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Du letzte Nachbarin von diesen Tugend-Frauen/
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So meine Kindheit noch als Mutter hat gekennt/
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Soll diese schwache Hand dir auch ein Denckmal bauen
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Das nicht der Neid verhönt/ und keine Zeit zertrennt?
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Ach ja! indem die Welt umb ihre Gräntzen streitet/
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Und durch der Waffen Recht sie zu erweitern denckt/
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Hat dich der blasse Tod so in ein Haus geleitet/
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Das Raum die Fülle hat und keine Gräntz umbschrenckt.
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Du tauscht dein grünes Hauß mit einer schwartzen Kammer/
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Das kommt zwar der Vernunfft arg und erschrecklich für:
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Alleine/ wer erwägt/ wie aller Schmertz und Jammer
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Durch dieses Wechsels Schluß entschläfft zugleich mit dir/
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Der heist es wolgethan/ und wird die Welt beklagen/
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Daß sie/ die Thörichte/ von keinen Gräntzen weiß/
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Und läst sich bald den Geitz durch wilde Wellen jagen/
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Bald Hochmuth führen an auff ein gefährlich Eiß;
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Daß sie mehr haben will/ als sie vor kan besitzen/
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Daß den Begierden auch die Erde viel zu klein.
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Daß sie nur Schätze sucht/ die nicht der Seele nützen/
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Und bey der letzten Farth elende Tröster seyn.
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Daß sie wie Tantalus nach falschen Aepffeln schnappet/
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Daß sie mit einem Sieb ausschöpffen will die Fluth/
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Gleich Fechtern/ die geblendt/ nur in den finstern tappet/
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Und bey dem höchsten Witz recht toll und alber thut.
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Da doch der grosse Gött hat allen Dingen Gräntzen
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So wol dem weiten Meer/ als auch der Erd er dacht/
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Und uns/ die wir vielmehr nach seinem Bilde gläntzen/
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Schon ein vollkommen Maß und richtig Ziel gemacht.
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Diß kan der arme Mensch nicht haarbreit überschreiten/
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Und wenn der blasse Tod schon seine Richtsch nur zeucht/
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So zwingt er den zu gehn/ der kühn wil wieder streiten/
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Und der muß erstlich dran/ der furchtsam ist und fleucht.
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Hingegen wenn der Tod besuchet unsre Gräntzen/
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Und man als einen Gast ihn heist willkommen seyn/
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Als Abgesandten ehrt/ der/ unter Sieges-Kräntzen/
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Uns in die lichte Burg des Himmels führet ein/
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So sind wir ja gewiß/ daß wir auß frembder Erden/
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Auß strenger Dienstbarkeit in güldne Freyheit ziehn:
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Daß uns für Babylon Jerusalem muß werden/
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Und/ die wir hier verwelckt/ dort wieder sollen blühn.
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Die Hoffnung stärckte dich/ O seelige Matrone/
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Als der verlangte Tod in deine Gräntzen trat:
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Da als dein Eh-Herr starb des Hauptes Schmuck und Krone/
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Da hemmte sich bereit das müde Lebens-Rad.
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Und wie oft bist du nicht in Enckeln schon gestorben/
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Wenn sie den Blumen gleich verblüth in erster Pracht?
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Wenn diese Lilien ein kalter Nord verdorben/
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Die Rosen vom Geschlecht die Hitze welck gemacht.
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Es hat auch nicht ein Jahr den Cirkel gantz vollzogen/
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Da fast in nichts als Blut dein mattes Hertze schwam/
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Als der ergrimmte Tod mit seinem Pfeil und Bogen
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Die liebste Tochter dir auch aus den Augen nahm.
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Da hat ihr Sterbe-Kleid zugleich dich eingehüllet
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Und ferner alle Lust zu leben dir verkürtzt.
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Ja deine Thränen hat die Zeit nicht mehr gestillet/
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Des Lebens übrig Rest war nur mit Weh durchwürtzt.
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Nenn ich des Alters Last/ die häuffigen Beschwerden/
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Und was für Kummer mehr dein Hertze dir genagt;
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So hat dein Tod dir bloß zum Engel müssen werden/
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Der nach getragner Last von der Erlösung sagt.
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Erblaste Nachbarin/ ach daß aus deinen Gräntzen
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Du diesen Bothen nicht auch hast zu mir geweist!
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Ich wer’ aus meiner Gräntz als wie in Freuden-Täntzen
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Ein williger Geferth und Nachbar nachgereist.
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Denn ist es sonst bekandt/ daß man mit Nachbarn bauet/
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Daß aus den Fenstern man einander vielmals rufft:
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So glaube/ daß mir nicht vor dieser Post gegrauet/
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Und daß ich längst geschickt zu fahren in die Grufft.
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Es sey/ daß in dem Grab die Würme Nachbarn werden/
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Daß die Verwesung muß an statt der Schwester seyn;
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Manch grober Nachbar ist ein Wurm und Schlang auff Erden/
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Der den Verleumbdungs-Zahn setzt gleich der Natter ein.
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Friedfert’ ge Nachbarin/ du lebst nunmehr in Frieden/
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Läst die erboste Welt sich zancken wie sie will.
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Bist gleich den Schlaffenden in stiller Ruh verschieden
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Und hast nach Kampff und Streit erlangt das rechte Ziel.
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Dein Angedencken blüht noch in der Kinder Seelen/
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Die Tugend legt dir selbst das wahre Zeugnüß bey/
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Daß man nicht erst auff Stein und Marmel darff aushölen/
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Wie sittsam still und fromm dein Lauff gewesen sey.
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Du achtest nicht die Welt/ hieltst dich in deinen Gräntzen/
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Und stille Frömmigkeit war über dir dein Schild/
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Dein sorgen/ wie sich mehr die Nahrung möcht ergäntzen
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Die Gottes Seegen auch sehr reichlich angefüllt.
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Sonst hat des Nechsten Thun dir Kummer nicht erwecket/
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Dein Fenster durffte nicht des Nachbarn Richt-Stul seyn.
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Du hast in deinem Hauß den Schnecken gleich gestecket
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Und mehr als Gifft gehast den Heuch- und Schmeichelschein.
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Die Enckel blieben nur die Cirkul deiner Freuden/
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Jhr angenehmer Schertz der beste Zeitvertreib/
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Jhr Zuspruch minderte das überhäuffte Leiden/
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Wenn neuer Kranckheit Weh befiel den mürben Leib.
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Beglückte Nachbarin! die in der Kinder Händen
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In ihrer Liebes-Pflicht so sanfft von hinnen fährt:
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Die nach so vielem Sturm kan an den Port anländen
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Und die kein zeitlich Creutz und Trangsal mehr beschwert.
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Schlaf/ werthe Nachbarin/ in deines Grabes Gräntzen!
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Dich hält gar wol verwahrt dein Gräntz- und Leichenstein/
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Dein Lebens-Winter sieht jetzt einen solchen Lentzen
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Dem keine Blumen hier auff Erden ähnlich seyn.
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Du gehest aus der Nacht zu jenem grossen Lichte/
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Aus deinem Elends-Bau ins Hauß der Herrlichkeit.
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Jetzt erndtest du vergnügt die Fried- und Freuden-Früchte
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Entnommen aller Angst/ entfernet allem Streit.
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So seelig gräntzt der Tod an unsern irrd’ schen Häusern/
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So friedlich kehret er zu unsern Hütten ein:
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“wer seiner Nachbarschafft sich trotzig will entäusern
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&q;Dem legt er heute noch vielleicht den Gräntzen-Stein.