Die flüchtige Zeit/ Betrachtet bey Beerdigung Hn. G. G. den 17. Septembr. 1679.

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Heinrich Mühlpfort: Die flüchtige Zeit/ Betrachtet bey Beerdigung Hn. G. G. den 17. Septembr. 1679. (1686)

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Die Zeit will durch Minuten sterben/
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Sie fleucht und folgt ihr selber nach.
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Wie eine Fackel zu verderben
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Muß durch ihr Scheinen allgemach:
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So laufft der Zirkel aller Zeiten/
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Der gar nicht zu verändern ist.
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Die Alten wolten diß ausdeuten/
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Wenn der Saturn die Kinder frisst.

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Jhr Schlund verzehret Tag und Stunden/
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Sie wächst und stirbet in der Flucht.
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Der Tag hat kaum den Monat funden/
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Der Monat ein Jahr aufgesucht/
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Es schleust sich kaum der Ring vom Jahre/
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So fängt sich schon ein neues an/
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Diß stürtzt ein anders auff die Bahre/
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Und wird auch wieder abgethan.

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Jahr/ Monat/ Tag und Stunden fliehen/
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Was weg/ bleibt ewig weggeschwemmt.
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Kein Rad kan was zurücke ziehen/
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Mit Ketten wird hier nichts gehemmt/
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Der Adler mag sich nicht so schwingen
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Mit Pfeil-geschwinder Hurtigkeit/
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Als unsre Tage sich verdringen/
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Und sich verlaufft der Kreiß der Zeit.

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Egypten indenck es zu machen/
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Mahlt einen tieff- und finstren Grund/
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Der stets bewahrt von einem Drachen/
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Und der mit aufgesperrtem Schlund/
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Den eignen Schwantz ihm abgefressen/
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Und unersättlich dran genagt.
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Wer wolte nicht hieraus ermessen/
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Es sey uns von der Zeit gesagt?

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So ists demnach so hoch zu schätzen?
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Wenn sich die Lebens-Frist verlängt/
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Wer was den Jahren bey kan setzen/
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Daß der so grosses Gut empfängt?
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Was hilfft’s mit flüchtigem Gewebe
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Das kurtze Garn zu unterziehn?
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Und daß man wol beschneyet lebe/
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Sich mit viel Seuffzern zu bemühn?

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Ein Kind das in der Wieg’ erbleichet/
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Und der gebückt von hinnen fährt/
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Die haben gleiches Ziel erreichet/
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Und eine Zeit hat sie verzehrt.
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Die Wenigkeit der kurtzen Tage/
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Die hohen Staffeln vieler Jahr
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Erwogen auff gerechter Wage/
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Sind unterschieden nicht ein Haar.

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Der Mensch bleibt nur der Zeiten Beuthe/
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Auch Elemente tauren nicht.
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Wer wolte nun nicht lieber heute/
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Gesegnen dieser Sonnen Licht/
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Als daß bey Martern und bey Quälen/
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Und aller Schmertzen Uberfluß/
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Er mög ein tieffes Alter zehlen/
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Besaamt mit Ekel und Verdruß.

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Flieht nun die Zeit/ verschwind’t die Stunde/
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Raubt alles die Vergessenheit/
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Gehn Erd und Himmel selbst zu Grunde/
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Was soll der Mensch/ ein Spiel der Zeit
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Sich in der Welt so sehr vergaffen/
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Und dieser Meynung fallen bey/
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Wie daß er bloß allein erschaffen
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Umb hier nur wol zu leben sey.

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Nein/ aus des Monden Vorbild lernet
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Jhr Sterblichen den wahren Zweck.
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Je mehr der Sonnen er entfernet/
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Und von den Strahlen kommet weg/
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So wird er zwar dem Kreiß der Erden/
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Gewähren seinen hellen Schein/
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Doch Himmel-werts mehr dunckel werden/
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Weil er muß ohne Sonne seyn.

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So gehts/ je mehr wir uns entziehen/
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Der Sonne der Gerechtigkeit
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Und dencken vor der Welt zu blühen/
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Daß unser Ruhm sich weit und breit/
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Vergrössern mag mit neuen Strahlen/
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So scheint es prächtig schön und groß;
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Kömmt’s die Schuld der Natur zu zahlen/
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So stehn wir nackend/ arm und bloß.

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Wir sind verfinstert am Verstande/
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Und kennen nicht das höchste Licht.
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Wir irren weit vom Vaterlande.
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Gesetzt/ der äusre Mensch zerbricht/
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So wird er innerlich verneuret/
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Zu unermeßner Herrlichkeit.
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Wol dem der GOtt die Seele steuret/
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Durch seine gantze Lebens-Zeit!

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Herr Göbel der zwar nicht die Stuffen
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Begrauter Jahre hat berührt/
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Doch nach des Höchsten Wort und Ruffen/
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Stets seinen Wandel so geführt/
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Daß er dem Himmel gantz ergeben/
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Verlacht der Erden Eitelkeit/
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Schloß/ daß ein recht gottseelig Leben
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Auch nach dem Tod erfüllt mit Freud’.

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Er ruht nun frey von allen Schmertzen/
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Es ficht ihn mehr kein Trübsal an.
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Der GOtt gedient mit treuem Hertzen/
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Der seinem Willen zugethan.
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Dem bleibt die Flucht der schnellen Zeiten
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Ein stet und ewiger Gewinn/
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Weil in die Schos der Ewigkeiten/
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Er als ein Erbe fährt dahin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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