffen das bestand in Pracht und Eitelkeit/
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Und muste nach und nach sich Blumen gleich verliehren/
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Die in der Sonnen-Gluth des Mäders Faust abmeyt.
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Nein/ unsre Seelige trug auch zwar Hoffnungs-Lilgen/
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Da jeder Garten itzt mit solchen Kindern prangt:
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Hingegen kunte sie noch Frost noch Gluth vertilgen/
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Biß sie den höchsten Grad der Fruchtbarkeit erlangt.
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Denn ihre Lilie war CHristus in dem Hertzen/
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Als sie die Bangigkeit des Todes überfiel.
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Sein angenehm Geruch vertrieb ihr Angst und Schmertzen/
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Der Glaube war die Frucht/ Beständigkeit ihr Stiel.
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In diesen Lilien da wolte sie sich weiden/
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Obgleich des Lebens Krafft ihr allgemach entgieng/
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Obschon der Abend kam/ der Tag sich wolte scheiden
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Und Leib und Seele bloß an einem Faden hing.
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Sie hoffte doch auff GOtt und rüff: HErr willstu tödten?
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So weich ich dennoch nicht und harre doch auff dich.
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Mein Beystand in der Angst: Mein Helffer aus den Nöthen
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Der mich von Anbegin geliebt/ dem laß ich mich.
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So steht ein harter Felß in ungeheuren Wellen/
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Wenn ihn ein schwartzer Sturm von oben ab verhüllt/
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Von unten auff ihn zu die tollen Fluthen bellen/
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Und umb ihn Aeolus mit seinen Winden brüllt.
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Er stehet unbewegt und hält die Donnerschläge/
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Und den dreyfachen Blitz gantz unerschrocken aus;
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Durch gleiche Glaubens-Bahn/ durch gleiche Hoffnungs-Wege
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Bestand die Seelige den letzten Todes-Strauß.
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Sie war ein solches Schiff/ das nicht der Sünden Rasen
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Der Welt ihr Ungestüm/ des Flersches Brut und Wut/
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Des Teufels Räuberey und schrecklich Lermen-blasen/
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Hat Segel loßgemacht/ versehrt an Haab und Gut.
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Der Hoffnungs Ancker war zu tieff auff GOtt gegründet/
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Die Nadel stand gericht stets nach der Sternen Höh’/
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Versichert daß der eh den rechten Hafen findet/
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Als wer zum Führer hat das Zweygestirn der See.
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Ein Fisch/ den Anthias sonst die Gelehrten nennen/
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Zeigt uns die Gütigkeit von dem versöhnten Meer/
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Es wird kein Ungeheur sein Wohnhaus überrennen/
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Es schwimmen/ wo er sitzt/ Delphinen umb ihn her:
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So wolt Aegypten-Land die Hoffnung sich vorstellen.
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Wie tieff gegründeter mahlt sie ein Christ ihm für?
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Der hier noch auff der Welt und in des Creutzes Wellen
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Bey GOtt sucht seine Ruh und sicheres Quartier.
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Wer auf den Felfen baut kan jedem Feind bestehen/
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Wer zu dem hohen Schloß nur seine Zuflucht nimmt/
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Der kan mit stoltzem Fuß auf Löw und Drachen gehen/
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Und weiß daß auch der Tod kein eintzig Haar ihm krümmt.
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Auf diesen Grund hat nun von Jugend auf gebauet
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Die in der Einsamkeit auff GOtt allein getrauet/
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Und in demselben hat des Jammers End erharrt/
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Wie rechte Wittwen thun. Bey ihm war bloß ihr Hoffen/
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Sie schüttete ihr Hertz vor seinem Antlitz aus/
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Und wuste Glaubens-voll/ daß ihr inbrünstig Ruffen
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Gleich einem schnellen Feur dringt in des HErren Haus.
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Es war ihr eintzig Wunsch/ dem Höchsten zu gefallen/
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Die Hoffnungs-Lilie hat bey ihr stets geblüht/
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Und ob ihr Wittwen-Stand gleich Aesten von Corallen
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Die man nur in der See der Thränen Leben sieht/
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So blieb sie dem getreu/ der von der Mutter-Brüsten
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Biß an den letzten Hauch ihr Führer würde seyn/
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Der sie im Todes-Kampff mit Glauben würd’ausrüsten/
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Und nach vollbrachtem Streit sie prangend holen ein.
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Erblaste Seelige/ wie seelig ist dein Hoffen
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Daß auch der grimme Tod zu schanden nicht gemacht.
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Dein Auge/ das er schleust/ sieht itzt den Himmel offen/
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Kommt in ein klares Licht aus einer langen Nacht.
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Dir ist sehr wohlgeschehn/ wer sechzig überschritten/
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Sieht ja an jedem Glied fast täglich seine Bahr/
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Und wer betracht/ was du vor Kranckheit hier erlitten/
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Spricht/ daß der Sterbe-Tag ein Tag der Freyheit war.
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Doch aber allzufrüh entfällst du deinen Kindern!
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Und auch der Enckel Mund erschallt ein trübes Ach!
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Es weiß des Brudern Hertz sein Trauren nicht zu mindern/
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Dieweil er folgen muß die ihm sonst folgte nach.
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Und mehr beklagen dich die hinterlaßnen Armen!
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Die Freunde rühmen noch die Treu und Redlichkeit/
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Und seuffzen daß der Tod Mitleiden und Erbarmen
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Wenn er sein Recht vollzieht/ deckt mit dem Grabescheit.
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Ruh wol/ dein Hoffnungs-Bild die Lilie wird blühen/
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Wenn unsre Lilien verwelcken in dem Sand/
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Dein Grabmahl ein Saphir der Hoffnung überziehen/
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Den Moses allbereit in seinen Taffeln fand.
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Es mag der Heyden Wahn ihr Glück auf Müntzen prägen/
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Die Hoffnung schreibet dich ins Buch des Lebens ein.
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Der Zustand guter Zeit/ das Bild von Gottes Seegen/
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Wird künfftig noch zu sehn in deinen Kindern seyn.