Bey Beerdigung Fr. M. V. g. W. den 27. Jenner 1679.

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Heinrich Mühlpfort: Bey Beerdigung Fr. M. V. g. W. den 27. Jenner 1679. (1686)

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Was soll/ Ehrwürdiger, die Poesi hier nützen/
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So ein ergrim̃ter Schmertz schlägt Kunst und Weiß-
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Wenn diese Wetter dräun und die Cometen blitzen/
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So ist von Angst und Noth erfüllt das gantze Hauß.
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Und sind die Thränen Blut der tieff-verwundten Seelen;
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So weiß ich daß sein Hertz in nichts als Blute schwimmt.
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Es kan der Augen-Brunn die Quellen nicht verhölen/
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Die Fluth vertrocknet nicht/ so da den Ursprung nimmt.
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Wie viel er sonst geheilt/ wie viel er aufgerichtet/
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Wann sie dergleichen Rieß zur Erden hat gebeugt/
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So wird doch durch den Schmertz itzt aller Trost zernichtet
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Sein Hertz ist Traurens voll und seine Lippe schweigt.
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Hat alles seine Zeit/ so ist itzt Zeit zu weinen.
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Wie man sich in dem Glück mit Freunden sonst ergetzt/
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So sollen wir im Fall mitleidig auch erscheinen/
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Wenn sie des Höchsten Hand in Staub und Asche setzt.
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Er muß/
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Sein Leit-Stern der versinckt itzt in des Grabes Nacht:
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Des Hauses Sonn ist hin/ er sitzt in Finsternüssen/
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Die Leuchte scheint nicht mehr/ so alles hell gemacht.
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Die treue Pflegerin wird ihm zu früh’ entzogen/
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Die beste Freundin geht zu flüchtig aus der Welt:
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Die Taube seiner Eh ist gar zu bald entflogen/
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Der Oelbaum seiner Ruh’ ist durch den Tod zerschellt.
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Der Ertz-Schrein ist entzwey/ darein sein Hertz verschlossen:
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Das Schlaff-Gemach zerstört/ wo seine Seele schlieff:
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Sein Lebens-Balsam ist nur/ leider/ gantz vergossen!
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Er sieht im Todten-Meer vergehn sein Wohlfarts-Schiff.
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Die Traube die ihn hat mit Nectar stets geträncket/
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Gewehret nunmehr nichts als einen Myrrhen-Safft.
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Das Kleinod/ das er hat stets an die Brust gehencket/
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Wird durch die Grausamkeit deß Todes hingerafft.
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Hochwichtig ist sein Leid. So einen Schatz verliehren
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Kan ohne Seelen-Weh ja nimmermehr geschehn/
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Es muß das innerste in Marck und Adern rühren/
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Wenn so ein Tugend-Bild man soll erblassen sehn.
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Und wenn der Phöbus mir die Wort in Perlen kehrte/
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Und seine göldne Harff und Laute reichte dar/
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Wenn mich der Bienen-Volck mit ihrem Honig nährte
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Und mir den Lorber-Baum Thalia flicht ins Haar/
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So würd ich doch nicht recht die Einigkeit erheben/
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In welcher beyder Hertz und Seelen sich vermählt.
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Es schien ein Paradieß ihr Treu-verbundnes Leben/
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Da man nichts anders thut/ als gute Stunden zehlt.
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Erleichterte sie nicht des Ambtes schwere Bürde/
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Und trocknete den Schweiß von seinen Wangen ab?
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War nicht ihr eintzig Schmuck und Krone seine Würde?
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Und sie hinwiederumb der müden Jahre Stab?
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Diß war ihr gröster Kampff im Lieben obzusiegen/
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Und in den Tugenden auf gleichem Pfad zugehn.
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Wenn man die Gottes-Furcht und Demuth solte wiegen
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Das doch auff ihrem Theil der Auß-Schlag möchte stehn;
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Und kurtz: Sie war ein Weib nach ihres Mannes Hertzen
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Kam mit Bescheidenheit oft seinem Wunsch zuvor:
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Vertrieb durch Freundligkeit deß Lebens Sorg und Schmertzen
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Macht auß dem Wermuth-Strauch ein süsses Zucker-Rohr.
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Nenn ich die Häußligkeit/ sie
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Und Martha mit der That/ wer gleicht ihr da an Ruhm?
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Es wächst ein edle Frucht auß einem Edlen Saamen/
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So blieb nur Tugend auch ihr eintzig Eigenthum.
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Doch Martha nicht allein in diesem Sorgen-Leben
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Wenn es dem Dürfftigen die Hand zu bieten kam;
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Wenn es die Zeit erhiesch Betrübten Rath zu geben/
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Wenn man des Nechsten Last auff seine Schultern nahm.
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Wenn man den Seinigen das Mutter-Hertze theilte/
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Deß Liebsten Heil sich ließ höchst angelegen seyn.
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Wenn man ins Herren-Hauß ihn anzuflehen eilte/
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Und preißte seinen Rnhm in Sammlung der Gemein.
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Ach mehr! und was noch mehr/ wie Martha hier im wallen
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So lange sie den Bau der Sterbligkeit beschloß/
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So wolte sie auch GOtt Maria gleich gefallen
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Jhr
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Sie wuste daß der Tod ein End-Ziel aller Sachen/
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Daß jede Stunde zu der letzteu Hinfahrt schlägt/
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Und kont’ ihr Andachts voll gar leicht die Rechnung machen/
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Wer weiß/ wie bald man dich zu deiner Ruh-Städt trägt:
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Drumb hat sie diesen noch im Leben ihr erwehlet/
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Der in der letzten Noth der beste Beystand heist.
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Der unsre Tage weiß/ und unsre Haare zehlet/
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Und dessen mächtig Arm uns auß der Höllen reist.
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Sie rief als nun der Pfeil deß Todes auf sie drunge/
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Gleich wie Macrina that voll Eyfer/ voll Gebeth/
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Ob schon mit schwachem Mund und halb erstarrter Zunge/
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Erlöser höre doch/ was deine Magd jetzt fleht!
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Du hast deß Todes-Angst von mir gantz weggetrieben/
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Deß Lebens End ist ja ein Aufgang jener Freud
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Und ob der Leib allhier als wie im Schlafe blieben
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So weckt ihn dermaleins der Schall der Ewigkeit.
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Was du aus Erden hast gebaut/ ach nimm es wieder/
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Und scharr es in die Erd als sein Behältnis ein!
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Ich weiß doch daß der Leib und die verwelckten Glieder
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Von dir mit neuem Glantz verkläret werden seyn.
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Gedencke meiner doch/ O HErr! in deinem Reiche/
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Ich kreutzige mein Fleisch/ und fürchte dein Gericht:
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Gib daß nach diesem Tod und daß nach dieser Leiche
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Ich mög unendlich sehn dein herrlich Angesicht;
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Ach Martha voller Witz/ Maria voller Glauben!
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Jm Leben Martha hier/ Maria in dem Tod.
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O seelig/ wer so wol den Trost ihm ein kan schrauben
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Und wer so fest/ als du/ sein Hoffen setzt auf GOtt.
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Unmöglich ists daß hier nicht Thränen solten rinnen/
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Und daß der Kinder Hertz sey ohn Empfindlichkeit.
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So eine Tugend-Frau von dem Verstand und Sinnen/
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Von Witz und von Vernunfft beschert nicht jede Zeit.
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Jedoch/
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Und sein erläuchter Geist weiß wie zu sprechen sey.
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Was GOtt schafft und befiehlt das muß man nur erfüllen
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Es bleibt doch Noth und Tod der Christen Lieberey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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