Als Fr. D. A. g. L. den 16. Junii 1680. in Lie- gnitz beerdiget wurde

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Heinrich Mühlpfort: Als Fr. D. A. g. L. den 16. Junii 1680. in Lie- gnitz beerdiget wurde (1686)

1
Aegypten mahlt uns für durch einen grossen Drachen/
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Der in die tieffe Klufft sich einer Höle dringt/
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Und den geschuppten Leib in grüne Zirkel schlingt/
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Biß er sich selbst verzehrt durch seinen eignen Rachen/
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Daß eben so die Zeit in ihrem Abgrund sey/
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Und was sie heute baut offt morgen bricht entzwey.
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Es mahlt der Dichter Witz ihr Blitz-geschwinde Flügel/
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Und waffnet ihre Hand mit einem leichten Pfeil.
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Der Adler schwingt sich nicht in so geschwinder Eil
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(der doch der Lüffte Printz) hoch über Berg und Hügel.
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Kein Schiff das guter Wind mit vollen Segeln führt/
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Hat bey dem Zwey-Gestirn so schnell den Port berührt.
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Was mehr/ so hat die Zeit geschwinde Tiger Füsse
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Jhr Sprung ereilet auch die mächtigste Gewalt;
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So ändert sie noch mehr als Proteus die Gestalt/
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Und gegen ihrer Flucht sind langsam Strohm und Flüsse.
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Ein Rad scheint träg und faul das doch unendlich geht/
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Für ihrer Fertigkeit entschläffet der Magnet.
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Ist nun die Zeit so schnell und so ein fressend Feuer/
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Greifft ihre Grausamkeit auch Ertz und Marmel an?
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Zermalmt manch Königreich ihr unersättlich Zahn?
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Und sind durch sie gestürtzt die schönsten Ungeheuer?
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Ist das Mausol nur Asch und der Colossus Staub
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Dianens Tempel selbst der Eitelkeiten Raub.
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Wie kan der arme Mensch erbaut aus schlechter Erden/
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Ein Tohn den jeder Stoß in tausend Stücke bricht/
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Ein Leim aus einem Kloß von Anfang zugericht/
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Von der Bewältigung der Zeit befreyet werden?
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Er ist ja weiter nichts als nur ein Spiel der Zeit/
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Und Grab und Wiege sind von schlechtem Unterscheid.
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Doch weil der höchste GOtt den Scepter ihm gegeben/
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Und die gevierdte Welt ihm unterthan gemacht/
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So ist er billich auch auf Schuldigkeit bedacht
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Wie er mög in der Zeit wohl und vernünfftig leben.
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Viel brauchen sie zur Lust/ viel brauchen sie zur Quaal.
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Den meisten die nichts thun entschlippt sie wie ein Aal.
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Noch mehr verirren sich in gantz verkehrten Wegen/
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Und kreutzen wie ein Schiff auf der Gedancken Meer/
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Von der Begierden Sturm getrieben hin und her/
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Und wollen Ancker an bey Scyll und Syrten legen.
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Erkiesen vor das Haupt der Hoffnung/ die Malee/
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Sind Frembdling in sich selbst und Bürger auf der See.
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Wie wenig wissen doch die kurtze Zeit zu brauchen?
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Die doch zu Tugenden ein ausgebreites Feld/
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Und wenn ihr Stunden-Glaß nun keinen Sand mehr hält/
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So klagen sie zu spät daß Jahr und Tag verrauchen.
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Wer hente nicht wohl lebt fängt selten morgen an/
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Der Laster Weg ist weich und rauh der Tugend Bahn.
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In ein weit ander Ziel/ in gar weit andre Schrancken
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Schloß die Vergänglichkeit des kurtzen Lebens ein
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Die
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Die treuste Weckerin zu himmlischen Gedancken.
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Sie kunt ihr niemals nicht so schnell und bald entfliehn/
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Daß sie nicht ihr Gemüth pflag Sternen-werts zu ziehn.
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Sie theilte stets mit GOtt Minuten/ Tag und Stunden/
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Ein andre Monica/ wenn es zum Beten kam/
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Und ihr entbrandter Geist in voller Andacht glam/
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Und in des
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Was übrig von dem Tag/ blieb Tugenden geweyht/
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Und so genoß sie recht der Flügel-schnellen Zeit.
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Und wo es auch ein Ruhm begraute Zeiten nennen/
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So hat ihr Cedern-Stamm unsterblich sie gemacht/
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Der Ahnen ewig Ruhm so in den Büchern wacht/
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Und gleich dem Pharus wird auch bey der Nachwelt brennen/
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Stellt uns die
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Und der Verdienste Preiß vergrössert ihre Zier.
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Aus diesen Quellen war ihr edles Blut entsprungen/
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Jhr Stamm-Baum zeiget uns so manchen Nestor an/
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Der vor das Vaterland hat seine Pflicht gethan/
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Der mit Verstand und Witz wie Cato durchgedrungen.
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Und solt aus solcher Art ein ander Zweig entstehn?
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Gold-Adern lassen nie die erste Wurtzel gehn.
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Wiewol sie ihren Stand hielt bloß für Tand der Zeiten/
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Und für ein Schatten-Werck/ das nicht beständig bleibt/
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Wo nicht ein höher Zug die Krafft der Seele treibt/
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Daß ihre Flügel sie kan Adlern gleich ausbreiten.
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Wo nicht Verstand und Witz die Sinnen außgerüst/
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Und ein ermuntert Geist der beste Führer ist.
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Die Schaar der Tugenden/ die Menge seltner Gaben
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Und Witz der nicht gemein/ und Klugheit sonder List/
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Und Liebe die niemals des Nechsten je vergißt/
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Und Treu die mehr ins Hertz/ als in den Mund gegraben/
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So ost sie in der Welt noch wolten kehren ein/
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So must das Haupt-Quartir bey unser
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Und diese Trefflichkeit bewog auch sein Gemüthe/
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Hoch Edler/ daß er sich umb ihre Gunst bemüht/
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Daß sein getreues Hertz in Liebes-Flammen glüth/
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Und sie vereiniget des Höchsten Wunder-Güte.
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Wie seelig war ihr Stand/ ein ander Paradieß/
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Darinn die Einigkeit die Freuden-Westen blies/
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Ach aber/ daß doch nichts beständig auf der Erden/
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Daß eine Livia so zeitlich muß vergehn;
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Daß Witz/ und Tugend nicht kan für dem Tode stehn/
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Und ein Aspasia so bald muß Asche werden!
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Daß nichts nicht hemmen kan das schnelle Rad der Zeit/
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Und Libitinens Stahl die schönsten Blumen mäyt.
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Zwar die
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Der Menschen ihr erbaut/ durch Wohlthat/ Lieb und Gunst.
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Nicht was der Myron schnitzt/ und des Apelles Kunst/
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Und was der Mentor kan in Ertz und Marmel hölen/
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Verewigt so den Ruhm/ als was man Guts gethan/
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Das schreibt man nicht der Wand/ man schreibt es Hertzen an.
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Hoch Edler/ ihm allein fällt dieser Fall zu bitter/
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Der allertreuste Freund und Lebens-Trost ist hin.
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Wie wol sein edler Muth und unerschrockner Sinn
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Der schon gehärtet ist durch so manch Ungewitter/
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Wird diesen Hertzens-Stoß vertragen mit Gedult.
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&q;Wer willig sich ergiebt/ dem ist der Himmel hold.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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