Erblaste Corallen/ Jungf. E. R. von B. den 19. Febr. 1679.

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Heinrich Mühlpfort: Erblaste Corallen/ Jungf. E. R. von B. den 19. Febr. 1679. (1686)

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Ach höchstbetrübtste Frau wer kan ihr Leyd ermessen?
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Und die Empsindlichkeit der Schmertzen stellen für?
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Es sey/ daß Niobe als wie ein Fels gesessen/
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Wie sie beraubet war der Söhn’ und Töchter Zier.
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So glaub ich daß ihr Hertz hat bessern Fug zu klagen/
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Je weit gerechter noch der Thränen Ursprung ist.
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Ich seh’ ein gantzes Meer des Jammers auf sie schlagen
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Und Freund und Zusprach giebt hier nicht den Seufftzern Frist.
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Nach zweyer Kinder Tod/ der unaufhörlich kräncket
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Und Wunden hat gemacht/ die nicht die Zeit geheilt/
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Sieht sie zum letzten noch die Tochter eingesencket/
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Mit welcher sie ihr Hertz und Seele hat getheilt.
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Kein schmertzlicher Verlust ist auf der Welt zu finden/
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Kein grösser Seelen Rieß kan Sterblichen geschehn!
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Pflegt sonsten umb das Hauß/ wenn eines will verschwinden/
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Der Nord der Traurigkeit der Seufftzer Wind zu wehn/
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Wie soll denn alles Leyd hier nicht zusammen rauschen?
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Nun sie den Angel-Stern der Hoffnung sieht vergehn.
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Nun sie den hellen Tag muß mit der Nacht vertauschen/
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Und schaut ihr liebstes Kind itzt auf der Bahre stehn?
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Die Tochter so mit Recht die Krone der Jungfrauen/
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Die Perle keuscher Zucht/ das Bild der Frömmigkeit/
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Wo Tugend und Verstand sich wesendlich ließ schauen/
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Bey der die Gratien ihn’n einen Sitz bereit.
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Nun sie den letzten Schatz des Lebens muß vermissen/
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Den Trost der Einsamkeit sehn von der Seite fliehn:
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So glaub ich/ daß ihr Hertz in Stücke wird zerrissen/
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Daß sie das Sterbe-Kleid muß wie ihr Kind anziehn.
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Allein
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Bey ihrem Angst-Geschrey/ was braucht man da vor Rath?
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Wer weiß nicht/ wenn so tieff verwundte Hertzen bluten/
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Daß Redner und Poet da kein Gehöre hat?
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Doch kan noch eintzig Trost in ihre Seele fallen/
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Und ihr bethränt Gesicht erblicken diese Schrifft:
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So hab ich unterm Bild
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Der liebsten Tochter Ruhm ein Denckmal hier gestifft.
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Ich will das Alterthum der Fabeln nicht berühren/
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Wie der Medusen Haupt das voller Schlangen hieng/
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Das Perfeus abgehaun und mit sich pflag zu führen/
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Eh’ er Andromeden zu einer Braut empfieng/
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Hat an des Meeres Strand auf weiches Graß geleget/
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Durch seiner Tropffen Blut gezeuget den Corall;
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Daß in Neptunus Schos er weiche Zincken träget/
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Und aus der See gerückt/ ist hart wie ein Metall.
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Ich will auch nicht die Aertzt umb dessen Zeugung fragen/
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Ob fettes Hartz/ ob Saltz/ ob Schwefel ihn gewehrt.
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Es sey daß Indien und Persien ihn tragen/
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Daß ihn Sardinien und Franckreich auch ernährt.
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So wächst er in dem Meer/ der Schoß gesaltzner Thränen.
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Ach fangen wir nicht auch so unser Leben an!
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Muß nicht den ersten Weg der Zähren Saltz uns bähnen?
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Die liefert ja der Mensch eh er noch reden kan,
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Und wie ein weich Corall sind unsre weiche Glieder/
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Bestürmt von so viel Noth/ als der Corall von Fluth.
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Wie den der Winde Grimm im Meer treibt hin und wieder/
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So werden wir geschippt von eignem Fleisch und Blut.
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Ist endlich der Corall aus Thetis Schoß gezogen/
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So legt ihm die Natur erst ihren Purpur an.
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Wenn er die Härtigkeit hat von der Lufft gesogen
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Und sein beastet Roth’den Augen zeigen kan:
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Denn ist sein edler Stein der Menschen Wolgefallen/
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Der mit viel Würckungen vor andern ist begabt.
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Ach gliech/
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So erst aus ihrer Schoß des Lebens Licht gehabt?
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Die durch des Heilands Blut dem Sünden-Meer entnommen
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In wahrer GOttes-Furcht und Tugend ausgeübt?
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So einen edlen
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Die nicht dem Purpur nach noch den Corallen giebt.
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Sie hat mehr als Corall der Mutter Hertz gestärcket
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Mit ihrer Liebligkeit der Menschen Aug erfreut.
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Zum ersten GOttes Wort andächtig auffgemercket/
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Und ihren Schmuck geschätzt Zucht und Bescheidenheit.
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Es zieh’der Künstler Feur Saltz/ Oele/ von Corallen/
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Und löse derer Geist durch viel Verändrung auff/
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Es bring’ uns ihre Blum/ Schmaltz/ Syrup und Crystallen
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Zu hemmen durch die Krafft deß grimmen Todes Lauff.
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Ach die
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Sie wuste daß der Glantz der Jugend flüchtig sey:
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Daß wenn die Schönheit gleich mit Tugend sich verbunden/
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Und aus den Gliedern lacht ein Blumenreicher May/
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Daß auch die Liebligkeit/ die Sitten und
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So Jungfern aufder Welt zu holden Engeln macht/
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Wie der geprießne Leib in Staub verkehret werden/
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Und all Ergetzligkeit sinckt in deß Grabes Nacht.
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Es mag sonst der Corall Traum und Gespenst verjagen/
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Sie jagte von sich weg der schnöden Sünden Schwarm!
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Und wie man vor den Fall Corallen pflegt zu tragen/
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So trug sie vor den Tod den Heiland aufdem Arm.
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Ist die Corall-Essentz ein Artzney aller Schmertzen/
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So war auch dieser nur ihr eintzig Heil und Ruh’/
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Den führte sie im Mund/ den ehrte sie im Hertzen/
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Biß daß ein sanffter Tod ihr schloß die Augen zu.
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Ist nun
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Erblast doch der Corall offt an deß Halses Schnee:
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Ist ihre Augen-Lust und Trost von ihr gewichen/
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Sie dencke wem sie doch als Braut zur Seiten steh.
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Es mag das Jungfern-Volck sich schmücken mit Corallen/
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Und an der rothen Zier und Kugeln tragen Lust;
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In einem grössern Schmuck und besserm Wolgefallen
100
Ruht unsre

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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