Auf das Absterben eines zarten Söhnleins C. A. den 16. Novembr. 1679.

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Heinrich Mühlpfort: Auf das Absterben eines zarten Söhnleins C. A. den 16. Novembr. 1679. (1686)

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Du zartes Kind/ du Anmuths-voller Knabe/
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Der Eltern Trost und Hoffnung ihrer Zeit/
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Wie eilst du doch so bald zu deinem Grabe:
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Zerschleust so früh der Leib/ der Seele Kleid?
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Wer treibt dich an? den du bißher getragen
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Jm Hertzen hast/ der Welt und Himmel trägt/
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Dein C Hristus wil dir Christoph dieses sagen:
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Fleuch/ fleuch/ mein Freund wie ein Rehböcklein pflegt.

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Reiß’ als ein Hirsch durch auffgestellte Netze/
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Eh Satan dich der Jäger noch beharrt.
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Eh dich die Welt mit ihren Winden hetze/
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Und sich dein Aug an Eitelkeit vernarrt.
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Verschleuß dein Ohr so bald die Hifft geblasen/
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Sie setzt dir für zu hindern Spur und Gang.
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Nicht trau zu viel dem schön’ und grünen Rasen/
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Eh du es meynst/ so hast dn einen Fang.

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Du folgst der Stimm und hast den Fuß entzogen
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Dem Sünden Garn/ die Stricke sind entzwey.
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Dich hat die Welt/ die Circe nie betrogen/
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Noch eingeschläfft durch ihre Zauberey.
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Du als ein Kind bist klugfür uns zu nennen/
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Das zeitlich hat erkant des Lebens Traum:
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Indem wir uns bemühen/ lauffen/ rennen
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Umb lauter Nichts und umb drey Ellen Raum.

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Wir kriechen stets wie Kinder auff der Erden/
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Wenn schwingt sich wol die Seele Himmel an?
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Wie ein Kind zürnt/ wenn es beraubt muß werden
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Vom Puppen-Werck/ und weinet was es kan.
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So auch wenn uns entnommen was ergetzet/
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Und zeitlich Gut/ der Ameiß Hauff’ entgeht.
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Da fühlen wir so tödtlich uns verletzet/
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Daß Blut umb Hertz/ im Auge Wasser steht.

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Wo aber hin heist dich dein Heyland fliehen/
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Du kleiner Christ doch grosser Glaubens-Held?
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Sollstu gleich weg/ so nah Weynachten/ ziehen/
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Da er sich sonst ein zu bescheren stellt.
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So kriegstu hier kein herrlich Christ-Geschencke/
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Man trägt dir nicht die Gab in Bürden zu?
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Ach nein! man setzt dir itzt die Leichen-Bäncke
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Und legt den Rest der Glieder zu der Ruh.

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So gehet nun dein sehnliches Verlangen/
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Nach den Gewürtz- und Freuden-Bergen hin.
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Es mag dein Mund kein’ Artzney mehr empfangen/
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Du nennst die Flucht den schätzbarsten Gewinn.
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Gleichwie ein Hirsch/ der sicher auff den Höhen
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Zurücke siht/ wie man ihm nachgestellt.
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So schau doch auch zurücke wie wir stehen
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Wie Sünd und Tod uns noch gefangen hält.

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Du weidest nun in unverwelckten Rosen/
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Dein Freund ist dein und du bist ewig sein.
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Dein Angesicht ist schöner als Zeitlosen/
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Als der Narciss’ und Käiser-Kronen Schein.
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Wie stärckt dich nicht der Thau der Weyrauch-Hügel?
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Trotz diesem der dich von der Ruh erweckt.
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Denn auff sein Hertz hat als ein theures Sigel
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Aus Lieb und Huld dein JEsus dich gesteckt.

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Wie rufft jemand? kehr umb als wie ein Rehe/
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Als wie ein Hirsch von Scheide-Bergen kömmt.
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Diß ruffen fällt nicht von der lichten Höhe/
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Die Stimm ist gantz mit Ach und Weh verstimmt.
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Des Vatern Schmertz/ der Mutter Seelen Wunden/
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Die Thränen-Fluth/ so das Geschwister geust/
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Vergrössern sich/ sie seuffzen alle Stunden
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Zu früh/ ach Sohn! ach Bruder! weggereist.

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Als wie ein Reh’ im güldnen Lentzen springet/
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So warst du auch voll Leben/ Geist und Muth.
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Und wie ein Lamm dem Hirten Freude bringet/
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So warst du auch der Eltern Schatz und Gut.
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An Reinigkeit wie eine Turtel-Taube/
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Die Einfalt nur mit ihrer Unschuld ziert/
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Von solchem Stamm ein angenehme Traube
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Der blosen Schmack der Tugend in sich führt.

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So muß die Bluhm’ offt in der Knospe sterben/
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Eh sie noch gantz den Purpur ausgebreit.
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Es fängt sich kaum die Nelck an recht zu färben/
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So faltet sich und bricht ihr Atlas-Kleid.
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Euch ist die Flucht/ O Eltern/ all zu bitter/
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Die schlechter Trost nicht überzuckern mag.
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Der Kinder Tod bleibt nur ein Ungewitter/
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Das nach sich zeucht den schwersten Donnerschlag.

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Doch soll der Schmertz den Sieg nicht gar behalten/
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Der Sohn ist ja bey seinem besten Freund.
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Die Gunst der Welt muß kalten und veralten/
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Der ist getreu/ der ihn mit sich vereint.
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Er ist nicht todt/ wie ihr wol meynt und dencket/
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Er schläffet nur/ umb frölich auffzustehn.
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Da wird er euch/ in Thränen itzt versencket/
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Von Hügeln dort mit Lust entgegen gehn.

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Drumb last ihn fliehn/ und rufft ihm nicht zurücke/
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Er zieht euch nach/ ihr kommet noch zu ihm/
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Schenckt seinem Sarg die letzten Liebes-Blicke/
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Bekrönt das Grab mit Kräutern und Geblühm’.
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Der liebe Sohn ist früh der Welt entgangen/
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Und schmecket nicht des Lebens Bitterkeit/
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Da uns noch hier/ bey Hoffen und Verlangen/
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Manch Winter-Tag mit Frost und Flocken dräut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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