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Hoch-Adeliches Hauß/ wie? sollen Wermuts-Sträuche
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Und blasses Eppich-Kraut bekleiden Schwell und
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Vergnüget sich der Tod nicht mit des
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Der unser Nestor war des gantzen Landes Zier?
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Ach nein! eh als das Jahr hat seinen Lauff vollzogen
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Der Sonnen güldnes Rad den Thier-Kreißdurchgerannt/
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So spannt der grim’ge Tod schon abermal den Bogen
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Und legt ach herber Schmertz! die Mutter in den Sand.
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Wird euer Rosenfeld zu Bergen voller Myrrhen?
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Und deckt Aegypten euch mit einer langen Nacht?
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Und trinckt ihr Thränen Saltz aus vollen Angst-Geschirren?
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Ist bey so vielem Leyd das Hertze nicht verschmacht?
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Steht doch die Welt betrübt/ wenn itzt bey kurtzen Tagen
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Aurora nicht so früh den blauen Himmel mahlt.
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Wenn Bäume/ Wald und Feld ihr Sommer-Kleid beklagen/
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Und keine Rose mehr in Lust-Gefildern strahlt.
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Wenn Wild und Vogel fleucht/ der schwartze Himmel weinet/
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Und sich der kalte Nord mit holem Pfeiffen zeigt.
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Wenn die verdeckte Sonn kaum aus der Wolck’ erscheinet/
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Und das verlebte Jahr sich zu der Bahre neigt.
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Wie solten Kinder nicht bey ihrer Eltern Leichen/
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Bejammern den Verlust/ der ihre Seele kränckt.
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Denn/ wenn die Seulen schon vom Bau der Wolfahrt weichen/
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Wer glaubt nicht/ daß hernach das gantze Hauß sich senckt.
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Und solt es möglich seyn die jenen zu vergessen/
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Die unsers Lebens Quell und erster Ursprung seyn?
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Ist gleich die Tullia so gottloß und vermessen/
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Daß sie durch Vater-Mord als im Triumph zieht ein.
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Und hat der Heyden Volck diß Straffloß angehöret/
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So schillt die Nachwelt doch dergleichen Raserey.
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Ein Kind das Eltern nicht auch in der Aschen ehret/
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Ist würdig daß es selbst niemals gebohren sey.
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Man itzt der Mutter Grab die letzte Pflicht erweist.
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In welch ein kläglich Ach und ein unendlich sehnen/
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Geschwellten Ströhmen gleich dein Hertze sich ergeust.
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Der Dienst ist lobens werth. Die schönsten Ehren-Bogen/
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Colossen und Mausol erreichen nicht den Ruhm;
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Als wenn den jenigen so nun der Welt entzogen/
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Das Hertze bleibt geweyht zu einem Eigenthum.
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Allein/ wenn man das Rund der grossen Welt beschauet;
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Und Schmertzen und Vernunfft ein wenig ruhen läst.
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Wer ist wol/ dem nicht mehr hinfort zu leben grauet/
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Der einen sanfften Tod nicht nennt das allerbest’.
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Es sey daß Fleisch und Blut was schmertzliches empfindet/
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Wenn es die Seinigen zu Grabe tragen muß.
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Hingegen ist der Tag glückseelig/ der entbindet
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Den abgematten Geist/ von Eckel und Verdruß.
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Es wil uns die Natur diß in den Früchten zeigen/
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Ein Apffel/ der nicht reiff/ den bricht man mit Gewalt.
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Die andern fallen selbst freywillig von den Zweigen/
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Wenn sie nun satt geziert/ Zeit/ Wachsthum und Gestalt.
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So ist das Alter auch es eilet zu dem Grabe/
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Wie langsam es den Fuß mit seinen Schritten setzt.
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Weiß daß es wenig Zeit zu bleiben übrig habe/
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Daß allbereit der Tod diekrumme Sense wetzt.
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Es wünscht auch aus dem Streit zu treten in den Frieden/
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Aus Unruh in die Ruh/ aus Angst iu Sicherheit.
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Gleich denen/ die Gefahr auff wüster See vermieden/
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Wenn sie ein stiller Port nach hartem Sturm erfreut.
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Und schenckt auch was die Welt von ihren guten Tagen/
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Darinnen nicht der Kern von bittern Sorgen steckt;
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Das Glücke wird uns nie so auff den Armen tragen/
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Daß Scorpionen gleich zuletzt es nicht erschreckt.
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Und frist der Abgrund nicht der unermeßnen Zeiten/
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Der besten Künstler Werck’ und kluger Hände Fleiß?
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Wo itzt die Sterblichen Auffbauen/ Siegen/ Streiten/
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Kan folgen daß man nicht einst ihre Gräntzen weiß.
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So darff auch nicht der Mensch umb langes Leben bitten/
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Es geht ihm Kräh und Hirsch an vielen Jahren für.
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Kein Faden ist so bald als unser abgeschnitten/
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Das Alter ist und bleibt des Grabes offne Thür.
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Wer von dem Schauplatz geht der ist daran begnüget/
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Daß Aug und Ohren ihm durch Wechsel sind erquickt.
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Der Mensch wenn sich der Tod an seine Seite füget/
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Und ihn der Jahre Rey zur Erden nieder drückt;
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Siht daß er nur allhier ein Schauspiel helffen zieren;
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Glückseelig wer mit Ruhm hat die Person verricht;
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Der läst sich denn den Tod davon mit Freuden führen/
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Versichert daß er ihm den Sieges-Krantz verspricht.
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Hoch-Adeliches Haus/ mit gleichem Ruhm und Ehren
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Es mag den mürben Leib Grab/ Wurm und Fäul zerstören/
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Nun ihre Seele nur die Burg des Himmels hält.
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Der Tugend Treffligkeit wird nicht die Grufft verzehren/
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Und die Verwesung reist nicht ihr Gedächtnüß ein.
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Nach ihres Liebsten Tod war ja ihr bloß Begehren
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Nicht länger in der Welt/ dem Sünden-Nest/ zu seyn.
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Laodamia sucht nicht so des Mannes Schatten/
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Als sie dem Liebsten nach zu seiner Ruh geeilt.
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Des Himmels milde Gunst wil dieses auch verstatten/
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Daß wie sie ihr Seel und Hertz zuvor getheilt;
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Sie auch im Tode sey theilhafftig seiner Liebe/
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Und beyder Asche noch einander faßt und küst.
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Daß der Gemüther Treu stets unzertrennet bliebe/
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Ob schon der Seelen Kleid/ den Leib/ die Fäulnüß frist.
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So kont Alcyone den Ceyx nicht umbfangen/
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Da doch ein blosser Traum nur sein Gesichte wieß.
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In jenem Freuden-Reich in volligem Genieß.
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Da ihre Krone hin/ ihr Scepter war gefallen/
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So fing sie allbereit mit ihm zu sterben an.
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Sie wolte länger nicht in dieser Wüsten wallen/
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Da wol der fröm̃ste Mensch sich leicht verirren kan.
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Hoch-Adeliches Haus/ was Eltern wünschen können/
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Das hat des Höchsten Hand zu jeder Zeit gewehrt.
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Nun muß man auch die Ruh der liebsten
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Vergebens daß man sie mit Thränen noch beschwert.
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Sie wird im Paradiß gar andre Rosen schauen/
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Als diese so bißher geadelt ihren Stand.
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Sie kan mit höchster Lust des Edens Garten bauen/
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Und ihre Seele wohnt in dem gelobten Land.